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Lied der Mutter Courage

Paul Dessau hat die Melodie des Liedes, die nach dem Erfolg von Mutter Courage und ihre Kinder untrennbar mit Brecht verbunden war, noch ein weiteres Mal …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Funktion im Drama
  2. 2. Entstehung und Textfassungen
  3. 3. Melodie und Vertonungen
  4. 4. Musikalische Gestaltung bei Dessau
  5. 5. Spätere Verwendung und Quellen

Bedeutung und Funktion im Drama

„Das Lied der Mutter Courage“, auch „Geschäftslied der Mutter Courage“, wird von der Titelfigur in Bertolt Brechts Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ gesungen. Seine Strophen sind auf mehrere Szenen verteilt. Es charakterisiert Mutter Courage als Händlerin im Krieg und verfolgt zugleich ihre Entwicklung.

Im ersten Bild ist es ihr Auftrittslied: Auf die Frage des Feldwebels „Wer seid ihr?“ antwortet sie „Geschäftsleut“, spricht die Offiziere direkt an und bietet Waren an. Im letzten Bild kehrt das Lied wieder und rahmt so die ganze Handlung. Der Gegensatz der Bilder ist deutlich: Zu Beginn steht die Familie gemeinsam mit einem intakten Wagen da; am Ende zieht die verelendete Courage den leeren Wagen allein weiter in den Krieg.

Das Lied besteht aus Strophen und einem unveränderten Refrain. Die Strophen schildern die düstere Kriegssituation und führen teilweise die Handlung fort. Der Refrain stellt dem das zähe Weiterleben gegenüber: „Der Schnee schmilzt weg/Die Toten ruhn/Und was noch nicht gestorben ist/Das macht sich auf die Socken nun“.

Entstehung und Textfassungen

Brecht schrieb den Text wahrscheinlich im September oder Oktober 1939 im schwedischen Exil auf Lidingö, nach Angaben seiner Mitarbeiterin Margarete Steffin. Seine spätere Behauptung, das Drama sei schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Svendborg entstanden, ist nicht belegt. In einer frühen Szenenübersicht stehen bereits „Das Frühjahr kommt“, das Bibelzitat „Laßt die Toten die Toten begraben“ (Mt 8,22 EU; Lk 9,60 EU) und der Hinweis „Seeräuber“.

Es gibt grob drei Textfassungen: ein Typoskript von 1939, das Bühnenmanuskript für die Zürcher Uraufführung 1941 sowie den Druck in Brechts Reihe „Versuche“, der vor und nach der Berliner Erstaufführung in leicht verschiedenen Varianten erschien. Auch die Liedsammlungen „Courage-Lieder“ von 1948 und 1949 zeigen geringfügige Unterschiede.

Die erste Strophe blieb fast gleich; nur aus „Herr Hauptmann“ wurde vermutlich aus aufführungspraktischen Gründen „Ihr Hauptleut“. In der zweiten und Schlussstrophe schärfte Brecht einzelne Verse. Besonders wichtig ist eine zusätzlich eingefügte Halbstrophe vor Strophe 3 im 7. Bild. Sie verwendet die Melodie der Verse 5 bis 8 und durchbricht damit das sonstige Strophenmodell. In separaten Lieddrucken fehlt sie, für Aufführungen des Stücks war sie jedoch vorgesehen. Brecht wollte damit einer zu positiven Sicht auf Courage entgegenwirken, besonders durch: „Der Krieg ist nichts als die Geschäfte/Und statt mit Käse ists mit Blei.“

Melodie und Vertonungen

Die Melodie stammt nicht von Brecht. Er verwendete sie schon für seine „Ballade von den Seeräubern“, die spätestens 1918 entstanden sein muss, 1923 erstmals gedruckt und 1926/1927 in Taschenpostille und Hauspostille mit zwei leicht abweichenden Notenfassungen veröffentlicht wurde. In der Hauspostille schrieb Brecht: „Die Melodie ist die von L’Etendard de la Pitié.“ Diese Quelle wurde erst 2012 wiedergefunden: ein 1905 in Paris gedrucktes Chanson. Die Musik schrieb Émile Wesly, den Text Léon Durocher. Das Lied ist ein Hymnus auf die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes auf dem Schlachtfeld.

Brecht übernahm die Melodie für die Seeräuberballade mit Änderungen, vor allem im hinteren Teil der Strophe, und ließ sie auch für Mutter Courage verwenden. Diese Übernahme einer vorhandenen Melodie heißt Kontrafaktur. Das Lied nutzt das Metrum der Seeräuberballade: einen jambischen Vierheber, also vier Betonungseinheiten mit unbetonter und betonter Silbe, mit einer Zäsur nach dem zweiten Versfuß.

Der zunächst angesprochene Komponist Simon Parmet vertonte das Stück, doch seine Partitur wurde nie aufgeführt und gilt als verschollen. Für die Zürcher Uraufführung 1941 schrieb Paul Burkhard die Bühnenmusik. Er übernahm die Seeräuber-Melodie für die Strophen, schuf aber einen stark abweichenden Refrain und änderte unter anderem das Tonartverhältnis. Die heute verbindliche Vertonung stammt von Paul Dessau. Er arbeitete ab 1946 eng mit Brecht zusammen, fertigte im August 1946 die zwölf Musiknummern umfassende „amerikanische Fassung“ an und überarbeitete sie 1948 für die Berliner Erstaufführung.

Musikalische Gestaltung bei Dessau

In Brechts Seeräuber-Vorlage beginnt die Melodie auftaktig mit einem fallenden Molldreiklang in Achteln. Die Strophen beruhen auf d-Moll, der Refrain wechselt zur parallelen Dur-Tonart F-Dur. Dort ändern sich auch Stimmung und Tempo: Auf die schnelle Strophe folgt ein breiter, hymnischer Refrain. Diese Zweiteilung bleibt im Courage-Lied erhalten, doch der Refrain feiert nun ein unbekümmertes Weiterleben trotz des allgegenwärtigen Todes.

Dessau behielt die Tonhöhenfolge fast bei, veränderte aber Metrum, Rhythmus, Harmonik und Instrumentation. Seine Fassung beginnt volltaktig mit Vierteln statt auftaktig mit Achteln. Das präparierte Klavier, auch Wanzenklavier oder Gitarrenklavier, besitzt Reißzwecken auf den Filzhämmern und erzeugt eine metallische Klangfarbe. Staccato-Viertel und unregelmäßig eingeschobene Zwei-Viertel-Takte im Dreivierteltakt lassen die Musik stampfend und marschartig, zugleich aber stolpernd wirken.

Im Refrain entsteht durch Hemiolen eine Verlangsamung: Der Dreivierteltakt der Begleitung steht einer Melodie gegenüber, die wie ein Drei-Halbe-Takt wirkt. Am Schluss wird das Tempo weiter gedehnt; ganze Noten lassen den Krieg, der „hundert Jahre“ dauert, musikalisch endlos erscheinen. Lange Noten liegen oft auf unbetonten Endsilben. Dies erinnert an Bänkelsang, also erzählendes, volkstümlich wirkendes Singen mit absichtlich ungewöhnlicher Betonung.

Die Harmonik wirkt absichtlich „falsch“ oder verunklarend: Unter der ersten Melodiephrase liegt nicht die erwartete Tonika e-Moll, sondern 13 Takte lang a-Moll. Gleichzeitig wechseln in der Begleitung andere harmonische Funktionen. Trompetensignale wirken wie Befehle. Im letzten Refrain kommen zwei Piccoloflöten mit fallenden kleinen Sekunden hinzu; diese „Seufzerketten“ stehen für Schmerz, klingen im Septimabstand aber scharf und reibend.

Spätere Verwendung und Quellen

Dessau verwendete die Melodie nach Abschluss der amerikanischen Fassung erneut. Am 8. Mai 1948 vollendete er eine unveröffentlichte Suite für 15 Instrumente; ihr erster Satz „Marschfantasie“ nutzt das Lied der Mutter Courage. 1956/1957 ging das Material nach Brechts Tod in den zweiten Satz von „In memoriam Bertolt Brecht“ ein. Dieser Satz heißt nach einem Courage-Zitat „Der Krieg soll verflucht sein!“; die Liedmelodie fungiert als Cantus firmus, also als tragende, wiederkehrende Hauptmelodie, zu der andere Stimmen gesetzt werden.

Die Quellenlage ist teilweise lückenhaft. Parmets Vertonung ist verloren; nach seiner Aussage vernichtete er fast alle Arbeiten, und weder sein Nachlass noch Unterlagen des Theaterverlags Kurt Reiss oder der Mitwirkenden der Uraufführung sind auffindbar. Burkhards Fassung wurde nicht veröffentlicht. Erhalten ist vermutlich eine Abschrift als Klavierauszug im Paul-Burkhard-Archiv und in Bibliotheken; das Autograph wurde bisher nicht gefunden.

Dessaus amerikanische Fassung von 1946 existiert nur als Manuskript. Seine Klavierauszüge „Sieben Lieder zu ‚Mutter Courage und ihre Kinder‘“ und „Neun Lieder zu ‚Mutter Courage und ihre Kinder‘“ von 1949 enthalten zwei Bearbeitungsstufen des Liedes. Eine vollständige Partitur der Bühnenmusik erschien seit 1957 beim Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, jedoch nur als Bühnen-Leihmaterial und nicht in Bibliotheken.

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