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Möbiusband
Möbiusband, Möbiusschleife oder Möbius'sches Band bezeichnet eine Fläche, die nur eine Kante und eine Seite hat. Sie ist nicht orientierbar, das heißt, …
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Grundidee und Eigenschaften
Ein Möbiusband, auch Möbiusschleife oder Möbius’sches Band genannt, ist eine Fläche mit nur einer Seite und nur einer Kante. Es ist nicht orientierbar: Man kann auf ihm nicht eindeutig zwischen oben und unten oder zwischen innen und außen unterscheiden. Beginnt man scheinbar auf einer Seite zu färben, ist am Ende die ganze Fläche gefärbt. Mathematisch ist es eine nicht-orientierbare Mannigfaltigkeit. Eine verwandte Fläche ist die Kleinsche Flasche; sie kann so zerlegt werden, dass zwei Möbiusbänder entstehen.
Ein einfaches Modell entsteht, wenn man einen längeren Papierstreifen ringförmig zusammenklebt und ein Ende vor dem Zusammenkleben um 180° verdreht. Solche Papier-Möbiusbänder haben eine Mittellinie, die nur dann ein Kreis sein kann, wenn das Band örtlich gedehnt wird. Ungedehnte Möbiusbänder mit kreisförmiger Mittellinie lassen sich nicht aus einem geraden zweidimensionalen Papierstreifen herstellen. Möbiusbänder sind chiral, das heißt, sie besitzen eine Händigkeit.
Schneiden und Zerlegen
Beim Aufschneiden eines Möbiusbandes entstehen überraschende Formen. Schneidet man entlang der Mittellinie, erhält man keinen zweiten Möbiusstreifen, sondern einen zweifach verdrillten Ring: Er ist um 720° in sich verdreht und hat zwei Seiten und zwei Ränder.
Schneidet man entlang zweier Linien, die parallel zur Mittellinie verlaufen, also scheinbar in Drittel, entstehen aus den äußeren Dritteln ein zweifach verdrillter Ring und aus dem mittleren Drittel ein neues Möbiusband, das darin hängt. Dieses Muster lässt sich verallgemeinern: Ist n der Nenner des Bruchteils, in den man das Band scheinbar einteilt, und ist n gerade, also n = 2r, so erhält man r Ringe. Ist n ungerade, also n = 2r + 1, so ist zusätzlich ein Möbiusband durch die Ringe geschlungen.
Mathematische Darstellung
Das Möbiusband kann mit Parametern als Fläche im Raum beschrieben werden. Eine Parameterdarstellung lautet:
x(r, α) = cos(α) · (1 + r/2 · cos(α/2)) y(r, α) = sin(α) · (1 + r/2 · cos(α/2)) z(r, α) = r/2 · sin(α/2)
Dabei gilt 0 ≤ α < 2π und −1 ≤ r ≤ 1. So entsteht ein Möbiusband mit Breite 1, dessen Mittellinie mit dem Einheitskreis in der xy-Ebene zusammenfällt. Der Winkel α liegt im Zentrum; durch die Veränderung von r entsteht die Fläche zwischen der einzigen Kante. Dieses mathematische Band entspricht nicht einem aus Papier herstellbaren Modell, weil seine Teilelemente im waagerechten Bereich eher symmetrischen Trapezen ähneln.
In Zylinderkoordinaten (r, θ, z) kann das Möbiusband auch durch log(r) · sin(θ/2) = z · cos(θ/2) beschrieben werden.
Topologie und Geometrie
Topologisch kann man ein Möbiusband als Quotientenraum eines Quadrats beschreiben. Ausgangspunkt ist das Quadrat (x, y) ∈ [0,1] × [0,1]. Zwei gegenüberliegende Seiten werden gegensinnig zusammengeklebt, beschrieben durch die Äquivalenzrelation (0, y) ∼ (1, 1 − y) für 0 ≤ y ≤ 1. Das Möbiusband ist eine kompakte topologische Mannigfaltigkeit der Dimension 2.
In der Differentialgeometrie gilt das Möbiusband als nicht-orientierbare Fläche mit einem Loch. Es kann in den R³ eingebettet werden und ist das Standardbeispiel einer nicht-orientierbaren Fläche. Es besitzt eine differenzierbare Struktur, ist aber keine riemannsche Fläche, weil nicht-orientierbare Flächen keine komplexen Strukturen zulassen.
Das Papiermodell ist auf die Ebene abwickelbar, deshalb verschwindet bei solchen Möbiusbändern die Gaußsche Krümmung. Es gibt jedoch auch Möbiusbänder, die nicht auf die Ebene abwickelbar sind. Nach dem Theorema egregium sind daher nicht alle Möbiusbänder zueinander isometrisch isomorph. Neue Erkenntnisse zur Form eines aus einem Band gefertigten Möbiusbands veröffentlichten E. L. Starostin und G. H. M. van der Heijden im Jahr 2007: Sie berechneten die Form, die ein solches Band von selbst im energieärmsten Zustand einzunehmen bestrebt ist.
Vorkommen in Natur und Technik
In der Natur können geladene Teilchen, die im Magnetfeld der Erde eingefangen wurden, sich auf einem Möbiusband bewegen. Außerdem besitzt das zyklische Protein Kalata B1, ein Wirkstoff der Pflanze Oldenlandia affinis, eine Möbius-Topologie.
In der Technik tritt das Prinzip in mehreren Bereichen auf. In der Mechanik kann das Band eines Riemengetriebes als Möbiusband ausgeführt sein. Bei Riemenscheiben mit parallelen Achsen erleichtert dies das Aufziehen und Abwerfen des Riemens; die 180°-Verdrillung sollte im Leertrum liegen. In der Hebetechnik werden textile Kettenglieder verwendet, die das geometrische Prinzip der Möbius-Schleife nutzen, um Lastverteilung und Reißfestigkeit zu optimieren.
In der Elektrotechnik ist ein Ringzähler mit einer Invertierung, der Johnson-Zähler, das schaltungstechnische Analogon eines Möbiusbandes: Eine Bitsequenz erreicht nach zwei Umläufen wieder den Ausgangszustand, sodass mit n Speicherzellen bis 2n gezählt werden kann. Weitere technische Anwendungen oder Analogien nennt der Artikel bei kompakten Resonatoren, induktionslosen Möbius-Widerständen, Supraleitern mit hoher Sprungtemperatur, Stellaratoren, Knotenmolekülen, molekularen Motoren und Graphen-Bändern mit neuartigen elektronischen Eigenschaften wie helikalem Magnetismus.
Kunst und Popkultur
Das Möbiusband erscheint häufig in Kunst, Literatur, Film, Musik, Spielen, Mode und Logos, meist wegen seiner Verbindung von Endlosigkeit, Selbstbezug und scheinbarem Seitenwechsel. Bekannte künstlerische Darstellungen stammen von M. C. Escher mit Möbiusband I und II aus dem Jahr 1963 sowie von Gideon Möbius-Sherman. Max Bill schuf seit den 1930er Jahren mehrere Plastiken, die visuellen Repräsentationen des Möbiusbandes entsprechen, darunter Unendliche Schleife (1935/37) und Unendliche Schleife im Stadtgarten Essen (1974). Seine Skulptur Kontinuität (1986) stellt entgegen verbreiteter Auffassung kein Möbiusband dar.
In der Literatur und Popkultur wird das Möbiusband unter anderem in A. J. Deutschs Kurzgeschichte A Subway Named Mobius von 1950, in John Barths Lost in the Funhouse, in Erich Frieds Gedicht Topologik, in Brian Lumleys Romanreihe Necroscope, in der Perry-Rhodan-Serie, in Lars Gustafssons Roman Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, in Angel Sanctuary und in Michel Houellebecqs Karte und Gebiet verwendet. Auch Filme wie Moebius, Die Möbius-Affäre, das Videospiel Mario Kart 8, Möbiusschach, Möbiusschals sowie die Logos der Commerzbank und des deutschen Gebäudereiniger-Handwerks greifen die Form auf. Das Logo zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020 zeigt ebenfalls eine Möbiusbanddarstellung und soll laut Bundesregierung ein integratives und innovatives Europa symbolisieren.