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Säugetiere
Die Säugetiere (Mammalia) sind eine Klasse der Wirbeltiere mit rund 6600 rezent lebenden Arten. Zu ihren kennzeichnenden Merkmalen gehören das Säugen des …
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Überblick und Merkmale
Säugetiere (Mammalia) sind eine Klasse der Wirbeltiere mit rund 6600 heute lebenden Arten; 2022 wurden 6596 rezente Arten gezählt. Zu ihnen gehört auch der Mensch. Die wichtigsten Kennzeichen sind das Säugen der Jungtiere mit Milch aus Milchdrüsen, ein Fell aus Haaren und eine gleichwarme Körpertemperatur. Dadurch sind Säugetiere vergleichsweise unabhängig von der Umgebungstemperatur. Bis auf wenige Ausnahmen, die Kloakentiere, sind sie lebendgebärend. Die Erforschung der Säugetiere heißt Mammalogie.
Säugetiere besitzen mehrere besondere Körpermerkmale. Haare bestehen vor allem aus Keratin und dienen unter anderem der Wärmeregulierung, Tarnung, Warnung, Kommunikation, dem Tastsinn und manchmal als Stacheln dem Schutz. Das Gebiss ist meist heterodont, also aus verschiedenen Zahntypen aufgebaut: Schneidezähne, Eckzähne, Prämolaren und Molaren. Viele Arten haben einen einmaligen Zahnwechsel, bei dem Milchzähne durch bleibende Zähne ersetzt werden. Ein weiteres Exklusivmerkmal sind drei Gehörknöchelchen im Mittelohr: Hammer, Amboss und Steigbügel. Auch das sekundäre Kiefergelenk, das Zwerchfell, der sekundäre Gaumen, der Neocortex im Gehirn und kernlose rote Blutkörperchen gehören zu wichtigen Merkmalen. Wie Vögel besitzen Säugetiere einen doppelten Blutkreislauf und ein vierkammeriges Herz.
Im Körperbau zeigen Säugetiere eine enorme Vielfalt. Wale sind stark an das Wasser angepasst, Fledertiere können als einzige Säugetiere aktiv fliegen, andere Arten gleiten, graben, klettern, springen oder laufen auf Hufen. Die kleinsten Säugetiere, Schweinsnasenfledermaus und Etruskerspitzmaus, wiegen etwa 2 Gramm. Der Blauwal kann in Ausnahmefällen bis zu 150 Tonnen erreichen und gilt als größtes Tier, das je auf der Erde lebte.
Verbreitung und Lebensweise
Säugetiere sind weltweit verbreitet: auf allen Kontinenten, in allen Ozeanen und auf den meisten Inseln. Ursäuger kommen nur in Australien und Neuguinea vor. Beutelsäuger leben vor allem auf dem australischen Kontinent, in Südostasien östlich der Wallace-Linie sowie in Amerika. Höhere Säugetiere sind weltweit verbreitet, waren aber vor der Ankunft des Menschen in Australien nur durch wenige Gruppen vertreten, besonders Fledertiere und Echte Mäuse. Säugetiere besiedeln Wüsten, Wälder, Hochgebirge, Polarregionen, Meere und unterirdische Lebensräume; im Inneren des antarktischen Kontinents gibt es sie, abgesehen von zeitweiligen Aufenthalten des Menschen, nicht.
Ihre Lebensweisen sind sehr unterschiedlich. Es gibt tag-, dämmerungs-, nachtaktive und kathemerale Arten, die sowohl am Tag als auch nachts aktiv sind. Manche leben allein, andere in Gruppen von bis zu Tausenden Tieren. Einige Gruppen haben Rangordnungen, Laut-, Gesten- oder Körperkommunikation und komplexe soziale Verhaltensweisen. In kalten oder trockenen Zeiten können manche Arten durch Winterschlaf oder Torpor Energie sparen; dabei sinken Körpertemperatur, Atmung, Herzschlag und Stoffwechsel.
Die Sinneswahrnehmung ist je nach Art verschieden. Der Geruchssinn ist wichtig für Nahrungssuche, Fortpflanzung, Reviermarkierung und Pheromone. Das Gehör ist meist gut entwickelt; Zahnwale und Fledermäuse nutzen besonders ausgeprägt Echoortung, bei der ausgesandte Schallwellen über ihr Echo Orientierung und Beutefindung ermöglichen. Der Tastsinn ist oft über Tasthaare, sogenannte Vibrissen, verstärkt. Der Gesichtssinn kann bei unterirdisch lebenden Arten schwach sein, ist bei Katzen und Primaten aber gut entwickelt. Nach vorne gerichtete Augen helfen Räubern beim räumlichen Sehen; seitlich stehende Augen ermöglichen Beutetieren einen weiten Rundumblick.
Säugetiere haben wegen ihrer gleichwarmen Körpertemperatur einen hohen Energie- und Nahrungsbedarf. Es gibt Pflanzenfresser, Fleischfresser und Allesfresser. Gebiss und Verdauungstrakt passen zur Nahrung: Fleischfresser haben meist einen kurzen Darm, Pflanzenfresser oft einen langen Darm, mehrkammerige Mägen oder Caecotrophie, also erneutes Fressen von Kot zur besseren Nährstoffverwertung.
Fortpflanzung und Entwicklung der Jungen
Das Paarungsverhalten ist vielfältig. Viele Säugetiere sind polygyn, also ein Männchen paart sich mit mehreren Weibchen, oder promiskuitiv, also beide Geschlechter paaren sich mit mehreren Partnern. Weil Tragen und Säugen für Weibchen viel Zeit und Energie kosten, entstehen oft Rivalenkämpfe der Männchen und Geschlechtsdimorphismus: Männchen sind dann häufig größer oder schwerer. Etwa drei Prozent aller Säugetierarten leben monogam, wobei sich ein Männchen während der Paarungszeit nur mit einem Weibchen fortpflanzt und oft an der Jungenaufzucht beteiligt ist. Polyandrie, bei der ein Weibchen mehrere Männchen hat, ist selten. Nacktmulle und einige verwandte Sandgräber leben eusozial: Nur eine „Königin“ ist fruchtbar, die übrigen Tiere übernehmen Arbeit für die Kolonie.
Die drei Hauptgruppen unterscheiden sich besonders in der Gebärweise. Kloakentiere besitzen eine Kloake, also eine gemeinsame Körperöffnung für Ausscheidung und Fortpflanzung, und legen Eier. Diese Eier haben etwa 10 bis 15 Millimeter Durchmesser und werden ungefähr zehn Tage bebrütet. Beutelsäuger haben eine kurze Tragzeit von 12 bis 43 Tagen; bei Sminthopsis macroura dauert sie nur 10,5 bis 11 Tage. Ihre Jungtiere sind sehr klein und unterentwickelt und krabbeln zur Zitze der Mutter. Nicht alle Beutelsäuger besitzen einen Beutel. Höhere Säugetiere oder Plazentatiere haben als Schlüsselmerkmal den Trophoblasten, die äußere Zellschicht des befruchteten Eis. Er bildet eine immunologische Barriere und ermöglicht ein längeres Wachstum im Mutterleib. Ihre Plazenta mit Zotten versorgt den Keim effizient. Die Trächtigkeitsdauer reicht von 16 Tagen bei manchen Hamstern bis zu 25 Monaten beim Afrikanischen Elefanten.
Beim Säugen ernähren Weibchen ihre Jungen mit Milch aus Milchdrüsen. Die Zahl der Drüsenkomplexe hängt mit der durchschnittlichen Wurfgröße zusammen: Menschen und Pferde haben zwei, Große Tenreks 24 oder bis zu 32. Säugen ermöglicht schnelles Wachstum, macht Jungtiere aber von der Mutter abhängig und erfordert von den Weibchen viel Energie und Zeit. Die Lebenserwartung ist sehr verschieden: Kleine Arten leben meist kürzer als große, Fledertiere sind eine Ausnahme. Beim Menschen ist ein Höchstalter von 122 Jahren belegt; ein Grönlandwal wurde 211 Jahre alt.
Mensch und Säugetiere
Säugetiere haben die Menschheitsgeschichte stark geprägt. Menschen nutzten und nutzen sie als Nahrung, Fell- und Lederlieferanten, Reit-, Trag- und Arbeitstiere, Milchlieferanten, Wach-, Jagd-, Labor-, Heim- und Therapietiere. Eine Schätzung von 2018 ergab für wild lebende Säugetiere einen Anteil von 4 % an der Biomasse aller Säugetiere, für Vieh 62 % und für Menschen 34 %. Eine Schätzung von 2023 nennt nur noch etwa 2 % für wild lebende Landtiere, knapp 4 % für Meeressäuger und gegen 60 % für Haustiere und weitere mit Menschen verbundene Tiere; die Zahlen stimmen nicht genau überein, liegen aber in ähnlicher Größenordnung.
Domestizierung bedeutet, dass Menschen Tierarten über Generationen halten und züchterisch verändern. Sie begann zumindest vor rund 10.000 bis 15.000 Jahren; beim Haushund deuten genetische Studien auf einen möglichen Beginn vor mehr als 100.000 Jahren. Im achten Jahrtausend v. Chr. dürften Wildziege, Wildschaf und Wildrind domestiziert worden sein, später auch das Wildschwein. Seit rund 3000 v. Chr. wurden Hauspferd und Lama als Arbeitstiere genutzt. Viele Haustiere wurden vermutlich in verschiedenen Regionen mehrmals unabhängig domestiziert.
Manche Säugetiere gelten aus wirtschaftlicher Sicht als „Schädlinge“, etwa Mäuse und Ratten als Nahrungsmittelschädlinge oder Raubtiere als Konkurrenz in Viehhaltung und Fischerei. Der Begriff ist aber kein biologischer Begriff und hängt von menschlichen Wertvorstellungen ab. Das tatsächliche Ausmaß der Schäden ist oft ungewiss; häufig entstehen Konflikte erst durch menschliche Eingriffe in Lebensräume. Direkte Gefahren für Menschen gehen seltener von wilden Raubtieren aus als von Tierhaltung, Hundebissen und Krankheiten. In Deutschland gibt es jährlich über 10.000 Unfälle mit Nutztieren, etwa 20 Todesfälle dadurch und im Schnitt mehr als drei Todesfälle durch Hundebisse. Tollwut tötet weltweit jährlich 40.000 bis 70.000 Menschen. Auch Pest, Ebolafieber, SARS, Mpox und mögliche Übergänge von H5N1 zeigen die Bedeutung von Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übergehen können.
Kulturgeschichtlich dienen Säugetiere als Wappentiere, Totem- oder Clansymbole, als „Heilige Tiere“ oder als Figuren in Erzählungen und Märchen. Beispiele sind heilige Kühe und Hanuman-Languren in Indien sowie Katzen und Schakale im alten Ägypten.
Bedrohung und Schutzlage
Der Mensch ist durch Jagd, Lebensraumzerstörung, Umweltverschmutzung und eingeschleppte Arten für den Rückgang oder das Aussterben vieler Säugetierarten verantwortlich. Die IUCN nennt als wichtige Gefährdungsursachen den Verlust von Lebensraum durch Landwirtschaft und Siedlungen, Bejagung sowie Störungen des natürlichen Gleichgewichts durch Neozoen. Verwilderte Hauskatzen und Haushunde sowie Konkurrenz durch Mäuse, Ratten oder Hasen sind besonders auf Inseln und in Australien problematisch, wo viele dieser Arten ursprünglich nicht heimisch waren.
Eine IUCN-nahe Kommission kam zu dem Ergebnis, dass mindestens 20–25 %, unter Umständen bis zu 36 %, aller Land- und Meeressäugetierarten vom Aussterben bedroht sind. Im Jahr 2022 berücksichtigte die IUCN 5.973 Arten: 85 galten als ausgestorben, zwei als in der Natur ausgestorben, 233 als vom Aussterben bedroht, 550 als stark gefährdet und 557 als gefährdet; zusammen sind das 1.342 gefährdete Arten. 839 Arten konnten wegen ungenügender Datenlage nicht bewertet werden.
In den letzten Jahrhunderten sind laut IUCN 84 Säugetierarten ausgestorben. Dazu zählen unter anderem der Beutelwolf, der Falklandfuchs, die Stellersche Seekuh, mehrere Känguru-, Gazellen-, Fledertier- und Nagetierarten. Der letzte bekannte Beutelwolf starb 1936 in einem Zoo in Tasmanien. Der Davidshirsch gilt als in freier Wildbahn ausgestorben und lebt nur noch in menschlichen Zuchtprogrammen.
Systematik und Evolution
Säugetiere gelten wahrscheinlich als monophyletische Gruppe: Sie stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab und umfassen alle Nachkommen dieses Vorfahren. Die drei Untergruppen sind Ursäuger (Protheria), Beutelsäuger (Metatheria) und Höhere Säugetiere (Eutheria). Die meisten Systematiken fassen Beutel- und Höhere Säuger als Theria zusammen und stellen sie den Ursäugern gegenüber. Die genaue Einordnung fossiler Formen ist schwierig, weil oft nur Zähne und Kieferteile gefunden werden.
Säugetiere entwickelten sich aus den Synapsiden, einer Amniotengruppe mit einem einzelnen Schädelfenster. Aus ihnen gingen Therapsiden hervor, die schon Merkmale wie differenzierte Zähne und möglicherweise Körperbehaarung hatten. Innerhalb der Therapsiden waren die Cynodontia durch ein größeres Gehirn und besondere Kieferformen gekennzeichnet. Umstritten ist, welches Tier als ältestes Säugetier gilt. Genannt werden Adelobasileus cromptoni aus der späten Trias, Sinoconodon aus dem frühen Jura, Morganucodonta, Docodonta und Hadrocodium wui. Die Säugetiere im engeren Sinn werden als Gruppe definiert, die den letzten gemeinsamen Vorfahren aller heutigen Säugetiere und alle seine Nachkommen umfasst; sie sind mindestens seit dem mittleren Jura belegt.
Während des Mesozoikums waren die meisten Säugetiere klein, etwa maus- oder rattengroß, vermutlich oft nachtaktiv und ernährten sich meist von Insekten und anderen Wirbellosen. Neuere Funde zeigen aber mehr Vielfalt: Castorocauda war teilweise wasserbewohnend, Volaticotherium hatte Gleitmembranen, Fruitafossor war an eine ameisenbärenähnliche Insektennahrung angepasst, und Repenomamus erreichte über 1 Meter Länge sowie 12 bis 14 Kilogramm Gewicht und fraß auch kleine Dinosaurier.
Nach dem Aussterben der Dinosaurier im Känozoikum wurden viele ökologische Nischen frei, und Säugetiere entwickelten sich zur dominanten Wirbeltiergruppe an Land. Die meisten heutigen Ordnungen sind seit dem Eozän belegt. Im Miozän erreichten Säugetiere ihre größte Artenvielfalt; danach führten Klimaveränderungen bis zu den Eiszeiten des Pleistozäns und später menschliche Einflüsse zu Rückgängen. Am Ende des Pleistozäns, vor 50.000 bis 10.000 Jahren, starben weltweit viele große Säugetiere aus. Ob vor allem Klimaänderungen, menschliche Bejagung oder eine Kombination beider Faktoren verantwortlich waren, ist umstritten.