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Helikoptergeld
Helikoptergeld ist eine Ausweitung der Geldmenge durch Geldschöpfung, bei der das neu geschaffene Zentralbankgeld direkt an Staat oder Bürger ausgezahlt wird.
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Definition und mögliche Formen
Helikoptergeld bezeichnet eine Ausweitung der Geldmenge durch Geldschöpfung, bei der neu geschaffenes Zentralbankgeld direkt an den Staat oder an Bürger ausgezahlt wird. Es gilt als extreme Form expansiver Geldpolitik. Ziele sind, durch zusätzliche Konsumausgaben die Realwirtschaft anzukurbeln, ein angestrebtes Inflationsziel zu erreichen sowie Deflation zu vermeiden oder zu vermindern. Seit 2015 wird das Konzept als Erweiterung bisheriger Maßnahmen wie Quantitative Easing und Negativzinsen diskutiert, deren wirtschaftspolitische Erwartungen sich nicht erfüllten.
Mögliche Formen des Transfers sind:
- direkte Überweisungen an Bürger;
- indirekte Transfers durch Konsumgutscheine;
- Steuersenkungen oder Steuergutschriften;
- eine Reduktion von Krankenkassenprämien;
- Überweisungen an den Staat, der das Geld beispielsweise für Straßen, Infrastruktur oder andere Großprojekte verwendet.
Bei direkten Überweisungen müsste geklärt werden, wie Informationen über Millionen Bankkonten zentral erfasst werden und wie Menschen ohne Girokonto das Geld erhalten. Als weitere Idee wurde vorgeschlagen, Maßnahmen gegen den Klimawandel über zinslose Klima-Anleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren zu finanzieren. Die Zentralbank würde solche Anleihen vom UN Green Climate Fund kaufen und ihm damit praktisch nicht rückzahlbares Geld zur Verfügung stellen.
Abgrenzung und theoretischer Ausgangspunkt
Beim Quantitative Easing (QE, quantitative Lockerung) kauft die Zentralbank Banken Wertpapiere ab und stellt ihnen dafür neu geschaffenes Geld zur Verfügung. Ihre Bilanz wächst dabei auf der Passivseite um das ausgegebene Geld und auf der Aktivseite um den Wert der erworbenen Wertpapiere. Beim Helikoptergeld fließt das Zentralbankgeld dagegen direkt und ohne diesen Umweg an Bürger oder in den Staatshaushalt. Die Zentralbankbilanz wird dadurch nicht vergrößert; deshalb wird von „schuldfreien“ Auszahlungen gesprochen.
Quantitative Easing for the People (PQE) leitet das neue Geld nicht direkt an Bürger, sondern finanziert Staatshaushalte oder staatlich veranlasste Investitionen. Dadurch wird die Unabhängigkeit der Zentralbank von wirtschaftspolitischen Entscheidungen eingeschränkt. Bei der Monetarisierung von Staatsschulden weist die Regierung die Zentralbank an, die Geldmenge zur Rückzahlung staatlicher Schulden zu erhöhen. Eine dabei in Kauf genommene schädliche Inflation kann Vertrauen mindern und Vermögenswerte zerstören.
Milton Friedman verwendete den Ausdruck 1969 in einem Gedankenexperiment: Ein Hubschrauber wirft einmalig zusätzliche 1000 Dollar in Geldscheinen über einer Modell-Gemeinde ab, deren Bewohner das Geld einsammeln. Friedman nahm zunächst an, dass jeder danach doppelt so viel Geld besitzt und es dauerhaft behält. Außerdem setzte er Vollbeschäftigung, ausgelastete Produktion und eine Zentralbankpolitik mit 0-Zins voraus. Die Verdopplung der Geldmenge führe in diesem Modell lediglich zu einer Verdopplung der Preise, also zu einer exakt berechenbaren, von der Zentralbank gesteuerten Inflation. Die Gütermenge bleibe unverändert.
Friedmans Beispiel sollte die Neutralität der monetären Geldbasis (M2) veranschaulichen und gerade keine Anreizfunktion für zusätzlichen Konsum darstellen. Es diente als akademisches Gedankenexperiment zur Erklärung seiner monetären Theorie und insbesondere der Quantitätstheorie. Später wurde es zur Metapher für gezielte, zins- und kreditlose Geldtransfers an Bürger zur Steigerung der Nachfrage oder der Inflation umgedeutet.
Stephen Cecchetti und Kim Schoenholtz vom CEPR ordnen Helikoptergeld als expansive Fiskalpolitik auf Grundlage von Zentralbankgeld ein, nicht als monetäre Geldpolitik im Sinne Friedmans. In ihrem Modell wird ein Schatzbrief für 100 Dollar an die Zentralbank ausgegeben; der Staat erhält dafür ein Guthaben. Gibt der Staat das Geld anschließend etwa für Transfers, Infrastruktur oder Steuerrückerstattungen aus, gelangt es auf Konten von Geschäftsbanken. Wollen diese keine zusätzlichen Reserven, tauschen sie diese gegen Schatzbriefe; die Zentralbank unterstützt den Wechsel durch eine Anpassung des Zinssatzes. Am Ende steigen die Staatsschulden in Form von Schatzanleihen, während die Zentralbankgeldmenge weniger stark zunimmt. Das Helikoptergeld verschwindet daher schrittweise aus der Bilanz. Bei niedrigen Zinsen sei es laut den Autoren ebenso wirksam wie eine durch Bundesanleihen finanzierte Steuersenkung oder Infrastrukturinvestition in Verbindung mit QE.
Historische Vorläufer und rechtlicher Rahmen
Vorläufer der Idee direkter Transfers oder einer geldfinanzierten Staatsausweitung finden sich bei Major Douglas, im Social Credit Movement und bei Silvio Gesell. Korekiyo Takahashi finanzierte in Japan während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Staatsausgaben monetär, koppelte die Währung vom Goldstandard ab und wertete ihren Außenwert ab. Dadurch wurde die schwere Depression Japans bewältigt, ohne erhebliche inflatorische Wirkung. John Maynard Keynes schlug als Gedankenbeispiel vor, Geld in ungenutzten Bergwerken zu vergraben und von Arbeitslosen wieder ausgraben zu lassen.
Der Ausdruck „quantitative easing for the people“ wurde für Geldgeschenke an Bürger verwendet; John Muellbauer unterstützte dieses Konzept 2014. Nach der Finanzkrise ab 2007 und der Eurokrise setzten Notenbanken zunächst expansive Geldpolitik, anschließend QE-Programme und schließlich teilweise Negativzinsen ein. Helikoptergeld wurde als weitergehende Maßnahme diskutiert, nachdem diese Instrumente nicht den gewünschten Aufschwung gebracht hatten.
Im Februar 2020 kündigte die chinesische Regierung für die festen Einwohnerinnen und Einwohner Hongkongs Zahlungen von rund 1.180 Euro beziehungsweise 10.000 Hongkong-Dollar pro Person an. Im März 2020 billigte der US-Senat im Zuge der Corona-Krise ein Hilfspaket mit Schecks über 1200 Dollar für erwachsene US-Bürgerinnen und US-Bürger; die Finanzierung sollte zumindest teilweise über neue Schulden erfolgen.
Die rechtliche Zulässigkeit ist umstritten. Die Neue Zürcher Zeitung bezeichnete direkte Zentralbanktransfers in den meisten Ländern als illegal. Nach einer Darstellung in der Zeit lassen die EU-Regeln Helikoptergeld nicht zu, weil Art. 123 Abs. 1 des Vertrags von Lissabon (ex-Art. 101 EGV) monetäre Staatsfinanzierung verbietet, unter anderem wegen ihrer möglichen Inflationswirkung. Ein direkter Transfer der Zentralbank an Bürger ist allerdings nicht ausdrücklich verboten. Experten wie Jens Weidmann sehen darin dennoch eine Kompetenzüberschreitung, weil die Zentralbank keine Wirtschaftspolitik betreiben dürfe. Nach Art. 20 der ESZB/EZB-Satzung wäre außerdem eine Zwei-Drittel-Mehrheit im EZB-Rat erforderlich.
Studien, Umfrage und öffentliche Debatte
Die Deutsche Bank untersuchte die Realisierbarkeit und die vermutlichen Wirkungen direkter Zentralgeldtransfers. Sie verweist darauf, dass monetäre Staatsfinanzierung historisch häufig vorkam. Inflation wurde dabei teilweise bewusst oder als Nebenwirkung in Kauf genommen, etwa zur Schuldenreduktion, zur Finanzierung von Kriegskosten, zum Umgang mit Reparationsforderungen oder zur Ankurbelung der Wirtschaft. Die Ökonomen der Deutschen Bank halten Helikoptergeld bei Rezession und Deflation für wirksamer als bisherige geldpolitische Instrumente. Als mögliche rechtliche Umgehungen nennen sie den Kauf extrem langfristiger Anleihen öffentlicher Kreditgeber wie der Europäischen Investitionsbank durch die EZB zu einem Zinssatz von null sowie direkte Transfers an Bürger und Unternehmen. Letztere könnten rechtlich sogar leichter durchsetzbar sein.
Eine Ipsos-Internetumfrage im Auftrag der ING unter etwa 12.000 Verbrauchern in 12 europäischen Ländern wurde im Oktober 2016 veröffentlicht. Angenommen wurde, dass die Befragten ein Jahr lang monatlich 200 Euro erhielten. 52 % würden das Geld eher sparen, 26 % überwiegend ausgeben und 15 % zur Schuldentilgung verwenden. Ian Bright von ING hielt direkte Transfers deshalb für ineffektiv und bevorzugte staatliche Infrastrukturausgaben, Steuersenkungen oder den Abbau von Staatsschulden. Zugleich bejahten 54 % der Befragten in Europa das Konzept, in Deutschland 48 % und in Italien 69 %. In Deutschland erwarteten nur 31 % mehr Wachstum und 35 % mehr Inflation; 39 % sahen keine Wirkung auf die wirtschaftliche Entwicklung. Im Durchschnitt der Eurozone war das Verhältnis mit 42 % ohne erwartete Wirkung zu 32 % mit erwarteter Wirkung günstiger. Ältere Menschen waren kritischer, Italiener am aufgeschlossensten. Der Effekt wurde bei einer Finanzierungshöhe von 8 % des BIP auf 2 % des BIP geschätzt, entsprechend 816 Milliarden Euro in einem Jahr.
Mediale Aufmerksamkeit erhielt der Begriff erstmals 2002, nachdem Ben Bernanke Japan Helikoptergeld zur Bekämpfung der Deflation empfohlen hatte. Ab 2012 wurde die Idee breiter diskutiert. Kritiker und Befürworter verwiesen darauf, dass über 1,5 Billionen Euro durch QE in den Geldmarkt gelangt seien, ohne ausreichend Konsum und Investitionen auszulösen. Im März 2015 forderten 19 Hochschullehrer, darunter Robert Skidelsky, David Graeber, Anne Pettifor, Richard A. Werner, Guy Standing, Joseph Huber, Helge Peukert, Steve Keen und Nigel Dodd, neu geschaffenes Geld direkt in die Wirtschaft zu geben. Als Beispiele nannten sie staatliche Infrastrukturinvestitionen oder 175 Euro monatlich für jeden EU-Bürger über 19 Monate. Mario Draghi bezeichnete Helikoptergeld im März 2016 als interessantes, akademisch diskutiertes Konzept, erklärte aber, der EZB-Rat habe es bisher nicht beraten. Danach erschienen laut Welt täglich 10 bis 30 Nachrichten zum Thema.
Argumente, Kritik und geldtheoretische Folgen
Gegner wie Jens Weidmann warnen vor politischen Präzedenzfällen und der Vorstellung, Notenbanken könnten Probleme durch immer mehr Geldschöpfung lösen. Geldpolitik ersetze weder notwendige Reformen noch die Lösung europäischer Wachstumsprobleme. Geldgeschenke seien eine hochpolitische Entscheidung mit erheblicher Umverteilungswirkung und gehörten deshalb zu Regierungen und Parlamenten. Kritiker befürchten außerdem, Bürger und Politiker könnten bei jeder neuen Krise weitere Transfers verlangen. Unsicherheit über die künftige Inflation könne Ersparnisse, Investitionen und Wachstumsaussichten schädigen und das Vertrauen in Währung und Notenbanken zerstören.
Claudio Borio, Piti Disyatat und Anna Zabai halten die übliche Form von Helikoptergeld nur unter der Voraussetzung für besonders wirksam, dass die Zinsen dauerhaft bei 0 bleiben. Nur dann sei ein zentral finanziertes Fiskalprogramm expansiver als ein kreditfinanziertes. Bei höheren Zinsen sei die zusätzliche Wirkung begrenzt; einen „free lunch“ könne es in der Wirtschaft nicht geben. Otmar Issing bezeichnete die Debatte als „verheerend“, als „totale Geistesverwirrung“ und als „Bankrotterklärung der Geldpolitik.
Befürworter wie Adair Turner und Lawrence Summers sehen Helikoptergeld als mögliches letztes Mittel, weil die bisherigen geldpolitischen Möglichkeiten ausgeschöpft seien. John Muellbauer verwies auf US-Steuernachlässe von 2001 und 2008: 20 bis 40 % des Geldes wurden 2001 überwiegend innerhalb eines halben Jahres für kurzfristige Konsumgüter ausgegeben; 2008 wurde ein großer Teil für langlebige Güter wie Autos verwendet. Für einen Transfer von 500 Euro pro Haushalt berechnete Muellbauer für Spanien, Portugal und Griechenland einen Effekt von 1,1 bis 2 % des BSP, für Deutschland wegen der höheren Sparquote 0,5 % Wachstum. Befürworter betonen, dass keine zusätzlichen Staatsschulden entstünden und die Nachfrage direkter gefördert werde als durch billige Bankkredite. Romain Baeriswyl hält pauschale Überweisungen zur Steuerung der Teuerungsrate für besser geeignet als die Manipulation von Kreditmärkten und Zinsen. Marcel Fratzscher zählt Helikoptergeld zu möglichen Krisenmaßnahmen, hält es aber praktisch für schwer umsetzbar.
Auf geldtheoretischer Ebene fordert Thomas Mayer eine Abkehr vom bisherigen Verständnis des Geldes als Schuldgeld. Helikoptergeld werde nicht gegen eine neue Forderung erzeugt. Sein Wert hänge vielmehr davon ab, ob die Nutzer erwarten, es gegen andere Dinge eintauschen zu können. Mayer bezeichnet diese Form als „Reputationsgeld“, zu dem auch Gold gezählt wird. Es solle aufgrund seiner Knappheit als Aufbewahrungs- und Tauschmittel geschätzt werden und nicht vorrangig politischen Zielen wie einer bestimmten Inflationsrate dienen.