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Leonhard von Dobschütz (Wirtschaftswissenschaftler)
Leonhard Felix Hans von Dobschütz (* 16. Juli 1940 in Herischdorf, Niederschlesien) ist ein deutscher Mathematiker und Wirtschaftsinformatiker.
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Person und Ausbildung
Leonhard Felix Hans von Dobschütz, geboren am 16. Juli 1940 in Herischdorf in Niederschlesien, ist ein deutscher Mathematiker und Wirtschaftsinformatiker. Seine Arbeit verbindet mathematische Optimierung, Betriebswirtschaftslehre und Informationsverarbeitung. Besondere Bedeutung haben seine Beiträge zum Operations Research und zum IV-Controlling, also zur wirtschaftlichen Planung, Steuerung und Kontrolle der Informationsverarbeitung in Unternehmen.
Nach dem Abitur in Hamburg im Jahr 1960 leistete er zwei Jahre Wehrdienst bei der Bundesmarine und war 1962 Oberleutnant zur See der Reserve. Ab 1962 studierte er Mathematik und Physik an der Georg-August-Universität Göttingen. 1965 wechselte er an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er zusätzlich Wirtschaftswissenschaften studierte. Ab 1966 arbeitete er am Institut für Mathematische Statistik als wissenschaftliche Hilfskraft. Sein Studium schloss er als Diplom-Mathematiker ab.
Berufliche Tätigkeit in Wirtschaft und Beratung
1968/69 begann Dobschütz beim Betriebsforschungsinstitut des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute in Düsseldorf. Dort beschäftigte er sich mit mathematischer Optimierung und Methoden des Operations Research. Operations Research bezeichnet den Einsatz mathematischer Modelle zur Vorbereitung und Verbesserung komplexer Entscheidungen.
1970 wechselte er zum Ingenieurbüro AHT-International in Essen. Als Leiter der Abteilung Systemplanung und Assistent der Geschäftsleitung arbeitete er an Aufträgen, die häufig mehrmonatige Aufenthalte in afrikanischen und asiatischen Entwicklungsländern erforderten. Von 1979 bis 1983 leitete er bei McKinsey & Company Inc. in Düsseldorf sowohl die Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung als auch die Datenverarbeitungs- und Dokumentationsabteilung. Parallel dazu war er von 1975 bis 1983 Lehrbeauftragter für Wirtschaftsinformatik an der Universität Essen.
Seit 1983 war er außerdem für internationale Unternehmen und Regierungsorganisationen im In- und Ausland als freiberuflicher Gutachter und Unternehmensberater tätig. Sein Arbeitsgebiet war das Informationsmanagement, darunter die Entwicklung von Management-Informationssystemen und sogenannte Make-or-Buy-Analysen. Diese Analysen untersuchen, ob eine Leistung selbst erstellt oder von einem externen Anbieter bezogen werden soll.
Hochschullehre und internationale Zusammenarbeit
1983 wechselte Dobschütz an die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Reutlingen, heute mit der ESB Business School verbunden. Die offizielle Ernennung zum Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik erfolgte 1984. Da eine Promotion Voraussetzung für die Professur war, holte er diese 1984 an der Universität Essen nach. Von 1985 bis 1992 leitete er in Reutlingen das Institut für Europäische Wirtschaftsstudien.
Von 1993 bis 1996 war er als Gastprofessor und Langzeitdozent des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der deutschsprachigen Abteilung für Wirtschaftsinformatik der Marmara-Universität in Istanbul tätig. Die deutschsprachigen Abteilungen für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik waren 1991 auf Grundlage eines Staatsvertrags zwischen Deutschland und der Türkei eingerichtet worden. Beteiligt waren die Marmara-Universität, die Universität Lüneburg und der DAAD; finanziert wurde das Projekt partnerschaftlich von Deutschland und der Türkei.
2001 nahm Dobschütz die Tätigkeit in Istanbul erneut auf und leitete zunächst die Abteilung Wirtschaftsinformatik. Von 2002 bis 2006 war er örtlicher Gesamtprojektleiter der beiden deutschsprachigen Abteilungen für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik. Das Land Baden-Württemberg emeritierte ihn am 31. August 2005 nach Vollendung seines 65. Lebensjahres. Nach dem Ende seines DAAD-Vertrags im Sommer 2006 arbeitete er noch ein Jahr freiberuflich in derselben Funktion an der Marmara-Universität. Danach ließ er sich als Pensionär in Berlin nieder.
Im Ruhestand übernahm er für den DAAD und den Senior Experten Service (SES) ehrenamtlich wechselnde Gastdozenturen an Universitäten und Hochschulen in Schwellen- und Entwicklungsländern.
Fachliche Schwerpunkte und Veröffentlichungen
Dobschütz veröffentlichte zahlreiche Fachbücher und Aufsätze und war an mehreren Sammelwerken als Herausgeber beteiligt. Seine frühen Arbeiten behandeln vor allem mathematische Optimierungsmodelle und Operations Research. Typische Anwendungsgebiete waren die Reisvermarktung in Sierra Leone, Abfallbeseitigung, Wasserversorgungsprojekte, die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte, ländliche Entwicklungsplanung und die Standortplanung von Regionallagern für die Düngemittelverteilung in Sri Lanka.
Seine Dissertation trug den Titel „Entwicklung und Implementierung eines Modellsystems zur Unterstützung des Management der Beschaffung und Bevorratung von Rohtabak“ und erschien 1985 an der Universität Essen. Daran zeigt sich ein wichtiges Grundprinzip seiner Arbeit: Mathematische Modelle sollen betriebliche Entscheidungen über Beschaffung, Lagerhaltung und Risiken unterstützen.
Spätere Veröffentlichungen konzentrieren sich auf Wirtschaftsinformatik und IV-Controlling. „IV“ steht für Informationsverarbeitung. Behandelt werden unter anderem die Wirtschaftlichkeit von Datenverarbeitungsprojekten und Anwendungssystemen, die Verrechnung von DV-Kosten, das Management von Expertensystem-Projekten, die strategische Ausrichtung der Datenverarbeitung, Outsourcing, Wartungsmanagement und das Controlling von Projekten zum Jahrtausendwechsel. Weitere Themen waren die Internationalisierung des deutschen Hochschulsystems und die Beziehungen des Wirtschaftstheoretikers Friedrich List zur Türkei.
Zu den von ihm mit herausgegebenen Werken gehören „Fallstudien Operations-Research“ und „Proceedings in Operations Research“ von 1980, „IV-Controlling in der Praxis. Kosten und Nutzen der Informationsverarbeitung“ von 1994, „IV-Controlling aktuell. Leistungsprozesse, Wirtschaftlichkeit, Organisation“ von 1999 sowie „IV-Controlling. Konzepte, Umsetzungen, Erfahrungen“ von 2000. In diesen Bänden verfasste er auch eigene Beiträge über den wirtschaftlichen Einsatz von Informationsverarbeitung, die Wirtschaftlichkeit von Anwendungssystemen, Innovationen, Organisation und Leistungsverrechnung.
Fachliches und gesellschaftliches Engagement
Dobschütz gehörte 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Fachgruppe IV-Controlling der Gesellschaft für Informatik e. V. Bis 1993 war er deren stellvertretender Sprecher, von 1997 bis 2000 ihr Sprecher. Seit 1993 trat er bei Weiterbildungs- und Kongressveranstaltungen im In- und Ausland als Referent und Tagungsleiter auf.
Seit 2009 ist er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Berlin.