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Historia Langobardorum
In der Langobardengeschichte finden sich 31 wörtliche Zitate aus 20 verschiedenen Quellen. Benutzt wurden wohl erheblich mehr Werke. Außerdem fügt er …
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Werk, Bedeutung und Entstehung
Die Historia Langobardorum („Geschichte der Langobarden“) ist das Hauptwerk des langobardischen Gelehrten Paulus Diaconus. Er schrieb das lateinische Geschichtswerk gegen Ende seines Lebens, nach 787 und spätestens 796, zumindest teilweise im Benediktinerkloster Montecassino. Es besteht aus sechs Büchern und erzählt die Geschichte der Langobarden von ihren mythischen Anfängen in Skandinavien bis zum Tod König Liutprands im Jahr 744. Die fränkische Eroberung des Langobardenreiches unter Karl dem Großen im Jahr 774 wird nicht mehr dargestellt.
Das Werk ist die wichtigste erzählende Grundlage für große Teile der italienischen Geschichte zwischen 568 und 744. Paulus schreibt aus langobardischer Sicht und orientiert sich an antiken Geschichtswerken. Zugleich deutet er die Ereignisse christlich: Völker und Herrscher haben einen Platz im göttlichen Heilsplan; politischer Erfolg kann als Zeichen göttlicher Unterstützung erscheinen, während religiöses Fehlverhalten zum Untergang führen kann. Als besondere langobardische Tugenden erscheinen Mut, Treue gegenüber den Anführern und Ehrgefühl.
Der genaue Anlass ist umstritten. Nach einer These sollte das Werk im Umfeld Karls des Großen und seines Sohnes Pippin das Verständnis zwischen Franken und Langobarden verbessern und Pippin ermahnen. Andere Deutungen beziehen es auf Grimoald III. von Benevent, die Stärkung langobardischer Identität oder besondere Interessen Benevents. Eine eindeutige Absicht lässt sich nicht sicher aus Paulus’ jeweiligem Aufenthaltsort ableiten.
Widmung, Prolog und Epilog fehlen. Da Paulus eine spätere Behandlung eines Vorgangs ankündigt, die im Text nicht folgt, wurde ein unvollendetes Werk vermutet. Der inhaltlich vorbereitete Abschluss mit Liutprand spricht jedoch dafür, dass die Historia in dieser Form abgeschlossen war.
Aufbau, Themen und Quellen
Die sechs Bücher umfassen in der maßgeblichen MGH-Ausgabe 244 Kapitel und 34.662 Wörter. Ihre Zeiträume überschneiden sich: Buch I reicht ungefähr von 487/488 bis 567, Buch II von etwa 552 bis 574, Buch III von 569/570 bis 590/591, Buch IV von 591 bis 662, Buch V von 661/662 bis 689 und Buch VI von 687/688 bis 744. Übergangsfiguren wie Alboin, Agilulf, Theodelinda, Grimoald und Cunincpert verbinden die Bücher miteinander.
Mehr als die Hälfte der Kapitel behandelt ausschließlich langobardische Themen. Im Mittelpunkt stehen das Königtum sowie die Herzogtümer Friaul und Benevent; Spoleto und besonders die Toskana erhalten weniger Raum. Daneben beschreibt Paulus das Oströmisch-byzantinische Reich, Franken, Bayern, Awaren, Slawen und Sarazenen. Wiederkehrende Themen sind die Ausbildung einer einheitlichen Königsherrschaft, das Verhältnis von Königen und Herzögen, Katholizismus, Arianismus und andere als Häresien bezeichnete Lehren. Der Papst erscheint als Verteidiger der Rechtgläubigkeit. Paulus stellt sich ausdrücklich gegen den byzantinischen Bildersturm. Naturkatastrophen, Pestwellen, Vorzeichen, Wunder und Prophezeiungen sind in die politische Geschichte eingebettet.
Paulus verwendete unter anderem die Origo Gentis Langobardorum, den Liber pontificalis, die verlorene Historiola des Secundus von Trient und verlorene Annalen von Benevent sowie Werke Bedas, Gregors von Tours und Isidors von Sevilla. In der Historia lassen sich 31 wörtliche Zitate aus 20 Quellen erkennen; tatsächlich dürfte er mehr Werke benutzt haben. Hinzu kommen Rechtsquellen wie das Edikt König Rotharis von 643, religiöse, ethnographische und poetische Texte, eigene Ortsbesichtigungen und Zeugenaussagen.
Für die Frühgeschichte fehlten zuverlässige Schriftquellen weitgehend. Paulus griff daher auf mündliche Überlieferungen zurück und kennzeichnete sie mit Formeln wie „wie uns berichtet wurde“ oder „wie es heißt“. Manche Erzählungen bezweifelte er ausdrücklich und bezeichnete etwa die Erklärung des Namens Langobarden als „lächerliche Erzählung“.
Von der Herkunftssage zur Herrschaft in Italien
Buch I beginnt mit den Winnilern, den späteren Langobarden, die wegen Überbevölkerung aus Skandinavien ausgewandert sein sollen. Unter Ibor und Aio sowie auf Rat ihrer Mutter Gambara ziehen sie nach Süden. In einer von Paulus selbst bezweifelten Sage tragen die Frauen ihre langen Haare wie Bärte; nach dem Sieg über die Wandalen heißen die Winniler deshalb Langobarden, also „Langbärte“. Hunger, Wanderungen und Kämpfe prägen die weitere Erzählung. Mehrfach werden Unfreie freigelassen, um das Heer zu verstärken.
Auf die ersten Könige Agelmund und Lamissio folgen unter anderem Lethuc, Hildeoc, Godeoc, Claffo, Tato, Wacho, Walthari und Audoin. Die Langobarden besiegen die Heruler und geraten in Konflikt mit den Gepiden. Audoins Sohn Alboin tötet den Sohn des Gepidenkönigs Thurisind, erhält aber später von diesem nach dem Gebot des Gastrechts die Waffen des Getöteten. Als König verbündet sich Alboin mit den Awaren, besiegt die Gepiden endgültig, tötet König Kunimund und macht dessen Schädel zu einem Trinkgefäß. Danach heiratet er Kunimunds Tochter Rosemunda.
Buch II schildert den Übergang nach Italien. Nach dem Gotenkrieg fordert der oströmische Feldherr Narses die Langobarden nach Paulus’ Darstellung aus Rache und Furcht zum Einmarsch auf. Alboin verlässt Pannonien einen Tag nach Ostern 568. In Friaul setzt er Gisulf als ersten Herzog ein; die dort angesiedelten farae waren durch familiäre Bindungen geprägte Verbände mit militärischen Aufgaben.
Alboin nimmt große Teile Norditaliens ein. Mailand fällt am 3. September, Pavia nach dreijähriger Belagerung. Obwohl er die Bewohner Pavias wegen ihres Widerstands töten lassen wollte, verschont er sie nach einem als göttliches Zeichen verstandenen Ereignis, weil sie Christen sind. Rosemunda rächt schließlich ihren Vater: Nachdem Alboin sie gezwungen hat, aus dessen Schädel zu trinken, beteiligt sie sich an seiner Ermordung. Nach Clephs kurzer Herrschaft regieren zehn Jahre lang mehr als dreißig Herzöge. Die römische Bevölkerung muss ein Drittel ihrer Ernte abgeben; Paulus beschreibt diese Zeit als Niedergang gegenüber dem geordneten Königtum.
Konsolidierung, Religion und innere Konflikte
Buch III beschreibt die Gefährdung des Reiches durch Franken, Byzantiner und innere Zersplitterung. Nach zehnjähriger Herzogsherrschaft wird 584 Authari, der Sohn Clephs, zum König gewählt. Die Herzöge geben die Hälfte ihrer Einkünfte für die Wiederherstellung des Königtums ab. Paulus verbindet diese Ordnung mit neuer Rechtssicherheit. Mehrere fränkische Angriffe scheitern; einen besonders schweren fränkischen Misserfolg habe selbst Secundus von Trient übergangen. Authari heiratet die bayerische Königstochter Theudelinde. Nach seinem Tod 591 darf sie einen neuen Ehemann und damit den König bestimmen und wählt Agilulf, den Herzog von Turin.
Unter Agilulf und Theodelinde setzt sich in Buch IV die Konsolidierung fort. Theodelinde ist katholisch, fördert die Kirche und steht mit Papst Gregor dem Großen in Verbindung. Sie lässt in Monza eine Johannes dem Täufer geweihte Basilika und einen Palast errichten. Dort werden Ereignisse der langobardischen Geschichte bildlich dargestellt. Agilulf erweitert seine Macht, bekämpft aufständische Herzöge und schließt Friedensverträge mit Franken, Awaren und Byzanz. Sein Sohn Adaloald wird 603 getauft und 604 zum König erhoben, später jedoch wegen geistiger Verwirrung abgesetzt.
Nach Arioald regiert der arianische König Rothari. Der Arianismus ist eine christliche Lehre, die Paulus als Häresie ablehnt. Rothari erlässt das nach ihm benannte Gesetz und erzielt bedeutende militärische Erfolge gegen Byzanz. Nach weiteren Herrschaftswechseln geraten Ariperts Söhne Perctarit und Godepert in Streit. Der beneventanische Herzog Grimoald greift ein, tötet Godepert und übernimmt die Königsherrschaft; Perctarit flieht zu den Awaren.
Katholisches Königtum und Höhepunkt unter Liutprand
Buch V behandelt die Jahre 662 bis 689. Kaiser Konstans II. versucht, Italien zurückzuerobern, scheitert jedoch an Benevent und den langobardischen Streitkräften. Später plündert er Rom und Sizilien und wird 668 in Syrakus ermordet. Im Friaul kommt es zu Aufständen, awarischen und slawischen Angriffen sowie Kämpfen zwischen Herzögen und König. Grimoald behauptet seine Herrschaft durch militärische Stärke und List, begeht nach Paulus’ Urteil aber schwere Verfehlungen, etwa Angriffe am Ostersonntag.
Nach Grimoalds Tod kehrt Perctarit zurück und wird König. Paulus beschreibt ihn als fromm, katholisch, gerecht und fürsorglich gegenüber den Armen. Er macht seinen Sohn Cunincpert zum Mitregenten. Nach Perctarits Tod erhebt sich der Herzog Alahis gegen Cunincpert. In der Schlacht von Coronate 689 wird Alahis besiegt und getötet. Für Paulus bedeutet der Sieg zugleich den endgültigen Erfolg der katholischen Partei über die arianische und der einheitlichen Königsherrschaft über mächtige regionale Herzöge.
Buch VI führt bis 744. Nach Cunincperts Tod folgen heftige Thronkämpfe. Aripert II. setzt sich zunächst durch, wird aber 712 von Ansprand mit bayerischer Hilfe gestürzt. Ansprand stirbt nach drei Monaten; sein Sohn Liutprand wird König. Er bildet den Höhepunkt der von Paulus dargestellten Entwicklung: Liutprand stärkt die Zentralmacht, greift in Friaul, Spoleto und Benevent ein, führt Kriege gegen Byzanz und pflegt Frieden mit Franken und Awaren.
Religiös stellt Paulus Liutprand als vorbildlichen Herrscher dar. Er erwirbt nach einem sarazenischen Angriff auf Sardinien die Reliquien des heiligen Augustinus und lässt sie in Pavia beisetzen. Während des byzantinischen Bilderstreits widersetzen sich auch Truppen in Ravenna und Venetien dem Befehl, Bilder Christi, Marias und der Heiligen zu zerstören. Liutprand erobert mehrere byzantinische Orte, gibt Sutri aber „den Römern“ zurück. Er unterstützt Karl Martell gegen Sarazenen in der Provence; diese ziehen ohne Kampf ab. Außerdem nimmt er bei Karls Sohn Pippin nach fränkischem Brauch eine symbolische Schur vor und wird dadurch dessen „Vater“. Liutprand stirbt nach 31 Jahren und sieben Monaten Herrschaft. Paulus hebt seine Frömmigkeit, Friedenspolitik und sein Vertrauen auf das Gebet hervor.
Überlieferung und Ausgaben
Das Autograph, also die eigenhändige Niederschrift des Paulus, ist verloren. Bekannt ist die Überlieferung von rund 200 Abschriften; 115 davon sind erhalten. Die Texte weichen nur wenig voneinander ab. Das Werk wurde schon früh weiterverwendet und fortgesetzt, etwa von Andreas Bergomas bis zum Jahr 877 und von Erchempert von Benevent.
Auszüge erschienen 1471 in Rom, die erste gedruckte Ausgabe 1480 bei Antonio Miscomini in Florenz. Weitere frühe Ausgaben folgten 1514 in Paris, 1515 in Augsburg, 1595 in Leiden und 1611 in Hamburg. Ludwig Bethmann und Georg Waitz kannten 107 Handschriften, ordneten sie zwölf Gruppen zu und rekonstruierten einen möglichst zuverlässigen Text. Ihre lateinische Ausgabe erschien 1878 in den Monumenta Germaniae Historica und galt lange als beste Edition. Eine neuere Edition stammt von Lidia Capo. Das Werk wurde vielfach übersetzt; eine neuere deutsche Ausgabe gab Wolfgang F. Schwarz 2009 heraus.