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Konstruktivismus (Internationale Beziehungen)
Der politikwissenschaftliche Konstruktivismus ist eine von mehreren umfassenden metatheoretischen Ansätzen auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen.
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Kernidee
Der politikwissenschaftliche Konstruktivismus ist ein metatheoretischer Ansatz der Internationalen Beziehungen. Er beschreibt das internationale Staatensystem und seine Entwicklung mithilfe sozialtheoretischer Annahmen und verbindet damit Internationale Beziehungen und Soziologie.
Nach Alexander Wendt beruht menschliches Zusammenleben vor allem auf geteilten Ideen, weniger auf materiellen Einflüssen. Außerdem entstehen die Identitäten und Interessen zielgerichtet handelnder Akteure durch diese geteilten Ideen und nicht durch eine feste Wesensnatur. Für die Internationale Politik bedeutet das: Staaten, Institutionen und andere Akteure handeln nicht nur wegen Macht, Sicherheit oder materieller Zwänge, sondern auch wegen Normen, Werten, Identitäten und sozialer Bedeutungen.
Entstehung
Der Konstruktivismus gewann besonders seit den 1990er Jahren an Bedeutung. Ein wichtiger Auslöser war das unvorhergesehene Ende des Kalten Krieges. Dieses Ereignis weckte Zweifel daran, ob die damals dominierenden Theorien, vor allem Realismus und Institutionalismus, das internationale Staatensystem ausreichend erklären konnten.
Der Neorealismus nach Kenneth Waltz konnte zum Beispiel nicht schlüssig erklären, warum nach der Herausbildung eines monopolaren internationalen Systems kein Gegenpol im Sinne einer „balance of power“ entstand. Auch andere Konflikte dieser Zeit ließen sich nicht vollständig durch Machtstreben erklären, weil ihr Verlauf auch von nationalistischen Tendenzen in der Bevölkerung geprägt war.
Die Kritik an den dominanten Theorien stützte sich vor allem auf konkurrierende Ansätze der soziologischen Forschung und auf verschiedene Schulen der kritischen Theorie. Aus dieser Kritik entstand eine konstruktivistische Strömung, die rasch wissenschaftliche Beachtung fand und heute zu den führenden Theorietraditionen der Internationalen Beziehungen zählt.
Grundannahmen
Der politikwissenschaftliche Konstruktivismus will politische Handlungsmuster erklären. Er versteht Handeln als Ergebnis einer sozialen Situation oder vorherrschender sozialer Strukturen. Soziale Strukturen sind dabei Regeln, Normen, Institutionen und Bedeutungen, die das Verhalten von Akteuren prägen.
Damit unterscheidet er sich von Ansätzen wie Realismus und Neorealismus. Diese gehen stärker davon aus, dass Handlungen objektiv rationalen Mustern und Sachzwängen folgen. Der Konstruktivismus betont dagegen, dass solche Handlungen sozial gedeutet und geformt werden.
Trotz vieler unterschiedlicher konstruktivistischer Ansätze gibt es einen ontologischen Minimalkonsens. Ontologie meint hier die Grundannahmen darüber, was in der internationalen Politik als wirklich und erklärungsbedürftig gilt. Untersucht wird, wie Strukturen, Institutionen und Akteure der Internationalen Beziehungen sozial konstruiert sind.
Eine zentrale Annahme lautet: Soziale Strukturen, Institutionen und Akteure konstituieren sich gegenseitig. Das heißt, sie bringen einander hervor und verändern einander, indem sie soziale Identität vermitteln und Handlungschancen eröffnen oder einschränken. Die materielle Welt wird dabei nicht völlig geleugnet. Es wird aber angenommen, dass sie nur vermittelt durch soziale Konstruktion erfasst werden kann.
Wichtige Varianten
Eine handlungstheoretisch orientierte Richtung geht davon aus, dass soziale Handlungen soziale Strukturen und Institutionen entstehen lassen, reproduzieren oder verändern können. Diese Handlungen sind durch Normen und Werte motiviert. Ein Beispiel sind Menschenrechtsorganisationen: Durch Aktivitäten und Kampagnen beeinflussen sie andere Akteure der internationalen Politik, etwa Staaten. In der deutschsprachigen Debatte werden Thomas Risse und Anja Jetschke als Vertreter dieses Ansatzes genannt.
Eine weitere handlungstheoretische Variante bezieht sich auf pragmatische Theorieansätze, zum Beispiel von Wittgenstein, Austin und Searle. Nicholas Onuf skizzierte 1989 einen solchen Ansatz. Sprache wird hier als soziale Handlung verstanden. Durch Sprache werden soziale Strukturen wie Regeln und Herrschaft produziert oder reproduziert. Im Mittelpunkt steht weniger die Entstehung solcher Strukturen, sondern ihre Analyse und die Frage, wie Kommunikation Vorteile und Handlungsmöglichkeiten verteilt.
Alexander Wendt vertritt eine gemäßigte Form des Konstruktivismus, die auch Elemente realistischer und neorealistischer Theorieansätze einbezieht. Wendt fragt, inwieweit und in welcher Form wissenschaftliche Erklärungen empirischer Erscheinungen möglich sind. Radikalere Ansätze wollen positivistische Erklärungen nach dem Vorbild der Naturwissenschaften in den Sozialwissenschaften vollständig durch hermeneutische oder konstitutive Interpretationen ersetzen. Wendt plädiert dagegen dafür, kausale Erklärungen durch die Analyse der zugrunde liegenden Beziehungen zu ergänzen. Dabei sollen die Bildung von Identität, Interesse und Machtbeziehungen untersucht werden.
Emanuel Adler definierte den politikwissenschaftlichen Konstruktivismus als „Annahme, dass die Art, in der die materielle Welt menschliches und zwischenmenschliches Handeln prägt und von ihnen geprägt wird, von dynamischen normativen und epistemologischen Interpretationen dieser materiellen Welt abhängt“. Weitere genannte Vertreter sind Ted Hopf, Colin Kahl und Friedrich Kratochwil.
Kritik
Eine zentrale Kritik am politikwissenschaftlichen Konstruktivismus lautet, dass er vor allem ex-post-Erklärungen anbiete. Ex-post bedeutet: Ereignisse werden im Nachhinein erklärt. Kritiker bemängeln, dass der Konstruktivismus keine Prognosen und keine Erklärungen aktueller Ereignisse liefern könne.
Diese Kritik trifft den Konstruktivismus nur begrenzt, weil er aufgrund seiner Grundannahmen selbst keine Prognosefähigkeit beansprucht. Dennoch gilt Prognosefähigkeit bei fast allen Theorien der Internationalen Beziehungen als wichtiges Merkmal. Deshalb wird der Erkenntnisgewinn konstruktivistischer Ansätze teilweise kritisch beurteilt.