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Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts von Jürgen Osterhammel ist ein Versuch, die Geschichte des 19. Jahrhunderts in weltgeschichtlichem Zusammenhang …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Ziel des Werkes
Jürgen Osterhammels Buch „Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“ ist ein Versuch, das 19. Jahrhundert als Weltgeschichte darzustellen. Es ordnet die Geschichte nicht nach einzelnen Räumen, Staaten oder politischen Einheiten, sondern fragt nach globalen Zusammenhängen, nach der „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, nach kulturellen Unterschieden und nach zeitlichen Verschiebungen von Institutionen und Kulturelementen in verschiedenen Kulturen.
Der Ansatz ist wichtig, weil Osterhammel das 19. Jahrhundert nicht einfach als Erzählung einzelner Ereignisse präsentiert. Er untersucht es unter eigens entwickelten Gesichtspunkten. Die Gliederung des Werkes folgt drei großen Zugriffen: „Annäherungen“, „Panoramen“ und „Themen“. Dadurch soll sichtbar werden, wie sehr das Jahrhundert einerseits in älteren Entwicklungen stand und andererseits Strukturen vorbereitete, die für das 20. Jahrhundert prägend wurden.
Globalgeschichtlicher Ansatz
Osterhammel setzt seine globalgeschichtliche Betrachtung an einem Punkt an, an dem die Globalisierung bereits so weit fortgeschritten war, dass weltweite Wirkungszusammenhänge in der Menschheitsgeschichte erkennbar wurden. Dabei vermeidet er eine durchgehend erzählende Darstellung. Stattdessen untersucht er das Jahrhundert mit Kategorien, die für dieses Werk entwickelt wurden.
In den „Annäherungen“ betrachtet er zunächst das Selbstbild der Zeit sowie die Kategorien Zeit und Raum. Beim Blick auf die Zeit betont er Unterschiede zu früheren Jahrhunderten und die Wandlungen, die später Strukturen des 20. Jahrhunderts hervorbrachten. Beispielhaft steht dafür der Satz: „Vor dem 20. Jahrhundert kann kein einziges Jahr als epochal für die gesamte Menschheit betrachtet werden“ (S. 96). Das 19. Jahrhundert erscheint dadurch sowohl als Fortsetzung älterer Entwicklungen als auch als deutlich weniger globalisiert als das 20. Jahrhundert.
Auch beim Raum warnt Osterhammel davor, heutige Begriffe ungeprüft auf das 19. Jahrhundert zu übertragen. Die Sammelbezeichnung „Südostasien“ entstand erst während des Ersten Weltkriegs in Japan. Die Kategorie „des Westens“ wurde laut Darstellung nicht vor den 1890er Jahren zu einer dominanten Denkfigur. Im langen 19. Jahrhundert war häufiger von der „zivilisierten Welt“ die Rede; in Japan wurde es sogar zum Ziel nationaler Politik, als „zivilisiertes Land“ akzeptiert zu werden.
Panoramen des 19. Jahrhunderts
Unter der Überschrift „Panoramen“ gibt Osterhammel keinen vollständigen Überblick, sondern behandelt acht große Wirklichkeitsbereiche, die wesentliche Elemente der Gesamtgeschichte des 19. Jahrhunderts erfassen sollen. Sein Verfahren besteht darin, ein Phänomen zunächst global zu betrachten und anschließend an einzelnen Regionen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu zeigen.
Zu diesen Bereichen gehören „Sesshafte und Mobile“, also demographische Entwicklung und verschiedene Formen von Migration, sowie „Lebensstandards“, die zwar quantitativ beschrieben werden können, deren Bedeutung aber je nach Gesellschaft verschieden ist. Ein weiterer Bereich sind die Städte: Sie erscheinen als Repräsentanten ganzer Zivilisationen und als Knotenpunkte, besonders Metropolen und Hafenstädte. „Frontiers“ werden als Grenz- und Erschließungsräume behandelt; mit Städten verbindet sie, dass beide Migranten anzogen.
Ein zentrales Panorama betrifft „Imperien und Nationalstaaten“. Osterhammel betont: „Das 20. Jahrhundert war die große Epoche des Nationalstaates. Im 19. Jahrhundert war das Imperium, noch nicht der Nationalstaat, die im Weltmaßstab dominante territoriale Organisationsform von Macht“ (S. 603). Weitere Panoramen behandeln Mächtesysteme, Kriege und Internationalismen. Das europäische Staatensystem folgte ab 1815 vereinbarten Regeln, doch diese galten nur in Europa, nicht gegenüber außereuropäischen Mächten; Osterhammel spricht von einer „bewusste[n] Entglobalisierung der internationalen Politik“ (S. 679).
Außerdem behandelt er Revolutionen und den Staat. Bei den Revolutionen erläutert er nach Definitionsfragen am Beispiel der amerikanischen und der französischen Revolution das Neue der beiden „Aufklärungsrevolutionen“, in denen er den Beginn der politischen Moderne sieht. Beim Staat zeigt er die Vielfalt politischer Formen. In Europa gab es eine Tendenz zum Verfassungsstaat, weltweit nahm der Einfluss vieler Bevölkerungen auf ihr eigenes Schicksal aber durch imperiale Fremdbestimmung auch ab. Deshalb ergibt sich kein einfacher Fortschrittsverlauf.
Zentrale Themen
An die Panoramen schließen sich thematische Kapitel an. Bei „Energie und Industrie“ beschreibt Osterhammel das 19. Jahrhundert als „Epoche der Ausbreitung der industriellen Produktionsweise sowie der damit verbundenen Gesellschaftsformen über große Teile der Welt“ (S. 909). Zugleich war es „nicht die Zeit einer einförmigen und gleichmäßigen Industrialisierung“. Grundlage der Entwicklung war die Ausbeutung fossiler Energie.
Das Thema „Arbeit“ umfasst Tätigkeiten im Haushalt, in Dorfgemeinschaften und in komplexeren Organisationen wie Fabriken, Behörden oder Armeen. Bei „Netze“ geht es um Vernetzung: Die Zeit zwischen der Jahrhundertmitte und dem Ersten Weltkrieg, also etwa sechs Jahrzehnte, wird als „Periode beispielloser Netzwerkbildung“ beschrieben (S. 1011). Unter „Hierarchien“ versteht Osterhammel eine wichtige Dimension von Gesellschaft; „nationale“ Gesellschaften lassen sich nach seiner Darstellung besonders gut durch ihre rechtlichen Institutionen charakterisieren.
Das Thema „Wissen“ meint kognitive Ressourcen, die helfen, Probleme zu lösen und Lebenssituationen in der realen Welt zu bewältigen. In Europa und Nordamerika entstand damals ein rationalistisches und instrumentelles Verständnis von Wissen. Im 19. Jahrhundert erhielt der ältere Begriff der Wissenschaft erstmals Aspekte, die heute eng mit ihm verbunden sind: Fächersystematik, Forschungsuniversität, Labor und geisteswissenschaftliches Seminar. Auch die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Anwendungen in Technik und Medizin wurden enger.
Weitere Themen sind „Zivilisierung“ und Ausgrenzung sowie Religion. Die Idee der Zivilisierung war laut Osterhammel nie so mächtig wie im 19. Jahrhundert. Religion blieb zugleich „die für das Alltagsleben der Menschen wichtigste Form von Sinnbildung, also das Zentrum aller geistigen Kultur“ (S. 1239).
Einzigartigkeit des Jahrhunderts
Am Ende des Werkes hebt Osterhammel fünf Merkmale hervor, die die Besonderheit des 19. Jahrhunderts gegenüber früheren Jahrhunderten zeigen. Erstens nennt er eine „asymmetrische Effizienzsteigerung“: Die Produktivität menschlicher Arbeit stieg durch Industrialisierung und neue Landreserven; außerdem wirkten waffentechnische Neuerungen, bessere militärische Organisation und Strategie sowie „die zunehmende Kontrolle von Staatsapparaten über die Bevölkerung der eigenen Gesellschaft“ (S. 1288).
Zweitens betont er die stark anwachsende und sich beschleunigende Mobilität. Besonders wichtig waren neue Infrastrukturen der Vernetzung, etwa Eisenbahn und Fernmeldetechnik. Drittens nennt er die „Ausweitung der medialen Möglichkeiten“, die er als „asymmetrische Referenzverdichtung“ bezeichnet: Über große Entfernungen hinweg wurde in kurzer Zeit ein intensiver kultureller Austausch möglich.
Viertens beschreibt Osterhammel die „Spannung zwischen Gleichheit und Hierarchie“. Sie entstand, weil zwischen dem theoretischen Anspruch der Menschenrechte und ihrer praktischen Umsetzung wegen bestehender hierarchischer Strukturen eine sehr große Kluft lag. Fünftens nennt er die Emanzipation, durch die diese Kluft geschlossen werden sollte.
Aufnahme und Kritik
Die Rezeption hebt vor allem die außergewöhnliche Bedeutung des Werkes hervor. Jürgen Kocka bezeichnete Osterhammels Darstellung als „ein Meilenstein deutscher Geschichtsschreibung“, als eines der wichtigsten historischen Bücher der vergangenen Jahrzehnte und als „großen Wurf“. Urs Hafner betonte, die Globalgeschichte lasse angeblich unüberwindbare Unterschiede zwischen Kontinenten und Kulturen schrumpfen, ohne Differenzen zu verwischen. Thomas Meyer meinte, das „Opus Magnum“ werde die Geschichtsschreibung verändern.
Es gab auch Kritik. Stephan Speicher nannte das Werk zwar „reflexionsstark“, aber zugleich „thesenarm“. Außerdem bedauerte er das Fehlen von Philosophie und Künsten. Weitere Rezensionen erschienen unter anderem von Andreas Fahrmeir, Detlev Claussen, Patrick Manning und J. R. McNeill. Bibliographisch handelt es sich um: Jürgen Osterhammel, „Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“, Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58283-7; die 6. Auflage erschien 2020.