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Nullmorphem
Nullmorphem ist ein Begriff der Grammatik, speziell der Morphologie, die sich mit den bedeutungstragenden Bestandteilen von Wörtern, den Morphemen, befasst.
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Grundidee und Funktion
Ein Nullmorphem ist ein Begriff der Morphologie, also der Lehre von den bedeutungstragenden Bestandteilen von Wörtern. Es bezeichnet ein grammatisches Morphem, das eine Bedeutung oder grammatische Funktion trägt, aber nicht durch hörbare oder sichtbare Laut- beziehungsweise Schriftzeichen ausgedrückt wird. Stattdessen wird seine Funktion durch das Fehlen von Ausdrucksmaterial im Vergleich zu verwandten Formen erkennbar.
Morpheme werden normalerweise als Zeichen mit einer Ausdrucksseite (signifiant) und einer Bedeutungs- oder Funktionsseite (signifié) verstanden. Das Nullmorphem ist deshalb ein theoretisches Konstrukt: Es wird als „leere Stelle“ am Ende eines Grundmorphems angenommen, damit ein morphologisches Paradigma vollständig und systematisch beschrieben werden kann. Seine grammatische Funktion ergibt sich aus der Opposition zu anderen Formen desselben Paradigmas, in denen an dieser Stelle Flexions- oder Wortbildungsmorpheme stehen.
Das Paradigma von „Mann“
Das Substantiv „Mann“ kann im Singular folgendermaßen analysiert werden:
- Nominativ: der Mann – Wortstamm + Nominativ Singular
- Genitiv: des Mannes – Wortstamm + Genitiv Singular
- Dativ: dem Mann oder Manne – Wortstamm + Dativ Singular
- Akkusativ: den Mann – Wortstamm + Akkusativ Singular
Der Genitiv Singular wird durch -es realisiert. Der Dativ Singular besitzt entweder die Endung -e oder keine hörbare Endung; neben dem Allomorph -e liegt dort also ein Nullallomorph -∅ vor. Für Nominativ und Akkusativ gibt es keine eigene sichtbare Form. Um dennoch alle grammatischen Funktionen morphologisch auszuweisen, setzen viele Linguisten dort ein Nullmorphem an:
- der Mann-∅: Nominativ Singular
- des Mann-es: Genitiv Singular
- dem Mann-e oder Mann-∅: Dativ Singular
- den Mann-∅: Akkusativ Singular
Damit wird ausgedrückt, dass Nominativ Singular und Akkusativ Singular grammatisch vorhanden sind, formal aber nicht durch eine Endung markiert werden. Nullmorpheme kommen außerdem in manchen Pluralformen vor, etwa bei der Wortklasse von „Lehrer“; dies wird als Nullplural bezeichnet.
Nullmorphem und Nullallomorph
Nullmorpheme und Nullallomorphe sind nicht dasselbe. Ein Nullallomorph ist lediglich eine Variante eines Morphems. Dieses Morphem besitzt daneben weitere Allomorphe, die mündlich oder schriftlich realisiert werden. Im Dativ Singular von „Mann“ ist beispielsweise -e ein realisiertes Allomorph und -∅ ein Nullallomorph desselben grammatischen Morphems.
Ein Nullmorphem dagegen ist ein Morphem, dessen einziges Allomorph -∅ ist. Der Unterschied wird in sprachwissenschaftlichen Beschreibungen häufig nicht beachtet. Die Bezeichnung -∅ kann daher je nach Analyse entweder ein Nullallomorph oder ein Nullmorphem meinen.
Nutzen und Grenzen des Konzepts
Die Annahme eines Nullallomorphs gilt weitgehend als unproblematisch. Das Konzept des Nullmorphems ist dagegen umstritten. Eine häufig bevorzugte Analyse beschreibt grammatische Funktionen nicht durch ein zusätzlich angenommenes Nullmorphem, sondern durch das Fehlen eines Morphems. So kann der Singular eines Nomens als durch das Fehlen eines Pluralmorphems ausgedrückt gelten. In diesem Fall erscheint diese Erklärung sinnvoller, als am Ende der Singularform ein Nullmorphem anzusetzen.
Bergenholtz und Mugdan führten 1979 als weiteren Einwand an, dass in Sprachen mit längeren Ketten von Affixen eine unüberschaubare Menge an Nullmorphemen angenommen werden müsste. Ohne Einschränkungen könnte man auch einem Wort wie „Hut“ eine beliebig komplexe Struktur aus einem realisierten und beliebig vielen nicht realisierten Morphemen zuschreiben. Dafür müsste man lediglich immer weitere Bedeutungen für die angenommenen Nullmorpheme festlegen.
Trotz dieser Probleme können Nullmorpheme nützlich sein, um Leerstellen in Flexionsparadigmen zu veranschaulichen. Das gilt besonders für die Konjugation, aber auch für die Wortbildungslehre.
Anwendungen im Deutschen und in romanischen Sprachen
Im Deutschen lässt sich ein Nullmorphem aus beschreibungstechnischen Gründen besonders bei bestimmten Flexionsparadigmen rechtfertigen. Bei maskulinen Substantiven – substantivierte Adjektive sind dabei auszuschließen – hat der Nominativ häufig keine Endung, zum Beispiel „der Staat“. Der Genitiv kann dagegen durch verschiedene Allomorphe wie -s oder -es markiert werden: „des Sees“ beziehungsweise „des Staates“. Eine systematische Analyse kann daher den Nominativ als „der Staat-∅“ darstellen. Diese Überlegung lässt sich sinngemäß auf andere Flexionsparadigmen übertragen. Sie sollte aber auf Fälle beschränkt bleiben, in denen formal nicht markierte Formen einer eindeutigen grammatischen Funktion in einem Paradigma gegenüberstehen.
Auch romanische Sprachen können nach diesem Prinzip beschrieben werden. Im Französischen kann das Präsens gegenüber dem Imperfekt durch ein Nullmorphem gekennzeichnet werden: „nous chant-∅-ons“ gegenüber „nous chant-i-ons“.
Im Spanischen kann im Präsens des Indikativs die dritte Person Singular durch -∅ ausgedrückt werden. Die Formen lauten beispielsweise „habl-o, habl-a-mos“, „habl-a-s, habl-á-is“ sowie „habl-a-∅, habl-a-n“. Die dritte Person Singular steht dabei den Endungen -s, -mos, -is und -n gegenüber. Die erste Person Singular weist ein für flektierende Sprachen typisches komplexes Morphem auf.
Nullmorpheme können im Spanischen auch in der Wortbildung angenommen werden: „mov-er“ (bewegen) wird zu „mov-i-miento“ (die Bewegung), während „luch-ar“ (kämpfen) zu „luch-a-∅“ (der Kampf) wird. Im ersten Fall ist -miento das Ableitungssuffix. Im zweiten Fall wird -∅ als Suffix beziehungsweise Nullableitung analysiert. Das -a ist dort ein Themenvokal, also ein reines Formelement.