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Papyrus Westcar

Als Papyrus Westcar oder Westcar-Papyrus wird eine 1823/1824 von Henry Westcar erworbene ägyptische Papyrusrolle bezeichnet. Es ist das bislang älteste …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Entdeckung, Überlieferung und Datierung
  3. 3. Erhaltungszustand und Aufbau
  4. 4. Rahmenhandlung und erste vier Geschichten
  5. 5. Rededjet und die offenen Deutungen

Gegenstand und Bedeutung

Der Papyrus Westcar ist eine ägyptische Papyrusrolle, die Henry Westcar 1823/1824 erwarb. Heute befindet sie sich seit 1886 als Papyrus Berlin P 3033 in der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums Berlin. Sie gilt als bislang ältestes erhaltenes Dokument, in dem von Zauberern berichtet wird. Meist wird sie in das späte Mittlere Reich, etwa 1837–1760 v. Chr., oder in die 13. Dynastie, etwa 1759–1630 v. Chr., datiert. Verena Lepper datiert sie nach einer neueren Untersuchung in die frühe 13. Dynastie; die Paläographie, also die Untersuchung der Schriftformen, weist teilweise sogar auf die Zweite Zwischenzeit hin.

Der Text besteht aus fünf Erzählungen. Die erste ist nur noch in ihrem Schluss erhalten, die fünfte endet möglicherweise unvollendet. Eine Rahmenhandlung verbindet die Geschichten: König Cheops aus der 4. Dynastie des Alten Reiches lässt sich von seinen Söhnen Wunder berichten, die sich unter früheren Königen ereignet haben. In den Erzählungen treten vor allem Vorlesepriester auf, also gebildete Priester, die magisches Wissen und Zaubersprüche beherrschen. Am Ende der meisten Geschichten werden sie vom König mit einer Opferspende geehrt.

Der Papyrus ist für die Ägyptologie wichtig, weil er mehrere Bereiche miteinander verbindet: Er enthält Wundergeschichten, zeichnet unterschiedliche Bilder der Könige Cheops, Nebka und Snofru, beschreibt soziale und rechtliche Vorstellungen wie die Bestrafung von Ehebruch und liefert Hinweise auf die mögliche Reihenfolge der Herrscher des Alten Reiches. Die Deutungen sind bis heute umstritten.

Entdeckung, Überlieferung und Datierung

Die genauen Fundumstände sind unbekannt. Westcars Tagebuch enthält keine vollständigen Angaben zu den Kaufabwicklungen. Da seine Ankäufe aus Gräbern stammten, wurde vermutet, dass auch dieser Papyrus aus einem Grab stammen könnte. Verena Lepper hält einen Kauf in el-Qurna oder sogar eine Herkunft aus einem dortigen Grab für möglich, betont aber, dass solche Aussagen vorsichtig zu behandeln sind.

1838/39 erhielt Karl Richard Lepsius den Papyrus nach eigener Darstellung als Geschenk von Mary Westcar, einer Nichte Henry Westcars. Lepsius konnte erste Zeichen der hieratischen Schrift lesen. Hieratisch ist eine vereinfachte, vor allem für Verwaltung und Alltag verwendete Form der ägyptischen Schrift. Außerdem erkannte er die Kartuschennamen, also die von einer ovalen Umrahmung eingeschlossenen Thron- und Eigennamen ägyptischer Könige, und datierte das Stück deshalb in das Alte Reich.

Über den weiteren Verbleib gibt es Widersprüche. Lepsius behauptete, der Papyrus sei in der Oxford Bodleian Library ausgestellt worden; Ausstellungen sind dort jedoch erst ab 1860 belegt, ohne dass Lepsius dabei nachweisbar in Erscheinung tritt. Lepsius bewahrte die Rolle auf seinem Dachboden auf. Erst nach seinem Tod 1884 wurde sie wiedergefunden. Die Ungereimtheiten führten zu Spekulationen, Lepsius könne den Papyrus gestohlen haben. 1886 kaufte der Ägyptologe Adolf Erman ihn von Lepsius’ Sohn und übergab ihn dem Berliner Museum.

Seit Ermans Erstveröffentlichung von 1890 wurde der Text mehrfach mit unterschiedlichen Ergebnissen übersetzt. Die Datierung schwankte zwischen der 5. Dynastie und der Zweiten Zwischenzeit. Die neuere Einordnung in die frühe 13. Dynastie stützt sich unter anderem auf bestimmte Ausdrucksweisen und Stilmerkmale, die für diese Epoche typisch gewesen sein sollen.

Erhaltungszustand und Aufbau

Der Papyrus besteht heute aus drei Teilen. Zur Zeit von Lepsius und Erman gab es noch zwei Hälften. Der erste Teil enthält auf der Vorderseite, dem Recto, die Kolumnen eins bis drei; der zweite Teil enthält auf seinem Recto die Kolumnen vier und fünf. Der dritte Teil umfasst rückseitig die Kolumnen sechs bis neun und auf seiner Vorderseite die Kolumnen zehn bis zwölf. Wann und warum die Rolle in drei Teile geteilt wurde, ist unbekannt.

Das Material ist dünnfaserig, grau-hellbraun und sehr zerbrechlich. Es weist zahlreiche Löcher, Brüche, Quetschungen und einen stark ausgefransten Rand auf. Durch Papierkaschierungen des 19. Jahrhunderts wurde der Papyrus verzerrt; außerdem gingen Teile der Schrift verloren. Die drei Teile wurden unterschiedlich auf Leinen, Karton, Holz und Glasscheiben befestigt. Klebemittel, Lacküberzüge und Glasscheiben beeinträchtigen teilweise die Lesbarkeit; auf einem Teil ist durch den Verlust der Durchsichtigkeit des Bindemittels ein weißer Schleier entstanden.

Ursprünglich bestand die Rolle aus fünf zusammengeklebten Einzelblättern. Erhalten sind nur die Blätter 3 bis 5. Blatt 3 ist noch 16–19 cm lang, Blatt 4 17–18 cm lang und 15–20 cm breit, Blatt 5 21 cm lang und 18 cm breit. Für die verlorenen Anfangsblätter werden 13–16 cm Länge bei Blatt 1 und 17–18 cm Länge bei Blatt 2 geschätzt.

Möglicherweise handelt es sich um ein Palimpsest, also um ein wiederverwendetes Schreibmaterial, auf dem ältere Schriftspuren teilweise entfernt und überschrieben wurden. Fast alle Kolumnen enthalten zusätzliche rote Schreibspuren. Sie scheinen weder durch die Rückseite hindurch noch durch Tintenkleckse entstanden zu sein; offenbar versuchte der antike Schreiber, die roten Notizen wegzuwischen.

Für den Text wurden Rußtinte, Mischtinte und Eisengallustinte verwendet. Rote Überschriften, sogenannte Rubra, teilen ihn in zehn Kapitel. Die fünf Geschichten verteilen sich auf die Kolumnen 1 bis 12. Die gleichmäßige Kalligraphie deutet auf einen hoch geschulten Schreiber hin. Neuere Rekonstruktionen sprechen dafür, dass die Rolle tatsächlich nur diese fünf Erzählungen enthielt.

Rahmenhandlung und erste vier Geschichten

Die erste Geschichte ist wegen starker Schäden nur in den letzten Zeilen erhalten. Sie spielt offenbar unter König Djoser. Cheops veranlasst eine Opferehrung für Djosers obersten Vorlesepriester; dessen Name ist nicht überliefert.

In der zweiten Geschichte berichtet Prinz Chephren von einem Wunder aus der Zeit König Nebkas. Der Vorlesepriester Ubaoner erfährt durch seinen treuen Hausmeister, dass seine Ehefrau ihn mit einem Bürger aus Memphis betrügt. Der Liebhaber erhält von ihr teure Kleidung und Geschenke und trifft sie wiederholt in einem Pavillon auf dem Gartensee. Ubaoner fertigt ein sieben Finger langes Wachskrokodil an, also 12,95 cm, versieht es mit einem Zauber und lässt es in den See werfen. Es verwandelt sich in ein echtes Krokodil von sieben Ellen Länge, entsprechend 3,64 Metern, verschlingt den Bürger und bleibt sieben Tage im Wasser.

Nach Ablauf der sieben Tage führt Ubaoner König Nebka zum See. Auf Befehl Ubaoners speit das Krokodil den Bürger wieder aus und wird durch Berührung erneut zur Wachsfigur. Nachdem Nebka den Ehebruch erfahren hat, befiehlt er, dass das Krokodil den Bürger endgültig verschlingt. Ubaoners Frau wird zu einer Richtstätte nördlich der königlichen Residenz gebracht, verbrannt und ihre Überreste werden in den Nil geworfen. Nebka erscheint dabei als konsequenter Richter.

Die dritte Geschichte trägt Prinz Bauefre vor und handelt von König Snofru. Der gelangweilte König lässt sich vom Vorlesepriester und Schreiber des Buches Djadjaemanch zu einer Ruderfahrt auf dem heiligen See von Dahschur raten. Zwanzig Frauen rudern mit zwanzig Ebenholzrudern, die mit Gold belegt sind; außerdem werden zwanzig Netze verwendet. Als der Schlagdame ein Fischanhänger aus Malachit ins Wasser fällt, weigert sie sich weiterzurudern, weil sie ihr eigenes Schmuckstück und kein Duplikat zurückhaben möchte.

Djadjaemanch teilt das Wasser mit einem Zauberspruch: Auf einer Hälfte steht es 24 statt 12 Ellen hoch, während die andere Hälfte trockenliegt. Die Barke gleitet über den trockenen Seegrund, und der Priester holt das auf einer Tonscherbe liegende Amulett. Danach bringt er das Wasser in seine Ausgangsposition zurück. Snofru ist erfreut, belohnt Djadjaemanch großzügig und veranstaltet ein Fest. Zugleich wird Snofru als freundlich und mildtätig, aber auch als teilweise unzüchtig dargestellt.

In der vierten Geschichte berichtet Prinz Djedefhor von Dedi, einem 110 Jahre alten einfachen Mann aus Djed-Snofru. Dedi soll täglich 500 Brote, die Hälfte eines Rindes an Fleisch und 100 Djes-Krüge Bier verzehren. Er kann angeblich Tieren den Kopf abtrennen und wieder ansetzen sowie wilde Löwen gehorsam machen. Außerdem kennt er den Ort, an dem die Anzahl der Iput im Heiligtum des Thot verzeichnet ist.

Cheops lässt Dedi in den Palast bringen und verlangt zunächst, dass er einen zum Tode verurteilten Gefangenen enthauptet und wiederbelebt. Dedi lehnt dies ab, weil es einem Menschen schaden würde. Stattdessen enthauptet er eine Gans, einen Chet-Aa-Vogel und einen Stier und setzt jeweils den Kopf wieder auf; die Tiere stehen danach wieder auf.

Dedi erklärt, die Anzahl der Iput nicht zu kennen, aber zu wissen, wo sie verzeichnet ist: in einem Kästchen aus Feuerstein voller Schriftrollen, das im Raum „Archiv“ in Heliopolis aufbewahrt wird. Er selbst könne es Cheops nicht bringen. Dies werde der älteste von drei Söhnen der schwangeren Rededjet tun. Der Gott Ra habe angekündigt, dass dieser Sohn als Hohepriester von Heliopolis über das ganze Königreich herrschen werde. Cheops ist darüber betrübt. Dedi sagt außerdem voraus, dass Rededjet in den ersten Monaten der Peret-Jahreszeit am fünfzehnten Tag gebären werde. Cheops ordnet an, Dedi im Palast Djedefhors unterzubringen und ihm täglich 1000 Brote, 100 Krüge Bier und 100 Bündel Lauch zu geben.

Rededjet und die offenen Deutungen

Die fünfte Geschichte setzt bei Rededjets schwieriger Geburt ein. Sie erwartet Drillinge. Auf Geheiß des Gottes Ra gehen Isis, Nephthys, Meschenet, Heqet und Chnum zu ihr. Die Göttinnen verkleiden sich als Musikantinnen und Tänzerinnen, Chnum als Gepäckträger. Isis hilft bei der Geburt, Nephthys steht hinter Rededjet, Heqet beschleunigt die Geburt und Chnum stärkt die Körper der Kinder.

Die drei Jungen heißen User-Re-ef, Sahure und Keku. Jedes Kind ist außergewöhnlich gestaltet, etwa eine Elle groß und mit festen Knochen und goldenen Gliedmaßen; beim ersten wird außerdem eine Kopfbedeckung aus echtem Lapislazuli beschrieben. Meschenet verkündet bei allen drei Kindern, dass sie Könige werden und über das ganze Land herrschen. Die Götter erschaffen drei herrschaftliche Kronen, verstecken sie in Gerstenkrügen und kehren unter dem Vorwand eines Platzregens zu Rededjets Haus zurück. Die Krüge werden in einem verschlossenen Abstellraum gelagert.

Wochen später entdeckt Rededjet, dass aus den Krügen Musik, Feiern und Jubel wie bei einer königlichen Krönung erklingen. Sie und ihr Mann Ra-User feiern das Wunder. Später wird eine Magd nach einem Streit geschlagen. Aus Zorn kündigt sie an, Cheops von den drei künftigen Königen zu berichten. Ihr Bruder hält sie wegen des beabsichtigten Verrats zurück und schlägt sie ebenfalls. Als die Magd Wasser holen will, wird sie von einem Krokodil geschnappt. Rededjet weint, und ihr Bruder berichtet ihr den Vorfall. An dieser Stelle bricht der erhaltene Text ab.

Die Einordnung der Erzählungen ist umstritten. Einige Forscher, darunter Adolf Erman, Hans Goedicke und Kurt Sethe, betrachten die Zauberer eher als folkloristische Figuren. Verena Lepper und Miriam Lichtheim widersprechen dieser Deutung und verweisen auf spätere Texte wie die Prophezeiung des Neferti, Die Lehre des Ptahhotep und Papyrus Athen, deren Weise ähnliche Fähigkeiten besitzen. Dies könne gegen eine bloße Unterhaltungsgeschichte sprechen.

Auch Cheops’ Charakter wird unterschiedlich bewertet. Er schlägt zunächst vor, Zauberei an einem hingerichteten Gefangenen zu zeigen, akzeptiert aber Dedis Ablehnung. Dietrich Wildung deutet dies sogar als möglichen Gnadenakt. Der angebliche Verrat Rededjets durch die Magd ist ebenfalls nicht eindeutig belegt.

Die Figur Rededjet wird vermutlich mit Königin Chentkaus I. verbunden, die als Mutter der ersten Könige der 5. Dynastie gilt: Userkaf, Sahure und Neferirkare. Ob die fünfte Geschichte unvollendet ist, bleibt offen. Die meisten Ägyptologen nehmen dies an, während Verena Lepper einen stilistisch und inhaltlich abgeschlossenen Text erkennt.

Schließlich ist die Herrscherchronologie bedeutsam. Im Papyrus steht Nebka zwischen Djoser und Snofru. Die Königsliste von Abydos, die Aegyptiaca des Manetho und der Turiner Königspapyrus stellen Nebka dagegen als Begründer der 3. Dynastie und als Vorgänger Djosers dar. Toby Wilkinson sieht im Westcar-Papyrus daher eine Grundlage für die Annahme, dass Nebka tatsächlich zwischen Djoser und Snofru regierte; diese Schlussfolgerung ist jedoch nicht unwidersprochen.

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