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Israelitische Religionsgesellschaft
Mose 32,15, wörtlich übersetzt „Gemeinschaft Israels“) nannten sich Neo-orthodoxe jüdische Austrittsgemeinden ab den 1860er Jahren im deutschsprachigen Raum.
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Begriff und religiöses Profil
Israelitische Religionsgesellschaften waren neo-orthodoxe jüdische Austrittsgemeinden, die sich seit den 1860er Jahren im deutschsprachigen Raum bildeten. Sie wurden auch Adass Jisroel, Adaß Jisroel oder Adass Jeschurun genannt, wörtlich „Gemeinschaft Israels“. Ihr Vorbild war die von Samson Raphael Hirsch geleitete Kehilla, also jüdische Gemeinde, in Frankfurt am Main.
Die Gemeinden gingen aus Minjanim hervor, das heißt aus den für ein gemeinschaftliches Gebet erforderlichen Versammlungen jüdischer Beter. Sie wandten sich gegen Modernisierungen des liberalen Reformjudentums, etwa Orgelmusik, gemischten Chorgesang in der Synagoge und Änderungen des Gebetbuchs. Zugleich unterschieden sie sich von der Gemeindeorthodoxie: Deren strenggläubige Mitglieder blieben trotz religiöser Gegensätze in den allgemeinen Einheitsgemeinden, während die Austrittsorthodoxen eigene Gemeinden und Einrichtungen gründeten.
Eine Grundlage der Neuorthodoxie war das Prinzip „Tora im derech erez“. Es forderte sinngemäß das Studium der Religionsgesetze zusammen mit Aufmerksamkeit für die Erfordernisse der Gegenwart. Im Mittelpunkt standen die praktischen Regeln der Halacha, also des jüdischen Religionsrechts, und eine Lebensweise nach den im Schulchan Aruch zusammengefassten Geboten. Im Vergleich zur „Altorthodoxie“ polnisch-galizischer Prägung suchten die Neuorthodoxen einen stärker rationalistischen und reflektierten Zugang zur überlieferten Religion. Sie stammten meist aus einem deutsch-österreichischen, teilweise auch ungarischen Umfeld.
Entstehung, Ausbreitung und Ende
Zu den frühen Wegbereitern gehörte Jakob Ettlinger, ein aus Karlsruhe stammender Rabbiner in Altona und Lehrer von Samson Raphael Hirsch und Esriel Hildesheimer. Hildesheimer, geboren in Halberstadt, begann seine Laufbahn im damals ungarischen Eisenstadt. Später bildete er am Rabbinerseminar in Berlin zahlreiche Kandidaten aus Ungarn aus, die die Austrittsorthodoxie mitprägten.
Die rechtliche Grundlage in Preußen schuf das von Eduard Lasker erkämpfte Gesetz vom 28. Juli 1876 über den Austritt aus den Synagogengemeinden. Es erlaubte „toratreuen“ Juden, sich aus religiösen Gründen von einer Einheitsgemeinde zu lösen, ohne damit aus dem Judentum auszutreten. Dadurch konnten sie eigene Gemeindestrukturen bilden. Nach dem Frankfurter Vorbild und unter dem Einfluss von Hirschs Schriften entstanden Gemeinden mit eigenen Synagogen unter anderem in Berlin, Heilbronn, Karlsruhe, Köln, Mainz, Wiesbaden, Wien, Zürich und Washington Heights in New York City.
Nur wenige osteuropäische Rabbiner und Juden, die seit dem späten 19. Jahrhundert sowie auf der Flucht vor Pogromen in Polen und der Ukraine nach Deutschland kamen, schlossen sich der Neuorthodoxie an. Ihre meist im Chassidismus verwurzelten und jiddischsprachigen Gruppen erhielten zwar Hilfe bei der Integration, stießen bei westlich gebildeten Mitgliedern aber teilweise auch auf Ablehnung. Andere orthodoxe Familien folgten Seligmann Bär Bamberger, dem „Würzburger Raw“, und blieben bewusst in den bestehenden Einheitsgemeinden. Deshalb beschränkte sich die Austrittsorthodoxie überwiegend auf einzelne Familien des gehobenen Bürgertums und gewann keine große Breitenwirkung.
Durch die Novemberpogrome von 1938 sowie anschließende Zwangsmaßnahmen und Plünderungen zerstörten die Nationalsozialisten die Israelitischen Religionsgesellschaften in ihrem Herrschaftsgebiet. Nach dem Stand von 2014 war der 2013 gegründete Israelitische Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel zu Berlin K.d.ö.R. die einzige Austrittsgemeinde in Deutschland.
Bedeutende Gemeinden in Deutschland
Frankfurt am Main war das wichtigste Vorbild der Bewegung. Um 1853 entstand in der Schützenstraße der erste Synagogenbau der deutschsprachigen Austrittsorthodoxie. Der von 1905 bis 1907 errichtete Nachfolgebau an der Friedberger Anlage 5–6 gehörte zu den geräumigsten jüdischen Sakralbauten Europas. Eine eigenständige Körperschaft wurde die Frankfurter Israelitische Religionsgesellschaft jedoch erst 1928.
In Karlsruhe setzte Adass Jeschurun 1869/70 nach einem erfolgreichen Rechtsstreit die Trennung konsequent durch und war damit formal die erste entsprechende Gemeinde im deutschsprachigen Raum. Sie erwarb 1872 einen Friedhof und baute 1881 ihre Synagoge in der Karl-Friedrich-Straße 16.
Die Berliner Adass Jisroel wurde 1869 gegründet. Esriel Hildesheimer war ihr erster Rabbiner. Seit 1904 befand sich ihre Synagoge in der Artilleriestraße 31, später Tucholskystraße 40. Ein eigener Friedhof in Weißensee entstand 1880. Die Gemeinde wurde 1885 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt; der Bundesgerichtshof bestätigte diesen Status 1997 nach einem Rechtsstreit mit dem Land Berlin. 2013 gründete sich der Kahal Adass Jisroel in ihrer Tradition.
Weitere Gemeinden entstanden in mehreren Städten. Mainz erhielt 1879 auf Initiative von Raw Marcus Meyer Lehmann eine von Eduard Kreyßig entworfene Synagoge mit 300 Plätzen. Köln weihte 1884 ein eigenes Bet- und Lehrhaus ein und erlangte 1908 als Adass Jeschurun rechtliche Selbständigkeit; aus ihrem Umfeld gingen ab 1907 das Lehrerseminar Moriah mit Übungsschule und ab 1919 das private Jawne-Gymnasium hervor. In München trennte sich eine orthodoxe Strömung 1876 von der Hauptgemeinde und errichtete 1892 die Synagoge Ohel Jakob; erster Rabbiner war Heinrich Ehrentreu. Nürnberg gründete Adas Jisroel 1874 zunächst als Verein innerhalb der Einheitsgemeinde und baute 1902 eine eigene Synagoge.
In Königsberg in Preußen eröffnete Adass Jisroel 1893 eine orthodoxe Synagoge. Ihr Innenraum wurde beim Novemberpogrom verwüstet. Weil die beiden Synagogen der liberalen Gemeinde ausbrannten, diente danach ein Gemeindesaal im Gebäude von Adass Jisroel den Königsberger Juden als Gebetsraum.
Gemeinden außerhalb Deutschlands
In Wien entstand aus einem kleinen Bethaus zwischen 1858 und 1864 die Schiffschul mit ihrer Organisation Adas Jisroel, eine der frühesten Kehillot der Austrittsbewegung. Salomon Spitzer leitete die Gemeinschaft seit 1853 und wurde ihr erster Rabbiner. Wegen seiner Ablehnung religiöser Modernisierungen geriet er wiederholt in Konflikt mit der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. Das kaiserliche Ministerium lehnte 1874 seinen Antrag auf Gründung einer eigenständigen Austrittsgemeinde ab; auch spätere Versuche einer rechtlichen Verselbständigung blieben erfolglos.
In Kopenhagen bestanden zwei Austrittsgemeinden. Die erste wurde 1845 infolge von Konflikten über die Reformen des Oberrabbiners Abraham Alexander Wolff gegründet; ihre Synagoge bestand bis in die 1960er Jahre. Die zweite Gemeinde, Machsike Hadas, entstand 1910, nachdem Oberrabbiner Tobias Lewenstein und seine Anhänger die Einheitsgemeinde als zu liberal beurteilt hatten. Nach mehreren Umzügen fand sie ihren Sitz in der Ole Suhrsgade; das dortige Synagogengebäude wurde 1958 errichtet. Auch in Zürich bestand eine Israelitische Religionsgesellschaft.
Bildung, Presse und politische Organisation
Mit der Austrittsorthodoxie waren mehrere Jeschiwot verbunden, also jüdische Lehranstalten für das Studium religiöser Texte. Esriel Hildesheimer gründete 1873 das Rabbinerseminar in Berlin. Salomon Breuer, ein Schwiegersohn Samson Raphael Hirschs, rief 1893 die Talmud-Hochschule in Frankfurt ins Leben.
Als ideologische und politische Interessenvertretung wirkte die Agudas Jisroel. Zur Bewegung gehörten außerdem Zeitungen wie die von Samson Raphael Hirsch gegründete „Jeschurun“, der von Marcus Lehmann in Mainz gegründete „Israelit“ sowie die in Wien und Bratislava erscheinende „Jüdische Presse“. Bildungseinrichtungen, Presse und Organisationen halfen dabei, religiöse Lehre zu vermitteln, Rabbiner auszubilden und die Interessen der orthodoxen Gemeinden öffentlich zu vertreten.