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Losverfahren

Das Losverfahren dient der Herbeiführung einer Entscheidung nach dem Zufallsprinzip. Es wird in der Politikwissenschaft, der ökonomischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und geschichtete Auswahl
  2. 2. Losverfahren in Politik und Geschichte
  3. 3. Stichentscheide, Justiz und Verwaltung
  4. 4. Wirtschaft, Güter und Technik
  5. 5. Kirche, Kultur und Sport

Grundprinzip und geschichtete Auswahl

Ein Losverfahren führt eine Entscheidung nach dem Zufallsprinzip herbei. Es wird eingesetzt, wenn andere Auswahlverfahren willkürlich oder ungerecht wirken oder wenn sein Aufwand-Nutzen-Verhältnis für die Beteiligten günstiger ist. Es spielt außerdem beim Glücksspiel eine Rolle. Behandelt wird es unter anderem in Politikwissenschaft, ökonomischer Entscheidungstheorie, Medizinethik, Soziologie, Geschichtswissenschaft, politischer Philosophie, Mathematik, Computerwissenschaft und Psychologie.

Typische Anwendungen sind die Zuteilung von Studienplätzen und knappen Gütern, die Einberufung von Wehrpflichtigen sowie die Festlegung von Partien und Startplätzen im Sport.

Beim einfachen Losverfahren hat jede Person dieselbe Auswahlwahrscheinlichkeit. Beim geschichteten Losverfahren wird die Bevölkerung zunächst nach Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Bildung oder Region in Schichten eingeteilt. Danach werden innerhalb jeder Schicht Personen zufällig gezogen, und zwar entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Rein zufällige Stichproben sind im Erwartungswert repräsentativ; bei kleinen Gruppen können jedoch starke Zufallsschwankungen entstehen. Die Schichtung soll dieses Risiko verringern und Unterrepräsentation relevanter Bevölkerungsgruppen verhindern.

Losverfahren in Politik und Geschichte

In der Politik werden Losverfahren als Ersatz für oder Ergänzung zu Wahlen diskutiert; sie können auch als Stichentscheid dienen. In der attischen Demokratie und in der Demarchie konnten sie Entscheidungsträger bestimmen. In der deliberativen Demokratie, also bei beratender politischer Diskussion, dienen sie zur Auswahl der Mitglieder eines rein beratenden Gremiums. Bürgerräte und Bürgerforen nutzen häufig geschichtete Lose, damit die Zusammensetzung statistisch-repräsentativ ist und dadurch gesellschaftliche Legitimität gewinnt.

Irland setzte das Verfahren 2013–2014 im Verfassungskonvent (Constitutional Convention) und 2016–2018 in der von der Regierung einberufenen Bürgerversammlung (Citizens’ Assembly) ein. Ende 2019 wurde das Losverfahren bei den Vorbereitungen der beratenden Konferenz zur Zukunft Europas in der EU angesprochen. Karl-Heinz Lambertz nannte es dafür „eine Möglichkeit“. Gisela Erler schlug im November 2019 drei Gremien vor: eine gesamteuropäische Citizen Assembly, eine parallele Jugendversammlung und eine Versammlung der organisierten Zivilgesellschaft.

Historisch wurden Lose vielfältig verwendet. Im antiken Griechenland etwa bei der Verteilung von Opferfleisch, Erbmasse, Grundstücken und Kommandobereichen sowie für politische und juristische Ämter. In Athen wurden im 5. Jahrhundert v. Chr. fast alle Ämter ausgelost, damit berechtigte Bürger gleich behandelt wurden. Ab 487 v. Chr. bestimmte man Archonten durch Los. Jede Phyle entsandte 50 ausgeloste Personen in den Rat der Fünfhundert; die Prytanie bestand aus 50 Personen, wechselte alle 36 Tage und bestimmte ihren täglich wechselnden Leiter, den Prytanen, per Los.

In Venedig verband die Dogenwahl Lose mit Verhältnis- und Mehrheitswahl. Sie diente einer Oligarchie aristokratischer Familien, nicht einer Volksherrschaft. Ein etwa zehnjähriger Ballottino zog zunächst 30 Loskugeln; das sollte Fälschung, Manipulation und Korruption erschweren. Das System bestand mit Änderungen bis 1797. In Genua wurden jährlich fünf von 90 Namen für den Rat gezogen; daraus entwickelte sich das Lotto „5 aus 90“. Florenz nutzte Lose von 1328 bis 1530, Aragón von 1350 bis 1715, jeweils nach einer Vorauswahl möglicher Kandidaten.

Stichentscheide, Justiz und Verwaltung

Bei Stimmengleichheit oder rechtlichen Konflikten kann ein Los entscheiden. Bei den Schweizer Parlamentswahlen 1939 entschied im Kanton Basel-Landschaft das Los zwischen Hugo Gschwind und Walter Hilfiker. Beide waren in den Nationalrat gewählt worden, gehörten aber zugleich dem Regierungsrat an; nur ein Regierungsratsmitglied durfte in den Nationalrat einziehen. 2011 fiel bei zwei CVP-Kandidaten im Kanton Tessin mit exakt gleicher Stimmenzahl ebenfalls ein Losentscheid. In Luxemburg entscheidet das Los, falls zwei nahe Verwandte oder ein Ehepaar zugleich Mandate in der Abgeordnetenkammer erhielten und niemand freiwillig verzichtet.

In mehreren Ländern werden Laienrichter oder Geschworene ausgelost und wirken in Strafverfahren mit Berufsrichtern zusammen. In den USA entscheiden Geschworene unabhängig vom Richter über die Schuldfrage, in Österreich sind sie mindestens gleichberechtigt. Im antiken Griechenland wurden Gerichte durch ausgeloste Geschworene besetzt; heute wird dort noch der Oberste Sondergerichtshof per Los aus der Richterschaft bestimmt. Können sich Ehepartner bei der Eheschließung nicht auf einen gemeinsamen Familiennamen einigen, legt der Standesbeamte ihn per Los fest.

Gemeindeeinwohner haben grundsätzlich Anspruch auf die Nutzung öffentlicher Einrichtungen. Übersteigt die Nachfrage die Kapazität, muss die Auswahl nach objektiven Kriterien erfolgen. Möglich sind das Windhundprinzip, bei dem die zuerst kommende Person Vorrang hat, das Rotationsprinzip oder ein Losverfahren.

Liechtenstein vergibt jährlich 64 neue Aufenthaltsbewilligungen: 56 an Berufstätige und acht an nicht Berufstätige. Von den 56 Bewilligungen für Berufstätige wird die Hälfte nach wenig transparenten Kriterien „nach den Bedürfnissen der Wirtschaft“ vergeben; die andere Hälfte sowie die Bewilligungen für nicht Berufstätige werden ausgelost. In den USA kann die Green-Card-Lotterie zu einer dauerhaften Aufenthaltsbewilligung führen. Bei Studienplätzen entscheidet in bestimmten Ranggleichheiten das Los; bei gleicher Durchschnittsnote gelten zuvor Wartezeit und Dienst als nachrangige Kriterien.

Wirtschaft, Güter und Technik

In der Spieltheorie heißt die Anwendung eines Zufallsverfahrens gemischte Strategie. Computersimulationen nutzen Las-Vegas- und Monte-Carlo-Algorithmen zur Verringerung des Rechenaufwands. Manche Betriebssystemkerne verteilen Hardwareressourcen wie Arbeitsspeicher zufällig auf rechenwillige Prozesse; dies wird Lotterie-Scheduling genannt.

Auch Land und andere knappe Güter wurden oder werden verlost. Ezechiel 47 beschreibt die Verteilung des Landes als Erbbesitz durch Los, auch an nicht-jüdische Einwohner im Herrschaftsbereich israelischer Stämme. Das Verfahren soll Bevorzugung und Benachteiligung verhindern. Ein Kleruch im antiken Griechenland war ein Ansiedler, der ausgelost ein erobertes Grundstück erhielt. Tacitus und möglicherweise schon Caesar erwähnten eine Auslosung der Feldmark unter germanischen Bauern. Die Freimarkung Osing ist heute die einzige Allmende Europas, die noch ein Losverfahren zur Verteilung unter Rechteinhabern verwendet.

Beim ersten Oklahoma Land Run 1889 galt zunächst das Windhundprinzip; gewalttätige Übergriffe folgten. Bei späteren Land Runs parzellierten Behörden das Land vorher und verlosten die Parzellen. Ein Baulos ist die Unterteilung eines Bauwerks in Bauabschnitte; der Name erinnert an die frühere Verlosung dieser Abschnitte unter mehreren Bietern. Private Hausverlosungen in Österreich und anderen europäischen Ländern waren in den 2000er-Jahren wegen unerlaubten Glücksspiels illegal; nur vier Verlosungen wurden erfolgreich durchgeführt.

Weitere Beispiele sind die Verteilung von Käse beim Chästeilet im Justistal, Eintrittskarten für die Fußballweltmeisterschaft 2006 und für Hikaru Utadas Japan-Tour 2006 sowie die Aufteilung des früher gemeinsamen Straßenbahnwagenparks Mannheim/Ludwigshafen zum 1. Januar 1965.

Kirche, Kultur und Sport

Im Neuen Testament wurde Matthias aus zwei Kandidaten durch Losentscheid als Nachfolger von Judas Iskariot zum Apostel bestimmt (Apg 1,15-26). Der Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche wird durch Los aus drei zuvor von den Bischöfen gewählten Kandidaten bestimmt. Beim Bohnenkönig wird in manchen Ländern am Dreikönigstag eine Bohne in Kuchen oder andere Speisen eingebacken. Wer sie in seinem Stück findet, erhält für einen Tag das Königsamt mit allen Ehren.

Im Fußball konnte früher bei Pokalspielen, Relegationsspielen und K.-o.-Runden ein Münzwurf den nötigen Sieger bestimmen, wenn ein Spiel nach Verlängerung unentschieden war. Weil diese Entscheidung allein vom Zufall und nicht von sportlicher Leistung abhing, wurde der Münzwurf durch Elfmeterschießen und andere Regelungen ersetzt.

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