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Historische Digital Literacy

Historische Digital Literacy bezeichnet die Kompetenz, mit Hilfe digitaler Technologien (Internet, Online-Archive, Big Data etc.) und Medien historische …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Öffentliche Auseinandersetzung mit Geschichte
  3. 3. Digitale Geschichtswissenschaft
  4. 4. Kompetenzen im Geschichtsunterricht
  5. 5. Grenzen digitaler Lernprogramme

Begriff und Bedeutung

Historische Digital Literacy ist die Kompetenz, historische Quellen und Darstellungen mithilfe digitaler Technologien und Medien zu finden, zu analysieren und zu beurteilen. Dazu gehört außerdem, die gewonnenen Informationen zu historischen Narrativen, also sinnvollen Darstellungen und Erzählungen über Geschichte, weiterzuentwickeln. Zu den verwendeten Technologien zählen unter anderem das Internet, Online-Archive und Big Data.

Der allgemeine Begriff Literacy bezeichnet zunächst die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können. Im weiteren Sinn umfasst er Grundfertigkeiten der Erzähl-, Sprach- und Schriftkultur. Dazu gehören Textverständnis, Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Ausdrucksfähigkeit und die Vertrautheit mit Bildungssprache.

Digital Literacy liegt vor, wenn diese Fähigkeiten auch bei der effizienten Nutzung digitaler Technologien, besonders von Computern und Internet, eingesetzt werden können. Sie ist für die Teilnahme an der modernen Wissensgesellschaft wesentlich. Dabei werden zwei Bereiche unterschieden: Medienkompetenz umfasst die technischen Voraussetzungen und die Bedienung der Medien. Inhaltliche Kompetenz ist erforderlich, um Informationen zu verarbeiten, zu kommunizieren und schließlich zu narrativieren, also in eine zusammenhängende Erzählung zu überführen.

Öffentliche Auseinandersetzung mit Geschichte

Public History ist eine seit den 1970er-Jahren institutionalisierte Disziplin. Sie beschäftigt sich mit der Gegenwärtigkeit der Vergangenheit und mit dem Konstruktionscharakter von Geschichte außerhalb akademischer Zusammenhänge. Gemeint sind öffentliche Geschichtsdarstellungen, die außerhalb wissenschaftlicher Institutionen, Versammlungen oder Publikationen entstehen.

Im Zeitalter des Web 2.0 sind individuelle und kollektive Erinnerungen im Internet allgegenwärtig. Sie ergeben wegen konkurrierender Ansichten jedoch kein einheitliches Geschichtsbild. Der digitale Wandel ermöglicht es beispielsweise lokalen Gemeinschaften, ihre Vergangenheit über soziale Medien und Veröffentlichungen im Web aufzuarbeiten. Dadurch können sie lokale Erinnerungen in größere, lokal-globale Zusammenhänge einordnen.

Public History umfasst vor allem Aktivitäten außerhalb des akademischen Umfelds und ist eng mit der Oral History verbunden. Oral History befasst sich mit mündlich überlieferten Erinnerungen und Zeitzeugenberichten. Public History ist von Digital History zu unterscheiden: Während Public History den öffentlichen Umgang mit Geschichte bezeichnet, versteht der Artikel Digital History als digitale Wissenschaft.

Digitale Geschichtswissenschaft

Digital Literacy ist eine Voraussetzung dafür, am Diskurs der Digital History teilzunehmen. Digital History gehört zum interdisziplinären Praxisfeld der Digital Humanities und bezeichnet den Einsatz digitaler Medien, um historische Analysen, Darstellungen und Untersuchungen voranzutreiben.

Der Historiker Peter Haber forderte dafür einen „Kanon an Kompetenzen“ für die Geschichtswissenschaft. Dessen Grundlage ist die Medienkompetenz. Sie umfasst nach Haber nicht nur technische und intellektuelle Fähigkeiten, sondern besonders die Medien- und Informationskritik, also die kritische Prüfung von Medien, Informationen und ihren Bedingungen.

Big Data, die Verarbeitung sehr großer Datenmengen, eröffnet neue Fragestellungen für computergestützte quantitative historische Analysen. Zugleich entstehen neue Möglichkeiten, Wissen und Menschen miteinander zu vernetzen. Im deutschsprachigen Raum konzentriert sich die digitale Geschichtswissenschaft bislang vor allem auf die Veröffentlichung von Editionen und Forschungsergebnissen im Internet.

Zu den Erzeugnissen der Digital History gehören digitale Archive sowie Online-Präsentationen mit interaktiven Karten, Zeitstrahlen, Audiodateien und virtuellen Welten. Gegenüber der klassischen Geschichtswissenschaft verändern sich dadurch das Publikum, die Form und der Ort der Darstellung. Auch der Rohstoff der Geschichtsschreibung verändert sich: Digitale Quellen verlangen neue Verfahren für die Verarbeitung großer Datenmengen. Außerdem stellen sie besondere Anforderungen an Quellenkritik, Überlieferung und Bewertung.

Kompetenzen im Geschichtsunterricht

Historische Digital Literacy im Geschichtsunterricht erfordert technische und fachliche Kompetenzen, die voneinander abhängig sind. Zu den zentralen Kompetenzbereichen gehören:

• analoge, ursprünglich digitale und nachträglich digitalisierte Quellen und Darstellungen mithilfe digitaler Medien suchen, bewerten und interpretieren;

• die Bedingungen ihrer medialen Entstehung und ihre Wirkungen untersuchen und dabei die Merkmale der jeweiligen Gattung sowie medienhistoriografische Eigenschaften berücksichtigen;

• mit digitalen Medien eigene historische Narrationen erstellen.

Digitale Medien bieten zahlreiche Einsatzmöglichkeiten, verändern den Geschichtsunterricht nach Darstellung des Artikels aber nicht grundlegend. Als Informationsmedien ermöglichen sie Zugänge, die ohne das Internet nicht vorhanden wären. Lernende können Informationen dadurch auf neue Weise beschaffen und verarbeiten. Dafür benötigen sowohl Lehrpersonen als auch Lernende Digital Literacy. Der Geschichtsdidaktiker Marko Demantowsky fordert deshalb, dass „die Eigenheiten des Geschichtslernens im Web 2.0 (…) zu einem zentralen Gegenstand der Lehreraus- und Lehrerfortbildung gemacht werden müssen.“

Grenzen digitaler Lernprogramme

Der Artikel unterscheidet digitale Lernprogramme von digitalen Lernplattformen wie Moodle. Eine Lernplattform kann von der Lehrperson an die jeweilige Zielgruppe, Unterrichtssituation und die daraus folgenden didaktischen Entscheidungen angepasst werden. Digitale Lernprogramme sind dagegen bereits didaktisch vorgefertigte Angebote. Die Lehrperson kann sie im Wesentlichen nur in den Unterricht einbinden, aber nicht entsprechend den Besonderheiten der Lerngruppe oder Situation verändern. Diese eingeschränkte Anpassbarkeit wird als „Disponibilitäts-Problem“ bezeichnet.

Daneben besteht das „Performanz-Problem“. Historisches Denken hat einen komplexen kommunikativen Charakter: In gemeinsamen kognitiven Prozessen entstehen Narrationen und Diskurse. Für geschichtsbezogenes Lernen sind solche dialogischen Elemente wesentlich. Digitale Lernprogramme enthalten sie jedoch meistens nicht oder können sie nur mit erheblichem Aufwand verwirklichen. Technische Möglichkeiten allein sichern daher noch kein geeignetes historisches Lernen; entscheidend sind auch fachliche Quellenarbeit, Kommunikation, kritische Bewertung und die Bildung eigener historischer Erzählungen.

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