Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Louis Antoine de Saint-Just

Louis Antoine Léon de Saint-Just de Richebourg (* 25. August 1767 in Decize bei Nevers; † 28. Juli 1794 (guillotiniert) in Paris) war ein französischer …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Rolle in der Revolution
  2. 2. Herkunft und politische Prägung
  3. 3. Aufstieg im Nationalkonvent
  4. 4. Verfassung, Terror und Machtpolitik
  5. 5. Armeemissionen und Sturz
  6. 6. Bewertung und Werke

Bedeutung und Rolle in der Revolution

Louis Antoine Léon de Saint-Just de Richebourg (* 25. August 1767 in Decize bei Nevers; † 28. Juli 1794 in Paris) war ein französischer Politiker während der Französischen Revolution. Er wurde 1792 in den Nationalkonvent gewählt und gewann besonders während des Großen Terrors Einfluss. Er war ein enger Freund und politischer Verbündeter Maximilien de Robespierres.

Saint-Just wirkte an wichtigen Entscheidungen der Revolution mit: am Sturz der Girondisten, an der Anklage gegen Georges Danton und dessen Anhänger sowie an Maßnahmen zur Stabilisierung der französischen Armeen im Krieg gegen Preußen und Österreich. Er gehörte zu den radikalen Revolutionären, die die Republik mit „Tugend und Terror“ gegen innere und äußere Feinde verteidigen wollten. Am 9. Thermidor des Jahres II (27. Juli 1794) wurde er zusammen mit Robespierre und dessen Anhängern gestürzt und am folgenden Tag guillotiniert.

Herkunft und politische Prägung

Saint-Just stammte väterlicherseits aus einer Bauernfamilie in der Picardie. Sein Vater Louis Jean de Saint-Just de Richebourg war Kavalleriehauptmann und Ritter des Heiligen Ludwig; er starb bereits 1777. Seine Mutter Marie Anne Robinot kam aus dem Nivernais. Saint-Just verbrachte seine Jugend in Verneuil, Decize und Blérancourt. Von 1777 bis 1785 besuchte er die Schule Saint-Nicolas der Oratorianer in Soissons. 1786 war er zweiter Gehilfe beim öffentlichen Ankläger in Soissons, um sich für ein Rechtsstudium zu qualifizieren. Im Oktober 1787 begann er an der Universität Reims zu studieren und schloss im April 1788 mit einem Hochschulgrad in Rechtswissenschaften ab.

Für sein republikanisches Denken waren antike und neuzeitliche Autoren wichtig. Genannt werden Platon, Plutarchs Lebensbeschreibungen mit der Figur des spartanischen Gesetzgebers Lykurg, außerdem Montesquieu und Rousseau. 1789 veröffentlichte Saint-Just den Organt, ein erzählendes Gedicht in zwanzig Gesängen, das wegen Majestätsbeleidigung verboten wurde. Ein weiteres frühes Werk war das nur bruchstückhaft erhaltene Theaterstück Arlequin Diogène.

Aufstieg im Nationalkonvent

Saint-Just erlebte am 14. Juli 1789 in Paris die Erstürmung der Bastille. Danach wurde er in Blérancourt politisch aktiv. 1790 ernannte ihn die Gemeinde zum Oberstleutnant der Nationalgarde in Blérancourt, später wurde er Ehrenbefehlshaber der Nationalgarden im Kanton. Am 10. August 1790 schrieb er seinen ersten Brief an Robespierre und stellte ihn darin als Verteidiger des Vaterlandes gegen Despotismus und Intrige dar.

1791 wurde Saint-Just zwar als Abgeordneter in die Gesetzgebende Nationalversammlung gewählt, konnte das Mandat aber wegen seines Alters nicht antreten. 1792 wurde er rechtmäßig als Abgeordneter des Départements Aisne in den Nationalkonvent gewählt und traf am 18. September 1792 in Paris ein. Bereits 1791 hatte er L’Esprit de la revolution et de la constitution de France veröffentlicht. Darin lobte er noch die konstitutionelle Monarchie der neuen Verfassung. Das Buch endet mit dem Satz: „Wenn alle Menschen frei sein werden, werden alle gleich sein; wenn sie gleich sein werden, werden sie gerecht sein. Ehrlichkeit ergibt sich von selbst.“

Öffentlich bekannt wurde Saint-Just unter anderem durch seine Rede im Jakobiner-Klub am 22. Oktober 1792. In der Debatte über Ludwig XVI. vertrat er am 13. November 1792 die Auffassung, es solle keinen gewöhnlichen Gerichtsprozess gegen den ehemaligen König geben, sondern eine politische Entscheidung. Er sagte: „Man kann kein schuldloser Regent sein. […] Jeder König ist ein Rebell und Usurpator.“ Am 15. Januar 1793 stimmte er im Konvent für den Tod des Königs ohne Aufschub und ohne Appellation. Seine Begründung bezog sich auf Rousseaus Contrat social: Der König stehe außerhalb des Gesellschaftsvertrags und müsse daher von der gesetzgebenden Versammlung beurteilt werden.

Verfassung, Terror und Machtpolitik

Saint-Just arbeitete an Vorstellungen für einen neuen Staat, die später als Institutionen überliefert sind. Darin wollte er viele Bereiche des Lebens ordnen, sogar Kindheit, Alter, Hochzeit und Beerdigung. Die Entwürfe enthalten widersprüchliche Züge: einerseits strenge und teils naive Regeln, andererseits liberale Ideen wie eine Ehe, die allein auf Zuneigung beruht und von rechtlichen Bindungen befreit ist.

Im Frühjahr 1793 wurde Saint-Just zusammen mit Hérault de Séchelles und Georges Couthon dem Wohlfahrtsausschuss beigeordnet, um eine neue Verfassung auszuarbeiten. Die Verfassung des Jahres I, die vor allem von Saint-Just stammte, wurde im Juni 1793 vom Konvent angenommen und im Juli mit großer Mehrheit in einer Volksabstimmung bestätigt. Sie trat jedoch nicht in Kraft, weil der Konvent sie wegen Krieg und Krisenlage für die damalige Situation für ungeeignet hielt. Nach Kriegsende sollte sie gelten, dazu kam es aber nie.

Nach dem Aufstand der Pariser Sansculotten vom 31. Mai bis 2. Juni 1793 und dem Sturz der Girondisten sprach sich Saint-Just am 8. Juli 1793 für eine Unterscheidung zwischen geflohenen und festgenommenen Girondisten aus. Die Geflohenen bezeichnete er als die eigentlichen Schuldigen; gegenüber anderen empfahl er Milde.

1794 rechtfertigte Saint-Just den Terror ausdrücklich. In einer Rede am 8. Ventôse (26. Februar 1794) über Inhaftierte nach dem Gesetz über die Verdächtigen vom 17. September 1793 setzte er Terror und Gerechtigkeit eng zusammen: „Gerechtigkeit verurteilt Beamte zur Redlichkeit; Gerechtigkeit macht die Menschen glücklich und festigt die neue Ordnung der Dinge“. Mit den Ventôse-Gesetzen wollte er ermöglichen, das Vermögen von „Feinden der Republik“ zu beschlagnahmen und armen Patrioten zu geben. Diese Gesetze wurden nie angewendet.

Im März und April 1794 griff Saint-Just verschiedene politische Gruppen an. Er sprach von einer „Verschwörung des Auslandes“ und erklärte jede Faktion für kriminell, weil sie die Bürger spalte. Damit bereitete er den Angriff auf die Hébertisten und auf die gemäßigtere Gruppe um Danton vor. Hébert und seine Anhänger wurden im März 1794 hingerichtet, Danton und seine Anhänger am 5. April 1794. Saint-Justs Anklagen arbeiteten wiederholt mit dem Vorwurf von Verschwörungen und Verrat.

Armeemissionen und Sturz

Saint-Just wurde mehrmals als Représentant en mission zu den Armeen geschickt. Im Herbst 1793 reiste er mit Philippe-François-Joseph Le Bas zur Rheinarmee ins Elsass. Ihre Aufgabe war zunächst die Beobachtung der Lage bei Wissembourg und Lauterbourg, doch sie griffen umfassend in Armee, Verwaltung und Öffentlichkeit ein. Sie gaben zahlreiche Erlasse und Befehle heraus, reorganisierten die Truppen und wandten sich auch direkt an Bürgerinnen und Bürger. Nach Erfolgen an der Ostfront, besonders nach dem Einzug französischer Truppen in Landau am 28. Dezember 1793, kehrten sie nach Paris zurück.

Im Januar 1794 gingen Saint-Just und Le Bas zur Nordarmee. Auch dort versuchten sie, Ordnung und Schlagkraft herzustellen. Am 19. Februar 1794 wurde Saint-Just vom Konvent zum Vorsitzenden gewählt. Ende April 1794 reiste er erneut zur Nordarmee und setzte Vorbereitungen für einen Angriff fort. Er arbeitete mit dem Oberbefehlshaber Jean-Baptiste Jourdan zusammen und war an den Kämpfen bei Fleurus beteiligt. Die Festung Charleroi ergab sich am 25. Juni 1794; Saint-Just nahm die Übergabe selbst entgegen. Am 26. Juni 1794 trug die französische Armee in der Schlacht bei Fleurus einen wichtigen Sieg davon. In der Folge mussten die Engländer nach Holland und die Österreicher bis an den Rhein zurückgehen.

Dieser Sieg schwächte zugleich die Begründung für den Terror, weil die äußere Bedrohung geringer erschien. In Paris hatte Robespierre am 10. Juni 1794 die Prairial-Gesetze durchgesetzt, durch die auch Abgeordnete leichter vor das Revolutionstribunal gebracht werden konnten. Saint-Just war bei der Abstimmung nicht in Paris, sondern bei der Nordarmee. Am 30. Juni 1794 kehrte er nach Paris zurück.

Am 8. Thermidor (26. Juli 1794) hielt Robespierre im Konvent eine Rede, in der er anklagte und verdächtigte, aber keine Namen nannte. Dadurch fühlten sich viele Abgeordnete bedroht. Saint-Just arbeitete an einer Rede, die die Lage beruhigen sollte. Am 9. Thermidor (27. Juli 1794) begann er im Konvent zu sprechen und stellte sich als neutral dar: Er gehöre keiner rivalisierenden Partei an. Gegner Robespierres hinderten ihn jedoch am Weitersprechen. Robespierre, Saint-Just, Couthon und weitere Anhänger wurden verhaftet, später von der Pariser Kommune befreit, handelten aber nicht entschlossen gegen den Konvent. In der Nacht nahm die Nationalgarde das Rathaus ein. Am 10. Thermidor (28. Juli 1794) wurden Saint-Just, Robespierre, Couthon und 19 ihrer Anhänger auf dem Platz der Revolution guillotiniert.

Bewertung und Werke

Saint-Just wirkte nur etwa 22 Monate unmittelbar in der Französischen Revolution, wurde aber zu einer der wichtigsten und umstrittensten Figuren der radikalen Phase. In der Geschichtsschreibung wird er sehr verschieden beurteilt. Liberale und konservative Historiker sahen in ihm oft einen fanatischen Verantwortlichen für unschuldige Opfer. Radikale und linke Deutungen stellten ihn dagegen als Beispiel für Idealismus, Selbstaufopferung und revolutionäre Integrität dar. Die romantische und nachromantische Rezeption machte ihn teilweise zum „Todesengel der Revolution“.

Jules Michelet schrieb Saint-Just einen prachtvollen Geist und staatsmännische Begabung zu. René Levasseur meinte, Saint-Just habe an den Ereignissen vielleicht mehr Anteil gehabt als Robespierre selbst. Lazare Carnot hielt ihn seinem Freund Robespierre für überlegen, kritisierte aber seinen Dünkel. Albert Camus setzte sich in Der Mensch in der Revolte intensiv mit Saint-Just auseinander und sah in ihm eine beeindruckende, aber gefährliche Gestalt, die aus hohen Gründen in den Terror einstimmte. Hippolyte Taine urteilte sehr polemisch und warf Saint-Just Lügen, Phrasen und düstere Einbildungskraft vor. Norman Hampson sah in ihm den Prototyp eines revolutionären Fanatikers und einen Vorläufer totalitärer Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts. Antoine Boulant bewertete ihn 2020 abwägender: Er betonte Frühreife, moralische Autorität, Redestil, Kenntnis der ländlichen Welt, Organisationstalent bei den Armeemissionen und Mitgefühl mit Bedürftigen, sah aber zugleich seine Ambivalenz.

Zu Saint-Justs französischen Ausgaben gehören Esprit de la revolution et de la constitution de France (Paris 1791), Fragmens sur les institutions republicaines (Paris 1831) und Œuvres completes (Paris 2004). Auf Deutsch erschienen unter anderem Nachgelassene Schriften und Reden 1851 in Leipzig und 1852 in Kassel sowie Reden von Saint-Just 1925 in Berlin.

Weiterlesen

Paris Paris (deutsch: [paˈʁiːs]; französisch: [paʁi]) ist die Hauptstadt der Französischen Republik und Hauptort der Region Île-de-France. Französische Revolution Die Französische Revolution (1789–1799) gehört zu den folgenreichsten Ereignissen der neuzeitlichen europäischen Geschichte. Nationalkonvent Der Nationalkonvent (französisch Convention nationale) war während der Französischen Revolution die konstitutionelle und legislative parlamentarische … Terrorherrschaft Die Terrorherrschaft war ein Element der Diktatur des zwölfköpfigen Wohlfahrtsausschusses, der zuerst von Georges Danton und dann von Maximilien de Robespierre … Maximilien de Robespierre Er wirkte ab 1789 auf die Französische Revolution ein und gewann bis kurz vor seiner Hinrichtung 1794 einen zunehmend prägenden Einfluss auf ihre Entwicklung. Erster Koalitionskrieg Erster Koalitionskrieg ; 20. April 1792 bis 17. Oktober 1797 · Frankreich Mitteleuropa Italien Belgien Niederlande Spanien Karibik · Französischer Sieg. Reims Reims ([ʁɛ̃s], deutsch auch [ ʁaɪ̯ms]), früher auch Rheims geschrieben, ist eine Stadt in der Champagne im Nordosten Frankreichs, etwa 130 Kilometer von … Platon Diese stellt er der Mathematik entgegen, die auf Axiome angewiesen sei und als Geometrie gezeichneter Figuren bedürfe. ... Winkelarten und sinnlich … Jean-Jacques Rousseau Er gehörte zu den Vordenkern der Aufklärung und war ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. Rousseau hatte zudem großen Einfluss auf die … Gewalt Gewalt bezeichnet im Deutschen zweierlei: Rechtsphilosophisch bezeichnet es „ordnende Staatsgewalt“ (lateinisch potestas), soziologisch und gemeinsprachlich … Sturm auf die Bastille Der Sturm auf die Bastille (französisch La prise de la Bastille ‚die Einnahme der Bastille') am 14. Juli 1789 gilt als eines der bedeutenden Ereignisse am … Konstitutionelle Monarchie Die konstitutionelle Monarchie war die am weitesten verbreitete Regierungsform im Europa des 19. Jahrhunderts. Mit der Zeit entwickelten sich viele dieser …