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Ioculatores

Die Gruppe gilt als eines der ersten Ensembles für authentische mittelalterliche Musik in Ostdeutschland. Dafür musizierten die Mitglieder auf Instrumenten, die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Spielweise und Instrumente
  3. 3. Entwicklung des Ensembles
  4. 4. Name und historischer Bezug
  5. 5. Aufnahmen und weitere Produktionen

Überblick und Bedeutung

Ioculatores (Eigenschreibweise: IOCULATORES) war ein 1984 in Leipzig gegründetes Ensemble für Musik des abendländischen Mittelalters. Die zunächst Fidolin genannte Gruppe spielte anfangs vor allem deutsche Folklore, wandte sich dann der Renaissance und seit 1988 ausschließlich mittelalterlicher Musik zu. 2009 löste sie sich nach einem Abschiedskonzert beim Festival „montalbâne“ in Freyburg an der Unstrut auf.

Das Ensemble gehörte zu den ersten Gruppen in der DDR beziehungsweise in Ostdeutschland, die authentische europäische Mittelaltermusik auf Konzertbühnen brachten. Sein Repertoire umfasste weltliche Tanzmusik, Minnelyrik – die mittelalterliche Kunst des höfischen Liebesliedes – und geistliche Musik. Durch internationale Kontakte und den Austausch beim Festival „montalbâne“ prägte Ioculatores die deutsche Szene für authentische mittelalterliche Musik wesentlich mit.

Spielweise und Instrumente

Ioculatores strebte eine möglichst originalgetreue Aufführungspraxis an. Die Mitglieder verwendeten Instrumente, die für das 10.–15. Jahrhundert typisch waren, darunter Fiedel, Harfe, Psalterium, Laute, Scheitholz, Zink, Portativ, Trumscheit, Krummhorn, Ud, Schalmei und Drehleier. Einige Instrumente rekonstruierten sie selbst anhand erhaltener Originale, historischer Bilder und alter Beschreibungen. Besonders Sebastian Pank und Veit Heller beschäftigten sich intensiv mit dem mittelalterlichen Instrumentenbau.

Die fachliche Grundlage bildeten Kenntnisse aus Musik, Instrumentenbau, Musikwissenschaft, Musikpädagogik, Geschichte und Theologie. Mehrere Mitglieder studierten an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig oder an der Universität Leipzig. Weitere wichtige Impulse kamen von der Schola Cantorum Basiliensis, einer Schweizer Musikhochschule für historische Musik, die praktische Aufführung und musiktheoretische Forschung verbindet.

Für die Interpretation war umfangreiches historisches Wissen nötig: Mittelalterliche Modalnotation und Mensuralnotation sind anders aufgebaut als moderne Notenschrift und enthalten weniger Angaben zur konkreten Ausführung. Mit ihrer wissenschaftlich gestützten Arbeit entwickelte die Gruppe ein eigenständiges Klangbild abseits des populären Mittelalter-Gothic und setzte Maßstäbe für Interpretation und Aufführungspraxis.

Entwicklung des Ensembles

Die Gruppe entstand 1984 aus sechs Leipziger Schülern. Ihren ersten großen Auftritt mit mittelalterlicher Musik hatte sie im April 1989 bei der Folklore-Werkstatt in Ilmenau, nun erweitert um Susanne Ansorg und Alexander Dinter. Publikum und Jury reagierten so begeistert, dass eigens ein Sonderpreis geschaffen wurde. Zu diesem Konzert nahm die Gruppe den Namen Ioculatores an.

In den folgenden Jahren konzertierte das Ensemble in ganz Deutschland und unternahm mehrere Reisen nach Russland, Frankreich und in die Tschechische Republik. Im März 1990 veranstaltete es ein wichtiges Benefizkonzert für den Wiederaufbau der Doppelkapelle von Schloss Neuenburg. 1991 schloss sich der Historiker Jörg Peukert als Sprecher und Rezitator an.

Im Oktober 1991 initiierte die Gruppe die Internationalen Tage der mittelalterlichen Musik in Sachsen-Anhalt, die seit 1998 „montalbâne“ heißen. Das Festival fand zunächst in der Doppelkapelle zu Landsberg und seit 1993 auf Schloss Neuenburg sowie in der Freyburger Stadtkirche St. Marien statt. Unter der Leitung von Susanne Ansorg entwickelte es sich mit Künstlern aus mehr als 30 Nationen zu einer der bedeutendsten europäischen Veranstaltungen für mittelalterliche Musik (Stand 2024). Workshops und Vorträge behandeln dort auch neue Forschung zur Quellenlage und Aufführungspraxis.

Ioculatores beteiligte sich außerdem an Kulturprojekten in Sachsen-Anhalt, darunter 1993 die Eröffnung der Straße der Romanik und 1998 die Feier zum 900. Geburtstag Konrads von Wettin. Ebenfalls 1998 wirkte die Gruppe an der Gründung des Musik- und Kulturzentrums Schloss Goseck mit. Für ihr Engagement bei „montalbâne“ und auf Schloss Goseck erhielt sie 2008 den Romanikpreis 2007 in Silber.

Beim XIX. Festival „montalbâne“ 2009 feierte das Ensemble sein 25-jähriges Bestehen und gab zugleich seine Auflösung bekannt. Einige ehemalige Mitglieder spielten später im „montalbâne Ensemble“, bei „cantilena aurea“ und „La Ziriola“.

Name und historischer Bezug

Der lateinische Ausdruck Ioculatores bezeichnet mittelalterliche Spielleute und Gaukler. Zu ihnen gehörten Spaßmacher, Dichtersänger und Musikanten, die als fahrendes Volk auf öffentlichen Plätzen, Jahrmärkten und an Höfen auftraten. Obwohl die Kirche sie sozial und sittlich stark stigmatisierte, erfüllten sie ein Bedürfnis nach Unterhaltung und Kultur und wurden deshalb auch von Bischöfen und Äbten beschäftigt. Im Spätmittelalter nahm diese Stigmatisierung teilweise ab. Mit der Wahl des Namens und seinem vielseitigen Repertoire knüpfte das Leipziger Ensemble an diese Tradition mittelalterlicher Musikkultur an.

Aufnahmen und weitere Produktionen

Die Diskografie umfasst fünf Alben:

• 1993: „Lieder und Tänze des Mittelalters“ (Raumklang) • 1995: „frofro – Weihnachtsmusik des 10.–15. Jahrhunderts“ (Raumklang) • 2004: „media vita in morte sumus – Ein Spiel um die letzten Dinge“ (Raumklang) • 2007: „VITA S. ELISABETHæ – Das Leben der heiligen Elisabeth von Thüringen“, zusammen mit Ars Choralis Coeln und amarcord (Raumklang, Co-Produktion mit Deutschlandradio Kultur) • 2011: „Der Erlauchte Fürst – Höfische Kultur zu Zeit des Naumburger Meisters“, zusammen mit Jörg Peukert (Talanton, Co-Produktion mit Deutschlandfunk Kultur)

Das letzte Album erschien zwei Jahre nach der Auflösung und stellte ältere Stücke passend zu einer Ausstellung auf Schloss Neuenburg zusammen. Die ersten vier Alben wurden beim 1993 gegründeten Label Raumklang veröffentlicht.

Daneben entstanden Konzertmitschnitte und Porträts für Rundfunk und Fernsehen sowie Produktionen für Theater, Museen und Schulen. Für das Hörspiel „Die Päpstin“ von Donna W. Cross lieferte das Ensemble 2000 die musikalische Untermalung und Begleitung. Zu seinen größeren Aufführungsprojekten gehörten 1994 die Messe von Guillaume de Machaut gemeinsam mit dem Leipziger Kammerchor Josquin des Préz und 1995 die Premiere des Weihnachtsprogramms „fro fro“ mit der Schola Cantorum Leipzig im Gewandhaus zu Leipzig.

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