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Liste geflügelter Worte/W
Liste geflügelter Worte/W · 1 Wacht am Rhein · 2 Wacht auf, Verdammte dieser Erde! · 3 Wagalaweia! · 4 Wandel durch Annäherung · 5 Wanderer, kommst du nach Sparta.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick: geflügelte Worte mit W
Der Artikel versammelt geflügelte Worte, also bekannte Zitate, Redensarten, Liedzeilen und Titel, die sich vom ursprünglichen Werk oder Anlass gelöst haben und im Alltag weiterverwendet werden. Sie stammen besonders aus Literatur, Bibel, Theater, Musik, Politik, Werbung und Sport. Ihre heutige Bedeutung weicht dabei teilweise vom ursprünglichen Zusammenhang ab; außerdem sind einige beliebte Zuschreibungen nicht belegbar oder sachlich falsch.
Viele Einträge erklären zugleich die Funktion eines Ausdrucks. „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“ wird genutzt, um auf nahe liegende Lösungen oder auf die Attraktivität der Heimat hinzuweisen. „Wasch mir den Pelz und mach ihn nit nass!“ bezeichnet den Wunsch nach einem Vorteil ohne jeden Nachteil. „Wie ein Elefant im Porzellanladen“ steht für ein plumpes Vorgehen in einer empfindlichen Angelegenheit, „wie die Orgelpfeifen“ für der Größe nach aufgestellte Kinder, und „wie ein Mann“ betont gemeinsames oder gleichzeitiges Handeln, nicht besondere Männlichkeit.
Weitere allgemeine Sprichwörter formulieren Regeln oder Warnungen: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“, „Wer suchet, der findet“, „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ und „Wer bessern will, macht oft das Gute schlimmer“. Das Bild vom Hammer und Nagel beschreibt, dass Menschen mit nur einem vertrauten Werkzeug jedes Problem in derselben Weise sehen. „Wichtig is’ auf’m Platz“ stellt im Fußball die praktische Entscheidung im Spiel über vorherige Theorie.
Literatur, Theater und Philosophie
Ein großer Teil der Wendungen geht auf deutschsprachige Literatur zurück. Aus Goethes Werken stammen etwa „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“ aus Faust I: Ererbtes muss aktiv genutzt und erworben werden, sonst wird es zur Last. In Faust II heißt es: „Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen.“ Ebenfalls aus Goethe kommen der Beginn des Erlkönig „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“, der später zur Bezeichnung getarnter Auto-Prototypen wurde, und „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten“ aus Götz von Berlichingen.
Schiller liefert unter anderem den Rütlischwur „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“ aus Wilhelm Tell sowie „Wenn die Könige bau’n, haben die Kärrner zu tun“. Letzteres kritisiert ursprünglich Philosophieausleger, wird aber allgemein für die Arbeit derjenigen gebraucht, die die Vorhaben Mächtiger ausführen müssen. „Wehe, wenn sie losgelassen!“ aus Das Lied von der Glocke warnt vor der zerstörerischen Kraft des entfesselten Feuers; „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, / Da kann sich kein Gebild gestalten“ wird scherzhaft bei erfolgloser Gewaltanwendung zitiert.
Auch Shakespeare-Zitate erscheinen häufig: Shylocks Frage „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ betont die gemeinsame menschliche Verletzlichkeit; „Wer bessern will, macht oft das Gute schlimmer“ stammt aus König Lear. Brechts Werke liefern politische und moralische Formeln, etwa „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ aus der Dreigroschenoper, „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist?“ aus An die Nachgeborenen und „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ aus Leben des Galilei.
Philosophisch prägnant sind Nietzsches „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ aus der Götzen-Dämmerung und sein Begriff „Wille zur Macht“. Wittgensteins Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ aus dem Tractatus logico-philosophicus meint nicht verschwiegenes Geheimwissen: Was Sprechen und Denken überhaupt ermöglicht, kann nicht selbst deren Gegenstand sein. Bacons „Wissen ist Macht“ fordert wissenschaftliche Kenntnis als Voraussetzung, Naturzusammenhänge gezielt nutzen zu können.
Biblische und religiöse Wendungen
Zahlreiche geflügelte Worte beruhen auf Bibelstellen. Die Goldene Regel lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“ „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ ist Jesu Antwort auf die Forderung, eine beim Ehebruch ertappte Frau zu steinigen. Die Wendung mahnt, andere nicht zu verurteilen, ohne die eigene Schuld zu bedenken.
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ geht auf 2 Thess 3,10 zurück. Gemeint ist dort, dass Menschen selbst für sich sorgen und anderen nicht zur Last fallen sollen; die genaue Bibelstelle lautet: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“ steht bei Matthäus 12,30 und Lukas 11,23. Daneben überliefern Markus 9,40 und Lukas 9,50 die umgekehrte Aussage: „Wer nicht wider uns ist, der ist für uns.“
Weitere biblische Formeln sind „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“, eine Aufforderung, die Lehre einer Mitteilung aufmerksam zu erfassen, „Wie Schuppen von den Augen fallen“ für plötzliches Erkennen sowie „Wie Sand am Meer“ für eine unzählbar große Menge. „Wider den Stachel löcken“ geht auf das Bild eines Ochsen zurück, der gegen den Stachelstock ausschlägt; heute bezeichnet es den Kampf gegen einen starken Trend oder Widerstand. „Wunderlicher Heiliger“ bedeutete bei Luther noch einen wunderbar oder Wunder wirkenden Heiligen, bezeichnet heute aber einen Sonderling.
Religiöse Lieder und Texte wurden ebenfalls zu festen Formeln: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ ist Georg Neumarks Trostlied um 1641 über Gottvertrauen. „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ eröffnet Emil Luckhardts deutsche Fassung der Internationale. Der Text des französischen Kommunarden Eugène Pottier entstand 1871; das Lied war besonders bei Maifeiern wichtig und bis 1943 Nationalhymne der Sowjetunion.
Politik, Geschichte und gesellschaftliche Kritik
Viele Zitate sind mit politischen Konflikten verbunden. Egon Bahr prägte im Juli 1963 mit seinem Tutzinger Vortrag die Formel „Wandel durch Annäherung“. Er verlangte für die deutsche Außenpolitik die Aufgabe der Politik der Stärke; Veränderungen sollten langfristig durch viele kleine Schritte erreicht werden. Der Satz wurde zum Leitgedanken im Zusammenhang mit Willy Brandts Ostverträgen.
„Wir sind das Volk!“ war eine Parole der Montagsdemonstrationen in der DDR im Herbst 1989. Mit ihr protestierten DDR-Bürger gegen die politischen Verhältnisse und beanspruchten, selbst das Volk zu repräsentieren. „Wir sind ein Volk!“ wurde später im Zusammenhang mit deutscher Einheit verwendet; wann Demonstrierende ihn erstmals skandierten, bleibt nach dem Artikel unklar. Hans-Dietrich Genscher sagte auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise […] möglich geworden ist.“ Das Ende ging im Jubel Tausender DDR-Flüchtlinge unter.
Der Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ wird Michail Gorbatschow zugeschrieben, stammt aber nach dem Artikel von seinem Sprecher Gennadi Gerassimow. Gorbatschow sagte am 5. Oktober 1989 in Berlin: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“; in seinen Memoiren schrieb er, zwei Tage später habe er Erich Honecker gesagt: „Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Angela Merkels „Wir schaffen das“ bezieht sich auf die Aufnahme von Flüchtlingen während der Flüchtlingskrise 2015/2016.
Brecht reagierte in Die Lösung auf die Ereignisse des 17. Juni 1953 mit der Frage, ob die Regierung nicht „das Volk auf[löste] und / Wählte ein anderes“. Der Text wurde am 9. Dezember 1959 erstmals in Die Welt veröffentlicht. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ wurde Anfang der 1970er Jahre in der Anti-Atomkraft-Bewegung gegen das Kernkraftwerk Wyhl bekannt und wird häufig, aber irrtümlich, Brecht zugeschrieben.
Auch problematische und propagandistische Sätze werden eingeordnet: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ stammt aus Joseph Goebbels’ Sportpalastrede vom 18. Februar 1943. „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“ äußerte Hans Filbinger zu Todesurteilen, an denen er als Kriegsmarinerichter beteiligt war. „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ entstand in der Novemberrevolution 1918, bezog sich zunächst auf die SPD-Zustimmung zu Kriegskrediten vom 4. August 1914 und wurde später auch von Nationalsozialisten verwendet.
Lieder, Film, Medien und populäre Sprache
Musik und Film verbreiteten viele Formeln weit über ihren ursprünglichen Zusammenhang hinaus. Max Schneckenburgers patriotisches Gedicht Die Wacht am Rhein entstand 1840/41; Carl Wilhelms Vertonung von 1854 machte es volkstümlich. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erhielt es besondere mobilisierende Bedeutung. In Casablanca singen deutsche Offiziere das Lied, während andere Gäste als Antwort die Marseillaise anstimmen.
„We Shall Overcome“ war ein wichtiges Protestlied der US-Bürgerrechtsbewegung. Joan Baez wurde seit 1963 damit verbunden; Lyndon B. Johnson verwendete die Formel 1965 nach den Märschen von Selma nach Montgomery in einer Kongressrede. „We Are the Champions“ von Queen erschien im Oktober 1977 auf dem Album News of the World und wird vor allem von Fans siegreicher Sportmannschaften gesungen. Scorpions’ Wind of Change feiert den politischen Wandel Ende der 1980er Jahre, den Fall der Berliner Mauer, neue Freiheit im Ostblock und das erwartete Ende des Kalten Krieges.
„Warten auf Godot“ ist Samuel Becketts Stück des absurden Theaters von 1949. Estragon und Wladimir warten auf Godot, den sie nicht kennen und dessen Existenz ungewiss ist; er erscheint nicht. „Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen“ sagt Doc Brown im Film Zurück in die Zukunft (1985), als Marty McFly auf die zu kurze Straße für die Zeitreise verweist. „Wenn Sie vom Flug… vom … vom Hauptbahnhof starten“ stammt aus Edmund Stoibers Transrapidrede vom 21. Januar 2002 und wurde wegen der Versprecher vielfach persifliert.
Aus Sport und Unterhaltung stammen „Was erlauben Strunz?“ und „Ich habe fertig!“ aus Giovanni Trapattonis Pressekonferenz vom 10. März 1998 über Thomas Strunz. „Wo laufen sie denn?“ wurde durch Wilhelm Bendows und Paul Morgans Sketch Rennbahngespräche sowie Loriots Trickfilm bekannt. „Wer soll das bezahlen?“ ist der Kehrreim eines Kölner Karnevalsschlagers von 1948/49: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt, / wer hat soviel Pinke-Pinke, wer hat soviel Geld?“ Pinkepinke ist ein umgangssprachliches Wort für Geld.
Unsichere Zuschreibungen und Bedeutungswandel
Der Artikel macht mehrfach deutlich, dass geläufige Zitate überprüft werden müssen. Marie-Antoinette soll gesagt haben: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie eben Kuchen essen!“ Der Satz steht jedoch schon in Rousseaus zwischen 1765 und 1770 geschriebenen Bekenntnissen, als sie noch ein Kind war; es handelt sich um eine Wanderanekdote. Außerdem ist brioche kein Kuchen im heutigen Sinn, sondern ein Hefegebäck, das im 18. Jahrhundert eher Weißbrot entsprach.
„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ ist als Adenauer-Zitat nicht nachgewiesen. Belegt ist dagegen in Paul Weymars Biografie von 1955 die Ergänzung: „Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.“ „We are not amused!“ wird Königin Victoria zugeschrieben, ist aber nur angeblich in den verschiedenen geschilderten Situationen gefallen. Der Ausdruck bedeutet gewöhnlich starkes Missfallen oder Wut, nicht bloß „Wir finden das nicht lustig!“
Auch die Behauptung, das chinesische Wort für Krise bestehe aus denselben Schriftzeichen wie Chance, ist ungenau. Krise heißt 危机: 危 wēi bedeutet gefährlich, 机 jī kommt auch in 机会 jihui für Gelegenheit vor. „Wie soll man ein Volk regieren, das 246 Käsesorten hat?“ wird Charles de Gaulle zugeschrieben; die Zahl stimmt aber nicht mit aktuellen Schätzungen überein, denn mehr als 700 französische Käsesorten sind bekannt.
Schließlich zeigen einzelne Beispiele, wie sich Schreibungen verändern: Richtig ist bei Schiller „Was da kreucht und fleugt“, nicht die verbreitete Analogieform „fleucht“. „Wenn du deinen Teller leer isst, dann gibt es morgen gutes Wetter“ beruht wahrscheinlich auf einer Fehlübersetzung des Plattdeutschen: goodes wedder bedeutet hier „wieder etwas Gutes“, nicht gutes Wetter. Solche Erläuterungen helfen, Herkunft, ursprünglichen Sinn und moderne Verwendung eines geflügelten Wortes auseinanderzuhalten.