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Junggesellenmaschine

Junggesellenmaschine (französisch „Machine Célibataire“, englisch „Bachelor Machine“) ist ein Begriff, den ungefähr ab 1913 Marcel Duchamp im Zusammenhang …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundidee
  2. 2. Duchamps Großes Glas und der Mythos
  3. 3. Aufbau als geistige Maschine
  4. 4. Umfeld und spätere Deutungen
  5. 5. Beispiele der Sammlung

Bedeutung und Grundidee

Eine Junggesellenmaschine (französisch „Machine Célibataire“, englisch „Bachelor Machine“) ist nach Michel Carrouges ein phantastisches Vorstellungsbild, das Liebe in einen Todesmechanismus umwandelt. Es verbindet einen sexuellen und einen mechanischen Bildbereich; beide lassen sich jeweils in einen männlichen und einen weiblichen Bereich gliedern.

Der Begriff geht auf Marcel Duchamp zurück, der ungefähr ab 1913 Teile seiner Arbeit so bezeichnete. Carrouges erweiterte ihn 1954 in „Les Machines Celibataires“ zu einem Modell für mechanistische Vorstellungen in Kunst und Literatur, besonders ungefähr zwischen 1850 und 1925. Solche Vorstellungen behandeln gesellschaftliche, erotisch-sexuelle und religiöse Beziehungen als Mechanik und zeigen oft Apparate, welche die natürliche Reproduktion ersetzen.

Duchamps Großes Glas und der Mythos

Duchamp nannte den unteren Teil von „Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar“ (1915–1923), auch „Großes Glas“, ausdrücklich „Junggesellenmaschine“. Dort stehen links die Junggesellen; ihr Begehren nach der Braut setzt die rechts dargestellte Schokoladenreibe in Gang.

Carrouges erkannte einen Mythos der Junggesellenmaschine, der Duchamps „Großes Glas“ mit der Maschine in Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ verbindet. Er erscheint auch in weiteren Werken als Bild erotisch aufgeladener Maschinen. Als technische Metaphern eines geschlossenen Kreislaufs nennt der Artikel bei Alfred Jarry Fahrrad und elektrischen Stuhl, bei Duchamp Fahrrad, Kaffeemühle, Schokoladenreibe und optische Apparate, bei Kafka die Druckmaschine, bei Villiers de l’Isle-Adam den Androiden sowie in Science-Fiction Computer und Rakete.

1972 bezogen sich Gilles Deleuze und Félix Guattari in „Anti-Ödipus, Kapitalismus und Schizophrenie“ auf Carrouges, Duchamp und Jacques Lacans Vorstellung eines maschinellen Unbewussten. Die von Harald Szeemann kuratierte Ausstellung „Junggesellenmaschinen / Les Machines Célibataires“ reiste 1975 zu neun Orten in Europa, darunter zur Biennale Venedig, nach Wien und Amsterdam, und machte den Begriff in der Kulturszene bekannter.

Aufbau als geistige Maschine

Eine Junggesellenmaschine ist eine geistige Maschine mit zunächst zwei Ebenen. Diese lassen sich entfernt mit Sigmund Freuds Unterteilung in „Über-Ich“, „Ich“ und „Es“ vergleichen. In Duchamps „Großem Glas“ und Kafkas Strafkolonie gibt es eine obere Zone, die dem Über-Ich ähnelt. Sie enthält eine Inschrift, also einen Code, und gibt ihre Botschaft durch einen Zeichner an eine untere Zone weiter. Bei Kafka wird das Urteil mit einer Egge in den Rücken des Verurteilten eingeschrieben.

Eine dritte Zone, die dem „Es“ vergleichbar wäre, fehlt oder wird ausgelöscht. Sie wäre ein Verdrängungslager, ein Libidoreservoir – ein Speicher des Begehrens – und das letzte Bollwerk des Lebenswillens. Dadurch besitzt allein die obere Zone Macht: Sie erlässt autoritäre Vorschriften, entwirft gesellschaftliche Notwendigkeiten und unmenschliche Zeitpläne, programmiert sinnentleertes zukünftiges Geschehen und überwacht dessen Einhaltung lückenlos.

Umfeld und spätere Deutungen

Der Mythos steht im Zusammenhang mit dem frühen Science-Fiction-Interesse an fiktiven Maschinen, etwa bei H. G. Wells, Jules Verne und George Henry Weiss, der unter dem Pseudonym Francis Flagg schrieb. Duchamp, Verne, Max Ernst und Francis Picabia lasen die reich illustrierte Zeitschrift „La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l'industrie“, die Anregungen für „metaphorische Maschinen“ bot.

Adolfo Bioy Casares’ Roman „Morels Erfindung“ (1940) zeigt eine Maschine, die lebendige Wesen aufnimmt und eine Lebenssequenz als tote dreidimensionale, endlos wiederholte Aufzeichnung reproduziert. Der Artikel sieht darin eine poetische Vorwegnahme des digitalen Zeitalters als Selbstarchivierung. Lewis Mumfords „Der Mythos der Maschine“ (1967) beschreibt dagegen eine hierarchische technisch-kulturelle Megamaschine, in der Machtinteressen Menschen als Teile einer militärisch organisierten Gesellschaft funktionalisieren.

Künstlerische Junggesellenmaschinen richten sich trotz ihrer Unmenschlichkeit für die imaginierten Opfer gegen mechanistische Herrschaftsmodelle: Sie sabotieren die Herrschaft des Technischen und Mechanischen und gelten als Protest des individuellen Geistes. Lacan beschreibt eine „Bewußtseinsmaschine des Imaginären“, die entsteht, wenn eine Oberfläche Bilder erzeugen kann. Deleuze und Guattari nennen ihr produktiv verstandenes maschinelles Unbewusstes „Wunschmaschine“ („machine désirante“): Begehren, Gesellschaft, Sprache, Körper, Leben, Wirtschaft und Kunst werden dabei als Maschinen gedacht. Jean Baudrillard formulierte in den 1980er Jahren die Spannung zwischen Mensch und Maschine im digitalen Interface, an dem simulierte Wirklichkeit zur virtuellen Realität wird.

Beispiele der Sammlung

Als Beispiele nennt die Sammlung die Maschinen in Raymond Roussels Romanen „Locus Solus“ und „Eindrücke aus Afrika“ („Impressions d’Afrique“), Edgar Allan Poes „Die Grube und das Pendel“ sowie Fahrrad, Supermann und elektrischen Sessel in Alfred Jarrys „Der Supermann“ („Le Surmâle“).

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