Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Haindling (Band)
Lorenz Beyer: Musik zwischen Ideologie und Identität am Beispiel Haindling. Hausarbeit zur Erlangung des Magistergrades in Musikwissenschaft an der Ludwig …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Bedeutung
Haindling ist eine 1982 gegründete Musikgruppe aus dem niederbayerischen Ort Haindling, einem Teil der Stadt Geiselhöring. Gründer, Leiter, Komponist und prägende Figur ist Hans-Jürgen Buchner. Die Gruppe wird der Neuen Volksmusik zugerechnet: Sie verbindet moderne Popmusik mit bayerischer Volksmusik und weiteren musikalischen Einflüssen. Haindling ist außerdem durch zahlreiche Kompositionen für Film und Fernsehen bekannt.
Buchner singt und spielt viele Instrumente, darunter Saxophon, Tenorhorn, Tuba, Trompete, Klavier, Keyboard, Gitarre und Percussion. Zur aktuellen Besetzung gehören außerdem Michael Braun, Peter Enderlein, Wolfgang Gleixner, Reinhold Hoffmann und Michael Ruff. Die Band tritt weiterhin bei Sommerfestivals, auf Freilichtbühnen und während winterlicher Hallentourneen auf.
Entstehung und Entwicklung
Hans-Jürgen Buchner arbeitete ursprünglich als Töpfermeister. Weil die damals verbreitete Musik nicht seinem Geschmack entsprach, begann er selbst zu komponieren und nahm seine Stücke mit einem Mehrspurrekorder auf Kassette auf. Ab 1980 führte er die Eigenproduktionen gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau Ulrike Böglmüller in Kneipen per Halb-Playback auf.
Durch eine zufällige Bekanntschaft mit dem Sänger Kevin Coyne erhielt Buchner Kontakt zur Plattenfirma Polydor. Das erste Album erschien 1982 unter dem Namen seines Wohnortes Haindling, setzte sich im Rundfunk durch und gewann den Deutschen Schallplattenpreis. Auf Wunsch der Plattenfirma stellte Buchner 1983 über eine Zeitungsanzeige eine Band zusammen.
Die Studioproduktionen blieben überwiegend Buchners Eigenarbeit. Die Bandmitglieder wirkten an den Platten meist nicht mit; wichtige Ausnahmen waren die Livealben Meuterei und Perlen. Roald Raschner arbeitete bei einigen Alben als Koproduzent. Anfangs nahm Buchner im Red Rooster Studio von Peter Maffay in Tutzing auf. Seit 1991 produzierte er selbstständig in seinem eigenen Studio in Haindling.
Der größte deutsche Singleerfolg war Lang scho nimmer g’sehn von 1984, das Platz 33 der deutschen Charts erreichte. Herman van Veens niederländische Fassung Hilversum III gelangte in den Niederlanden in die Top 10. Weitere bekannte Stücke sind Du Depp, Spinn i, Es geht wieder auf, Ganz weit weg, Liebe und Noch in der Umlaufbahn. Liebe erreichte 1992 Platz 28 in der Schweiz.
Zum 35-jährigen Bühnenjubiläum spielte Haindling 2017 und 2018 ausgedehnte Tourneen. Die meisten Konzerte finden in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich statt. 2017 trat die Gruppe zusammen mit Chor und Solisten der Münchner Symphoniker bei Carmina Burana im Innenhof des Schlosses Thurn und Taxis in Regensburg auf. Buchner erklärte mehrfach, an einem weiteren Album zu arbeiten; bis zum Stand des Artikels war es noch nicht erschienen.
Musikalischer Stil
Haindlings Musik verbindet Pop mit starken Einflüssen aus Jazz und bayerischer Volksmusik. Die Texte sind überwiegend bairisch. Buchner möchte dadurch die bairische Mundart lebendig halten.
Charakteristisch ist außerdem der Einsatz zahlreicher, teilweise exotischer Instrumente. Aus deren Herkunftsgebieten übernimmt Buchner zusätzliche musikalische Anregungen, darunter afrikanische, tibetische und chinesische Klangwelten. Der Stil kann zugleich kritisch sein: Buchner wurde 2000 für seine musikalisch virtuose und bissige Kritik am „Mir-san-mir“-Bayerntum mit der Auszeichnung Pro meritis scientiae et litterarum geehrt.
Alben und weitere Veröffentlichungen
Zwischen 1982 und 2009 erschienen 14 Studioalben. Dazu gehören Haindling 1 (1982), Stilles Potpourri (1984), Spinn i (1985), Höhlenmalerei (1987), Muh (1989), 7 (1991), Haindling (1993), Weiss (1995), Zwischenlandung (1998), Tigerentenliederchen und Filmmusik (beide 2000), Karussell (2002), Vivaldi & Vier Jahreszeiten (2004) sowie Ein Schaf denkt nach (2009). Das Album Bavaria von 2012 erreichte Platz 28 der deutschen Charts; dies ist die höchste im Artikel genannte deutsche Albumplatzierung. Stilles Potpourri kam auf Platz 32, Weiss auf Platz 43 und Zwischenlandung auf Platz 41.
Die Livealben heißen Meuterei (1986) und Perlen – Das Konzert (1996). Daneben erschienen zahlreiche Zusammenstellungen, darunter Speck 1982–1992, 78 min. – Die 90er Jahre, Rückblicke und Und überhaupts… – Best Of 1982–2014. Als Videoalben wurden Haindling live (2005) und Haindling und überhaupts (2015) veröffentlicht.
Haindling arbeitete auch an Veröffentlichungen anderer Künstler mit. Herman van Veen übernahm mehrere Stücke, darunter Lang scho nimmer g’sehn als Hilversum III. Weitere Beteiligungen gab es unter anderem bei Peter Maffays Tabaluga und das leuchtende Schweigen, Chaka Khans Album The Woman I Am und Produktionen der Spider Murphy Gang. Mit Janosch entstanden die Kinder-CD Tigerentenliederchen und drei Hörspiele über Günter Kastenfrosch. Hinzu kamen Auftragswerke wie das Troadbodn-Lied, die Niederbayern-Hymne von 2006, Tigers Lied für einen Straubinger Eishockeyverein und FC Bayern samma mia von 2015.
Musik für Film, Fernsehen und Werbung
Ein wesentlicher Teil von Buchners Arbeit für Haindling besteht aus Film- und Fernsehmusik. Besonders bekannt wurden Paula aus der Serie Zur Freiheit und das Titelstück von Irgendwie und Sowieso. Pfeif drauf dient als Titelmusik der ZDF-Serie Die Rosenheim-Cops und wurde auch im Film Drei Herren verwendet. Eine daran angelehnte Melodie nutzt die Versicherungskammer Bayern seit 2000 als Jingle im Radio, Fernsehen und in ihrer Telefonwarteschleife.
Haindling komponierte Musik für zahlreiche Spiel- und Fernsehfilme, darunter Xaver und sein außerirdischer Freund (1985), Bavaria Blue (1989), Madame Bäurin (1993), Das ewige Lied (1997), Drei Herren (1998), Margarete Steiff (2005) und mehrere Filme um den Ermittler Polt von 2000 bis 2018. Die Zusammenstellungen Filmmusik von 2000 und Vivaldi & Vier Jahreszeiten von 2004 geben einen Überblick über dieses Schaffen.
Weitere Musik wurde für Serien und Sendungen wie Café Meineid, Alfred J. Kwak, Gernstl unterwegs, Der Kaiser von Schexing und Über Land verwendet. Auch mehrere Dokumentarfilme enthalten Musik von Haindling, darunter WAAhnsinn – Der Wackersdorf-Film (1986), Schotter wie Heu (2002), Bavaria – Traumreise durch Bayern (2012) und Bayern sagenhaft (2017). Der Dokumentarfilm Haindling – und überhaupt’s … beziehungsweise Haindling und überhaupts von Jörg Bundschuh und Toni Schmid erschien 2014 und behandelt Buchners Leben, vor allem aber seine Arbeit mit Haindling.
Als Musiker und Fernsehgast trat Haindling unter anderem bei Bios Bahnhof, Bananas, Formel Eins, Rockpalast, der ZDF-Hitparade, Gipfeltreffen und Heimatsound auf. In der ZDF-Hitparade sorgte Buchner mit Du Depp für Aufmerksamkeit, als er eine Textzeile änderte und damit Moderator Dieter Thomas Heck verspottete. Von 2011 bis 2012 war Buchner außerdem Juror der Sendung Mia san mia – Die Bayerische Talentshow. Werbemusik entstand unter anderem für das Münchner Hofbräuhaus, die Bayerische Staatskanzlei und Goldsteig.