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Klugheit
Eine Renaissance erfuhr sie jüngst im Zusammenhang mit den Versuchen, erneut eine Tugendethik als Alternative zur Kant'schen Pflichtenethik zu etablieren.
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Grundidee und Bedeutung
Klugheit, griechisch phrónesis und lateinisch prudentia, ist die Fähigkeit, in einem konkreten Einzelfall angemessen zu handeln. Dabei berücksichtigt die handelnde Person alle für die Situation wichtigen Faktoren, Ziele und Einsichten, soweit sie diese kennen kann. Klugheit richtet sich also nicht nur auf allgemeines Wissen, sondern besonders auf die richtige Entscheidung in einer bestimmten Lage.
Seit den Anfängen der abendländischen Philosophie galt Klugheit als wichtige Tugend, anfangs sogar als wichtigste Tugend. Besonders Platon sah sie als Voraussetzung für jede Tugend. Aristoteles entwickelte eine einflussreiche Theorie der Klugheit, die später von der Stoa verändert wurde. Im Hochmittelalter wurde Thomas von Aquins Lehre maßgeblich, die Aristoteles mit christlicher Philosophie verband. In der Neuzeit wurde die Klugheit zunehmend anders verstanden und bei Hume sowie Kant deutlich abgewertet. Im 20. Jahrhundert machte Josef Pieper die klassische Klugheitslehre wieder bekannter; außerdem wurde sie im Zusammenhang mit neuer Tugendethik erneut interessant.
Abgrenzungen
Klugheit wird vom allgemeinen Wissen unterschieden. Allgemeines Wissen, griechisch epistéme, richtet sich auf allgemeine Wahrheiten. Klugheit dagegen bezieht sich auf den einzelnen konkreten Fall und auf das Handeln in einer bestimmten Situation.
Zugleich kann Klugheit verschieden bewertet werden. Sie kann auf das moralisch Gute, Zuträgliche und ethisch Angemessene zielen. Sie kann aber auch in die Nähe von Schlauheit, Gerissenheit, Tücke oder Verschlagenheit geraten, wenn sie nicht an gutes Handeln gebunden ist. Diese Unterscheidung ist besonders bei Aristoteles wichtig: Bloße Gewandtheit oder Cleverness kann auch schlechten Zielen dienen; Klugheit im eigentlichen Sinn liegt nur vor, wenn das Ziel gut ist.
Platon und Aristoteles
Platon verwendet in seinen Dialogen die Begriffe Weisheit, griechisch sophía, und Klugheit oder Vernünftigkeit, griechisch phrónēsis. In der Politeia unterscheidet er drei Seelenvermögen des Menschen: Begierde, Affektvermögen und Vernunft. Ihnen entsprechen die Tugenden Besonnenheit, Tapferkeit und Weisheit. Wenn diese Seelenteile ihre Aufgaben tugendhaft erfüllen, entsteht Gerechtigkeit. In Platons Phaidon argumentiert Sokrates, dass Tapferkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit ohne phrónēsis keinen eigentlichen Wert hätten. Klugheit oder Vernünftigkeit erscheint hier als Bedingung wahrer Tugend.
Aristoteles prägt die spätere Klugheitslehre besonders stark. In der Nikomachischen Ethik beschreibt er phrónēsis als Verstandestugend, genauer als moralisch-praktisches Urteilsvermögen. Sie ist weder Wissenschaft, epistḗmē, noch Herstellen oder Machen, poíēsis. Aristoteles definiert sie als „eine handlungsleitende, wahre und auf Begründung beruhende Haltung“ im Bereich dessen, was für den Menschen gut oder schlecht ist.
Für Aristoteles richtet sich Klugheit auf „das gute Leben im ganzen“ (NE VI 5, 1140a 27f.). Sie besteht nicht darin, feste Regeln mechanisch zu befolgen. Vielmehr berät eine Person mit sich selbst, wägt ab, erkennt die Besonderheit der Situation und beurteilt, wann der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort für ein bestimmtes Handeln sind. Darum muss Klugheit nicht nur das Allgemeine, sondern auch das Einzelne kennen: „Denn sie ist handelnd, und das Handelnde betrifft das Einzelne.“
Weil Klugheit Erfahrung braucht, können junge Menschen nach Aristoteles mangels Erfahrung nicht im vollen Sinn klug sein. Klugheit gibt es auch in der Staatskunst und bei der Führung des Hauswesens, der Ökonomie; im engeren Sinn meint sie aber vor allem die Orientierung des einzelnen Menschen im eigenen Handeln. Von bloßer Gewandtheit, Scharfsinn oder Cleverness unterscheidet sie sich dadurch, dass sie auf gute Ziele gerichtet ist. Klug kann nur sein, wer zugleich tugendhaft ist; zugleich gibt es keine Tugend, die nicht auch klug ist.
Stoa und Thomas von Aquin
Die Stoa versteht Klugheit anders als Aristoteles. Bei den Stoikern ist phrónēsis weniger eine Fähigkeit zur situationsbezogenen Selbstorientierung, sondern eher eine Höchstform intellektueller Betätigung. Klugheit wird zu einem allgemeingültigen, über einzelne Situationen hinausgehenden Wissen darüber, was gut und übel ist. Sie vermittelt zwischen göttlicher Weltordnung und menschlicher Selbstverwirklichung. Der Weise soll sein Handeln so einrichten, dass es der Weltordnung entspricht. Eine wichtige Aufgabe der Klugheit liegt dabei in der Befreiung von Affekten, also von Leidenschaften, die Handlungen auslösen können.
Thomas von Aquin verbindet die aristotelische Klugheitslehre mit christlicher Philosophie. Er zählt die prudentia wie Aristoteles zu den intellektuellen Tugenden. Klugheit richtet sich bei ihm nicht auf die letzten Ziele, das ist Aufgabe der Weisheit, lateinisch sapientia, sondern auf die Wege zum Ziel. Er definiert sie als recta ratio agibilium, also als rechte Vernunft des Handelbaren.
Unter den Kardinaltugenden hat Klugheit bei Thomas eine herausragende Stellung. Sie ist genitrix virtutum, die Hervorbringerin der Tugenden: Ohne Klugheit gibt es keine Tugend. Gute Absicht oder gute Meinung allein reichen für gutes Handeln nicht aus.
Thomas unterscheidet drei Phasen der Klugheit: consilium, die Überlegung und Abwägung von Handlungsmöglichkeiten; iudicium, das Urteil darüber, was zu tun ist; und praecipium beziehungsweise applicatio ad operandum, die Umsetzung des Urteils in einen konkreten Handlungsentschluss und in ein Tun. Als Bestandteile nennt er unter anderem memoria, intellectus, docilitas, solertia, ratio, providentia, circumspectio und cautio. Außerdem gehören als Teiltugenden Wohlberatenheit, eubulia, rechtes Urteil oder Verständigkeit, synesis, und Scharfsinn, gnome, dazu. Anders als Aristoteles bezieht Thomas Klugheit stark auf das Gewissen, die syndêrêsis; in gewisser Hinsicht ist für ihn das Gewissen selbst die Klugheit.
Hume und Kant
Bei David Hume verliert Klugheit ihren hohen Rang als moralische Tugend. Sie ist für ihn nur noch eine „natürliche Fähigkeit“. Ihre Aufgabe besteht darin, unsere Handlungen an allgemeine Gewohnheiten und Gebräuche anzupassen.
Noch deutlicher verändert Kant den Begriff. Er lehnt eine Ethik ab, die sich an Glückseligkeit, also Eudaimonie, orientiert. Glückseligkeit ist für ihn kein Prinzip der Sittlichkeit. Deshalb verliert Klugheit bei Kant ihre moralische Funktion und wird zur Privatsache. Nicht die beste Verwirklichung vorgegebener Ziele steht im Zentrum, sondern die Rechtfertigung von Zwecksetzungen. Klugheit erscheint als bloße Technik des Glücks.
Kant definiert Klugheit als „die Geschicklichkeit in der Wahl der Mittel zu seinem eigenen größten Wohlsein“. Der technische Teil dieser Klugheit geht später in die Zweckrationalität Max Webers über.
Typische Formulierungen
Die Zitate des Artikels zeigen verschiedene Schwerpunkte des Klugheitsbegriffs. Der Malteserorden beschreibt Klugheit als Fähigkeit, in jeder Lage das wahre Gut zu erkennen und die richtigen Mittel zu wählen; sie lenke unmittelbar das Gewissensurteil.
Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche formuliert ähnlich: Klugheit mache die Vernunft bereit, in jeder Lage das wahre Glück zu erfassen und die richtigen Mittel zu seiner Verwirklichung zu wählen. Außerdem steuere sie die anderen Tugenden, indem sie ihnen Regel und Maß gebe.
Arthur Schopenhauer unterscheidet Klugheit vom theoretischen Verstand. In praktischer Anwendung werde der Verstand Klugheit genannt; geschehe diese Anwendung mit Überlistung anderer, heiße sie Schlauheit. Bei geringfügigen Zwecken nennt er sie Pfiffigkeit, bei Nachteil anderer Verschmitztheit. Dadurch wird sichtbar, wie eng Klugheit, Schlauheit und moralische Bewertung im Sprachgebrauch miteinander verbunden sein können.