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Schnelllesen

Schnelllesen gehört zu den Lesestrategien und steht für die Fähigkeit, überdurchschnittlich schnell Texte zu lesen und dennoch den Inhalt des Textes zu …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Definition und Leistungsgrenzen
  2. 2. Wie der Leseprozess funktioniert
  3. 3. Forschung und erlernbare Techniken
  4. 4. Textverständnis und zentrale Streitfrage

Definition und Leistungsgrenzen

Schnelllesen ist eine Lesestrategie und bezeichnet die Fähigkeit, Texte überdurchschnittlich schnell zu lesen und ihren Inhalt dennoch zu verstehen. Es ähnelt dem weniger systematischen Querlesen. Für die Beurteilung müssen deshalb zwei Faktoren gleichzeitig geprüft werden: Lesegeschwindigkeit und Textverständnis. Eine hohe Geschwindigkeit gilt nur dann als Schnelllesen, wenn die Lesekompetenz nicht wesentlich darunter leidet.

Nach Untersuchungen von Ronald P. Carver nimmt die Lesekompetenz ungefähr antiproportional ab, wenn eine bestimmte Lesegeschwindigkeit überschritten wird. Für geübte Leser gelten mit erlernbaren Schnelllesetechniken Geschwindigkeiten von 800 bis 1500 Wörtern pro Minute als erreichbar, ohne das Textverständnis erheblich einzuschränken. Ein durchschnittlicher geübter Leser ohne solche Techniken liest etwa 250 Wörter pro Minute.

Einige Schnellleser erreichten über längere Zeiträume mehr als 4000 Wörter pro Minute. Anne Jones soll das Buch „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ in 47 Minuten gelesen haben, was einem Lesewert von 4.251 Wörtern pro Minute entspricht. G. Harry McLaughlin beschrieb 1969 eine als „Miss L“ bezeichnete Person, die Spitzenwerte von bis zu 9000 Wörtern pro Minute und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 3750 Wörtern pro Minute erreichte. Noch höhere Werte wurden in anderen Untersuchungen genannt: Schale berichtete 1970 von mehreren Teilnehmern mit über 20.000 Wörtern pro Minute und einer Person mit 41.000 Wörtern pro Minute. Die Validität dieser Angaben wird jedoch angezweifelt.

Wie der Leseprozess funktioniert

Beim Lesen erfasst ein geübter Leser nicht jeden einzelnen Buchstaben nacheinander. Das Gehirn erkennt vielmehr Wörter und Wortgruppen als Einheiten. Wie groß diese Einheiten sein können, ist individuell verschieden und hängt auch von der Gestaltung des Textes ab.

Nur ein kleiner Teil der Buchstaben wird scharf gesehen. Entscheidend ist vor allem die Wiedererkennung von Wörtern oder Wortgruppen. Diese können als Ganzes aufgenommen werden, weil sie dem Leser meist bereits als Bild zusammen mit ihrer Bedeutung bekannt sind. Voraussetzung ist, dass das Gehirn die Wortgruppe, das einzelne Wort oder zumindest Bestandteile davon kennt. Kann es die erkannte Einheit in den semantischen Kontext, also in den Bedeutungszusammenhang des Textes, einordnen, steigt die Lesegeschwindigkeit deutlich.

Die Größe der erfassten Wortgruppen hängt von der Fähigkeit des Lesers, der Gestaltung des Textbildes, der verwendeten Schriftart und den Rahmenbedingungen ab. Texte in Serifenschriften können tendenziell schneller gelesen werden. Auch die vermischte Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben, wie sie in der deutschen Schriftsprache üblich ist, kann eine hohe Lesegeschwindigkeit begünstigen. Spaltensatz kann ebenfalls förderlich sein, weil das Gehirn den Text mitunter zeilenweise aufnimmt.

Da auch um die Fovea centralis, den Bereich des schärfsten Sehens, herum Sehschärfe vorhanden ist, ist es denkbar, dass besonders schnelle Leser mehrere Zeilen gleichzeitig erfassen. In der Forschung ist jedoch umstritten, ob die Informationen dabei seriell, also nacheinander, oder parallel aufgenommen werden.

Forschung und erlernbare Techniken

Das wissenschaftliche Interesse am Schnelllesen nahm in den 1950er Jahren zu. Evelyn Wood behauptete, bestimmte Techniken könnten die Lesegeschwindigkeit von 250 auf 1000 Wörter pro Minute steigern. Später stellte sie die These der „natürlichen Schnellleser“ auf. Damit sind Personen gemeint, die ohne bewusste Anwendung gezielter Techniken erheblich schneller lesen als durchschnittliche geübte Leser. Diese Thesen konnten wegen der Schwierigkeiten bei ihrem Nachweis weder bestätigt noch widerlegt werden.

In den 1960er Jahren äußerten sich auch Wissenschaftler kritisch. Homa führte die angeblichen Fähigkeiten des Schnelllesens auf die Fähigkeit zurück, schnell blättern zu können. Sprache setzte die maximal erreichbare Lesegeschwindigkeit auf „800 bis 900 Wörter pro Minute“ fest.

Die Metastudie von Musch und Rösler aus dem Jahr 2011 kam zu dem Ergebnis, dass die Forschung zum Schnelllesen, besonders bei der Untersuchung von Lesegeschwindigkeiten, überdurchschnittlich viele methodische Mängel aufweist. Außerdem werde das Gebiet von populärwissenschaftlicher Literatur beherrscht, die keine aussagekräftigen Ergebnisse liefere. In der Fachliteratur besteht insgesamt Einigkeit darüber, dass es Gruppen von Schnelllesern und einzelne Personen mit außergewöhnlich guten Fähigkeiten gibt. Umstritten bleibt jedoch, in welchem Umfang diese Fähigkeiten durch gezieltes Training erlernt werden können.

Vergleichende Tests der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2015 zeigten bei einigen Teilnehmern eine Steigerung der Lesegeschwindigkeit um 50 Prozent. Bei einzelnen Probanden nahm dabei jedoch das Textverständnis ab.

Textverständnis und zentrale Streitfrage

Kritiker vermuten, dass Schnellleser weniger Informationen aus einem Text aufnehmen als Personen, die ihn im gewöhnlichen Tempo von bis zu 300 Wörtern pro Minute lesen. Verschiedene Studien konnten diese Vermutung jedoch weder eindeutig bestätigen noch widerlegen.

Eine Studie des Psychologen Bruce L. Brown von der Brigham Young University aus dem Jahr 1981 verglich Leser mit normaler Geschwindigkeit und Schnellleser. Beide Gruppen erreichten einen Verständnisgrad von 65 Prozent, wobei die Schnellleser den Text fünf- bis sechsmal schneller erfassten. Die Behauptung, dass Schnelllesen grundsätzlich zu einem signifikanten Verlust des Textverständnisses führt, konnte bisher in keiner wissenschaftlich haltbaren Studie bestätigt werden.

Eine Metastudie von Keith Rayner, Elizabeth Schotter und weiteren Wissenschaftlern der University of California in San Diego aus dem Jahr 2016 kam allerdings zu einer Einschränkung: Schnelllesen stellt einen Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit dar. Damit bleibt die zentrale Frage offen, wie weit sich sehr hohe Lesegeschwindigkeit und zuverlässiges Textverständnis miteinander verbinden lassen.

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