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Saul
Saul (hebräisch שָׁאוּל Schaʾul) gilt nach biblischem Bericht als erster König Israels, unter dem die 12 Stämme zu einem Königreich vereint wurden.
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Kern und Quellenlage
Saul (hebräisch שָׁאוּל Schaʾul) gilt nach dem biblischen Bericht als erster König Israels. Unter ihm sollen die 12 Stämme zu einem Königreich vereint worden sein. Die Dauer seiner Herrschaft ist unbekannt.
Für Sauls Herrschaft gibt es keine zeitgenössischen außerbiblischen Quellen und keine archäologischen Belege. Deshalb ist seine Historizität in der Forschung stark umstritten. Wenn seine Herrschaft historisch eingeordnet wird, dann meist in die frühe Eisenzeit in Kanaan, also in die Eisenzeit I um etwa 1000 v. Chr. Die Richterzeit wird entsprechend ungefähr auf 1200–1000 v. Chr. datiert.
Biblischer Bericht
Die biblischen Erzählungen über Saul stehen vor allem im 1. Buch Samuel, 1 Sam 8–31. Saul wird dort als Sohn des Kisch aus Gibea im Stamm Benjamin vorgestellt. Er stammt aus einer vornehmen Familie und wird äußerlich als idealtypischer Herrscher beschrieben: schön und außergewöhnlich groß.
Nachdem Israel einen König verlangt, salbt Samuel Saul auf Gottes Geheiß zum Fürsten. Danach folgt ein Bericht über Sauls Wahl zum König durch ein Losverfahren in Mizpa. Saul kämpft gegen Ammoniter und Philister; auch sein Sohn Jonathan spielt dabei eine wichtige Rolle. Nach der biblischen Darstellung sichert Saul die Existenz Israels, indem er mit Verbündeten Ammoniter im Osten, Amalekiter im Süden und Philister in der westlichen Küstenebene zurückdrängt.
In 1 Sam 15 wird Saul als König verworfen, weil er nach einem Kriegszug gegen die Amalekiter den Bann nicht vollständig vollzieht. Danach wird David heimlich zum König gesalbt. Weil Saul von „einem bösen Geist vom HERRN“ verstört wird, kommt David als Harfenspieler an den Hof. Später entstehen Konflikte zwischen Saul und David. David flieht vor Saul, der inzwischen auch sein Schwiegervater ist. Saul lässt die Priester von Nob wegen angeblicher Illoyalität töten und verfolgt David weiter.
Vor einer Schlacht erhält Saul keine Antwort durch ein Orakel. Deshalb sucht er die Totenbeschwörerin von En-Dor auf, um den verstorbenen Samuel um Rat zu fragen. In der Schlacht am Gebirge Gilboa wird Saul schwer verwundet. Als sein Waffenträger sich weigert, ihn zu töten, stürzt Saul sich selbst in sein Schwert. Auch Sauls Söhne sterben in der Schlacht. Danach wird Isch-Boschet, ein Sohn Sauls, König über Israel, während David König über Juda wird.
Historische Einordnung
Die meisten biblischen Berichte über Saul gelten historisch als schwer auswertbar. Sie sind einerseits durch die spätere Bedeutung Davids überlagert und zeichnen Sauls Scheitern negativ. Andererseits diskutieren sie aus späterer Perspektive grundsätzlich die Vor- und Nachteile des Königtums.
Da für Saul sichere Merkmale eines Staates fehlen, wird seine Herrschaft eher als Häuptlingstum denn als Königtum verstanden. Solche Merkmale wären etwa eine Residenz, ein Verwaltungsapparat, eine Justizorganisation, eine Militär- und Wirtschaftsorganisation sowie ein Steuer- und Abgabensystem. Sauls Herrschaft erscheint daher noch stark im Familiensystem und in Stammesstrukturen verankert.
Nach historischer Einordnung gewann Saul mithilfe einer Söldnertruppe und der Unterstützung seines Stammes Einfluss über mittelpalästinische und nordtransjordanische Stämme in der Gebirgsregion nördlich des Toten Meeres und in Gilead. Zum Kerngebiet des „saulidischen Israel“ gehörten die benjaminitischen Dörfer Mizpa, Gilgal, Gibea, Rama, Geba und Michmas. Juda, Galiläa, die Scharonebene und die philistäische Küstenebene standen demnach nicht unter seiner Herrschaft.
Sauls Herrschaft stand im Schatten der Philister. Ein Widerstand der Philistokanaanäer gegen eine zentralisierte Herrschaft im Gebiet Benjamins gilt als plausibel, weil südliches Ephraim und Benjamin als Hinterland der Küstenstädte wirtschaftlich wichtig waren. Dagegen gelten Kämpfe um die Vorherrschaft in der Jesreelebene oder im Bet-Schean-Becken für Sauls Zeit als unwahrscheinlich und eher ins 9. Jh. v. Chr. gehörig. Auch die Erzählung in 1 Sam 11 f. über die Ammoniter wird angesichts der Quellenlage nicht als historisches Ereignis vorausgesetzt.
Vermuteter Hintergrund
Historisch-kritische Deutungen nehmen häufig an, dass Saul nur wenige Jahre herrschte. Die jüdische Tradition nennt dagegen symbolische Regierungszeiten von jeweils 40 Jahren für Saul, David und Salomon. Die Angabe in 1 Sam 13,1 wird nicht als historisch bewertet.
Ein mögliches erstarkendes Stammeskönigtum Sauls und seiner Söhne im Norden könnte Handelswege der Ägypter und der Philisterstädte in Ebene und Küstengebiet bedroht haben. Daraus könnten anhaltende militärische Konflikte entstanden sein, die Saul letztlich nicht gewinnen konnte und die tödlich endeten. Als mögliche Grenzen eines solchen Herrschaftsgebiets werden die biblisch genannten Gebiete „Gilead, Ascher, Jesreel, Efraim und Benjamin“ genannt.
Die Erzählungen um David und Saul greifen vermutlich auf alte Heldensagen zurück. Kritiker deuten sie oft als pro-davidische Darstellung aus einer Zeit, in der David das Haus Sauls bei den Nordstämmen bereits beerbt hatte. Möglich ist auch, dass spätere Erinnerungen durch Mentalität und Kultur des 7. bis 4. Jh. v. Chr. geprägt wurden.
Deutung in Tradition und Kultur
In der Tradition entsteht ein ambivalentes Bild Sauls. Er erscheint einerseits heroisch und anfangs siegreich sowie gottgeleitet, andererseits tyrannisch, wahnhaft und gottvergessen. Tragisch wirkt seine Gestalt, weil Gott, Samuel, David und die eigenen Kinder ihm die Unterstützung entziehen.
In der jüdischen Tradition wird Saul überwiegend positiv beurteilt. Josephus beschreibt ihn nach dem Ideal des hellenistischen Helden und Herrschers, verschweigt aber negative Züge nicht. Auch in der rabbinischen Literatur überwiegen seine Tugenden; gelobt wird etwa seine Monogamie. Seine Sünden gelten dort als vergeben, weil er in der Entscheidungsschlacht gegen die Philister den Tod als Strafe Gottes mutig annahm. Dass der Apostel Paulus mit hebräischem Namen Saul hieß, wird als Zeichen des Stolzes der Benjaminiten auf den König verstanden.
Im Koran erscheint ein Verweis auf den ersten König Israels in Sure 2:246 ff. Sein Name ist dort zu Tālūt / طالوت umgestaltet, möglicherweise in Angleichung an Dschālūt oder als Anspielung auf tāla / طال / „groß sein“, also auf seine außergewöhnliche Körpergröße. Eine Episode über die Prüfung israelitischer Truppen an einem Bach nimmt vermutlich Motive aus der biblischen Gideon-Geschichte auf.
Saul wurde außerdem in Musik, Literatur und Malerei aufgegriffen. Beispiele sind Georg Friedrich Händels Oratorium „Saul“, Carl Nielsens Oper „Saul und David“ und Pieter Bruegel d. Ä.s Gemälde „Selbstmord Sauls“ von 1562.