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Immensee (Storm)
Immensee ist der Titel einer Novelle Theodor Storms, die Ende 1849 im von Karl Leonhard Biernatzki herausgegebenen Volksbuch auf das Jahr 1850 …
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Werk und Bedeutung
„Immensee“ ist eine Novelle von Theodor Storm. Sie erschien Ende 1849 in Karl Leonhard Biernatzkis „Volksbuch auf das Jahr 1850“; eine überarbeitete zweite Fassung folgte 1851 in der Sammlung „Sommergeschichten und Lieder“. Das Werk gilt als Storms bedeutendste frühe Erzählung, machte ihn einem großen Leserkreis bekannt und erreichte bereits zu seinen Lebzeiten 30 Auflagen.
Im Mittelpunkt steht die unerfüllte Liebe zwischen Reinhardt Werner und Elisabeth. Die Novelle verbindet eine Rahmenerzählung über den alten Reinhardt mit einer Binnenhandlung, die seine Erinnerungen von der Kindheit bis zum endgültigen Abschied von Elisabeth wiedergibt. Storms Lyrik prägt Sprache und Aufbau stark: Die einzelnen Kapitel wirken wie Strophen eines in Prosa erzählten Gedichts. Stimmungsbilder, Verse und symbolische Motive sind wichtiger als eine ausführlich dargestellte Handlung.
Das Werk steht zwischen Spätromantik und frühem Realismus und lässt Einflüsse von Eduard Mörike, Karl Immermann und Joseph von Eichendorff erkennen. Gespräche bleiben häufig kurz und enden im Schweigen; Beweggründe werden nur angedeutet und ganze Lebensabschnitte ausgelassen. Dagegen sprechen die eingefügten Gedichte und Lieder vergleichsweise deutlich aus, was die Figuren nicht unmittelbar sagen können.
Handlung
Ein älterer Herr kehrt von einem Spaziergang zurück und erinnert sich an seine Jugendliebe. In seiner Kindheit ist Reinhardt Werner eng mit der fünf Jahre jüngeren Elisabeth befreundet. Er erzählt ihr selbst erfundene Märchen und hält Erlebnisse in Gedichten fest, die er heimlich in einen Pergamentband schreibt. Schon früh stellt er sich ein gemeinsames späteres Leben vor. Bei einem Ausflug verirren sich beide im Wald, nachdem sie vergeblich Erdbeeren gesucht haben. Anschließend schreibt Reinhardt das Gedicht „Waldeskönigin“.
Vor seiner Abreise zum Studium verspricht er Elisabeth, ihr weiterhin Märchen zu schicken. Dieses Versprechen hält er jedoch nicht. Am Weihnachtsabend sitzt er mit Studenten im Ratskeller und begegnet einem Zithermädchen mit „feinen zigeunerhaften Zügen“. Ihr Lied handelt von Schönheit, Vergänglichkeit und einer nur für den gegenwärtigen Augenblick bestehenden Liebe. Als Reinhardt sein Weihnachtspaket öffnet, findet er darin einen vorwurfsvollen Brief Elisabeths: Der von ihm geschenkte Hänfling ist gestorben, und sie vermisst seine Märchen. Von Heimweh ergriffen schreibt er an Elisabeth und seine Mutter und schenkt einem Bettlermädchen die Hälfte seiner Lebkuchen.
Zu Ostern kehrt Reinhardt heim, doch zwischen ihm und Elisabeth ist etwas Fremdes entstanden. Sein früherer Schulfreund Erich hat inzwischen einen Hof am Immensee übernommen und Elisabeth einen Kanarienvogel geschenkt. Reinhardt zeigt ihr den Pergamentband mit den vielen ihr gewidmeten Gedichten und kündigt für seine nächste Rückkehr die Enthüllung eines Geheimnisses an. Danach herrscht zwei Jahre lang kein Briefkontakt. Schließlich erfährt er von seiner Mutter, dass Elisabeth und Erich verlobt sind und bald heiraten werden.
Jahre später nimmt Reinhardt eine Einladung Erichs auf das Gut Immensee an. Elisabeth und ihre dort lebende Mutter wissen vorher nichts davon. Elisabeth erscheint weiterhin mädchenhaft und weiß gekleidet und freut sich über den Besuch. Bei einem abendlichen Spaziergang glaubt Reinhardt im Regen eine wartende weiße Frauengestalt zu sehen. Als er sich nähert, wendet sie sich ab und verschwindet.
Reinhardt hat inzwischen Volksreime und Volkslieder gesammelt. Auf dem Gut trägt er das Gedicht „Meine Mutter hat’s gewollt“ vor, worauf Elisabeth verstört den Raum verlässt. In derselben Nacht versucht er, schwimmend eine weiße Wasserlilie zu erreichen, die weit draußen auf dem dunklen See liegt. Er gerät dabei in Gefahr und muss erfolglos umkehren.
Am folgenden Tag spazieren Reinhardt und Elisabeth am See. Als er eine Erika pflückt und über die verlorene Jugend spricht, treten ihr Tränen in die Augen. Nach der schweigsamen Rückfahrt begegnen sie einer Bettlerin mit „verstörten schönen Zügen“, der Elisabeth den gesamten Inhalt ihrer Börse gibt. Reinhardt beschließt, das Gut heimlich im Morgengrauen zu verlassen. Elisabeth überrascht ihn und erkennt, dass er nie wiederkommen will. Dennoch löst er sich von ihr und geht fort. In der Rahmenhandlung sieht der alte Reinhardt vor seinem inneren Auge erneut die nahe scheinende, aber unerreichbare Wasserlilie. Danach wendet er sich wieder seinen Studien zu.
Erzählweise und Motive
Storm konzentriert die Handlung auf poetisch bedeutsame Augenblicke, die nach seiner Formulierung „auch im dürftigsten Alltagsleben“ vorkommen. Die Novelle erzählt deshalb nicht lückenlos. Sie arbeitet mit Erinnerungsbildern, Andeutungen und Auslassungen. Die Rahmenhandlung macht von Beginn an deutlich, dass Reinhardt rückblickend von etwas endgültig Verlorenem erzählt.
Wichtige Ausdrucksmittel sind die eingefügten Verse. Dazu gehören das Lied des Zithermädchens, das Storm in seinen Gedichtausgaben „Lied des Harfenmädchens“ nannte, das Gedicht „Im Walde“ und „Meine Mutter hat’s gewollt“. Sie behandeln Vergänglichkeit, Verlust und fremdbestimmte Entscheidungen und verdeutlichen damit Gefühle und Konflikte, die im Gespräch unausgesprochen bleiben.
Elisabeths Familie ist entgegen den patriarchalischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts nicht durch einen Vater, sondern durch die Mutter geprägt. Ein weiteres für Storm typisches Motiv ist die geschwisterähnliche gemeinsame Kindheit eines späteren Liebespaares. Dieser Erzählkern erscheint auch in mehreren anderen Novellen Storms.
Deutung der unerfüllten Liebe
Das zentrale Thema ist Reinhardts unerfüllte Liebe zu der mädchenhaft dargestellten Elisabeth. Zugleich entwickelt Reinhardt ein poetisches Weltverhältnis: Er verwandelt Erlebnisse in Märchen, Gedichte, Lieder und Erinnerungsbilder. Diese Fähigkeit ist ambivalent, also zugleich bereichernd und problematisch. Sie bewahrt seine Vergangenheit, trennt ihn aber auch vom wirklichen Leben und lässt ihn schließlich einsam, wenn auch nicht unglücklich, mit seinen Erinnerungen zurück.
Bereits das Spiel der Kinder deutet ihren späteren Konflikt an. Beide stellen sich eine gemeinsame Reise ins Erwachsenenleben vor. Elisabeth möchte die beiden Mütter mitnehmen, während Reinhardt darauf besteht, sie zurückzulassen. Er erklärt, Elisabeth müsse als seine zukünftige Frau keine mütterlichen Befehle mehr befolgen; andernfalls werde er allein fortgehen und nicht zurückkehren. Für zahlreiche Interpretinnen und Interpreten zeigt diese Szene Reinhardts Wunsch, sich von der mütterlichen Autorität zu lösen, während Elisabeth an sie gebunden bleibt.
Das wichtigste Symbol ist die weiße Wasserlilie, botanisch eine Weiße Seerose. Sie ist mit langen Stängeln im Seegrund verwurzelt und steht für die weiß gekleidete, mädchenhafte Elisabeth, die Reinhardt als inneres Bild bewahrt. Die Blume scheint erreichbar, bleibt ihm aber entzogen. Bei seinem Schwimmversuch verliert er den Boden, gerät unter die schwarze Wasseroberfläche und verfängt sich in den Stängeln. Wörter wie „Netz“ und „Gestrick“ werden in einer Deutung mit Elisabeths Mutter verbunden, die im Gartensaal an ihrer „Näherei“ arbeitet und das Geschehen beobachtet.
Nach dieser Interpretation hat Elisabeths Mutter Erich als Ehemann ausgewählt, um eine ursprüngliche Familienordnung mit sich, Sohn und Tochter wiederherzustellen. Der Name Immensee wird dabei mit der „Imme“, der Biene, verbunden; die Bienenkönigin kann im Demeter-Mythos die Große Mutter verkörpern. Andere literaturwissenschaftliche Deutungen betonen einen latenten Geschwisterstatus Reinhardts und Elisabeths. Christian Neumann sieht von Anfang an Hinweise auf einen gemeinsamen Ursprung, Regina Fasold verweist auf die Lilie als Symbol der Geschwisterliebe seit Goethes „Wilhelm Meister“. Diese symbolischen Lesarten sind Interpretationsansätze, keine ausdrücklich erzählten Tatsachen.
Entstehung, Fassungen und Bearbeitungen
Die Entstehung ist weitgehend unbekannt, da kein Manuskript erhalten ist und für 1849 nur wenige biografische Quellen vorliegen. Storm selbst gab mit „Husum 1849“ einen Hinweis auf die Entstehungszeit. Erst 1885 beschrieb er ein Erlebnis als Hintergrund der Wasserlilienszene. Kurz vor seinem Tod erklärte er dem Biografen Paul Schütze außerdem, wodurch „Meine Mutter hat’s gewollt“ angeregt worden war.
Nach Kritik seines Studienfreundes Tycho Mommsen überarbeitete Storm die erste Fassung anhand der Aushängebögen. Für die Buchfassung von 1851 strich er größere Teile: eine ausführlichere Schilderung des Weihnachtsabends und des abstoßenden Verhaltens der Corpsstudenten, Reinhardts Berichte über Venedig sowie Angaben zu seinem späteren Leben, darunter Amt, Heirat, Tod seiner Frau und Geburt und Tod eines Sohnes. An anderen Stellen erweiterte Storm den Text, etwa um das Lied des Mädchens. Dadurch verfeinerte er die Technik des Andeutens und Auslassens. In der Forschung wird dieser Wechsel von der Veröffentlichung in einem periodischen Jahrbuch zum Buch als „Poetologie der Aussparung“ diskutiert.
Wichtige Ausgaben sind die Erstveröffentlichung von 1849, die umgearbeitete Fassung von 1851 und die erste Einzelausgabe von 1852. Eine von Ludwig Pietsch illustrierte Ausgabe erschien Anfang 1857. Spätere Ausgaben umfassen die Festgabe zu Storms 70. Geburtstag von 1887 sowie Gertrud Storms Buch „Wie mein Vater Immensee erlebte“ von 1924, das die Novelle und zwei biografische Beiträge über ihren Vater enthält.
Die Novelle wurde mehrfach für andere Medien bearbeitet: 1943 verfilmte Veit Harlan sie unter dem Titel „Immensee“, 1956 entstand Géza von Bolvárys „Was die Schwalbe sang“ nach Motiven der Erzählung, und 1989 folgte eine Verfilmung von Klaus Gendries. Hörspielfassungen wurden 1946 unter Hans Sattler, 1959 unter Otto Kurth und 1968 unter Tibor von Peterdy erstmals gesendet.