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Interkomprehension
Interkomprehension (lat. inter „zwischen“, komprehension „Verstehen“) oder Gegenseitige Verständlichkeit bezeichnet die Fähigkeit, eine fremde Sprache …
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Grundidee, Bedeutung und Grenzen
Interkomprehension oder gegenseitige Verständlichkeit ist die Fähigkeit, eine nicht erlernte fremde Sprache oder einen anderen Dialekt mithilfe bereits vorhandener Sprachkenntnisse zu verstehen. Sie tritt beispielsweise auf, wenn Menschen in verschiedenen Sprachen miteinander sprechen oder unbekannte fremdsprachige Texte lesen, ohne auf eine gemeinsame Sprache auszuweichen. Im Mittelpunkt stehen rezeptive Kompetenzen, also Lesen und Hören; die Fähigkeit kann aber auch den weiteren Spracherwerb beschleunigen.
Grundlage sind Transferbasen: Ähnlichkeiten und Entsprechungen zwischen Bekanntem und neuen sprachlichen Formen. So kann deutsch kontinu/ier/lich beim Erkennen von englisch continue, französisch continuer oder italienisch continuare helfen. Besonders viele Transferbasen bestehen zwischen Sprachen derselben Sprachfamilie. Ein typisches natürliches Beispiel ist, dass Spanischsprachige Portugiesisch häufig vor allem lesend verstehen, ohne es korrekt sprechen zu können.
Interkomprehension entspricht allgemeinen Verstehensprozessen: Eingehende Wörter und Strukturen werden auf bekannte sprachliche Schemata zurückgeführt. Dadurch können neue Wissensschemata entstehen. Mündlich geschieht dies oft spontan und unbewusst; durch Sensibilisierung und Training lässt es sich gezielt ausbauen. Voraussetzung ist jedoch eine ausreichende sprachliche Nähe. Zwischen weit entfernten Sprachen wie Deutsch und Japanisch fehlen Transferbasen weitgehend, sodass die Methode dort nicht greift.
Interkomprehension erweitert den kommunikativen Radius und ermöglicht rasch Lesekompetenz in mehreren Sprachen. Deshalb ist sie für europäische Mehrsprachigkeit und interkulturelles Lernen wichtig. Die Europäische Union empfiehlt den Erwerb von Teilkompetenzen in verwandten Sprachen; ihr Aktionsplan von 2003 nennt als Ziel eine bedeutsame kommunikative Kompetenz in mindestens zwei Sprachen zusätzlich zur Muttersprache. Die Begegnung mit fremdsprachigen Menschen und Texten kann außerdem Empathie, kulturelles Verstehen und eine mehrperspektivische Identität fördern.
Transfer und Hypothesengrammatik
Transfer ist der Einfluss bereits erworbenen Wissens auf das Lernen weiteren Materials. Er findet sowohl im Unterricht als auch beim ungesteuerten Spracherwerb statt. Die Interkomprehensionsdidaktik aktiviert besonders das vorhandene, aber zunächst „träge“ Vorwissen.
Wichtige Unterscheidungen sind:
• Identifikationstransfer dient dem Lese-, Hör- und Hörsehverstehen; Produktionstransfer unterstützt sprachliche Produktion.
• Proaktiver Transfer führt von einer bekannten Sprache zur Zielsprache. Retroaktiver Transfer wirkt von der Zielsprache auf eine schon bekannte Brückensprache zurück und verändert dort das Wissen.
• Intralingualer Transfer findet innerhalb eines Sprachsystems statt; interlingualer Transfer zwischen mindestens zwei Sprachen.
• Übertragen werden können Wortschatz, Morphosyntax, Lautung, Rechtschreibung, pragmatische Muster und kommunikative Routinen. Formtransfer betrifft etwa Morpheme und Wortbildungsmuster, Inhaltstransfer semantische Schemata und Funktionstransfer grammatische Regelmäßigkeiten.
Zum didaktischen Transfer gehören auch Lernerfahrungen: Selbstregulation, Motivation, Zeitplanung, Lernziele, Erfolgskontrolle, Mediennutzung, Austausch mit anderen, Wörterbucharbeit, Lernprotokolle und Lernstrategien. Entscheidend ist, ob Lernende echte oder nur scheinbare Ähnlichkeiten erkennen.
Aus Identifikationen entstehen Sprachhypothesen, etwa die Vermutung, der niederländische Plural werde mit -s gebildet. Die Lernenden halten solche Annahmen in einer Hypothesengrammatik fest und prüfen, bestätigen oder verändern sie später. Damit konstruieren sie selbst eine Grundgrammatik und einen Grundwortschatz der Zielsprache. Die Hypothesengrammatik dient zugleich dem nachhaltigen Lernen. Eine praktisch einsetzbare Interkomprehensionskompetenz entsteht durch das Zusammenwirken von Motivation und Haltung (savoir-être), Wissen (savoir) und Können (savoir-faire).
Input, Textarbeit und Unterrichtsaufbau
Damit Interkomprehension einsetzt, müssen Lernende genügend Transferbasen erkennen. Als kritische Schwelle werden etwa 30 Prozent der unterschiedlichen Wortformen beziehungsweise types genannt; die Gesamtzahl der vorkommenden Wörter, die tokens, ist zunächst weniger wichtig. Zentraler und häufiger Wortschatz sollte vor seltenen Formen berücksichtigt werden.
Die möglichen Transferraten sind hoch: Auf Grundlage des Französischen gelten 81,5 % des spanischen, 86 % des italienischen und 70 % des englischen Grundwortschatzes als identifizierbar. Englisch hilft umgekehrt bei 55 % des französischen Grundwortschatzes. Über Einzelheiten der Berechnung und die Verteilung des Grundwortschatzes auf Textsorten lässt sich streiten; sicher ist jedoch die hohe Zahl möglicher Transferbasen innerhalb romanischer, slawischer und germanischer Sprachfamilien. Dennoch ist längst nicht alles transparent.
Auch deutsche Fremd- und Bildungswörter wie progressiv, liberal, Medizin, Konsum oder Enthusiasmus bilden Brücken zu romanischen Sprachen. Besonders lernökonomisch sind regelmäßige Laut- und Schriftentsprechungen. Die Reihe italienisch -tt-, spanisch -ch-, portugiesisch -it-, französisch -it- und rumänisch -pt- macht beispielsweise notte, noche, noite, nuit und nocte vergleichbar. Statt zahlreiche Einzelwörter getrennt zu lernen, können Lernende mit einer überschaubaren Zahl solcher Transferregeln Material aus mehreren Sprachen erschließen.
Nicht übertragbare sprachspezifische Formen heißen Profilformen, etwa französisch beaucoup gegenüber italienisch molto, portugiesisch muito und spanisch mucho. Sie müssen früh gezielt gelernt werden.
Beim interkomprehensiven Lesen sollen Lernende authentische Texte selbst dekonstruieren und rekonstruieren. Die Reihenfolge, in der sie Themen wie Artikel oder Pronomen entdecken, kann die Lernprogression bestimmen. Für eine dritte moderne Fremdsprache wird ein idealtypischer Ablauf beschrieben: zuerst Phonetik und Aussprache, dann Erschließung der Grundgrammatik durch eine Hypothesengrammatik und anschließend Aufbau produktiver Fertigkeiten. Wünsche der Lernenden können diese Reihenfolge verändern.
Lernerfahrungen, Reflexion und Forschung
Erfahrungen mit unterschiedlichen Gruppen zeigen, dass interkomprehensives Lesen schon nach wenigen Stunden ein Niveau erreichen kann, das dem Niveau der verwendeten Brückensprache entspricht. Für Deutschsprachige gelten Kenntnisse auf B1-Niveau in zwei Fremdsprachen als ausreichende Ausgangsbasis für romanische oder slawische Interkomprehension. Verfahren sind aber auch schon am Beginn der Sekundarstufe I einsetzbar.
Die Methode lenkt Aufmerksamkeit auf das eigene Verstehen und Lernen. Selbstmonitoring bedeutet, den eigenen Lernprozess zu beobachten und zu steuern. Lernende vergleichen Sprachen, prüfen Vorwissen, erkennen Strukturen und entwickeln Routinen. Das fördert Sprachenbewusstheit, Sprachlernbewusstheit und Lernerautonomie. Die genaue Beschäftigung mit Strukturen unterstützt außerdem die Fehlerprophylaxe und ermöglicht Lehrkräften eine Lerndiagnostik. Erfolgreiches Erschließen stärkt die Selbstwirksamkeit und kann die Einstellung zur Lernbarkeit fremder Sprachen verbessern.
Die empirische Forschung untersucht unter anderem romanische Interkomprehension bei deutschsprachigen Schülern, Studierenden und Erwachsenen, die Gestaltung des Unterrichts sowie Einstellungen zu Mehrsprachigkeit. Verwendet wurden Videographie, teilnehmende Beobachtung, Lernerprotokolle, Laut-Denk-Protokolle und die Erforschung subjektiver Theorien. Die Studien unterstützen insgesamt die positiven Unterrichtserfahrungen. Als besonders wichtig gilt, dass Interkomprehension den entstehenden Aufbau der Lernersprache und des mehrsprachigen mentalen Lexikons bewusst zugänglich macht.
Die Methode kann vom gleichzeitigen Erwerb von Lesekompetenz in mehreren verwandten Sprachen bis zum Tertiärsprachenunterricht reichen, etwa Spanisch nach Französisch. Teilweise kann sie auch beim Lernen entfernterer Sprachpaare wie Deutsch–Polnisch oder Deutsch–Russisch traditionellen Unterricht ergänzen. Breite Anwendung setzt ein vielfältiges schulisches Sprachenangebot und reflexiven Unterricht voraus. Reflexives Lehren bezieht Lernende in Entscheidungen ein und macht ihre Lernprozesse selbst zum Unterrichtsgegenstand.
Typische Sprachpaare und Asymmetrien
Gegenseitige Verständlichkeit kann gesprochene, geschriebene oder gebärdete Sprache betreffen. In Wort und Schrift verständlich sind beispielsweise Tschechisch und Slowakisch, Niederländisch und Afrikaans, Galicisch und Portugiesisch sowie Kroatisch, Bosnisch, Montenegrinisch und Serbisch, sofern Serbisch in Lateinschrift geschrieben wird. Auch Dänisch und Norwegisch, besonders Bokmål, gehören zu dieser Gruppe.
Vor allem mündlich verständlich sind unter anderem Deutsch und Jiddisch, Hindi und Urdu sowie Norwegisch und Schwedisch. Leichter schriftlich als mündlich verständlich sind Dänisch, Schwedisch und Norwegisch, Deutsch und Niederländisch, Spanisch und Portugiesisch sowie Spanisch und Katalanisch. Als gebärdetes Beispiel werden die Dänische und die Isländische Gebärdensprache genannt.
Verständlichkeit kann asymmetrisch sein, also in einer Richtung stärker als in der anderen. Portugiesischsprachige verstehen Spanisch meist besser als Spanischsprachige Portugiesisch, weil besonders die portugiesische Aussprache Schwierigkeiten verursacht. Niederländischsprachige verstehen Deutsch besser als Deutschsprachige Niederländisch. Studien mit 9- bis 12-jährigen deutschen und niederländischen Kindern ohne Fremdsprachenkenntnisse zeigten entsprechend, dass deutsche Kinder weniger Wörter der jeweils anderen Sprache verstanden. Deutschschweizer und Österreicher verstehen Deutsche oft besser als umgekehrt, weil sie bundesdeutsches Standarddeutsch lernen und deutsche Medien nutzen. Litauer verstehen Letten besser als umgekehrt; als Erklärung nennt der Artikel die archaischere und formenreichere litauische Sprache.
Gesamtbewertung und Anwendungsprogramme
Die Interkomprehensionsmethode gilt aufgrund der bisherigen Erfahrungen und empirischen Studien als Weg zu höherer Qualität beim Sprachenlernen. Lernende bauen rasch Lesekompetenz auf, können mehr sprachlichen Input verarbeiten, lernen den systematischen Sprachvergleich und verbessern reflexives Lernen sowie Selbstwirksamkeit. Ihr besonderer Wert liegt in der bewussten Beobachtung des Aufbaus der eigenen Lernersprache. Deshalb ist die Methode nicht nur für spät gelernte oder romanische Fremdsprachen geeignet, sondern in angepasster Form auch für junge Lernende.
Die Methode wurde in mehreren fachlichen Programmen erprobt. Zur Romanistik gehören EuRom 4 beziehungsweise EuRom 5, Galatea mit Galanet und Galapro, Euro-mania, LaLiTa, EuroComRom und Babelweb. Im germanistischen Bereich werden IGLO, SIGURD und EuroComGerm genannt; in der Slawistik die Bochumer Lesekurse und EuroComSlav.