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Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Ausführlich geht Eibl-Eibesfeldt in seiner Biologie des menschlichen Verhaltens auf universelle Verhaltensdispositionen ein. ... Angeborenes und Erworbenes im …
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Person und wissenschaftlicher Weg
Irenäus Eibl-Eibesfeldt (15. Juni 1928 in Wien – 2. Juni 2018 in Starnberg) war ein österreichischer Zoologe, Evolutionsbiologe und Verhaltensforscher. Er gilt als Begründer der Humanethologie, also der biologischen Erforschung des menschlichen Verhaltens. Gemeinsam mit Konrad Lorenz, Hans Hass und Otto Koenig untersuchte er tierisches und menschliches Verhalten und setzte sich für den Naturschutz ein.
Von 1945 bis 1949 studierte Eibl-Eibesfeldt an der Universität Wien Biologie, Physik, Zoologie und Botanik. 1949 promovierte er mit einer Arbeit zur Paarungsbiologie der Erdkröte. Prägend waren seine Zusammenarbeit mit Otto Koenig und seine enge Beziehung zu Konrad Lorenz. 1951 wechselte er an die Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung in Buldern, ab 1956 arbeitete er am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen.
Expeditionen mit Hans Hass führten ihn 1953–1954 in die Karibik und nach Galapagos sowie 1957–1958 in den Indischen Ozean. Seine Vorschläge zum Schutz von Galapagos trugen zur Gründung der Charles-Darwin-Forschungsstation und zur Einrichtung von Schutzgebieten bei. 1970 übernahm er die Leitung der Arbeitsgruppe für Humanethologie, von 1975 bis 1996 leitete er die Forschungsstelle für Humanethologie der Max-Planck-Gesellschaft.
Tierforschung und Entstehung der Humanethologie
Eibl-Eibesfeldt beschrieb unter anderem die Putzsymbiosen von Riffbarschen, das Turnierverhalten der Galapagos-Meerechsen, das Schwarmverhalten von Fischen sowie das Verhalten des Putzerlippfisches und des Putzer-Nachahmers. Er untersuchte außerdem die Balz und Brutablösung bei Fregattvögeln und flugunfähigen Kormoranen. Ein gemeinsamer Schwerpunkt war die Kommunikation zwischen Tieren und die Frage, wie Verhalten entsteht und sich entwickelt.
In den 1960er Jahren wandte er sich zunehmend dem Menschen zu. Er untersuchte, inwieweit sich Erkenntnisse zur stammesgeschichtlichen Entwicklung von Verhaltensweisen auf den Menschen übertragen lassen. Studien mit taub und blind Geborenen sowie kulturvergleichende Forschungen führten zum Nachweis von Universalien: Verhaltensweisen, die in verschiedenen Kulturen ähnlich auftreten und teilweise angeboren sein können. 1984 veröffentlichte er mit „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ das erste Lehrbuch der Humanethologie.
Über vierzig Jahre dokumentierte Eibl-Eibesfeldt ungestellte soziale Interaktionen, Rituale und Alltagsaktivitäten verschiedener Bevölkerungsgruppen, darunter Kalahari-Buschleute, Himba, Yanomami, Eipo und Trobriand-Insulaner. Das Filmarchiv umfasst 350 Kilometer analoges Filmmaterial.
Kommunikation, Kooperation und universelle Bedürfnisse
Im Mittelpunkt der Humanethologie standen zunächst nonverbale Kommunikation, Mimik, Gestik und der soziale Zusammenhang einer Handlung. Untersucht wurden unter anderem Gruß- und Tauschrituale, Gemeinschaftsbildung, Verwandtschaftssysteme, Konflikt- und Angstbewältigung sowie die Bedeutung von Festen. Eibl-Eibesfeldt sah menschliches Sozialverhalten zwischen Rang- und Dominanzstreben einerseits sowie Liebe, Fürsorge und Kooperation andererseits. Er widersprach damit Theorien, die Kooperation und Fürsorge ausschließlich als Ergebnis von Sozialisation erklärten.
Zu den universellen menschlichen Bedürfnissen beziehungsweise Appetenzen zählte er Ernährung, Schutz vor Witterung, Naturverbundenheit, Territorialität, Bewegung, Geselligkeit, Partnerbindung, Fürsorge, Macht, Rang, Aggression, Neugier, Erregung und Ruhe. Diese Dispositionen seien häufig angeboren, legten aber nicht im Einzelnen fest, wie Menschen handeln. Kulturelle Regeln beeinflussten ihre konkrete Ausprägung und Gewichtung.
Kultur, Stadt und Forschungsmethoden
Humanethologie befasst sich auch mit Emotionalität, Wahrnehmung, Erkennen und Bewusstseinsbildung. Eibl-Eibesfeldt verglich stammesgeschichtliche und kulturelle Entwicklung: Ähnliche Verhaltensformen können unter ähnlichen Umweltbedingungen durch Analogie und Konvergenz entstehen. Verhalten lässt sich dabei sowohl nach seinen unmittelbaren, physiologischen Ursachen als auch nach seiner langfristigen Funktion untersuchen.
Ende der 1980er Jahre entwickelte er die Stadtethologie. Sie fragt, wie Menschen mit ihren angeborenen Verhaltensdispositionen in anonymen Großstädten umgehen. 1991 gründete er mit Karl Grammer das Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie. Die Forschung behandelte unter anderem Wohnzufriedenheit, Verhalten auf öffentlichen Plätzen und die Übertragung von Solidarität aus kleinen Gemeinschaften auf Großgesellschaften.
Die Humanethologie stützt sich auf den Kritischen Realismus und die Evolutionstheorie. Zu ihren Methoden gehören Feldbeobachtung, statistische Auswertung, vergleichende morphologische Untersuchungen, Experimente und filmische Dokumentation. Besonders wichtig waren die Forschung an Kleinkindern, an Kindern mit Erfahrungsdeprivation sowie kulturvergleichende Untersuchungen.
Kritik, Auszeichnungen und wichtige Schriften
Kritiker warfen Eibl-Eibesfeldt biologischen Reduktionismus vor, weil er Erkenntnisse aus der Tierverhaltensforschung teilweise auf den Menschen übertrug. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, seine Thesen könnten fremdenfeindliche Ideologien unterstützen. Umstritten war besonders die Vorstellung einer angeborenen Fremdenfurcht. Seit Mitte der 1990er Jahre sprach Eibl-Eibesfeldt jedoch von angeborener Fremdenscheu, die in einem Spannungsverhältnis zur ebenfalls angeborenen Neugier stehe und durch gesellschaftliche Bedingungen geprägt werde. Seine Aussagen zum Recht ethnischer Gruppen auf eigene Identität und zur Begrenzung von Immigration führten ebenfalls zu Kritik.
Zu seinen bekannten Werken gehören „Grundriss der vergleichenden Verhaltensforschung“ (1967), „Liebe und Hass“ (1970), „Der vorprogrammierte Mensch“ (1973), „Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung“ (1975) und „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ (1984). Er erhielt unter anderem 1995 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und 1998 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.