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Musette (Barocktanz)

Die Musette ist in der Barockmusik des 18. Jahrhunderts ein Musikstück und Tanz im Stile der Musette de cour, einer besonders feinen Form des Dudelsacks, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Musikalische Merkmale und Formen
  3. 3. Musette in französischer Bühnen- und Kammermusik
  4. 4. Verbreitung außerhalb Frankreichs
  5. 5. Mischformen und Abgrenzung

Begriff und Bedeutung

Die Musette ist in der Barockmusik des 18. Jahrhunderts ein Musikstück und Tanz im Stil der Musette de cour, einer besonders feinen französischen Dudelsackform. Sie war vor allem in Frankreich verbreitet und gehörte zur damaligen Schäfermode: Musik und Tanz stellten ein idealisiertes, friedliches Landleben dar.

Eng verwandt ist die Musette mit der Pastorale. Im Barock bezog sich die Pastorale jedoch meist auf die Geburt Christi als „guten Hirten“ und auf das Weihnachtsfest, während die Musette stärker mit weltlichen Schäfer- und Landszenen verbunden war.

Musikalische Merkmale und Formen

Das wichtigste Kennzeichen ist der Bordun-Bass, französisch basse de musette. Ein Bordun ist ein gleichbleibender tiefer Ton, der die Melodie begleitet und die Bordunpfeifen des Dudelsacks nachahmt. Meist erscheint er als lange ausgehaltener Orgelpunkt. Er kann aber auch in regelmäßigen Abständen erneut angeschlagen werden oder zeitweise ganz aussetzen.

Die Musette besitzt keine einheitliche Taktart. Sie kann in Zweier- oder Dreier-Metren stehen; verwendet werden unter anderem 2/4-, 2/2-, 3/4-, 6/8- und 12/8-Takt. Deshalb ist sie keine klar festgelegte Tanzform. Jean-Jacques Rousseau bezeichnete sie 1768 im Dictionnaire de musique als „eine Art von Melodie“, zu der man „Tänze von passendem Charakter gestaltet“.

Das Tempo ist meistens mäßig langsam, kann aber auch mäßig fröhlich sein. Unabhängig davon soll die Musik lieblich, friedlich, idyllisch und zärtlich wirken. Rousseau beschrieb sie als „naiv und sanft“ und ihr Tempo als „ein wenig langsam“. Dieser Charakter entspricht dem seit der Renaissance verbreiteten Idealbild eines einfachen und glücklichen Schäferlebens.

Formal gibt es zwei häufige Möglichkeiten. Die Musette kann wie viele Barocktänze zweiteilig sein, wobei beide Teile wiederholt werden: ||: a :||: b :||. Daneben steht die Rondoform, beispielsweise A–B–A–C–A. Ein solches Stück heißt Musette en rondeau.

Musette in französischer Bühnen- und Kammermusik

In Frankreich wurde die Musette besonders in Opern und Balletten eingesetzt, meist in Schäferszenen oder in einem ländlich-rustikalen Umfeld. Beispiele finden sich bei André Campra in Les Muses (1703) und Les Ages (1718) sowie bei Destouches in Callirhoë (1712) und Les Éléments (1721). Die Musette aus Callirhoë hieß ursprünglich „1re Air des bergers“, also „Erstes Air der Schäfer“. Sie wurde auch gesungen, war im 18. Jahrhundert das populärste Stück der Oper und erhielt sogar Parodien mit satirischen Texten.

Jean-Féry Rebel eröffnete 1734 sein Ballett Les plaisirs champêtres mit einer Musette. Jean-Philippe Rameau schrieb mehrere Musetten für Werke wie Les Fêtes d’Hébé (1739), Le Temple de la Gloire (1745), Naïs (1749) und Acanthe et Céphise (1751). Anweisungen wie tendre („zärtlich“) und gracieuse („anmutig“) verdeutlichen den gewünschten Ausdruck. War keine echte Musette de cour vorgeschrieben, übernahmen häufig Oboen den ähnlichen Klang; dies war jedoch nicht zwingend. Einige Choreografien sind in der Tanznotation nach Pierre Beauchamp und Raoul-Auger Feuillet erhalten, darunter eine zur Musette aus Callirhoë.

Auch in französischen Suiten und Sonaten für Cembalo oder Kammerensemble wurde die Musette verwendet, etwa in François Couperins Concert Royal Nr. 3 (1722). Weil ein Cembalo Töne nicht lange halten kann, wurde der Bordun dort häufig durch eine gleichmäßige Legato-Bewegung in parallelen Oktaven mit eingeschalteter Quinte ersetzt. Couperins Musète de Choisi im 6/8-Takt und Musète de Taverni im 12/8-Takt aus dem 15. Ordre von 1722 sind für zwei beliebige Instrumente bestimmt, beispielsweise zwei Cembali oder Cembalo mit Traversflöte, Violine, Oboe oder Musette de cour. Weitere Beispiele sind Rameaus Musette en rondeau im 3/4-Takt und Daquins Musette en rondeau im Allabreve-Takt.

Verbreitung außerhalb Frankreichs

Außerhalb Frankreichs wurde die Musette gelegentlich übernommen, erreichte dort aber nicht dieselbe Bedeutung. Ein bekanntes und vergleichsweise kunstvolles Orchesterbeispiel ist der dritte Satz aus Georg Friedrich Händels Concerto grosso op. 6 Nr. 6, HWV 324. Die Musette steht in Es-Dur und bildet einen Gegensatz zur relativ düsteren Haupttonart g-Moll des Konzerts. Ihr Bordun setzt zeitweise aus oder wechselt auf einen anderen Ton. Das Werk könnte als moderneres Gegenstück oder als Hommage an Arcangelo Corellis Concerto grosso op. 6 Nr. 8 „per la notte di natale“ gedacht sein; beide Konzerte stehen in g-Moll und enthalten eine Hirtenmusik.

Wolfgang Amadeus Mozart verwendete eine Musette in seinem Jugendwerk Bastien et Bastienne von 1768. Es beruht auf Rousseaus Le devin du village und veranschaulicht die Maxime „Zurück zur Natur“. Noch Johannes Brahms schrieb mit Nr. XXII seiner Händel-Variationen op. 24 eine Art Musette.

Mischformen und Abgrenzung

Der Zusatz en musette bedeutet, dass ein anderes Stück im Stil einer Musette gestaltet wird. Ein bereits deutlich bestimmter Tanz erhält dabei zusätzlich den typischen Bordun und den idyllischen Musette-Charakter. Besonders häufig geschah dies bei Gavotten und Menuetten. In Rameaus Le Temple de la Gloire von 1745 gibt es sowohl ein Menuet I & II en musette als auch eine Gavotte I & II en musette; die erste Gavotte besitzt einen durchgehenden Bordun.

Johann Sebastian Bachs „Musette“ in G-Dur aus der 3. Englischen Suite g-Moll BWV 808 ist eigentlich eine Gavotte II en musette. In der Gavotte II der Englischen Suite Nr. 6 d-Moll BWV 811 ist der Bordunton d' in eine regelmäßige Achtelbewegung eingebettet, entsprechend der Praxis französischer Cembalokomponisten. Im 19. Jahrhundert schrieb Edvard Grieg eine Gavotte-Musette für seine Holberg-Suite op. 40.

Die Grenzen sind unscharf, weil auch anders bezeichnete Stücke einen Musette-Bass besitzen können. Couperins Les vergers fleüris aus dem 15. Ordre steht im 6/8-Takt und verwendet im zweiten Teil einen Bordun. Stimmung und ländliche Vorstellung sind typisch für eine Musette; Couperin wollte jedoch ausdrücklich eine Cornamuse darstellen. Der Unterschied liegt vor allem in der tiefen Tenor- bis Altlage der Oberstimmen.

Bordunklänge können außerdem eine Drehleier nachahmen. In Couperins Les Fastes de la grande et ancienne Mxnxstrxndxsx finden sich zwei Airs de Vièle im 2/2-Takt. Ihre düstere Tonart c-Moll, der weinerliche Tonfall und die Darstellung von Bettlern und Gauklern unterscheiden sie von der idealisierten Musette-Idylle. Bei anderen Werken bleibt offen, ob Musette oder Drehleier gemeint ist. Dandrieus La Fête de Village von 1724 besteht aus mehreren durchgehend en musette gehaltenen Tänzen; möglicherweise erinnern einige stärker an eine Drehleier. Auch bei Balbastres Air gay und Air II von 1759 könnte ein rhythmischer Effekt in der Altstimme die für die Drehleier typische Schnarre nachahmen.

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