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Nachhaltigkeitswissenschaft

Nachhaltigkeitswissenschaft (englisch sustainability science) ist eine 2001 eingeführte akademische Disziplin, die sich mit der Theorie, Erforschung und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundverständnis
  2. 2. Entstehung, Anerkennung und Zweck
  3. 3. Wissenschaft, Verantwortung und Transformation
  4. 4. Forschungsinstitute und institutionelle Struktur
  5. 5. Studienmöglichkeiten

Gegenstand und Grundverständnis

Nachhaltigkeitswissenschaft, englisch sustainability science, ist eine 2001 eingeführte akademische Disziplin. Sie untersucht die Theorie, Erforschung und Umsetzung von Nachhaltigkeit, nachhaltiger Entwicklung und Nachhaltigkeitsstrategien. Betrachtet werden lokale, regionale, nationale und globale Ebenen sowie Praxisfelder wie betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement und Bildung.

Sie ist keine klassische Einzeldisziplin mit eigenen, einheitlichen Theorien und Methoden. Vielmehr handelt es sich um ein Konglomerat verschiedener Disziplinen, die auf das gemeinsame Thema Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Beteiligt sein können unter anderem Klimaforschung, Ökologie, Geoökologie, Biologie, Geographie, Sozial- und Politikwissenschaften, Physik und Humanökologie.

Ein zentraler Grundkonsens besteht darin, dass Nachhaltigkeitswissenschaft teilweise normativ ist. Normative Wissenschaft befasst sich mit Zielen, Werten und Normen sowie mit ihrer Abwägung, etwa zwischen Generationengerechtigkeit und der wirtschaftlichen Freiheit heute lebender Menschen. Deskriptive Wissenschaft untersucht dagegen beispielsweise die Ursachen fehlender Nachhaltigkeit oder Instrumente zur Umsetzung bereits abgewogener Ziele. Nachhaltigkeitswissenschaft verbindet beide Seiten.

Sie ist multi- und transdisziplinär ausgerichtet, weil nachhaltige Entwicklung die Möglichkeiten einer einzelnen wissenschaftlichen Disziplin deutlich übersteigt. Außerdem ist sie primär praktisch orientiert: Sie soll zur Lösung existenzieller Probleme der Weltgesellschaft und des Lebenssystems Erde beitragen. In der Praxis geht es unter anderem um das Management von Nachhaltigkeit und transformativer Nachhaltigkeit in Handlungsfeldern wie Energie und Ernährung. Grundlage ist die Verantwortung der Wissenschaft und einzelner Wissenschaftler gegenüber zukünftigen Generationen und dem Lebenssystem Erde.

Frühe Beispiele sind die Studie Zukunftsfähiges Deutschland ab 1995 sowie das Altmühltal-Projekt der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, das von 1994 bis 1999 die Agenda 21 praktisch umsetzen sollte. Damals fehlte noch ein geeigneter wissenschaftlicher Begründungszusammenhang; deshalb entstanden nach der Veröffentlichung beziehungsweise Umsetzung erhebliche Legitimationsprobleme.

Entstehung, Anerkennung und Zweck

Die Sustainability Science wurde 2001 auf dem Kongress Challenges of a Changing Earth in Amsterdam offiziell eingeführt. Beteiligt waren der International Council for Science (ICSU), das International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP), das International Human Dimensions Programme on Global Environmental Change (IHDP) und das World Climate Research Programme (WCRP). Der deutschsprachige Ausdruck Nachhaltigkeitswissenschaft ist aus dem englischen Begriff übertragen.

Ihre Entstehung hängt mit der Einsicht zusammen, dass Wissenschaftler in der Global-Change- und Nachhaltigkeitsforschung häufig Aussagen außerhalb ihrer angestammten Fachgrenzen machen müssen. Ein Klimaforscher kann beispielsweise aus naturwissenschaftlich-beschreibenden Modellen allein keine Reduktionsziele oder klimapolitischen Ziele ableiten. Dafür muss zunächst eine Zielgröße oder eine nicht zu verletzende Randbedingung festgelegt werden. Diese Festlegung ist eine normative Entscheidung und kann nicht mit den Mitteln einer empirischen Naturwissenschaft getroffen werden. Sie kann jedoch als hypothetische Voraussetzung in eine wissenschaftliche Analyse aufgenommen werden.

Die Nachhaltigkeitswissenschaft soll solche Grenzüberschreitungen methodisch absichern. Ortwin Renn forderte 2022, Nachhaltigkeitsforschung müsse drei Wissenschaftsmodi verbinden: analytische, also neugiergetriebene Forschung, strategische, also missionsgetriebene Forschung, und katalytische, also entscheidungsunterstützende Forschung. Zusätzlich müsse sie die Überführung wissenschaftlicher Ergebnisse in legitimierte Handlungen und deren messbare Wirksamkeit sicherstellen.

Als zentrale internationale Plattform diente das International Network on Science and Technology for Sustainability an der Harvard University. Dort waren Nachhaltigkeitswissenschaftler aus aller Welt zusammengeschlossen; Netzwerkprojekte machten die Vielfalt der Nachhaltigkeitsforschung sichtbar. In Deutschland führt die Initiative Forschung für Nachhaltige Entwicklungen (FONA) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Akteure und Forschungsaktivitäten zusammen.

Wissenschaft, Verantwortung und Transformation

Die Nachhaltigkeitsidee gelangte 1992 auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung stärker in das allgemeine wissenschaftliche Denken. Kapitel 35 der dort beschlossenen Agenda 21 beschreibt die Rolle der Wissenschaft im Dienst nachhaltiger Entwicklung; Kapitel 35.3a nennt die wissenschaftliche Fundierung nachhaltiger Praxis. Fast alle der 40 Kapitel betonen die Bedeutung der Wissenschaft. Daraus folgt die Vorstellung, dass globale nachhaltige Entwicklung ohne wissenschaftliche Unterstützung nicht oder nur eingeschränkt möglich ist.

Nachhaltigkeitswissenschaft versteht sich deshalb als interdisziplinärer Ansatz, der nachhaltige Entwicklung ermöglichen und objektivieren sowie Handlungsoptionen anhand sachlicher Kriterien aufzeigen soll. Ein wichtiger Begriff ist die reflexive Responsibilisierung. Sie untersucht, wie Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft Verantwortung für nachhaltige Entwicklung zuweisen und übernehmen.

Dabei treffen zwei Debattenstränge aufeinander. Der erste fordert oder beschreibt eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Ordnungen angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen, des Übergangs in ein Anthropozän oder sogenannter Großer Transformationen. Der zweite befasst sich mit der Neuordnung gesellschaftlicher Verantwortungsverhältnisse, etwa unter den Begriffen Responsible Research and Innovation, Corporate Social Responsibility und transformative Wissenschaft. Die Umsetzung dieser Verantwortungsordnung wird zugleich mit gesellschaftlichen Strukturtransformationen erwartet.

Verantwortungsverhältnisse sind normative Ordnungen. Sie legen fest, welche Verantwortungen bestehen, wer sie wem gegenüber ausüben darf und welche Sanktionen mit ihrer Nichteinhaltung verbunden sind. Solche Ordnungen sind meist stabil, geraten durch Transformationsforderungen jedoch hinsichtlich ihrer Stabilität, Reichweite und Prozessqualität in Bewegung. In öffentlichen Debatten werden dabei häufig drei mögliche Entlastungen hervorgehoben: durch Technologie, durch Gemeinschaft und durch Institutionen.

Nach Alfred Schütz und Thomas Luckmann setzt Verantwortung voraus, dass Menschen etwas tun oder lassen können. Arbeit verstanden als absichtsvolles Hervorbringen einer bestimmten Wirkung in der Umwelt bildet dabei eine Grundkategorie sozialer Verantwortungszurechnung. Die ausdrückliche Thematisierung von Verantwortung zeigt an, dass sich bisher implizite Zurechnungen verändern. Stefan Böschen verbindet diese Analyse mit einer prozessorientierten Weiterentwicklung feldtheoretischer Ansätze nach Bourdieu, um gesellschaftliche Veränderungen im Sinne reflexiver Responsibilisierung genauer zu untersuchen.

Forschungsinstitute und institutionelle Struktur

Die deutsche Forschungslandschaft zur Nachhaltigkeitswissenschaft umfasst Einrichtungen aus Natur-, Technik-, Wirtschafts-, Sozial- und Umweltwissenschaften. Die alphabetische Übersicht des Artikels reicht von großen Forschungszentren bis zu spezialisierten Instituten an Universitäten und Hochschulen.

Vertreten sind unter anderem das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), das Deutsche GeoForschungsZentrum in Potsdam und das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Weitere Einrichtungen befassen sich mit sozial-ökologischer Forschung, Nachhaltigkeitsmanagement, Umweltkommunikation, Technikfolgenabschätzung, Energie- und Klimaforschung, biologischem Landbau, Biomasse, Ressourcenmanagement und ökologischer Wirtschaftsforschung.

Beispiele sind das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main, das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin, das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie, das Centre for Sustainability Management der Universität Lüneburg, das artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit der Universität Bremen und das Zentrum für interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung der Universität Münster. Die Vielfalt dieser Einrichtungen entspricht dem inter- und transdisziplinären Charakter der Nachhaltigkeitswissenschaft.

Studienmöglichkeiten

Der Artikel nennt zahlreiche Studienangebote in Deutschland sowie einzelne Angebote in Österreich und der Schweiz. Die Fachrichtungen reichen von Nachhaltigkeitswissenschaft und Nachhaltigkeitsmanagement über Ökonomie, Umweltwissenschaften, Ingenieurwesen und Landwirtschaft bis zu Sozialwissenschaften, Geographie, Recht, Informatik und Transformationsforschung.

An deutschen Hochschulen gibt es Bachelor-, Master-, MBA-, Weiterbildungs- und Promotionsangebote. Beispiele sind Nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Bochum, Sustainability & Change an der Universität Hohenheim, Nachhaltigkeitsökonomik an der Universität Oldenburg, Sustainable Resource Management und Sustainable Management and Technology an der Technischen Universität München sowie Nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Kassel. Die Leuphana Universität Lüneburg bietet mehrere Spezialisierungen in Sustainability Science an, darunter Ecosystems, Biodiversity and Society, Governance and Law sowie Resources, Materials and Chemistry.

Weitere Angebote beziehen sich auf Nachhaltigkeitsmanagement, globale Veränderungsprozesse, Regionalentwicklung und Naturschutz, nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit, nachhaltige Sozialpolitik, nachhaltige Ingenieurwissenschaft, digitale Nachhaltigkeit, Informatik und Nachhaltigkeit sowie Sustainable International Agriculture. Die Hochschule Albstadt-Sigmaringen führt einen projektorientierten und interdisziplinären Master Sustainability Studies. An der Hochschule Darmstadt nennt der Artikel neben dem Studiengang RASUM (Risk Assessment and Sustainability Management) auch den Doktor der Nachhaltigkeitswissenschaften (Doctor of Sustainable Sciences, Dr. rer. sust.).

In Österreich wird an der Universität Innsbruck der Master Geographie: Globaler Wandel – regionale Nachhaltigkeit genannt. In der Schweiz führt die Universität Basel den Master Sustainable Development. Die Universität Bern betreut Bachelor- und Masterarbeiten zu Forschungsthemen wie Open Source Software, Open Data, Linked Data, Open Government, ICT-Beschaffungen und digitale Nachhaltigkeit.

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