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Mäßigung
In der Antike galt und in der christlichen Tugendethik gilt die Mäßigung als eine grundlegende menschliche Tugend. Die genaue Bedeutung hängt von dem …
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Begriff und Terminologie
Mäßigung, auch Maß, Mäßigkeit oder Maßhaltung genannt, ist eine der vier platonischen Kardinaltugenden. Der griechische Ausdruck σωφροσύνη (sōphrosýne, sophrosyne) wurde im Lateinischen mit temperantia und auch mit moderatio übersetzt.
Im Deutschen gibt es keine einheitliche Übersetzung, die den „Kern und den Umfang“ von temperantia vollständig wiedergibt. Verwendet werden unter anderem Besonnenheit, Beherrschung, Selbstbeherrschung, Maß, Mäßigkeit, Mäßigung sowie „Zucht und Maß“. Die unterschiedlichen Begriffe setzen verschiedene Schwerpunkte. „Besonnenheit“ kann die Bedeutung nach Nicolai Hartmann in ein falsches Licht rücken; er bevorzugt „Beherrschung“, die sich jedoch nicht durchsetzte.
Temperantia geht auf das lateinische Verb temperare zurück. Dessen erster Sinn soll sein, „aus verschiedenartigen Teilen ein einiges geordnetes Ganzes fügen“. Josef Pieper hebt damit den bejahenden und ganzheitlichen Sinn der Tugend hervor. Er kritisiert den Ausdruck „Mäßigung“, weil er zu stark nach Einschränkung, Zurückdämmung und Zügelung klingt und außerdem zu eng mit der Mäßigung des Zorns verbunden werden kann. Pieper schlägt deshalb „Zucht und Maß“ vor; auch diese Bezeichnung hat sich kaum durchgesetzt.
Platon und Aristoteles
Platon unterscheidet drei Seelenteile: Vernunft, Mut und Begierde beziehungsweise Begehren. Jedem Teil ordnet er eine Tugend zu: der Vernunft die Weisheit, dem Mut die Tapferkeit und der Begierde die sophrosyne, die im Deutschen mit Besonnenheit oder Mäßigung wiedergegeben wird. Über diesen drei Tugenden steht die Gerechtigkeit.
Bei Platon bedeutet sophrosyne nicht nur, einzelne Wünsche zu unterdrücken. Sie bezeichnet das „harmonische Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Ebenen der Seele“, also zwischen Begierde, Mut und Vernunft. Mäßigung ist damit eine Ordnung des gesamten Seelenlebens.
Aristoteles versteht sophrosyne als Mesotes, also als Mitte im Sinn eines Optimums. Sie bezieht sich auf die Lust (hedoné) und liegt zwischen zwei Fehlformen: der Empfindungslosigkeit oder Stumpfheit einerseits und der Zügellosigkeit, Unmäßigkeit oder Zuchtlosigkeit andererseits. Das rechte Maß zu halten ist für Aristoteles, ähnlich wie bei der Tapferkeit im Umgang mit dem Mut, das Ziel ethischen Verhaltens.
Judentum und Christentum
Der Abschnitt zum Judentum behandelt vor allem die Bedeutung der Gerechtigkeit. Das Wort „Zedek“ (Gerechtigkeit) kommt im 5. Buch Mose 18-mal vor, „Mischpat“ (Recht) 48-mal. Gerechtigkeit wird als zentrales Anliegen beschrieben und mit dem Streben verbunden, das auserwählte Volk zu bleiben. Der Artikel nennt außerdem, dass viele jüdische Bürger Anwälte geworden sind.
Das Christentum lehnte sich in seinem Gedankengut stark an die antike Philosophie an. Es übernahm die Mäßigungsphilosophie der Stoiker in die christliche Ethik. Mäßigung bedeutet dort nicht ausschließlich Verzicht. Wichtig ist vielmehr, die richtige Balance zu finden.
Bedeutung und grundlegende Definition
In der Antike und in der christlichen Tugendethik gilt Mäßigung als grundlegende menschliche Tugend. Ihre genaue Bedeutung hängt vom jeweiligen Menschenbild ab. Einerseits kann sie als bloße Mindestanforderung verstanden werden, die dem Charakter eine moralische Grundlage gibt. Andererseits entsteht im Ethos eines Menschen eine „Lücke“, wenn diese Tugend fehlt.
Hildegard von Bingen bezeichnet im Mittelalter das rechte Maß, lateinisch discretio, als die „Mutter aller Tugenden“. Zugleich wird betont, dass „Zucht“ nicht mit Sittlichkeit überhaupt gleichgesetzt werden darf.
Der Katechismus der Katholischen Kirche definiert Mäßigung als „jene sittliche Tugend, welche die Neigung zu verschiedenen Vergnügungen zügelt und im Gebrauch geschaffener Güter das rechte Maß einhalten läßt“ (Nr. 1809). Bei Johann Wolfgang von Goethe heißt es in Die natürliche Tochter aus dem Jahr 1803: „Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.“ Eine alltagssprachliche Formulierung ist „das Maß halten“.