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Islam bei den Tuareg
Die Geschichte des Islam bei den Tuareg begann bereits zu Lebzeiten des Propheten und Religionsstifters Mohammed im 7. Jahrhundert.
Inhalt6 Abschnitte
Islam und Tuareg im Überblick
Die Tuareg sind heute vollständig muslimisch. Ihre Islamisierung begann im 7. Jahrhundert, als arabische Truppen von der Mittelmeerküste über den libyschen Fessan und die Gebirge der Zentralsahara bis zur nigrischen Ténéré-Wüste vordrangen. Der Islam ersetzte jedoch nicht sofort alle älteren Glaubensvorstellungen. Vielmehr verbanden die Tuareg islamische Lehren teilweise mit überlieferten, vorislamischen Bräuchen; eine solche Verbindung verschiedener religiöser Traditionen heißt Synkretismus.
Der Koran gilt den Tuareg als Heiliges Buch. Die praktische Religionsausübung unterscheidet sich aber in mehreren Punkten von derjenigen vieler anderer muslimischer Gemeinschaften. Gründe dafür sind unter anderem die nomadische Lebensweise und geringe Arabischkenntnisse: Viele Tuareg sprechen Tamascheq und schreiben Tifinagh. Gebete, Feste und religiöse Pflichten werden deshalb häufig an die Lebensbedingungen in Sahara und Sahel angepasst.
Ausbreitung und Widerstand
Die Tuareg gehörten ursprünglich wie andere Berberstämme einer afrikanisch-ethnischen Religion an. Ihre Islamisierung setzte 642 unter dem ifrīqischen Feldherrn ʿUqba ibn Nāfiʿ ein. Die Tuareg des Fessan, auch Targa genannt, wurden dabei bis zum Adrar des Ifoghas und zum Aïr-Gebirge zurückgedrängt. Die Überlieferung schreibt ʿUqba ibn Nāfiʿ ein so beeindruckendes Auftreten zu, dass manche Berber ohne Widerstand zum Islam übergetreten seien und sich den neuen Herrschern unterworfen hätten.
Eine wichtige Gegnerin der muslimischen Expansion war Kāhina, Priesterfürstin des Berberstammes der Dscharawa. Von ihrem Stützpunkt im algerischen Aurès aus kämpfte sie bis zu ihrem Tod 701 gegen Hassān ibn an-Nuʿmān, den muslimischen Statthalter von Ifrīqiya von 685 bis 703. Danach nahm der gemeinsame Widerstand der Berber ab. Die letzte Schlacht fand 708 statt; 711 wurde die Abwehr endgültig aufgegeben. Tariq ibn Ziyad, der erste „bekehrte“ muslimisch-berberische Feldherr, beteiligte sich anschließend an der Eroberung der Iberischen Halbinsel.
Im 8. Jahrhundert verbreiteten arabische Kaufleute den Islam über Seewege. Über die von nomadischen Tuareg beherrschten Kamelrouten gelangte er zugleich immer weiter nach Süden. Das im heutigen Mali gelegene Ghana-Reich blieb trotz seiner Kontakte zur islamischen Welt bis zum 12. Jahrhundert weitgehend unbeeinflusst.
Zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert dehnte sich die islamisierte Berberdynastie der Almoraviden, die zum Stamm der Lempta gehörte, im westlichen Nordafrika aus. Sie zwang auch Bevölkerungsgruppen der Westsahara den Islam auf. Später wanderten arabisch-islamische Beduinengruppen wie die Banū Hilāl mit Familien und Herden in Gebiete noch nicht islamisierter Berber ein. Manche Stämme wichen gewaltsamen Konflikten aus, indem sie sich in dünn besiedelte Teile der Sahara zurückzogen. Ende des 12. Jahrhunderts hatte der Islam die gesamte Westsahara erfasst und die dortigen Berberstämme unter seinen Einfluss gebracht.
Religiöse Praxis und Islamisierung
Die Tuareg übernahmen arabisch-islamische Einflüsse überwiegend passiv und synkretistisch. Während dieses Akkulturationsprozesses, also der kulturellen Anpassung durch Kontakt mit einer anderen Kultur, verloren traditionelle Vorstellungen zunehmend an Bedeutung. Dennoch blieben ältere Glaubensbräuche teilweise erkennbar. Der Forschungsreisende und Ethnograph Henri Lhote beschrieb dies für die Kel Ahaggar in Algerien. Eine gewisse religiöse Orientierung könnte der almoravidische Korangelehrte Agag Alemin vermittelt haben, der eine Gruppe von Schülern um sich sammelte. Insgesamt blieben die Tuareg bei der Ausbildung ihres islamischen Glaubens nach Darstellung des Artikels jedoch eher passiv.
Das Vordringen europäischer Kolonialmächte beschleunigte die Islamisierung der Sahara- und Sahelgebiete. Islamische Führer organisierten Widerstand gegen die Kolonialverwaltungen. Dieser gipfelte ab 1916 in der Ausrufung des Heiligen Krieges und führte zum Kaosenaufstand im Osten sowie zum Firhun-Aufstand im Westen. Wegen der fehlenden Einheit der Tuaregstämme gingen die Kämpfe verloren. Beim Kaosenaufstand in Agadez wurden religiöse Führer 1917 aufgrund ihres Einflusses Opfer eines Blutbads.
Der Zugang zum Koran war und ist durch mangelnde Arabischkenntnisse erschwert. Koranschulen sind jungen Männern vorbehalten und werden wegen der nomadischen Lebensweise häufig nur unregelmäßig besucht. Jahrhundertealte Moscheen gibt es in Gao, Agadez und Timbuktu sowie vereinzelt im südlichen Ahaggar und im Aïr. Sie werden jedoch weniger genutzt als Moscheen in vielen anderen muslimischen Gebieten. Stattdessen reinigen Gläubige oft eine Bodenfläche und grenzen sie mit einem Kreis loser Steine ab. Dort beten sie in Richtung Mekka.
Pilgerfahrten nach Mekka werden meist abgelehnt, weil sie als Mittel zur Steigerung des Ansehens verstanden werden. Auch der Ramadan wird großzügig ausgelegt. Als Begründung wird angeführt, dass die Menschen außerhalb des Fastenmonats bereits oft Hunger erleiden oder dass Tuareg als reisende Nomaden von solchen Pflichten befreit seien. Wissenschaftler charakterisieren ihr Verhältnis zum Islam daher als oberflächlich.
Korangelehrte und soziale Ordnung
Die Tuareg-Gesellschaft ist stark hierarchisch gegliedert. Genannt werden die Adeligen oder Imajeren, die Korangelehrten oder Ineslemen, die Vasallen oder Imrad, die schwarzen Ackerbauern oder Izzegarren – von Arabern Haratin genannt –, die Sklaven und schließlich die Schmiede oder Inaden.
Die Ineslemen, Singular Aneslem, bilden als Marabouts die religiöse Klasse der Korangelehrten. Ihre Stellung kann vererbt oder durch geeignete Studienabschlüsse erworben werden; ihr Ansehen ist mit dem der Adeligen vergleichbar. Sie legen den Koran und andere religiöse Schriften aus. Außerdem bestimmen sie wichtige Termine, beispielsweise den Aufbruch von Kamelkarawanen, Hochzeiten und Beerdigungen. Als „Volk Gottes“ sollen sie großzügig und gastfreundlich sein. Für ihre Tätigkeiten erhalten sie traditionell Lebensmittel, heute auch Geld oder Wertgegenstände wie Ziegen.
Neben der Schriftdeutung verwenden Ineslemen Niederschriften mit Erfahrungen und magischen Formeln. Solche Zettel werden in Kleidung eingenäht oder in Metallbehältern als Halsamulette getragen. Sie können dem Schutz von Menschen und wertvollen Tieren, besonders Kamelen, dienen und sollen den Teufel beziehungsweise seine negative Kraft, iblis, bannen.
Manche Texte enthalten Anleitungen zur Heilung und sollen albaraka, also Segen, vermitteln. Ihre Tinte wird mit Wasser gelöst und Kranken als Trank gegeben. Alternativ bringt man sie auf Metall auf und räuchert sie ab, damit der Kranke die Dämpfe einatmet. Diese Verfahren werden streng geheim gehalten.
Feste, Rituale und Jenseitsvorstellungen
Viele allgemein verbreitete islamische Feste und Pflichten spielen bei den Tuareg nur eine geringe Rolle oder werden in abweichender Form begangen. Das Freitagsgebet findet nicht in Moscheen statt, der Ramadan wird nicht streng eingehalten. Auch die Lailat al-Qadr, das Fest des Fastenbrechens ʿĪdu l-Fitr, das Opferfest, die Himmelfahrt Mohammeds, die Nacht der Vergebung Lailatu l-Barā'a und das Jalsa Salana besitzen kaum Bedeutung.
Besonders wichtig ist dagegen Mawlid an-Nabi, der Geburtstag Mohammeds. Er wird am 12. Tag des Monats Rabīʿ al-awwal im islamischen Kalender gefeiert, obwohl viele andere Muslime ihn als unzulässige Bidʿa, also religiöse Neuerung, ablehnen. Bei den Tuareg heißt das Fest „mulud“. Um Mitternacht versammeln sich festlich gekleidete Menschen an eigens vorbereiteten Kultplätzen. Sie singen, und in der Morgendämmerung werden waghalsige Kamelritte vorgeführt.
Ein weiteres bedeutendes Fest begleitet die Beschneidung junger Männer im Alter von etwa 18 Jahren. Danach erhalten sie ihren Gesichtsschleier. Das Ritual führt sie in die männliche Geschlechterrolle und in die kulturellen Werte der Bescheidenheit ein. Viele Rituale verbinden islamische mit vorislamischen Elementen, darunter Bezüge zur matrilinearen, also über die mütterliche Linie bestimmten Abstammung, zu Ahnfrauen, Geistern, Erde, Fruchtbarkeit und Menstruation.
Nach der Weltsicht der Tuareg ist die Seele, Iman, persönlicher als ein Geist. Die Seelen Verstorbener gelten als frei und können Nachrichten übermitteln; als Gegenleistung werden etwa Hochzeiten vereinbart. Durch Schlafen auf den Gräbern der Ahnen soll gelegentlich die Zukunft vorhergesagt werden können. Die Vorstellungen vom Paradies entsprechen dagegen dem offiziellen Islam.
Stellung und Rechte der Frau
Die Stellung der Frau ist besonders stark durch vorislamische kulturelle Werte geprägt und unterscheidet sich deutlich von vielen üblichen islamischen Traditionen. Frauen gelten als gleichberechtigt und besitzen große Freiheit im Umgang mit Männern. Sie müssen nicht erklären, wohin sie gehen oder was sie tun, solange sie ihre Verantwortung für die Familie erfüllen. Henri Lhote zufolge wird keine Jungfräulichkeit vor der Ehe verlangt; im berberischen Sprachgebrauch gebe es dafür nicht einmal ein eigenes Wort.
Die Gesellschaft folgt matrilokalen Regeln: Nach der Heirat richtet sich der Wohn- und Familienverband an der Seite der Frau aus. Eine Frau kann sich von einem ungeliebten Ehemann scheiden lassen. Auch Eigentumsrechte können so gestaltet sein, dass sie den Mann benachteiligen.
Das Erbrecht wird stärker nach dem Koran ausgelegt: Ein Sohn erbt grundsätzlich doppelt so viel wie eine Tochter. Diese Regel kann jedoch durch Schenkungen zu Lebzeiten, alchabus genannt, umgangen werden. Bestimmte Güter sind nicht übertragbar, sondern dürfen nur genutzt werden; dies heißt ach iddaren. Bei Anwendung matrilokaler Regeln bleiben solche Güter in der Familie der Frau. Häufig handelt es sich um Nutztiere und deren Milch. Werden sie dem normalen Güterkreislauf entzogen und in der mütterlichen Erblinie gehalten, werden sie als ach ebowel, „Milch des Nestes“, bezeichnet.