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Grundrententheorie
Die Grundrententheorie ist eine Theorie der klassischen Nationalökonomie, die erklärt, warum und in welcher Form im Wirtschaftskreislauf eine Grundrente anfällt …
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Begriff und Grundlagen
Die Grundrententheorie der klassischen Nationalökonomie erklärt, warum und in welcher Form im Wirtschaftskreislauf eine Grundrente entsteht. Grundrente, auch Bodenrente, Differentialrente oder kurz Rente genannt, ist der Teil des Ertrags, den ein Pächter regelmäßig an den Eigentümer des genutzten Bodens zahlt. Der Boden kann als Ackerland, Bauland, Wald, Bergwerk oder auf andere Weise genutzt werden.
Im engeren Sinn ist die Grundrente die Ertragsdifferenz zwischen zwei gleich großen Böden, die mit gleichem Einsatz an Arbeit und Kapital bewirtschaftet werden. Die Differenz kann aus unterschiedlicher Bodenfruchtbarkeit, günstigem Klima, einer besseren Verkehrslage, der Nutzungsform, der baulichen oder rechtlichen Eignung sowie der Möglichkeit entstehen, Kohle, Öl oder Erdgas auszubeuten. Auch das jeweils geltende Bodenrecht beeinflusst die Rente.
Die theoretische Analyse setzt die Arbeitswertlehre voraus. Danach besitzt jede Ware einen objektiven Wert, der an der durchschnittlich notwendigen Arbeitsmenge gemessen wird, ausgedrückt in Zeiteinheiten. Der Marktpreis bildet sich auf dieser Grundlage, kann aber durch Angebot und Nachfrage schwanken. Langfristig, bei Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, entspricht der Preis dem Wert, ausgedrückt in einer anderen Ware, etwa Gold.
Bei Agrarerzeugnissen hängt der Ertrag jedoch nicht allein von der Arbeitszeit ab. Äußere Bedingungen können bei gleichem Arbeits- und Kapitaleinsatz unterschiedliche Erträge hervorbringen. Dadurch kann ein Einkommen entstehen, das neben Lohn und Gewinn als Grundrente erscheint.
Adam Smiths Einteilung
Adam Smith definierte die Grundrente in „Wealth of Nations“ als „den Preis für die Nutzung von Grund und Boden“, den der Pächter beziehungsweise Kapitalist an den Grundbesitzer zahlt. Der Grundbesitzer versucht nach Smith, die Pacht so festzulegen, dass dem Pächter nur der Betrag bleibt, der zur Erhaltung seines Kapitals und zur Erzielung des in der Umgebung üblichen Gewinns einer Agrarinvestition ausreicht.
Die Grundrente ist damit die Differenz zwischen dem Ertrag des Erzeugnisses und den Kosten für Arbeitskräfte und Produktionsmittel einschließlich des Gewinns des Pächters. Sind Ertrag und diese Kosten einschließlich Gewinn gleich groß, fällt keine Rente für den Grundbesitzer an. Smith betont außerdem, dass die Rente nicht wie Lohn und Gewinn als Ursache in die Preisbildung eingeht: „Hoher und niedriger Lohn und Gewinn sind die Ursache für einen hohen oder niedrigen Preis, während eine hohe oder niedrige Rente die Folge von ihm ist.“
Smith unterscheidet zwei Gruppen von Bodenerzeugnissen. Zur ersten gehören Produkte, die seiner Ansicht nach immer eine Rente abwerfen, vor allem Nahrungsmittel und Getreide. Selbst unwirtliche Gegenden in Norwegen und Schottland könnten eine Rente abwerfen, weil Nahrungsmittel überall und jederzeit benötigt würden. Bevölkerungswachstum verstärke durch höhere Nachfrage diese Tendenz. Die Höhe der Rente werde außerdem von der Fruchtbarkeit und der Lage des Bodens bestimmt. Eine große Entfernung von Städten und Hauptabsatzgebieten erhöhe die Transportkosten und vermindere dadurch die Rente.
Zur zweiten Gruppe gehören Bergbauerzeugnisse und Produkte zur Befriedigung sekundärer Bedürfnisse, etwa Kleidung und Wohnraum. Hier könne eine zu geringe Nachfrage den Preis so weit drücken, dass keine Rente anfällt. Smith nennt als Beispiel Silberminen, die wegen eines sinkenden Silberpreises aufgegeben werden, nachdem Silberzuflüsse aus der Neuen Welt die Nachfrage überstiegen.
Ricardos Erklärung der Differentialrente
David Ricardo definiert die Grundrente als „jenen Teil des Produkts der Erde, der dem Grundeigentümer für den Gebrauch der ursprünglichen und unzerstörbaren Kräfte des Bodens gezahlt wird“. Er übernimmt wesentliche Gedanken Adam Smiths und führt sie weiter aus.
Da die Grundrente keine Komponente des Preises von Bodenprodukten ist, muss es nach Ricardo immer bewirtschafteten Boden geben, der keine Rente abwirft. Werden zwei Böden mit gleicher Menge an Arbeit und Arbeitsmitteln bewirtschaftet, aber mit unterschiedlicher Fruchtbarkeit, entsteht auf dem fruchtbareren Boden ein höherer Ertrag. Beide Erzeugnisse haben jedoch denselben Arbeitswert.
Steigt bei einer gegebenen Nachfrage das Bevölkerungswachstum so stark, dass das Angebot nicht mehr ausreicht, muss auch Boden geringerer Fruchtbarkeit bewirtschaftet werden. Sobald Angebot und Nachfrage auf dem höheren Niveau wieder im Gleichgewicht sind, richtet sich der Getreidepreis nach dem Wert des Getreides, das auf dem unfruchtbarsten bewirtschafteten Boden erzeugt wird. Dieser Preis reicht dort gerade aus, um das eingesetzte Kapital und den Gewinn des Pächters zu ersetzen. Auf diesem Boden entsteht daher keine Grundrente.
Der höhere Preis ermöglicht es den Eigentümern fruchtbarerer Böden, eine Rente zu verlangen. Sie entspricht genau dem zusätzlichen Ertrag, der nach Abzug von Kapital und Gewinn des Pächters verbleibt. Ricardo betont, dass nur das Quantum Arbeit den Preis einer Ware beeinflusst, nicht Profit oder Rente.
Die Entdeckung der Rententheorie wird im Artikel unterschiedlich zugeschrieben. Ricardo sah Sir Edward West (1782–1828) und Thomas Malthus als Entdecker an. Marx verwies dagegen auf James Anderson (1739–1808), besonders auf dessen Schrift „An enquiry into the nature of the corn laws ...“ von 1777 sowie weitere Essays und Veröffentlichungen. Marx erkannte Andersons Priorität an und warf Malthus zugleich Plagiat vor.
Joseph Schumpeter kritisierte Ricardos Rententheorie als kein ausreichendes Erklärungsmodell, sondern als Mittel, den Boden aus Wert- und Preistheorie auszuklammern. Heinz D. Kurz wies diese Kritik als ungerechtfertigt zurück, weil Schumpeter Ricardos Methode missverstanden habe. Schumpeter prägte für den von ihm behaupteten methodischen Fehler den Ausdruck „Ricardian Vice“.
Marx: Mehrwert und Differentialrente I
Karl Marx verwendet Ricardo und Adam Smith als Ausgangspunkt, entwickelt die Theorie aber genauer weiter. Für Marx beruht der Tauschwert einer Ware ebenfalls auf der gesamtgesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit. In der kapitalistischen Produktionsweise dient die Produktion dem Verwertungsprozess, also der Erzeugung von Mehrwert. Die Arbeit des Arbeiters teilt sich in einen bezahlten Teil, den Arbeitslohn, und einen unbezahlten Teil, der dem Kapitalisten als Mehrwert beziehungsweise Profit zufällt. Der Lohn entspricht nach Marx der Summe der Konsumgüter, die der Arbeiter zur Reproduktion benötigt.
Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise ist, dass die direkten Produzenten von den Produktionsmitteln getrennt sind, eine bestimmte technologische Entwicklungsstufe erreicht ist und die Arbeiter ihre Arbeitskraft vertraglich gegen Entgelt an Kapitalisten verkaufen müssen. Für die Grundrente muss dies auch in der Landwirtschaft gelten: Landarbeiter sind von ihren Produktionsmitteln getrennt, und es herrschen freie Konkurrenz sowie Übertragbarkeit des Kapitals.
Die Grundrente oder Differentialrente ist bei Marx ein Teil des Mehrwerts, also unbezahlter Arbeit, den der Pächter an den Grundbesitzer abführt. Ein Surplusprofit entsteht als Differenz zwischen dem Produkt gleicher Mengen an Kapital und Arbeit; er wird zur Bodenrente, wenn gleiche Bodenflächen ungleiche Ergebnisse liefern. Die Rente ist daher Folge einer Differenz und kein Baustein des Preises. Der Produktionspreis besteht aus Kostpreis und Durchschnittsprofit; der Wert zerfällt anschließend in Profit, Lohn und Grundrente. Als Ursachen unterschiedlicher Ergebnisse nennt Marx Lage, Fruchtbarkeit, Steuerbelastung, technologische Entwicklung und unterschiedliche Kapitalverteilung unter den Pächtern.
Für die Differentialrente I betrachtet Marx natürliche und kapitalunabhängige Unterschiede. Er unterscheidet vier Bodenklassen A, B, C und D. A ist relativ unfruchtbar und ungünstig gelegen, D am fruchtbarsten und am günstigsten gelegen. Bei gleichem Kapitalvorschuss erzeugen die Böden 1, 2, 3 beziehungsweise 4 Quarter Weizen. Der Getreidepreis beträgt 3 Pfund Sterling beziehungsweise 60 Schilling. Der Boden A bestimmt als schlechtester Boden den Produktionspreis. Der Kapitalvorschuss beträgt 50 Schilling, der Durchschnittsprofit 10 Schilling.
Die Tabelle ergibt: A produziert 1 Quarter im Wert von 60 Schilling, erzielt 10 Schilling Profit und keine Rente. B produziert 2 Quarter im Wert von 120 Schilling, erzielt 70 Schilling Profit und zahlt 1 Quarter beziehungsweise 60 Schilling Rente. C produziert 3 Quarter im Wert von 180 Schilling, erzielt 130 Schilling Profit und zahlt 2 Quarter beziehungsweise 120 Schilling Rente. D produziert 4 Quarter im Wert von 240 Schilling, erzielt 190 Schilling Profit und zahlt 3 Quarter beziehungsweise 180 Schilling Rente. Insgesamt entstehen 10 Quarter im Wert von 600 Schilling und 6 Quarter beziehungsweise 360 Schilling Rente. Im Artikel wird ausdrücklich vermerkt, dass die Darstellung der Differentialrente II, die Unterschiede zwischen Differentialrente I und II sowie die absolute Grundrente noch fehlen.
Historische Formen und Georgismus
In der „Genesis der kapitalistischen Grundrente“ untersucht Marx die Rente historisch. Die Grundrente sei an sich kein Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise, sondern habe im Verlauf der Entwicklung ihre Erscheinungsform verändert und ihre ursprüngliche Form verschleiert. Marx kritisiert, dass Vulgärökonomen Rente und Gewinn verwechselten. Smith und Ricardo hätten die Rente nicht ausreichend historisch eingeordnet; den Physiokraten schreibt Marx zu, bestimmte Unterschiede erkannt zu haben.
Die Arbeitsrente bezeichnet die von Marx rückblickend so genannte Form der Fronarbeit. Leibeigene oder unfreie Bauern mussten für den Lehnsherrn arbeiten. Der Bauer bewirtschaftete einen Teil des Bodens für sich und leistete an einem anderen Teil der Woche Zusatzarbeit für den Grundbesitzer. Da kein Mittelsmann zwischen Grundbesitzer und Arbeiter stand, war die Ausbeutung als direkte Mehrarbeit sichtbar.
Bei der Produktenrente änderte sich die Erscheinungsform, nicht aber das Wesen der Rente. Mit größerem rechtlichem Freiraum der Bauern wurde die Rente nicht mehr unmittelbar durch Arbeitszwang, sondern durch einen Teil der erzeugten Waren eingefordert. Marx fasst diese Veränderung als Übergang von der Forderung „durch die Peitsche“ zur Forderung „durch Gesetz“.
Die Geldrente setzt neben Geldzirkulation einen aktiven Handel, einen Markt und Marktpreise voraus. Die Rente wird nun in einem vertraglichen Geldverhältnis gezahlt. Mit dieser Form tritt die Kapitalistenklasse als dritte Partei zwischen Grundbesitzer und Arbeiter. Die Silberinflation aus der Neuen Welt beeinflusste diese Entwicklung: Steigende Preise bei zunächst starren Renten erhöhten die Profite einzelner Bauern und Pächter, förderten die Zentralisation der Landwirtschaft und beschleunigten die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise.
Henry Georges Lehre, der Georgismus, geht davon aus, dass privater Besitz Ergebnis menschlicher Arbeit und Schaffens ist, während natürliche Ressourcen, besonders Land, der gesamten Menschheit gehören. Grundeigentümer sollen deshalb eine Abgabe an die Allgemeinheit zahlen. Als Bodenwertabgabe soll sie nur auf das natürliche, unveränderte Grundstück erhoben werden, nicht auf Verbesserungen, die der Eigentümer selbst vorgenommen hat.