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Indisches Englisch
Mit dem Begriff indisches Englisch (kurz: IndE oder IE) wird die Variante des Englischen bezeichnet, wie sie in Indien als Amts- und Bildungssprache …
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Begriff, Funktion und gesellschaftlicher Status
Indisches Englisch, kurz IndE oder IE, ist die in Indien als Amts- und Bildungssprache verwendete Variante des Englischen. Neben Hindi gehört Englisch zu den zwei überregionalen Amtssprachen des Landes. Es dient besonders unter gebildeten Menschen als Lingua franca, also als gemeinsame Verständigungssprache zwischen Personen mit unterschiedlichen Muttersprachen. Anders als britisches oder amerikanisches Englisch ist es für die meisten Sprecher keine Muttersprache, sondern eine in Schule oder Universität erworbene Zweitsprache.
Nach Artikel 343 der indischen Verfassung von 1950 sollte alle 15 Jahre neu über den Status des Englischen als Amtssprache entschieden werden. Der Official Languages Act von 1963 verlängerte diesen Status auf unbestimmte Zeit. Eine Abschaffung gilt als unwahrscheinlich, weil Hindi als wichtigste Alternative vor allem im dravidischen Sprachraum Südindiens auf Widerstand stoßen würde. Im Norden verständigen sich Angehörige verschiedener Sprachgemeinschaften häufig auf Hindi oder Englisch, im Süden meist auf Englisch. Englisch besitzt hohes Prestige, wird aber nur von einer privilegierten Minderheit fließend gesprochen.
Die Sprachformen unterscheiden sich deutlich nach Bildung und Erwerbssituation. Gebildete Sprecher mit Englischunterricht bis etwa zum Abiturniveau verwenden das indische Standardenglisch, etwa Journalisten, Akademiker und höhere Angestellte. Daneben bestehen Nicht-Standard-Varianten, beispielsweise bei Reiseführern oder Kellnern. Außerdem gibt es Pidgins: vereinfachte Kontaktsprachen, die außerhalb des formalen Unterrichts entstehen und englische Strukturen mit Strukturen einheimischer Sprachen verbinden. Ein Beispiel ist Butler English.
Aussprache
Die Aussprache wird regional unterschiedlich durch Sprachen wie Hindi, Bengalisch und Tamil beeinflusst. Trotzdem treten einige gemeinsame Merkmale auf. Das wichtigste Vergleichsmodell ist häufig die Received Pronunciation (RP), die traditionelle britische Standardaussprache.
Die Vokale des indischen Standardenglisch ähneln denen der RP. In Nicht-Standard-Varianten gibt es stärkere regionale Unterschiede: Der Vokal /e/ in dress wird beispielsweise in Uttar Pradesh, Rajasthan und Tamil Nadu als [e], in Kaschmir und Nordostindien dagegen als [ɛ] gesprochen.
Typische Unterschiede bei Konsonanten sind:
- Die in der RP alveolar, also am Zahndamm, gebildeten Laute /d/ und /t/ werden häufig retroflex als [ɖ] und [ʈ] ausgesprochen; dabei wird die Zunge zurückgebogen.
- Da die Hauptsprachen Indiens die dentalen Frikative [θ] und [ð] aus thin und that nicht besitzen, wird /θ/ meist durch den dentalen Plosiv [t̪ʰ] oder [t̪] und /ð/ durch [d̪] ersetzt.
- Der Laut /ʒ/ wird durch [z] oder [dʒ] ersetzt, etwa in treasure [trɛzə:r].
- Sprecher einiger Sprachen wie Oriya, Bangla und Hindi unterscheiden /w/ und /v/ teilweise nicht. Daher kann power als [pa:vər] oder [pa:wər] erscheinen.
Indisches Standardenglisch ist normalerweise wie britisches Englisch nicht-rhotisch: /r/ wird nicht an jeder geschriebenen Stelle, sondern grundsätzlich nur vor Vokalen ausgesprochen. Einige durch einheimische Sprachen beeinflusste Nicht-Standard-Varianten sind dagegen rhotisch und sprechen /r/ auch in anderen Positionen.
Betonung, Rhythmus und Intonation
Die Silbenbetonung weicht häufig vom britischen Englisch ab, lässt sich wegen der regionalen Einflüsse aber nicht durch eine einzige Regel beschreiben. Ein erkennbares Muster ist die Abhängigkeit vom Silbengewicht: Je schwerer eine Silbe ist, desto eher wird sie betont. Als schwer gilt eine Silbe mit einem langen Vokal, einem langen Vokal mit Konsonant oder einem kurzen Vokal mit mehreren Konsonanten.
Die Received Pronunciation verwendet einen akzentzählenden Rhythmus, bei dem die betonten Silben den zeitlichen Takt bestimmen. Untersuchungen deuten darauf hin, dass indisches Englisch meist silbenzählend gesprochen wird, sodass die Silben rhythmisch eher gleichmäßig aufeinander folgen.
Die Intonation ähnelt gewöhnlich der britischen: Fragen haben einen steigenden, Aussagen einen fallenden Tonverlauf. In bestimmten sozialen Situationen verändert die hierarchisch und höflich geprägte Kommunikation diese Verteilung. Ein übergeordneter Sprecher, beispielsweise ein Lehrer, kann in einer hierarchischen Situation fallende Intonation verwenden. Gegenüber Fremden können dagegen auch Aussagen mit steigender Intonation gesprochen werden.
Grammatik, Satzbau und Schreibung
Wortbildung und Satzbau unterscheiden sich weniger stark vom britischen und amerikanischen Standard als die Aussprache. Kompetente Sprecher des indischen Standardenglisch folgen überwiegend dem britischen oder amerikanischen Standardsatzbau. Viele Besonderheiten gehören vor allem zu Nicht-Standard-Varianten.
- Verbobjekte werden teilweise ausgelassen: OK, I'll take for transport statt OK, I'll take it for transport.
- Partikeln wie off werden an Verben angefügt, bei denen dies im britischen Englisch unüblich ist: I'll eat it off oder I'll write off im Sinne von I'll finish writing.
- Die Verlaufsform, der Progressive, wird häufiger gebraucht. In Nicht-Standard-Varianten erscheint sie auch bei Verben, die standardsprachlich normalerweise nicht darin stehen: I am liking it.
- Artikel fehlen manchmal trotz ihrer Notwendigkeit oder werden zusätzlich eingesetzt: We had group discussion statt We had a group discussion und Back to the square one statt Back to square one.
- Verbreitet sind Formen wie Can you be able to see my screen und Did you came.
Typisch ist außerdem die Topikalisierung: Eine bekannte Information wird als Thema vorangestellt, danach folgt der Kommentar mit neuer Information. Beispiele sind Those people, I telephoned yesterday only und Only fashionable girls, these boys like.
Da viele Menschen Englisch im Alltag durch Zuhören und Nachahmen lernen, treten im Schreiben Formen wie Maintainance oder Maintanance statt Maintenance auf. Klammern werden teilweise ohne vorausgehendes Leerzeichen angeschlossen, etwa selection(level), und Kommas können fälschlich vor dem folgenden Wort stehen: data ,just statt data, just.
Wortschatz und Zahlensystem
Der Wortschatz unterscheidet sich neben der Aussprache am stärksten vom britischen und amerikanischen Englisch. Indisches Englisch übernimmt viele britische oder amerikanische Wörter und ergänzt sie durch Ausdrücke aus indischen Sprachen. Wenn sich britischer und amerikanischer Wortschatz unterscheiden, wird oft die britische Form bevorzugt, etwa lorry statt truck. Es gibt aber auch amerikanische Vorlieben wie pharmacy statt chemist sowie eigene Formen wie brinjal statt aubergine oder eggplant.
Einige Wörter aus dem indischen Subkontinent sind auch in das britische und amerikanische Englisch gelangt, darunter curry aus dem Tamilischen, shawl aus dem Hindustanischen, shampoo, avatar aus dem Sanskrit, pyjamas und yoga. Andere, meist aus dem Hindi stammende Wörter sind vor allem im indischen Englisch üblich: abhinaya bezeichnet eine Tanzfigur, puja ein rituelles Gebet und bhel puri ein indisches Fast Food. Aus dravidischen Sprachen stammen beispielsweise shikakai, ein Pflanzenextrakt zur Haarpflege, und idli, ein Linsen- und Reisgebäck. Neben landesweit bekannten Wörtern bestehen viele nur regional verwendete Ausdrücke.
Neue Wörter entstehen unter anderem durch Komposition, also die Verbindung mehrerer Wörter. Beispiele sind black money für Schwarzgeld, auto-rickshaw für eine motorisierte Rikscha, god-woman für eine heilige Frau oder Wunderheilerin und soapnut für einen Kräuterextrakt zur Haarwäsche. Hybridbildungen kombinieren englische und indische Bestandteile: ghat road ist eine Straße durch Hügel oder Berge, gobar gas aus Kuhdung erzeugtes Biogas, kirana store ein Lebensmittelladen und disco bhangra Panjabi-Tanz zu Diskomusik.
Große Zahlen werden besonders bei Geldbeträgen mit lakh für „hunderttausend“ und crore für „10 Millionen“ bezeichnet und anders gruppiert. Die Zahl 1234567890, im internationalen System 1,234,567,890, erscheint als 123,45,67,890 und wird one hundred twenty-three crore fourty-five lakh sixty-seven thousand eight hundred and ninety gesprochen.
Höflichkeit, Stil und Forschung
Die Höflichkeitsformen des gesprochenen indischen Englisch sind stark von Hindi und anderen indischen Sprachen beeinflusst. Das Suffix ji oder jee wird als Zeichen des Respekts an Namen angehängt, etwa Gupta-ji. Daneben stehen Titel wie Shri/Sri/Shree für Mr./Herr, Shrimati/Srimati/Shreemati für Mrs./Frau und Kumari für Ms./Fräulein. Das Wort no kann nach dem Vorbild des Hindi na „nicht“ oder „nicht wahr?“ bedeuten, etwa in I told you no?!, oder in Come, no und Eat, no die Funktion von please übernehmen.
Jüngere Menschen sprechen ältere Erwachsene im privaten Umfeld häufig nicht direkt mit ihrem Namen an. Auch ohne Verwandtschaft werden Verbindungen wie Mamta aunty oder Raghav uncle verwendet, beispielsweise für ältere Familienangestellte oder Freunde der Eltern.
Weitere übertragene Wendungen sind Your good name please? für What is your name?, Hello, what do you want? als nicht unhöflich gemeinte Begrüßung am Telefon und Tell me im Sinne von How can I help you?. Der Stil wird häufig als formal und archaisch beschrieben. In Geschäftskorrespondenz erscheinen etwa Respected Sir statt Dear Sir, Kindly do the needful. und We shall be highly obliged to you...
Für die wissenschaftliche Untersuchung stehen Korpora zur Verfügung, also systematische Sammlungen gesprochener und geschriebener Sprache. Zu den bekanntesten gehören das Kolhapur Corpus von 1978 und das International Corpus of English – India von 2007.