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Krabat (Sage)
Der deutsch-argentinische Choreograph Demis Volpi schuf sein Ballett Krabat nach dem Roman von Otfried Preußler für das Stuttgarter Ballett. Uraufführung …
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Gegenstand und Grundzüge der Sage
Krabat ist eine Sagengestalt der Sorben. Die Krabat-Sage besteht nicht aus einer einheitlichen Ursprungserzählung, sondern aus einer variabel zusammengesetzten Sammlung sagen- und märchenhafter Episoden unterschiedlicher Herkunft und Verbreitung. Eine jeweils wechselnde Rahmenerzählung verbindet diese Motive mit einer Person namens Krabat.
Krabat wird meist als zunächst gewöhnlicher Sterblicher aus der Oberlausitz dargestellt, der Zauberkräfte erlangt und sie überwiegend für gute Zwecke einsetzt. Der wichtigste Schauplatz liegt zwischen Hoyerswerda und Königswartha. Nahezu konstant erscheint Krabat als Gutsherr in Groß Särchen; seine Herkunft und der Weg zu dieser Stellung werden jedoch in den einzelnen Fassungen unterschiedlich erklärt.
Entstehung und Entwicklung der Überlieferung
Die ältesten bekannten schriftlichen Hinweise stammen aus den Sitzungsprotokollen des 1838 gegründeten Akademischen Vereins für lausitzische Geschichte und Sprache an der Universität Breslau. Awgust Bulank trug am 12. Januar 1839 Erzählungen über den „Särchner Krabat“ vor; 1840 zeichnete Jan Awgust Warko Krabatsagen auf. Die Unterlagen sind jedoch verschollen, sodass ihr genauer Inhalt nicht mehr überprüft werden kann.
In Franz Schneiders handschriftlicher Khronika Kulowa, der Chronik von Wittichenau und Umgegend (1848–1852), wird Krabat mit dem historischen kroatischen Offizier Johann Schadowitz verbunden. Laut Schneiders Eintrag starb der 80-jährige Obrist am 29. Mai 1704 in Särchen, wurde in Wittichenau begraben und galt als reicher Herr von Särchen und Schwarzkünstler. Ihm werden unter anderem ein Soldatenzauber, eine Luftreise von Särchen nach Dresden und die Rettung des Kurfürsten aus der Türkei zugeschrieben. Schneider nennt dafür jedoch keine Quellen außer den Kirchenbucheinträgen; ob diese Geschichten damals tatsächlich allgemein Krabat zugeordnet wurden, bleibt ungewiss.
Mehrere dieser Episoden sind Wandermotive, die auch außerhalb der Oberlausitz vorkommen. Eine ähnliche Kombination erschien bereits 1837 als „Von einem bösen Herrn zu Groß Särchen“. Dort fehlen jedoch der Name Krabat, der Kurfürst und die Türkei; zusätzlich versucht der Akteur, mit einem Pflug ein Flussbett anzulegen, das wegen der unbeherrschten Zugtiere krumm wird. Deutschsprachige Sagensammlungen übernahmen diese Erzählung zunächst nicht als Krabatsage. Die Krabat-Tradition entwickelte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in sorbischsprachigen Veröffentlichungen.
Michał Hórnik veröffentlichte 1858 die erste ausführliche Erzählung, die ausdrücklich eine Krabatsage darstellen sollte. Darin lernt Krabat in einer Schwarzen Schule in Leipzig Zauberei. Jährlich verfällt ein Schüler dem Teufel; Krabats Mutter erkennt ihren Sohn trotz der Verwandlung aller Schüler in Raben und rettet ihn. Die Fassung von Georg Gustav Kubasch, 1865 nach einer studentischen Aufzeichnung veröffentlicht, macht Krabat zum Sohn eines armen Mannes und erweitert besonders die Türkei-Abenteuer. Außerdem tritt erstmals das Motiv des Zauberbuchs auf.
Franz Schneiders gedruckte Chronik von 1878 erweitert die frühere Fassung und nimmt unter anderem die Vernichtung des Zauberbuchs auf. Johann Goltsch ließ 1885 in seiner schlichten Erzählung die Zauberlehrzeit und die Türkei-Abenteuer weg. Christian Traugott Pfuhl ergänzte 1887 zahlreiche Motive und führte das Himmelszeichen bei Krabats Tod ein: Ein Rabe auf dem Sterbehaus bedeutet den Verlust der Seele, eine weiße Taube ihre Rettung. Pfuhl erklärte, er habe verstreute und uneinheitlich überlieferte Bruchstücke zu einem Zusammenhang komponiert.
Georg Pilk sammelte 1896 in der „wendischen Faust-Sage“ weitere Episoden. Er nannte erstmals Eutrich bei Königswartha als Ort von Krabats Kindheit und die Schwarze Mühle bei Schwarzkollm als Ort seiner Zauberausbildung. Pilk behauptete, die Sage sei nicht durch fremde Bestandteile erweitert worden; tatsächlich enthält seine Fassung jedoch Motive, die auch aus anderen Märchen und Sagen bekannt sind. Die deutsche Veröffentlichung in der Anthologie Bunte Bilder aus dem Sachsenlande (1900), die mehr als zwanzig Auflagen bis in die 1920er Jahre erlebte, verbreitete den Stoff erstmals in ganz Sachsen.
1903 erinnerte Heinrich Andreas Schömmel an Johann Schadowitz als mögliches historisches Vorbild. Alfred Meiche und Georg Pilk verbanden im Sagenbuch des Königreichs Sachsen die Geschichte vom bösen Herrn in Groß Särchen mit Krabat und fügten dadurch auch das Motiv des Pflügens eines Flussbetts ein. Damit war die schriftliche Fixierung der verbreiteten Krabatsage weitgehend abgeschlossen. Die mündliche Überlieferung blieb dennoch veränderlich; Paul Nedo berichtete 1956 von weiterhin neu auftretenden Gauklermotiven.
Moderne literarische Fassungen
Měrćin Nowak-Njechorński veröffentlichte 1954 mit Mišter Krabat die erste moderne Bearbeitung, zunächst auf Sorbisch; 1955 erschien eine deutsche Übersetzung von Jurij Brězan. Die Darstellung setzte den Stoff in einen sozialistischen Geist um.
Jurij Brězan machte Krabat zur Hauptfigur dreier Romane: Die schwarze Mühle (1968), Krabat oder Die Verwandlung der Welt (1976) und Krabat oder Die Bewahrung der Welt (1993).
Außerhalb der DDR wurde die Sagengestalt besonders durch Otfried Preußlers Jugendbuch Krabat von 1971 bekannt, das als Schullektüre verbreitet ist. Preußler verändert zentrale Elemente der Sage: Krabat findet die Mühle nicht zufällig nach einer Verirrung im Wald, sondern wird in drei Träumen durch die Stimme des Meisters dorthin gerufen. Die Lehrlinge verraten ihn nicht an den Meister, sondern sind mit ihm verbündet oder bleiben passiv. Gerettet wird Krabat nicht durch die Liebe seiner Mutter, sondern durch die Liebe der Kantorka, eines Mädchens. Das Buch endet mit seiner Befreiung aus der Mühle.
Bühne, Film, Musik und Hörspiel
Der Stoff wurde vielfach für die Bühne bearbeitet. Cesar Bresgens Kinderoper Krabat nach Preußler wurde 1983 uraufgeführt; ebenfalls 1983 entstand im Düsseldorfer Marionetten-Theater eine bis heute feste Inszenierung. 1994 folgte Nina Achminows Theaterstück Krabat im Prinzregententheater München. Die zweiteilige Oper Die Legende vom Krabat von Winfried Radeke und Peter Lund wurde 1997 an der Neuköllner Oper uraufgeführt. Der Heimatverein Groß Särchen zeigte 2003 Nitscho. Fredrik Zellers Oper Krabat kam im Mai 2007 am Nationaltheater Mannheim heraus. Weitere Bearbeitungen sind Enjott Schneiders Ballettoper Krabat oder Die Erschaffung der Welt, ein Licht- und Schattentheater des Schweizer Theater-Pack von 2009, Demis Volpis Ballett Krabat für das Stuttgarter Ballett (Uraufführung am 22. März 2013), das Musical Krabat von Olav Kröger und Manuel Kressin (2021), die Rockoper Krabat von Himmelfahrt Scores und Coppelius (2022) sowie die Rockoper Die Schwarze Mühle nach Motiven der Sage (2023).
Für das Fernsehen der DDR entstand 1975 Celino Bleiweiß’ Film Die schwarze Mühle nach Brězans Erzählung. Der tschechisch-bundesdeutsche Zeichentrickfilm Krabat von Karel Zeman folgte 1977 und beruht auf einer auch für jüngere Kinder geeigneten Preußler-Bearbeitung. Die aufwändige Realverfilmung Krabat von Marco Kreuzpaintner kam am 9. Oktober 2008 in Deutschland und am 28. November in Österreich in die Kinos. Das mehr als acht Millionen Euro teure Projekt besetzte unter anderem David Kross als Krabat, Daniel Brühl als Tonda, Robert Stadlober als Lyschko und Paula Kalenberg als Kantorka. 2011 legte Jörg Herrmann mit Der siebente Rabe eine Neuerzählung als 70-minütigen Silhouettenfilm vor.
Die Musikformation ASP arbeitete ab 2006 an einem fünfzehnteiligen Krabat-Liederzyklus; das Konzeptalbum erschien am 29. August 2008. Das 15-minütige Kurzhörspiel Krabat und die schwarze Pumpe von Daniel Ebert und Sebastian Tschöpel entstand im August 2008 und bezieht die damalige Tagebausituation in der Lausitz ein. Das Hörbuch Krabat – Der Zauberer von Oktober 2008 beruht auf der Fassung des Sagenbuchs des Königreichs Sachsen. 2020 erschien eine Hörspielfassung von Marc Gruppe in der Reihe Gruselkabinett; sie wurde 2021 mit dem HörKules ausgezeichnet.
Gegenwärtige Bedeutung und regionale Bezüge
In der Region um Hoyerswerda und Wittichenau findet alljährlich ein Krabatfest statt. Die Krabatmühle in Schwarzkollm veranstaltet seit 2012 im Juli Krabat-Festspiele; seit 2024 heißen sie nach einem Personalwechsel Krabat-Saga.
Im Wappen von Schwarzkollm erscheint Krabat als heraldische Figur, also als Wappendarstellung eines Mannes mit Rabenflügeln. In Wittichenau erinnert die Krabatsäule aus Sandstein an Motive der Sage. Krabat und der schwarze Müller gelten als offizielle Botschafter der Oberlausitz. Außerdem gibt es in Wittichenau eine Krabat-Grundschule.
Der Stoff wurde auch in Computerspielen und populärer Kultur aufgegriffen. Die deutsche Rockband Krabat wurde 1992 gegründet. 2001 erschien Krabat ist zurückgekehrt, das erste Computerspiel in ober- und niedersorbischer Sprache, entwickelt von der Projektgruppe RAPAKI im Auftrag der Stiftung für das sorbische Volk. Am 29. Oktober 2015 folgte Krabat und das Geheimnis des Wendenkönigs für Windows. Es bietet obersorbische Sprachausgabe sowie niedersorbische und deutsche Textversionen. Wegen der Verführung durch den Teufel wird Krabat außerdem als sorbischer Faust bezeichnet. 2025 veröffentlichte der MDR die Dokumentation Krabat – Auf den Spuren einer Legende.