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Kreatives Schreiben

Als kreatives Schreiben wird in Anlehnung an die Nutzung des Begriffs creative writing im englischsprachigen Raum oft das Schreiben von Literatur bezeichnet, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundverständnis
  2. 2. Ziele und Methoden
  3. 3. Selbstreflexion und Schule
  4. 4. Literarisches und szenisches Schreiben
  5. 5. Studium, Chancen und Kritik

Begriff und Grundverständnis

Kreatives Schreiben bezeichnet häufig das Verfassen von Literatur, zum Beispiel erzählender Texte und Gedichte. Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff jedoch nicht einheitlich definiert: Er umfasst dort auch spielerische, therapeutische und didaktische Wege zum Schreiben. Gemeinsam ist vielen Ansätzen die Annahme, dass Schreiben ein kreativ-sprachlicher Prozess ist, zu dem grundsätzlich jeder Mensch methodisch angeleitet werden kann. Im Mittelpunkt steht der Schreibprozess, der durch assoziative, gestaltende und überarbeitende Verfahren trainiert wird.

In einem weiten Sinn gehören alle Schreibformen dazu, die Methoden zur Ideenfindung verwenden. Bereits Ciceros Traktat De inventione behandelt die Auffindung des Stoffes (inventio), seine Gliederung (dispositio) und die Ausdrucksweise (elocutio), allerdings bezogen auf die mündliche Rede. Schreibspiele wurden später unter anderem im Barock sowie im frühen 20. Jahrhundert von Dadaismus und Surrealismus genutzt.

Im deutschsprachigen Raum werden vier Hauptkonzepte unterschieden: das Spiel mit der Sprache, Therapie und autobiografische Selbstreflexion, schulische Schreibdidaktik sowie die Pragmatik des Schreibens in Literatur, Theater, Film und Wissenschaft.

Ziele und Methoden

Methoden des kreativen Schreibens sollen Schreibblockaden abbauen, die Motivation erhöhen und Selbsterfahrung ermöglichen. Dabei sollen begriffliches und bildhaftes Denken miteinander verbunden werden. Als Anregungen dienen persönliche Erfahrungen, Kindheitserlebnisse, Träume und Imagination.

Zu den eigens auf das Schreiben bezogenen Methoden gehören Brainwriting, Cluster und Freewriting. Brainwriting sammelt Ideen schriftlich; beim Cluster werden Einfälle assoziativ um einen Ausgangsbegriff angeordnet; Freewriting bedeutet ein möglichst ununterbrochenes, zunächst wenig kontrolliertes Schreiben. Hinzu kommen allgemeine Kreativitätstechniken wie Brainstorming und Mind Map. Häufig werden mehrere Verfahren innerhalb eines organisatorischen Rahmens kombiniert, etwa in einer Schreibwerkstatt oder Romanwerkstatt.

Schreibspiele sollen insbesondere den hemmenden Respekt vor dem geschriebenen Wort verringern und einen lustvollen Zugang zur Sprache ermöglichen. In Schreibwerkstätten und Schulen dienen sie oft als Einstieg in anspruchsvollere Verfahren. Da reine Sprachspiele nur begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten bieten, werden sie meist in umfassendere Konzepte eingebunden.

Selbstreflexion und Schule

Schreiben kann eine therapeutische Dimension haben, wenn Erlebnisse, Erfahrungen, Ängste und Wünsche aufgegriffen und gestaltet werden. Regelmäßiges Schreiben kann wiederkehrende Themen sowie unbewusste Neigungen und Wünsche sichtbar machen. Jürgen vom Scheidt unterscheidet dabei zwischen dem „inneren Schreiber“, der den Text hervorbringt, und dem „beobachtenden Ich“, das das Geschriebene betrachtet. Der bewusste therapeutische Einsatz sollte professionell von einem Poesie- und Schreibtherapeuten begleitet werden.

Einfache Formen der autobiografischen Selbstreflexion sind Tagebuch, zeitlich begrenztes Journal, Memoiren und das bewusste Festhalten von Lebenserinnerungen. Lutz von Werder empfiehlt, dabei auch literarische Formen wie Haiku, Senryū oder Elfchen zu verwenden. Kreatives biografisches Schreiben kann außerdem den Erwerb von Deutsch als Zweitsprache unterstützen, indem Lernende von ihrer eigenen Biografie ausgehen und Gedanken in der neuen Sprache ausdrücken.

In der schulischen Schreibdidaktik dominierten bis in die 1970er Jahre Diktat und klassischer Aufsatz. Geübt wurden normierte Formen wie Bericht, Beschreibung, Erzählung, Schilderung, Betrachtung und Erörterung. Vertreter des kreativen Schreibens kritisierten diese starke Normierung, weil sie Schreibhemmungen fördern könne. Heute orientiert sich die Didaktik eher an Schreibhaltungen wie Informieren, Appellieren, Argumentieren und Unterhalten, die zu unterschiedlichen Textsorten passen. Seit den 1990er Jahren besteht ein Methoden- und Konzeptionspluralismus, bei dem verschiedene Ansätze verbunden werden.

Kreative Verfahren werden inzwischen auch außerhalb des Deutschunterrichts eingesetzt. Im Unterricht Deutsch als Zweitsprache sollen sie die Förderung der Schreibkompetenz erleichtern, indem lexikalische, syntaktische, orthografische und grammatische Probleme entzerrt werden. Überschneidungen bestehen mit dem handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht; dort steht jedoch das Verständnis eines literarischen Ausgangstextes im Mittelpunkt.

Literarisches und szenisches Schreiben

Kreatives Schreiben muss nicht unmittelbar auf anspruchsvolle oder veröffentlichungsreife Texte zielen. Es kann zunächst Freude am sprachlichen Ausdruck vermitteln oder der Reflexion der eigenen sozialen und individuellen Rolle dienen. Das amerikanische creative writing war dagegen von Anfang an stärker auf professionelles Schreiben und Selbsterfahrung ausgerichtet; seit den 1990er Jahren ist diese Orientierung auch in Deutschland weiter verbreitet.

Literarisches Schreiben umfasst klassische Formen der Lyrik und Prosa sowie szenisches Schreiben. In Roman- und Dichterwerkstätten wird Wissen über literarische Formen mit kreativen Methoden verbunden. Ein seit 2011 im Literaturhaus Stuttgart und in angepasster Form seit 2018 auch im Literarischen Zentrum Göttingen vermitteltes Weiterbildungskonzept für Deutschlehrkräfte bietet fünf Werkstätten: „Wort und Spiel“ sowie lyrisches, erzählendes, journalistisches und szenisches Schreiben.

Szenisches Schreiben ist das Verfassen von Dramentexten für das Theater und von Drehbüchern für Film und Fernsehen. Es verlangt besondere Fähigkeiten: Die Handlungslogik und der Spannungsbogen müssen erhalten bleiben; Figuren werden durch Handeln und Reden charakterisiert; Dialoge sollen realistisch wirken. Hinzu kommen Regieanweisungen, Szenen nach konkreten Formatvorgaben und ein formgerechtes Drehbuch. Durch die zunehmende Produktion von Fernsehfilmen und -serien entstand ein größerer Bedarf an professionellen Drehbuchautoren, auf den deutsche Hochschulen mit entsprechenden Studiengängen reagierten.

Studium, Chancen und Kritik

Im englischsprachigen Raum ist Creative Writing zugleich ein etabliertes Studienfach. Das erste britische Programm mit offiziellem Abschluss richteten Malcolm Bradbury und Angus Wilson 1970 an der University of East Anglia ein. 2019 bestanden allein in den USA 422 Bachelor- und 282 Masterstudiengänge. Schreibstudiengänge lösen literarische Arbeit vom „Geniegedanken“, vermitteln handwerkliche Fähigkeiten, ermöglichen kontinuierliche Übung und Rückmeldung und fördern künstlerischen Austausch sowie berufliche Netzwerke.

Umstritten ist, ob Studierende ohne eigene Veröffentlichungen einander zu veröffentlichungsreifen Texten anleiten können. Dem steht die Feststellung gegenüber, dass Peer-Feedback und Peer-Tutoring beim Schreibenlernen wirksam sind. Allen Tate und Verlin Cassill kritisierten außerdem eine akademische Selbstreproduktion, bei der Creative-Writing-Absolventen vor allem weitere Lehrende ausbildeten. Andere Autoren bringen den Aufschwung der US-Literatur der letzten 50 Jahre mit den Programmen in Verbindung und betonen deren Möglichkeiten für benachteiligte Gruppen. Die Universität von Iowa hat zahlreiche Pulitzer-Preisträger unter ihren Absolventen, führt dies aber vor allem auf deren bereits vorhandene Qualifikationen und nicht auf die Kurse zurück.

Im deutschsprachigen Raum gibt es deutlich weniger Hochschulangebote. Das Hauptangebot bilden Kurse an Volkshochschulen sowie Schreib-, Roman- und Seminarwerkstätten von Vereinen, Literaturhäusern und privaten Anbietern. Studienmöglichkeiten bestehen unter anderem an der Universität Hildesheim im Fach Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin mit dem Master Biografisches und Kreatives Schreiben, an der SRH Berlin University of Applied Sciences mit dem Bachelor Kreatives Schreiben und Texten sowie an der Universität der Künste Berlin im Szenischen Schreiben. Weitere Angebote sind der Bachelor Literarisches Schreiben an der Berner Fachhochschule, Sprachkunst sowie Buch und Dramaturgie in Wien und der Master Kreatives Schreiben und Schreibkulturen an der Universität Klagenfurt.

Eine allgemeine Kritik betrifft die literarische Qualität: Angesichts erfolgreich veröffentlichter, aber als stilistisch unsicher beurteilter erzählender und biografischer Texte wird gefordert, kreatives Schreiben stärker intertextuell auszurichten, also Texte intensiver auf andere literarische Werke und bedeutende Vorbilder zu beziehen. In den USA wird dabei zwischen literature, fiction und paraliterary fiction unterschieden; Letztere bezeichnet schlichte Unterhaltungsliteratur, bei der vor allem die Handlung im Vordergrund steht.

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