Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Petruschka (Ballett)

Petruschka (französisch Pétrouchka, russisch Петрушка) ist ein Ballett in vier Bildern nach der Musik von Igor Strawinsky. Die Handlung spielt auf einem …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Bedeutung
  2. 2. Handlung in vier Bildern
  3. 3. Musikalische Gestaltung
  4. 4. Fassungen und Besetzung
  5. 5. Uraufführung

Werk und Bedeutung

Petruschka (französisch Pétrouchka, russisch Петрушка) ist ein Ballett in vier Bildern nach der Musik von Igor Strawinsky. Die Handlung spielt während der Butterwoche im Jahr 1830 auf einem Jahrmarkt in Sankt Petersburg. Im Mittelpunkt stehen drei Puppen eines Gauklers: Petruschka, die Ballerina und der Mohr. Durch die Magie des Gauklers, die musikalisch mit einer Flötenmelodie verbunden ist, erwachen sie zum Leben. Petruschka entspricht der Figur des Kaspers im volkstümlichen russischen Puppentheater.

Das Libretto schrieb Strawinsky gemeinsam mit Alexander Benois. Michel Fokine entwarf die Choreographie, Benois die Kostüme und das Bühnenbild. Benois gab dem Werk den Beinamen „Ballett der Straße“.

Petruschka gehört zur zweiten Schaffensperiode Strawinskys, der Zeit seiner großen Ballette in Zusammenarbeit mit den Ballets Russes. Nach dem Erfolg des Feuervogel von 1910 entstand zunächst die Idee zu einem Werk über das heidnische Russland, aus dem später Le sacre du printemps hervorging. Bei den Vorarbeiten dazu entwickelte Strawinsky die Vorstellung von einer wild gestikulierenden Gliederpuppe, die plötzlich lebendig wird. Petruschka war ursprünglich als Konzert für Orchester und Klavier geplant und wurde auf Anregung von Sergei Djagilew in eine Ballettmusik umgearbeitet. Dabei wurde das ursprünglich erste Bild zum späteren zweiten Bild „Bei Petruschka“.

Gemeinsam mit Feuervogel und Sacre begründete Petruschka Strawinskys Weltruhm. Das Werk gilt außerdem als Höhepunkt des neurussischen Charakterballetts von Djagilew und Fokine.

Handlung in vier Bildern

Im ersten Bild, „Volksfest in der Butterwoche“, herrscht auf dem Platz der Admiralität in Sankt Petersburg ein buntes Jahrmarkttreiben. Kinder, Betrunkene, vornehme Gesellschaft und einfache Leute drängen sich zwischen verschiedenen Schaustellungen. Zum Jahrmarkt gehört auch das kleine Theater des Gauklers. Dieser lässt die drei Puppen Petruschka, Ballerina und Mohr auftreten; durch seine Magie sind sie menschlich geworden.

Das zweite Bild, „Bei Petruschka“, spielt in Petruschkas Zelle. Petruschka leidet unter der grausamen Behandlung durch den Gaukler, unter seinem lächerlichen Äußeren und seiner Hässlichkeit. Er liebt die Ballerina und sucht bei ihr Trost. Sie weist ihn jedoch wegen seiner Hässlichkeit und Unbeholfenheit zurück und wendet sich dem bösartigen, prachtvoll gekleideten Mohren zu.

Im dritten Bild, „Beim Mohren“, befindet sich die Handlung im Zimmer des Mohren. Die Ballerina ist von seinen prächtigen Gewändern beeindruckt und verliebt sich in ihn. Als beide sich in die Arme fallen, erscheint Petruschka. Aus Eifersucht beginnt ein Handgemenge. Der Mohr wirft Petruschka aus seiner Wohnung, und die Ballerina läuft davon.

Das vierte Bild führt zum Jahrmarkt zurück. Ein fröhlicher Tanz wird durch einen Schrei aus dem Puppentheater unterbrochen. Petruschka flieht vor dem wütenden Mohren. Die Ballerina versucht vergeblich, ihn aufzuhalten. Der Mohr tötet Petruschka mit seinem Säbel. Vor den erschrockenen Besuchern stirbt Petruschka klagend. Der Gaukler beruhigt die Menge, indem er zeigt, dass es sich scheinbar nur um Puppen handelt. Als er Petruschkas Leichnam ins Theater zurücktragen will, erscheint über dem Theater Petruschkas Geist und verhöhnt ihn. Der Gaukler lässt den Leichnam erschrocken fallen und flieht.

Musikalische Gestaltung

Musikalisch ist das Ballett in drei stilistisch unterschiedliche Bereiche gegliedert: Die Jahrmarktsbilder am Anfang und am Ende rahmen die beiden inneren Szenen ein, die Petruschkas unerwiderte Liebe und die Begegnung beim Mohren darstellen. Strawinsky verwendet eine besondere Form der Collage, die Schablonentechnik. Dabei werden vorgegebene, oft gegensätzliche melodische, rhythmische oder klangliche Elemente durch Kombination, Kürzung oder Erweiterung und Wiederholung miteinander verknüpft. Dadurch entsteht eine Wirkung, die dem Kontrapunkt ähnelt: Nicht nur einzelne Stimmen, sondern auch unterschiedliche Stilrichtungen und Klangeindrücke werden einander gegenübergestellt.

Das erste Bild ahmt typische Eindrücke eines Jahrmarkts nach. Tremoli und rhythmisch unterschiedlich geschichtete Figuren erzeugen ein ständig wechselndes, insgesamt aber scheinbar gleichbleibendes Stimmgewirr. Signale und Fanfaren heben einzelne Personen oder besonders laute Ereignisse hervor. Russische Volkslieder sowie populäre Melodien aus Österreich und Frankreich verstärken den volkstümlichen Charakter.

Die Figuren erhalten eigene musikalische Kennzeichen:

  • Der Gaukler wird durch einen Trommelwirbel und eine anschließende Generalpause angekündigt. Chromatik der Bläser und gedämpfte Streicher unterstreichen seine mystische Wirkung.
  • Petruschkas lyrische Tanzmusik steht im Gegensatz zur starren, marionettenhaften Musik der Umgebung. Die chromatische Begleitung zeigt seine Menschlichkeit und verweist zugleich auf den Gaukler als seinen Dämon.
  • Die Ballerina wird ebenfalls durch einen Trommelwirbel vorbereitet. Ein beschwingtes Trompetensolo mit Snaredrum-Grundschlag kennzeichnet sie.
  • Der Mohr erscheint mit einem einfachen, ostinaten Rhythmus in Basstrommel, Becken und Streichern sowie einer „dümmlich wirkenden“ Melodie.
  • Der Kampf zwischen Petruschka und dem Mohren wird durch unregelmäßige Achtelschläge in extremer Lautstärke sowie Sekund- und Tritonusintervalle besonders aggressiv gestaltet. Motivfetzen, Beckentremolo und ein Tambourinschlag stellen die Säbelschläge dar. Petruschkas Tod erklingt als vergrößerte, chromatisch absteigende Variante seines Motivs.

Petruschka unterscheidet sich deutlich vom Klangideal der Romantik. An die Stelle überwiegend homogener Strukturen treten methodisch und mechanisch herausgestellte Gegensätze. Ein Beispiel ist der Walzer der Ballerina und des Mohren: Der Tanz von Joseph Lanner, „Die Schönbrunner“, op. 200, wird mit dem holprigen Motiv des Mohren verbunden. Bei Ziffer 140 wird der Walzer nicht wie erwartet im 3/4-Takt begleitet, sondern durch eine 6/8-Bewegung verfremdet. Bei der Wiederholung ab Ziffer 149 spielen Harfen und Bratschen wieder im 3/4-Takt, während das Cello und das Motiv des Mohren ausbrechen. So zeigt die Musik, wie wenig das Paar zusammenpasst. In den Jahrmarktszenen erzeugt die gleichzeitige Verbindung mehrerer Motive dagegen das typische Gewirr und die Vertrautheit eines Volksfestes.

Fassungen und Besetzung

Strawinsky überarbeitete Petruschka mehrfach. Neben der 1912 veröffentlichten Originalpartitur entstand ein Klavierauszug zu vier Händen für Übezwecke. Beide Versionen wurden wegen zahlreicher Fehler 1914 neu aufgelegt. 1921 schrieb Strawinsky für Artur Rubinstein eine Fassung für Klavier solo in drei Sätzen: Trois mouvements de Pétrouchka. 1947 erschien eine revidierte Fassung, die ebenfalls als Klavierfassung veröffentlicht wurde.

Die revidierte Fassung reduziert den Orchesterapparat von 68 auf 45 Musiker. Außerdem wurden zahlreiche Tempoangaben vollständig geändert, die Streicher besser eingesetzt und die Rolle des Klaviers erweitert. Dadurch nähert sich die Musik wieder stärker der ursprünglichen konzertanten Vorstellung. Für konzertante Aufführungen wurde auch der Schluss verändert. Strawinsky selbst mochte diesen Schluss nicht, ließ ihn aber ausarbeiten, weil die Handlung sonst als unverständlich galt. Die Fassung von 1947 klingt deutlich anders als die frühere, die als brillanter und stärker auf die Bühne zugeschnitten gilt. Welche Fassung die „bessere“ sei, blieb umstritten: Monteux und Ansermet verteidigten die Originalfassung, während Strawinsky selbst die revidierte Fassung bevorzugte.

Für die Originalfassung und die Fassung von 1947 existiert jeweils eine Orchestersuite. Sie legt lediglich fest, welche Nummern bei einer Aufführung ausgelassen werden können, und ist kein eigenständiger Druck. Ab 1936 erschienen mehrere Transkriptionen; autorisiert wurde nur die Fassung für Violine und Klavier unter dem Titel Danse Russe. Über eine Fassung für Klavier-Duo von Babin und Vronsky äußerte sich Strawinsky sehr erfreut. Ein Arrangement von Richard F. Goldman aus dem Jahr 1942 gilt nach europäischem Recht als Raubdruck. 1956 entstand eine Trickfilm-Suite in den Tonstudios von Warner Bros. in Los Angeles, die Strawinsky als Verstümmelung seines Werkes empfand.

Die Besetzung der revidierten Fassung von 1947 umfasst 3 Flöten, wobei die dritte auch Piccolo spielt, 2 Oboen, 1 Englischhorn, 3 Klarinetten in B, wobei die dritte auch Bassklarinette spielt, 2 Fagotte, 1 Kontrafagott, 4 Hörner in F, 3 Trompeten in C und B, 3 Posaunen, 1 Tuba, Pauke, Triangel, Becken, große Trommel, kleine Trommel, Tamburin, Tamtam, Xylophon, Celesta, Harfe, Klavier und Streicher. Die Hauptcharaktere sind Ballerina, Petruschka, Mohr und Gaukler.

Uraufführung

Die Uraufführung fand am 13. Juni 1911 im Théâtre du Chatelet in Paris durch die Ballets Russes statt. Die musikalische Leitung hatte Pierre Monteux. Vaslav Nijinsky tanzte die Titelfigur Petruschka, Tamara Karsawina die Ballerina. Alexander Benois entwarf Bühnenbild und Kostüme, Michel Fokine stammte die Choreographie.

Die Aufführung war für alle Beteiligten ein großer Erfolg. Publikum und Ausführende lobten Bühnenbild, Choreographie und musikalische Umsetzung. Strawinsky bewertete die Uraufführung später jedoch kritisch. Einige Massenszenen erschienen ihm unpassend, und den Gaukler sowie den Mohren hatte er sich anders vorgestellt. Besonders die Schlussszene, in der Petruschkas Geist den Gaukler verhöhnt, sei undeutlich und missverständlich gestaltet worden. Später bezeichnete Strawinsky Fokine als einen seiner unangenehmsten Mitarbeiter und unerfreulichsten Zeitgenossen.

Weiterlesen

Ballett Ballett · eine Tanzvorstellung auf einer Bühne zu Musikbegleitung, wobei die Darbietung hauptsächlich aus Tanz besteht oder Teil eines größeren Werkes (Oper, … Choreografie Choreografie oder Choreographie (von altgriechisch χορεία „Tanzen, Tanz“ und -graphie) bezeichnet heute das Erfinden und Einstudieren von Bewegungen, … Paris Paris (deutsch: [paˈʁiːs]; französisch: [paʁi]) ist die Hauptstadt der Französischen Republik und Hauptort der Region Île-de-France. Instrumentalkonzert Das Instrumentalkonzert [Anm. 1] (allgemein genannt Konzert. Italienisch: Concerto) entstand in der Barockzeit als formale Gegenüberstellung von … Orchester Daneben gibt es Orchester, die nur aus Musikinstrumenten einer bestimmten Gattung bestehen, z. B. Blasorchester, Streichorchester, Zupforchester und … Sergei Pawlowitsch Djagilew Seine Aufführungspraxis des von ihm gegründeten Ballets Russes etablierte, zusammen mit der Avantgarde der Musik, Choreographie und szenischen Kunst, eine … Englischhorn Das Englischhorn (auch Englisch Horn) ist ein Holzblasinstrument, ebenso wie das Alt-Instrument (Altoboe) aus der Familie der Oboeninstrumente, das einen … Klarinette Die Klarinette ist ein Holzblasinstrument mit teils zylindrischer und teils konischer Bohrung. Ihr Mundstück ist wie beim Saxophon mit einem einfachen … Posaune Die Bassposaune wird in der Regel nichttransponierend im Bassschlüssel notiert. Der Tenorschlüssel bildet die Ausnahme, der Altschlüssel kommt, wenngleich … Tuba Die Tuba (lateinisch für „Rohr, Röhre“; Mehrzahl Tuben oder Tubas) ist das tiefste aller Blechblasinstrumente. Sie hat ein nach oben gerichtetes Schallstück … Harfe Die Harfe ist ein Saiteninstrument und gemäß der Tonproduktion ein Zupfinstrument. Unter den drei Grundtypen der Saiteninstrumente, die in der … Klavier Die heutigen Hauptformen des Klaviers sind der Flügel (englisch grand piano) und das Pianino (aufrechtes Klavier, englisch upright piano). Letzteres wird heute …