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Interkulturelle Hermeneutik

Der Begriff „interkulturelle Hermeneutik“ bezeichnet sowohl Theorien einer wissenschaftlichen Methodik des Fremdverstehens als auch die Frage nach den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundproblem
  2. 2. Verstehen, Sprache und Tradition
  3. 3. Textauslegung und Begründung von Verständigung
  4. 4. Modelle interkultureller Philosophie
  5. 5. Fremdheit, Dialog und Selbstreflexion

Begriff und Grundproblem

Interkulturelle Hermeneutik bezeichnet Theorien und Methoden, mit denen fremde Lebensäußerungen, Texte, Denkweisen und Kulturen verstanden werden sollen. Sie fragt zugleich nach den Bedingungen und Grenzen dieses Verstehens. Der Begriff wird unter anderem in Literaturwissenschaft, Philosophie und Interkultureller Theologie verwendet.

Hermeneutik war zunächst vor allem Auslegung von Texten. In der Neuzeit entstand ein Methodenbewusstsein, das Auslegung objektiv und frei von subjektiver Willkür machen wollte. Im 20. Jahrhundert rückten philosophisch-ontologische Fragen in den Vordergrund: Verstehen gilt nun auch als grundlegende Weise menschlichen Daseins. Seit spätestens 1980 ist Interkulturalität in vielen Humanwissenschaften ein wichtiges Thema.

Abzugrenzen sind mehrere Fachgebiete: Die Ethnologie versucht, fremde Kulturen aus ihrer eigenen subjektiven Perspektive zu erfassen; völliges Hineinversetzen bleibt dabei nach Wolfdietrich Schmied-Kowarzik unmöglich. Xenologie zielt vor allem auf politische Verständigung, nicht auf Verstehen als hermeneutisches Ziel. Interkulturelle Philosophie untersucht besonders das Spannungsverhältnis zwischen universellem philosophischem Anspruch und kulturellen Identitäten. Sie benötigt interkulturelle Hermeneutik als Theorie des Verstehens fremdkulturellen Denkens.

Drei Verwendungsweisen stehen nebeneinander: methodologische Hermeneutik nach Friedrich Schleiermacher fragt nach Regeln und dem „Wie“ der Interpretation; Diltheys philosophische Hermeneutik untersucht Bedingungen des Verstehens; Heideggers „Hermeneutik der Faktizität“ versteht sich selbst als auslegendes Verfahren.

Verstehen, Sprache und Tradition

Wilhelm Dilthey versteht „Verstehen“ als die „empirische Erkenntnis der Gesamtheit menschlicher Lebensäußerungen“. Es ist die besondere Erkenntnisweise der Geisteswissenschaften, während Naturwissenschaften „erklären“. Beide Wissenschaftsbereiche sollen aus Erfahrung allgemeingültiges Wissen gewinnen. Dafür ist bei Dilthey der Induktionsschluss wichtig: Aus Einzelfällen wird auf einen Lebenszusammenhang geschlossen; fortlaufende Prüfung soll ausreichende Wahrscheinlichkeit und damit Gültigkeit ermöglichen.

Sprache ist für Dilthey ein „universelles Objektivationsmedium“: Sie macht Lebensäußerungen zugänglich. Sein Gegenstand bleibt jedoch Texthermeneutik, weil dauerhafte Fixierung für seine Vorstellung von Allgemeingültigkeit nötig ist. Verstehen bedeutet, das eigene Selbst in einen gegebenen Inbegriff von Lebensäußerungen hineinzusetzen. Daraus entsteht ein Problem für interkulturelles Verstehen: Was außerhalb des eigenen Erlebnishorizonts liegt, besitzt nach R. Knüppel keinen Vergleichspunkt mehr.

Hans-Georg Gadamer entwickelt keine Methode der Textinterpretation, sondern eine philosophische Hermeneutik der geschichtlichen menschlichen Sinnerfahrung. Verstehen soll nicht naturwissenschaftliche Objektivität liefern, sondern Einsichten und Wahrheiten ermöglichen. Sprache ist für ihn das primäre, unmittelbare und universelle Medium des Verstehens. Schrift besitzt als „abstrakte Idealität“ der Sprache einen wiederholbaren und verstehbaren Sinn.

Beim Verstehen begegnen sich der Horizont des Interpreten und der Horizont des Textes. In einem dialogischen Vorgang kann es zu einer Horizontverschmelzung beziehungsweise Horizontverschiebung kommen. Der hermeneutische Zirkel beschreibt die wechselseitige Bewegung von Teilen und Ganzem: Das Verständnis der Einzelheiten verändert das Verständnis des Ganzen und umgekehrt. Dabei sind Vorwissen, „Vorurteile“ und gemeinsame Tradition nicht bloß Hindernisse, sondern Voraussetzungen. Ziel ist „Einverständnis in der Sache“ und die Wiederherstellung gestörten Einverständnisses.

Gerade interkulturell ist dies umstritten. Gadamers Vorrang von Sprache und eigener Überlieferung kann den Zugang zu nichtschriftlichen oder fremden Traditionen erschweren. Im Extrem droht entweder, das Fremde dem Eigenen einzuordnen, oder es als grundsätzlich unverstehbar anzusehen.

Textauslegung und Begründung von Verständigung

Interkulturelle Texthermeneutik untersucht seit den frühen 1970er Jahren, wie literarische Texte kulturübergreifend verstanden werden können. Sie prägt etwa die interkulturelle Germanistik. Texte sollen nicht nur aus der Perspektive ihrer Ursprungskultur, sondern auch aus fremdkulturellen Perspektiven gelesen werden. Literatur kann dadurch zum Verständnis einer fremden Kultur beitragen; zugleich bleibt die Frage offen, wie fremde Texte überhaupt verstanden werden können.

Alois Wierlacher unterscheidet kulturelle Außen- und Innenperspektive als gleich legitime Deutungsansätze. Eigenes und Fremdes sind relationale Kategorien, also abhängig von der jeweiligen Perspektive. Seine „Hermeneutik der komplementären Optik“ soll beide gelten lassen: Man soll mit dem Fremden vertrauter werden, ohne die Distanz aufzuheben. Eberhard Scheiffele lehnt Assimilation, Identifikation und Konfrontation ab. Seine „Dialektik zwischen Affinität und Abhebung“ betont wechselseitiges Verstehen, bei dem der Blick des Fremden auf das Eigene wichtig wird.

Dietrich Krusches „disjungierendes Deuten“ unterscheidet Textstellen, die eine Erklärung im ursprünglichen Kulturkontext verlangen, von Leerstellen, die auch Lesarten über diesen Kontext hinaus zulassen. Horst Steinmetz gibt dagegen dem jeweiligen Interpretationskontext Vorrang: Die Angemessenheit einer Deutung ergibt sich aus der sinnvollen Vermittlung von Text und Kontext, nicht zwingend aus dem eigenkulturellen Hintergrund eines Werkes.

Ein grundsätzliches Problem ist der fehlende „archimedische Punkt“: Es gibt keine neutrale, wertfreie Position außerhalb von Sprache und Kultur. Ältere Hermeneutik begründete Verständigung etwa durch anthropologische Konstanten; Mall spricht abgeschwächt von „interculturally valid anthropologic overlapings“. Neuere kognitionswissenschaftliche Ansätze beziehen sich auf kognitive Universalien. Klassische Texthermeneutik reflektiert außerdem seit dem 19. Jahrhundert den historischen und kulturellen Rahmen eines Textes.

Modelle interkultureller Philosophie

Franz Martin Wimmer versteht Philosophie als grundsätzlich kulturunabhängig intelligibles Projekt. Interkulturelles Philosophieren verlangt für ihn einen „Polylog der Traditionen“, also ein möglichst vielstimmiges Gespräch zwischen vielen Traditionen und Kulturen. Die Hermeneutik muss offen und von gegenseitigem Interesse bestimmt sein; sie darf fremdes Denken nicht vereinnahmen. Andere Positionen sollen nicht nur hörbar werden, sondern auch begründet und gerechtfertigt werden. Wimmer hebt deshalb die Frage nach der transkulturellen Gültigkeit logischer Gesetze hervor.

Ram Adhar Mall betont dagegen, dass jede Hermeneutik kulturell gebunden bleibt. Der eigene Standort kann nicht verlassen, darf aber nicht absolut gesetzt werden. Seine „nicht-reduktive“ oder „analogische Hermeneutik“ soll verhindern, dass das Fremde bloß in das Eigene einverleibt wird; diese Einverleibung sei mit Gewalt verbunden. Konsens ist für Mall ein zu realisierendes Ideal, darf aber nicht als feststehende Wirklichkeit angenommen werden („schwacher Konsensualismus“).

Mall unterscheidet drei Modelle. Das Identitätsmodell erklärt Unbekanntes durch das Eigene und setzt „totale Kommensurabilität“ voraus; es scheitert laut Mall an der unrealistischen Vorstellung geschlossener kultureller Einheiten. Die Hermeneutik der Differenz nimmt totale kulturelle Inkommensurabilität an und schließt damit interkulturelles Verstehen ebenfalls aus. Die analogische Hermeneutik geht hingegen von empirisch feststellbaren und begründbaren Überlappungsbereichen aus, etwa biologisch-anthropologischen oder politischen Gemeinsamkeiten. Kein Begriffssystem darf privilegiert sein; angestrebt wird begriffliche Konkordanz. Übersetzungen sind nie völlig deckungsgleich: Das Andere ist übersetzbar, aber nie vollständig erschließbar. Mall nennt dies „metonymischen Transfer“.

Elmar Holenstein stellt eine „platonische“ und eine „romantische“ These gegenüber. Die platonische These nimmt gleiche Grundprobleme in verschiedenen Kulturen an; unterschiedliche seien vor allem ihre Ausdrücke. Die romantische These sieht Bedeutung und Ausdruck sowie Text und Kontext als untrennbar verbunden und hält Übersetzung daher für kaum möglich. Holenstein verbindet beide Positionen: Neben historischen Besonderheiten gibt es gemeinsame entwicklungsgeschichtliche Merkmale. Die schon innerhalb einer Kultur vorhandene Fähigkeit zum Perspektivenwechsel ermöglicht auch kulturübergreifendes Verstehen.

Fremdheit, Dialog und Selbstreflexion

Bernhard Waldenfels bestimmt Fremderfahrung mit Edmund Husserls Formel als „Zugänglichkeit des original Unzugänglichen“. Fremdheit umfasst für ihn Sinnentzug und Nichtzugehörigkeit. Soziale Fremdheit betrifft die Erwartung von Gleichbehandlung, kulturelle Fremdheit die Erwartung einer geltenden Wirklichkeitsordnung. Mehr Wissen verringert nach Waldenfels nur kulturelle, nicht aber soziale Fremdheit. Fremdes darf daher nicht auf bloß noch Unbekanntes reduziert werden. Heimwelt und Fremdwelt sind miteinander verschränkt: Es gibt Eigenes im Fremden und Fremdes im Eigenen, doch beide gehen nie vollständig ineinander auf.

Heinz Kimmerle betont Offenheit und Unabgeschlossenheit des Verstehens sowie den Vorrang der Frage, die durch das Andere der Tradition gestellt wird. Als weitere Bedingung fordert er eine „Methodik des Hörens“. Gegen Gadamers „fruchtbare Vorurteile“ meint er, Vorurteile müssten eher ausgeräumt werden. Besonders im Dialog mit afrikanischer Philosophie ist Hörbereitschaft zentral: Fremde Philosophie darf nicht mit fertigen Antworten überzogen werden.

Raimon Panikkar kritisiert Monokulturalismus und die Annahme einer einzigen universellen Vernunft. Auch allgemein erscheinende Vernunft habe einen kulturellen Ursprung. Er bestreitet kulturelle Universalien, räumt aber menschliche Invarianten wie Essen und Schlafen ein, deren konkrete Erfahrung kulturell und individuell verschieden bleibt. Raúl Fornet-Betancourt versteht Übersetzen als Bedingung des Verstehens und als kollektive Aufgabe: Der Fremde soll als Mitübersetzer und Selbstinterpret handeln. Seine politische Forderung lautet, nicht eine Leitkultur durchzusetzen, sondern die Mehrheitskultur interkulturell zu transformieren.

Alfred Schütz fundiert Fremdverstehen im Selbstverstehen. Sozialwissenschaftliche Deutung muss zwischen Selbst- und Fremdinterpretation unterscheiden, weil Menschen ihre Handlungen selbst deuten und diese Deutungen kommunizieren. Fremdauslegung erfolgt analog zur Selbstauslegung: Das Ich nimmt an, dass auch das andere Ich Bewusstseinserlebnisse in gleicher Weise vollzieht, und eignet sich dessen Handlungsmotive fiktiv zu.

Hans Köchler sieht keine neutrale Grundlage für Kulturdialoge. Vor jeder Kommunikation stehen kulturelles Selbstverständnis und ideologische Voraussetzungen. Deshalb müssen Beteiligte die eigene Sicht kritisch prüfen. Köchler unterscheidet eine deskriptive Komponente („so sind wir“) von der normativen praktischen Selbstrealisierung. Dialog scheitert, wenn unreflektierte Wertvorstellungen oder politische Hegemonie als kultureller Vorsprung ausgegeben werden. Toleranz und gegenseitiger Respekt sollen als Metanorm einen verantwortungsvollen „Civilisational Dialogue“ ermöglichen.

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