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Harnblase
Das maximale Fassungsvermögen der Harnblase (Blasenkapazität) beträgt beim erwachsenen Menschen je nach Körpergröße zwischen 900 und 1500 ml.
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Grundfunktion und Aufbau
Die Harnblase, lateinisch Vesica urinaria, ist ein muskuläres Hohlorgan des Harntrakts. In ihr wird Urin zwischengespeichert, weil aus den Nieren ununterbrochen Harn abfließt. Dadurch kann der Mensch den Urin willentlich und nur von Zeit zu Zeit abgeben. Der Urin gelangt über die Harnleiter (Ureter) aus den Nieren in die Harnblase und wird beim Entleeren über die Harnröhre (Urethra) ausgeschieden.
Beim Menschen liegt die Harnblase relativ geschützt im kleinen Becken. Bei Männern tritt starker Harndrang meist bei etwa 350–750 ml Füllmenge ein, bei Frauen bei 250–550 ml. Durch äußere und innere Reize kann Harndrang aber auch schon bei deutlich geringerer Füllung entstehen oder es kann zu unwillkürlicher Entleerung kommen. Das maximale Fassungsvermögen der erwachsenen Harnblase beträgt je nach Körpergröße etwa 900 bis 1500 ml.
Lage und Bestandteile
Die Harnblase liegt beim Menschen auf dem Beckenboden direkt hinter der Schambeinfuge. Bei Frauen befindet sie sich vor der Vagina, bei Männern vor dem Mastdarm; bei Frauen liegt sie etwas niedriger. Nach oben reicht sie bis zur Oberkante des Beckens und kann bei zunehmender Füllung bis zum Bauchnabel reichen.
Die Vorderseite heißt Apex. Der Raum zwischen Schambein und Blasenvorderwand heißt Cavum Retzii, die untere hintere Seite Fundus. Der Blasenhals (Cervix vesicae) führt zur Harnröhre. Die paarigen Harnleiter münden an der hinteren unteren Seite in die Blase. Da sie ein kurzes Stück innerhalb der Blasenwand verlaufen, werden sie bei stärkerer Füllung abgeknickt; zusätzlich drückt die glatte Muskulatur sie beim Harnlassen zusammen. Beides verhindert normalerweise, dass Urin zurückfließt.
Das Trigonum vesicae ist eine dreieckige Fläche zwischen den Eingängen der beiden Harnleiter und dem Ausgang der Harnröhre. Es dient bei endoskopischen Untersuchungen als Orientierung. Am Ausgang der Harnblase gibt es zwei Schließmuskeln: Der innere Schließmuskel besteht aus glatter Muskulatur und wird nicht willentlich gesteuert. Der äußere Schließmuskel, der Musculus urethralis, ist ein ringförmiger Skelettmuskel und kann bewusst kontrolliert werden.
Befestigt wird die Blase unter anderem durch Bauchfellfalten und Bänder: seitliche Harnblasenbänder (Ligamenta vesicae lateralia) und das mittlere Harnblasenband (Ligamentum vesicae medianum). Das mittlere Band ist ein Rest des Urachus; in den seitlichen Bändern liegt das runde Harnblasenband, ein Überrest der verschlossenen Nabelarterie.
Wandbau, Blutversorgung und Nervensteuerung
Die Innenwand der Harnblase ist mit Urothel ausgekleidet. Dieses Gewebe besteht aus vier bis sechs Zellschichten und kann seine Form dem Füllungszustand anpassen. Die oberste Zellschicht enthält große Deckzellen: Bei leerer Blase sind sie schirmförmig, bei gefüllter Blase flachen sie ab. Unter dem Urothel liegen die Lamina propria aus Bindegewebe und die Muskelschicht, die Tunica muscularis. Ihre glatte Muskulatur heißt Musculus detrusor vesicae oder kurz Detrusor; sie zieht sich beim Harnlassen zusammen. Außen ist die Blase meist von Adventitia bedeckt, einer lockeren Bindegewebsschicht; an der Oberseite liegt Bauchfell (Peritoneum) an.
Die Blutversorgung erfolgt vor allem über die Arteriae vesicales superiores und die Arteria vesicalis inferior, die aus dem Bereich der Arteria iliaca interna stammen. Bei Frauen kann zusätzlich Blut aus der Arteria vaginalis zur Harnblase gelangen. Das venöse Blut fließt über den Plexus venosus vesicalis, bei Männern auch über den Plexus venosus prostaticus, in die Vena iliaca interna ab.
Die Steuerung der Harnblase erfolgt durch das vegetative Nervensystem, also weitgehend unbewusst. Der Sympathikus entspannt den Detrusor und spannt den inneren Schließmuskel an; dadurch wird unwillkürliches Harnlassen verhindert. Der Parasympathikus hat seinen Ursprung im sakralen Rückenmark (S2–S4), zieht den Detrusor zusammen und entspannt den inneren Schließmuskel; dadurch wird die Miktion, also das Harnlassen, eingeleitet. Der bewusst steuerbare Musculus urethralis wird über Nervi perineales, Äste des Nervus pudendus, versorgt.
Entwicklung und Harnlassen
Embryonal entsteht die Harnblase aus der Kloake. Diese wird in der vierten bis siebten Entwicklungswoche durch das Septum urorectale in einen vorderen und einen hinteren Teil geteilt. Der vordere Teil heißt Sinus urogenitalis; aus seinem obersten und größten Teil entsteht die Harnblase. Die Harnleiter verlagern sich während der Entwicklung nach kranial, also kopfwärts. Das Harnblasendreieck hat zunächst mesodermalen Ursprung, wird später aber von endodermalen Zellen überwachsen, sodass schließlich die gesamte Blasenschleimhaut dem Entoderm entstammt.
Mögliche Fehlbildungen sind die Spaltblase (Ekstrophie der Harnblase) und die Urachuspersistenz. Bei der Spaltblase fehlen an der vorderen Bauchwand Muskulatur und Bindegewebe; die Rückwand der Blase wird sichtbar. Sie tritt mit einer Häufigkeit von 1 je 10.000 bis 40.000 Geburten auf und bei Jungen etwas mehr als doppelt so häufig wie bei Mädchen. Bei der Urachuspersistenz bildet sich der Abschnitt zwischen Bauchnabel und Harnblase nicht vollständig zurück. Formen sind Urachussinus, Urachuszyste, Urachusdivertikel und Urachusfistel; bei einer Urachusfistel kann Harn aus dem Nabel abfließen.
Physiologisch wird Urin in den Nieren gebildet, in den Nierenbecken gesammelt und durch die Harnleiter in die Harnblase geleitet. Mit zunehmender Füllung dehnt sich die Blasenwand, und Dehnungssensoren lösen den Miktionsreflex aus. Dieser Reflex läuft über Zentren im sakralen Rückenmark und führt zur Kontraktion des Detrusors sowie zur Entspannung des inneren Schließmuskels. Das Harnlassen beginnt aber erst, wenn der äußere Schließmuskel bewusst entspannt wird. Höhere Zentren im Zentralnervensystem, unter anderem im Pons und in der Großhirnrinde, können den Reflex hemmen oder fördern. Die erste Wahrnehmung der Harnansammlung tritt beim Menschen bei etwa 80 ml auf; bei etwa 300 bis 500 ml entsteht das Bedürfnis, die Blase zu entleeren. Nach ungestörtem Harnlassen bleiben normalerweise nicht mehr als fünf bis zehn Milliliter Harn zurück.
Untersuchung und Erkrankungen
Die Harnblase kann mit Sonographie, Röntgen, Kernspintomographie, Computertomographie und endoskopisch untersucht werden. Verfahren ohne Röntgenstrahlung, meist die Sonographie, sind die Bildgebung der ersten Wahl. Eine Röntgendarstellung der Blase heißt Zystographie; dabei kann Kontrastmittel verwendet werden, um zum Beispiel Blasendivertikel, Tumoren oder bestimmte Fremdkörper sichtbar zu machen. Bei einer Zystoskopie wird die Harnblase mit einem Endoskop betrachtet. Über einen Blasenkatheter kann Harn abgeleitet oder gewonnen werden; er wird entweder durch die Harnröhre oder durch die Bauchdecke in die Blase gelegt. Die Blasenfunktion wird durch Urodynamik geprüft, bei der Füllung, Druck, Schließmuskelverhalten und möglichst auch der Harnstrahl gemessen werden.
Eine häufige Erkrankung ist die Blasenentzündung (Cystitis), meist eine über die Harnröhre aufsteigende Infektion, die bis zu den Nieren aufsteigen kann. Wegen der kürzeren Harnröhre kommt sie bei Frauen häufiger vor. Funktionelle Blasenstörungen sind zum Beispiel die überaktive Blase und die Enuresis nocturna. Bei gestörtem Schließmechanismus kann Harninkontinenz entstehen, also die Unfähigkeit, das Harnlassen willentlich zu kontrollieren. Ursachen können psychologisch, etwa Stress, oder physiologisch sein, etwa eine Querschnittlähmung.
Blasenkrebs gehört in Deutschland zu den häufigen Krebsarten; für 2006 wird eine Inzidenz von 25.950 pro Jahr genannt. In 95 % der Fälle handelt es sich um ein Urothelkarzinom, also einen Tumor der Blasenschleimhaut. Typisch sind eine hohe Rezidivrate und eine eher niedrige Progressionsrate. Weitere Erkrankungen sind die Balkenblase, die Blasenhalsobstruktion, die Blasenhalsstenose, die Megazystis, die Reflexblase bei Rückenmarksdurchtrennung oberhalb Th12, die Blasenruptur sowie Blasensteine. Bei Säugetieren wie Haushund, Hauskatze, Hausmeerschweinchen und Hauskaninchen kommen Blasensteine oder Blasengrieß häufig vor; beim Menschen sind Blasensteine selten. Bei Hauskatzen ist die idiopathische Entzündung der Harnblase häufig und wird als Feline Lower Urinary Tract Disease (FLUTD) bezeichnet.
Harnblase bei Tieren und kulturelle Nutzung
Bei Nichtsäugern ist die Harnblase unterschiedlich ausgebildet. Bei Wirbellosen mit Nephridien können sich diese harnbildenden Organe am Ende zur Harnblase erweitern. Bei einigen weiblichen Haien und vielen Echten Knochenfischen bilden die beiden Harnleiter eine blasenartige Verwachsung. Bei Amphibien, manchen Eidechsen, Schildkröten, Brückenechsen und Straußen münden die Harnleiter in die Kloake; von dort führt ein kurzer Gang in die Harnblase, auch Harnbeutel genannt. Bei Schlangen, Krokodilen und allen weiteren Vögeln gibt es keine Harnblase.
Präparierte Harnblasen geschlachteter Tiere wurden kulturgeschichtlich genutzt, weil sie stabil und wasserdicht sind. Sie dienten als Behälter für Flüssigkeiten, Käse oder Dokumente, als Material für Platerspiele, Klistiere und Fensterersatz, außerdem als Hülle für bestimmte Wurst- und Fleischgerichte. Getrocknete und aufgeblasene Harnblasen wurden als Kinderspielzeug verwendet, etwa als frühe Luftballons oder zum Fußballspiel. In der schwäbisch-alemannischen Fastnacht sind aufgeblasene Schweinsblasen, Saubloodere, ein traditionelles Narrengerät.