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Humanethologie

Die Humanethologie ist ein Zweig der Verhaltensbiologie, der vor dem Hintergrund, dass auch der Mensch das Resultat einer langen stammesgeschichtlichen …

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und zentrale Aussage
  2. 2. Forschungsansätze und Forschungsthemen
  3. 3. Humanethologie in der Archäologie

Grundlagen und zentrale Aussage

Humanethologie ist ein Zweig der Verhaltensbiologie. Sie untersucht menschliche Verhaltensweisen, die als angeboren gelten oder angeborene Grundlagen besitzen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass auch der Mensch Ergebnis einer langen stammesgeschichtlichen Entwicklung ist. Die moderne Humanethologie verbindet Erkenntnisse der klassischen Ethologie, der Soziobiologie und der Lerntheorie. Als Begründer des Fachgebiets gilt der deutschsprachige Forscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt.

Ein zentrales Ziel ist der Vergleich von Verhaltensweisen in verschiedenen Kulturen. Treten bestimmte Verhaltensweisen in sehr unterschiedlichen Kulturen in annähernd gleicher Ausprägung auf, kann dies auf gemeinsame biologische Grundlagen hindeuten. Diese Sichtweise stand lange im Gegensatz zu der Vorstellung, der Mensch werde ausschließlich durch Erziehung und Lernen geprägt.

Heute gilt als weitgehend anerkannt, dass angeborene Grundlagen und erlernte Verhaltensmuster gemeinsam das menschliche Verhalten formen. Erziehung und Kultur können angeborene Verhaltensgrundlagen verstärken, wenn sie sozial oder psychohygienisch vorteilhaft sind. Andere angeborene Neigungen können das Zusammenleben erschweren und werden deshalb kulturell abgeschwächt oder unterdrückt. Ein Beispiel für eine angeborene Grundlage ist die Steuerung der Gesichtsmuskeln beim Lächeln.

Forschungsansätze und Forschungsthemen

Humanethologen untersuchen angeborene Verhaltensweisen mit verschiedenen Methoden:

  • Beobachtung von Neugeborenen: Neugeborene atmen spontan, klammern sich ohne vorheriges Lernen an dünne Gegenstände und schreien laut. Auch gehörlos und blind geborene Kinder lachen, weinen, erröten und zeigen die charakteristische Mimik des Verlegenseins. Diese Verhaltensweisen gehören offenbar ohne Lernerfahrung zum menschlichen Verhaltensrepertoire.

  • Angeborene Erkenntnisleistungen: Menschen können bestimmte Reizmerkmale vermutlich ohne besondere Vorerfahrung deuten. Dazu gehört beispielsweise die relative Höhe der Nase im Verhältnis zu den Augen. Dadurch kann das Kamel als „hochmütig“ eingeschätzt werden, weil seine Nase im Verhältnis zu den Augen weit oben am Kopf liegt.

  • Entwicklungsverläufe bei Kleinkindern: Der Vergleich zeitlicher Entwicklungsschritte zeigt, dass das Erlernen einer oder mehrerer Sprachen während eines offenbar besonders empfänglichen Lebensabschnitts wesentlich leichter ist als im Erwachsenenalter.

  • Kulturvergleichende Forschung: Verhaltensprotokolle und Filmaufnahmen aus verschiedenen Kulturkreisen zeigen zahlreiche ähnliche soziale Verhaltensweisen. Mütter streicheln und küssen ihre Kleinkinder überall in ähnlicher Weise, sprechen mit ihnen in besonders hoher Stimmlage und nicken ihnen zu. Starren gilt kulturübergreifend als bedrohlich, während der Augengruß freudiges Erkennen ausdrückt.

  • Vergleich mit Menschenaffen: Gegenseitiges Umarmen und das Zähnezeigen bei großer Wut werden als altes Primatenerbe betrachtet.

Auf Grundlage solcher empirischen Ergebnisse versucht die Humanethologie, kulturelle Traditionen auf ererbte Bausteine des Verhaltens zurückzuführen. Als mögliche biologisch erklärbare Mechanismen werden unter anderem Unterordnung und Gehorsam, das Streben nach Anerkennung, Unduldsamkeit gegenüber Außenseitern, Selbstlosigkeit und die Neigung zu freundlichen Kontakten genannt. Diese weitreichenden Aussagen sind jedoch umstritten, weil sie kaum durch eindeutige experimentelle Belege gestützt wurden.

Verhalten wird außerdem im Zusammenhang mit Gegenspielern, Lernen und Intellekt untersucht. Dazu gehören etwa das Verhältnis von Aggression und Aggressionshemmung sowie sogenannte „Instinkt-Kulturverschränkungen“, bei denen angeborene Grundlagen mit der Lebensgeschichte und kulturellen Einflüssen verbunden sind.

Humanethologie in der Archäologie

Die in den 1970er Jahren entwickelten Konzepte der Kulturethologie und des Mems beeinflussten archäologische Erklärungen zur Weitergabe paläolithischer Werkzeuge. Artefakte wie Faustkeile können demnach nicht nur Werkzeuge, sondern auch Träger memetisch übertragener Traditionen sein und ein kollektives Gedächtnis von Homo erectus widerspiegeln. Umgekehrt ist auch die Möglichkeit denkbar, dass Faustkeile aus ethologisch naheliegenden Erkenntnisleistungen entstanden, ohne tradiert worden zu sein.

Joachim Hahn vertrat 1986 die These, Kleinkunstwerke des Aurignacien von der Schwäbischen Alb vermittelten durch ihre Körpersprache Kraft und Aggression. Dies wurde aus der Übertragung tierischer Abwehr- und Angriffshaltungen auf die Hersteller der Figuren abgeleitet.

Forscher um David Lewis-Williams verglichen außerdem ethologische Merkmale von Trance-Zuständen mit paläolithischen Petroglyphen und Höhlenmalereien. Die Erforschung neurobiologisch bedingter Bewusstseinszustände prähistorischer Menschen wird als „Kognitive Archäologie“ bezeichnet. Später richtete sich das Interesse verstärkt auf Gesten und Körpersprache in urgeschichtlichen Kunstwerken, besonders des Neolithikums und jüngerer vorgeschichtlicher Epochen. Auch das Monrepos Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied erläutert, wie die frühe Menschheitsgeschichte das menschliche Verhalten bis heute beeinflusst.

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