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Narrative Psychologie
Narrative Psychologie beschreibt, in welcher Weise Erzählungen und Geschichten genutzt werden, um das Leben zu beschreiben, zu verstehen, zu erklären und zu …
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Grundidee und Bedeutung
Narrative Psychologie ist ein methodischer Ansatz der Psychologie. Sie untersucht, wie Menschen Erzählungen und Geschichten nutzen, um ihr Leben zu beschreiben, zu verstehen, zu erklären und auch zu verändern. Im Mittelpunkt steht Sinngebung beziehungsweise Sinnfindung: Menschen geben einzelnen Erlebnissen Bedeutung, indem sie sie in eine erzählbare Form bringen. Das betrifft nicht nur einzelne Personen, sondern auch Beziehungen, Gruppen und größere soziale Zusammenhänge.
Der Ansatz bezieht sich auf die Erzähltheorie und knüpft an geisteswissenschaftliche Wurzeln der Psychologie an. Er fragt weniger danach, ob eine Erzählung eine Vergangenheit objektiv genau abbildet, sondern danach, wie durch Erzählen Zusammenhänge, Identität und Bedeutung entstehen. Besonders wichtig sind Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen, weil sie zur Konstruktion des Selbst und der eigenen Identität beitragen.
Die Narrative Therapie nutzt diese Grundannahmen praktisch. Klientinnen und Klienten sollen durch das Erzählen ihrer Geschichte ihr Leben besser verstehen. Durch das Erzählen einer neuen oder anderen Geschichte über sich selbst kann Veränderung möglich werden. In der Narrativen Therapie mit Paaren lernen Partner, die Geschichte des jeweils anderen zu verstehen und gemeinsam eine Paar-Geschichte zu entwickeln.
Wie Erzählungen Sinn schaffen
Narrative Psychologie geht davon aus, dass Menschen ihrem Leben Sinn und Bedeutung verleihen, indem sie Erlebnisse als Geschichten und Erzählungen wiedergeben. Einzelne Lebensereignisse sind demnach nicht automatisch sinnvoll miteinander verbunden. Verbindungen und Plausibilität entstehen erst im Prozess der Narrativierung. Narrativierung bedeutet hier: Ein Mensch ordnet Erlebnisse erzählerisch so, dass daraus ein verständlicher Zusammenhang wird.
Ausgangspunkt einer Erzählung sind nicht einfach die Fakten und auch nicht nur der Glaube daran, dass alles genau so gewesen sei. Entscheidend ist die aktuelle Präsenz des erzählenden Subjekts in Raum und Zeit. Das heißt: Eine Geschichte wird aus der Gegenwart heraus erzählt. Sie ist der Versuch, aus der Perspektive des Hier und Jetzt eine kohärente, also in sich stimmige, Geschichte für Zuhörende und für sich selbst zu formulieren.
Dabei verbindet Erzählen drei Zeitformen. Ein Ereignis stammt aus der Vergangenheit, wird mit gegenwärtigen Zuständen verknüpft und zugleich mit einer Antizipation der Zukunft verbunden. Antizipation meint eine Vorwegnahme oder Erwartung dessen, was kommen könnte. So entsteht eine Geschichte, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen werden.
Entstehung des Ansatzes
Die Narrative Psychologie entwickelte sich in den frühen 1980er Jahren aus Kritik an der klassischen Psychologie. Ähnlich wie bei der Wende vom Behaviorismus zum Kognitivismus spielte die Kritik an der Eindimensionalität und Beschränktheit psychologischer Ansätze eine wichtige Rolle. Der klassischen, meist naturwissenschaftlich geprägten Psychologie wurde vorgeworfen, sie beschäftige sich zwar mit der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen, aber zu wenig mit der Konstruktion von Sinn und Bedeutung.
Narrative Psychologie unterscheidet sich vom Fachgebiet der Narratologie. Narratologen stützen sich im Allgemeinen auf den linguistischen Strukturalismus. Narrative Psychologen orientieren sich dagegen eher an postmodernen beziehungsweise poststrukturalistischen Ansätzen. Der Ansatz kann deshalb als Reaktion der Psychologie auf den linguistic turn, also die linguistische Wende in den Sozialwissenschaften, und auf postmoderne Theorien in der Philosophie verstanden werden.
Wichtig war dabei die Kritik an der klassischen Erkenntnislehre. Während positivistische Wissenschaft oft davon ausgeht, mit der richtigen Methode unabhängig von subjektiven Überzeugungen der Wahrheit immer näherkommen zu können, betont postmoderne Theorie, dass jedes Verstehen eine Konstruktion des Geistes ist. Diese Konstruktion ist durch äußere Einflüsse geprägt und verändert sich ständig.
Vorläufer und wichtige Impulse
Viele Wissenschaftler verstehen Narrative Psychologie nicht als völlig neue Erfindung, sondern als Wiederaufnahme älterer psychologischer Interessen, die durch die Orientierung an naturwissenschaftlichen Ansätzen in den Hintergrund geraten waren. Das Interesse daran, wie Menschen ihr Leben erzählen und dadurch subjektive Bedeutungskonstruktionen schaffen, ist nicht neu.
Ein bekanntes Beispiel für das Arbeiten mit Geschichten in der Psychologie sind Sigmund Freuds Fallstudien. Auch Henry Murray in den 1930er Jahren und Gordon Allport in den 1960er Jahren beschäftigten sich mit Erzählungen individueller Lebensläufe.
Zur späteren Ausbildung einer narrativen Psychologie trugen Entwicklungen in mehreren Bereichen bei: in der psychoanalytischen Theorie die Arbeiten Roy Schafers, in der Persönlichkeitspsychologie Dan McAdams, in der Kognitionspsychologie Jerome Bruner und in der philosophischen Grundlagenreflexion Kenneth Gergens Arbeiten zum sozialen Konstruktionismus. Als wichtiger Anfangspunkt der Bewegung gilt häufig die von Theodore Sarbin herausgegebene und eingeleitete Aufsatzsammlung „Narrative Psychology – The Storied Nature of Human Conduct“. Dort wurden erstmals Psychologen aus sehr unterschiedlichen Arbeitsgebieten zusammengebracht, um ihre Themen unter narrativen Gesichtspunkten zu betrachten.
Weiterentwicklung und Anwendung
Seit dem Erscheinen von Sarbins Aufsatzsammlung hat sich das Feld der Narrativen Psychologie stark weiterentwickelt und vergrößert. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich der narrativen Perspektive zurechnen, teilen eine konstruktivistische Auffassung. Konstruktivistisch bedeutet hier: Menschen finden Bedeutung nicht einfach vor, sondern konstruieren sie aktiv. In dieser Sicht ist Narration das wichtigste strukturierende Schema, durch das Personen ihre Identität und ihr Verhältnis zur Umwelt definieren und mit Sinn füllen.
Besonders bedeutsam kann dieser Ansatz bei Menschen sein, deren Identitätserleben beeinträchtigt ist. Das betrifft Personen, die in ihrem Lebenslauf ein kritisches Lebensereignis oder ein Trauma erlebt haben, ebenso wie Personen mit schwerwiegenden altersbedingten Einbußen. Mithilfe eines angeleiteten Lebensrückblicks oder einer Lebensrückblickstherapie kann eine Person ein kohärentes Narrativ ihrer Lebensgeschichte erreichen und dadurch ihre Identität festigen. Der Artikel verweist in diesem Zusammenhang auf Maercker & Forstmeier.
Erzählungen und Selbstwahrnehmung
Zwei psychologische Experimente untersuchten, wie Erzählungen die Selbstwahrnehmung von Rezipienten beeinflussen. Rezipienten sind Personen, die eine Geschichte aufnehmen, zum Beispiel lesen. Betrachtet wurden Assimilationseffekte und Kontrasteffekte. Assimilationseffekte bedeuten, dass sich die Selbstwahrnehmung im Einklang mit Merkmalen eines Protagonisten verändert. Kontrasteffekte bedeuten, dass sich die Selbstwahrnehmung entgegen den Merkmalen eines Protagonisten verändert.
Außerdem wurden zwei Faktoren erfasst: die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte, gemessen am Grad des Vorbringens von Gegenargumenten, und das Ausmaß an Transportation. Transportation bezeichnet im Rahmen der Transportation-Theorie das Hineingezogensein in eine Erzählung.
Im ersten Experiment wurde die implizite und explizite Gewissenhaftigkeit der Probanden erfasst, nachdem sie eine Geschichte über einen fleißigen oder einen nachlässigen Studenten gelesen hatten. Eine Moderatoranalyse ergab: Personen mit hohen Transportation-Werten und Personen, die der Geschichte unkritischer gegenüberstanden, neigten eher dazu, die Eigenschaften des Protagonisten als eigene Eigenschaften wahrzunehmen. Personen mit niedrigeren Transportation-Werten und kritischerer Einstellung zeigten dagegen Kontrasteffekte.
Im zweiten Experiment wurden die Stärke der Transportation und das Ausmaß der erzeugten Gegenargumente manipuliert. Dabei fand sich kein Einfluss auf die selbsteingeschätzte Gewissenhaftigkeit der Probanden. Eine Meta-Analyse, die die Ergebnisse beider Experimente zusammenfasste, zeigte insgesamt signifikante positive Zusammenhänge zwischen dem Grad an Transportation und Gegenargumenten einerseits und geschichtenkonsistenter, selbstberichteter Gewissenhaftigkeit andererseits.