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Großes ß
Das große ẞ (auch: großes scharfes S, versales ß, großes SZ, großes Eszett, ß-Majuskel) ist die Großbuchstabenform zum Kleinbuchstaben ß (Eszett).
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Gegenstand und Bedeutung
Das große ẞ, auch großes scharfes S, versales ß, großes SZ oder großes Eszett genannt, ist die Großbuchstabenform des Kleinbuchstabens ß. Es wird verwendet, wenn ein deutsches Wort vollständig in Großbuchstaben, also in Versalien, geschrieben wird. Ein Beispiel ist STRAẞE. Als traditionelle Schreibweise ist auch STRASSE möglich.
Das ß steht im Standarddeutschen weder in historischen noch in gegenwärtigen Rechtschreibungen am Wortanfang. Deshalb stellt sich die Frage nach einer Großbuchstabenform nur bei vollständig großgeschriebenen Wörtern oder bei Kapitälchen, also kleineren, aber wie Großbuchstaben gestalteten Zeichen. Das Problem betrifft unter anderem Überschriften, Plakate, Schilder, Grabmäler, Urkunden und Eigennamen.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Deutsch überwiegend in gebrochenen Schriften gesetzt. Dort wurden zur Hervorhebung selten Versalien verwendet; üblicher war der Sperrsatz. Als Deutsch zunehmend in Antiqua, einer geradlinigeren lateinischen Druckschrift, gesetzt wurde, stieg der Bedarf an einem großen Eszett. Lange gab es jedoch keine amtlich anerkannte Großbuchstabenform.
Entwicklung der amtlichen Regeln
Erste Vorschläge für eine Majuskelform, also einen Großbuchstaben, erschienen 1879 im Journal für Buchdruckerkunst. Der Duden formulierte 1925, die Verwendung zweier Buchstaben für einen Laut sei nur ein Notbehelf, der mit einem geeigneten großen ß beendet werden müsse. Die DDR-Duden von 1957 und 1960 zeigten ein großes Eszett auf dem Titel, ohne es in der Rechtschreibung verbindlich zu machen.
Die 16. Duden-Auflage von 1969 erklärte, das ß fehle noch als Großbuchstabe. Es sollte durch SS oder, wenn Missverständnisse möglich waren, durch SZ ersetzt werden. In der 25. Auflage von 1984 blieb nur die Regel, dass ß durch SS oder gegebenenfalls SZ ersetzt werde. Die deutsche Rechtschreibung von 2006 strich auch SZ als reguläre Möglichkeit und schrieb bei Großbuchstaben SS vor.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung erklärte 2005, er könne nicht selbst neue Schriftzeichen erfinden. Eine Lösung müsse aus der Schreibgemeinschaft, etwa von Typografen, kommen und Schreibgebrauch sowie gesellschaftlichen Konsens berücksichtigen. In seinem Fünf-Jahres-Bericht vom 8. Dezember 2016 schlug der Rat dann vor, ẞ in das Regelwerk aufzunehmen.
Am 29. Juni 2017 wurde die Änderung von den zuständigen staatlichen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens bestätigt. Seitdem ist ẞ Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung. Nach der Rechtschreibung von 2017 war SS die Regel und ẞ eine zulässige Variante: Straße – STRASSE – STRAẞE. Die 2020 erschienene DIN 5008 empfahl bereits das große ẞ gegenüber der Auflösung in SS oder SZ. 2024 wurde das Verhältnis umgekehrt: ẞ ist nun der Regelfall, SS die Ausnahme.
Versalien ohne ẞ und Eigennamen
Vor der Einführung des großen Eszett gab es mehrere Ersatzschreibungen. Die Rechtschreibung von 1901 ersetzte ß durch SZ, sodass Preußen als PREUSZEN geschrieben wurde. Im 20. Jahrhundert setzte sich zunehmend SS durch. Vor der Rechtschreibreform von 1996 war SZ nur noch in Ausnahmefällen vorgesehen, wenn SS zu einer Verwechslung führen konnte: Masse wurde zu MASSE, Maße zu MASZE. Die DDR-Duden von 1969 und 1984 empfahlen grundsätzlich SS und ließen die Unterscheidung nur bei Missverständnissen zu.
Die Rechtschreibung von 1996 schrieb einheitlich SS vor. Dadurch war etwa die Unterscheidung zwischen Masse und Maße in Versalien nicht mehr möglich. Die Regeln von 2006 bezeichneten ß ausdrücklich als Ausnahme von der Regel, dass jeder Buchstabe als Klein- und Großbuchstabe existiert, und empfahlen STRASSE für Straße. Der Ständige Ausschuss für geographische Namen schrieb 2010 die amtliche Verwendung von ẞ vor, erlaubte für die Übergangszeit wegen fehlender Schriften weiterhin SS oder ss.
Typografisch wird beim Mischsatz, also bei der Beibehaltung des kleinen ß zwischen Großbuchstaben, ein unausgewogenes Schriftbild kritisiert, weil sich Groß- und Kleinbuchstaben meist in Breite, Höhe und Strichdicke unterscheiden.
Bei Familiennamen können die Ersatzschreibungen Mehrdeutigkeiten erzeugen. WEISS kann für Weiß oder Weiss stehen, LISZT für Lißt oder Liszt. Stefan Großmann verwendete 1911 auf seinem Briefkopf GROHSMANN. Eine andere Lösung ist der versale Mischsatz: Weiß wird zu WEIß. Diese Schreibweise wird seit den 1980er Jahren im nicht maschinenlesbaren Teil deutscher Reisepässe und Personalausweise verwendet, während im maschinenlesbaren Abschnitt ß durch SS ersetzt wird. Im maschinenlesbaren Abschnitt des aktuellen deutschen Personalausweises wurde ẞ nach dem Stand von 2022 bereits verwendet.
Österreichische Ausweisdokumente können eine Erklärung zu deutschen Sonderzeichen enthalten, etwa dass ß „ss“ entspricht. Die Deutsche Post AG empfiehlt, ß beim Ausfüllen von Formularen in Großbuchstaben beizubehalten. Nach Nr. 38 NamÄndVwV können Sonderzeichen im Familiennamen ein Grund für eine Namensänderung sein. Das Bundesverwaltungsgericht stellte am 1. Oktober 1980 im Fall Götz/Goetz fest, dass eine technisch bedingte fehlerhafte Wiedergabe von Sonderzeichen auf elektronischen Systemen ein wichtiger Grund für eine Namensänderung sein kann; Aktenzeichen 7 C 21/78.
Gestaltung des Buchstabens
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden Entwürfe für ein versales Eszett entwickelt. In den 1920er und 1930er Jahren integrierten unter anderem Fritz Helmuth Ehmcke, Georg Belwe, Jakob Erbar und Friedrich Hermann Ernst Schneidler entsprechende Formen in ihre Schriften. Eine bekannte Gestaltung ist die sogenannte Dresdner Form.
Für die Form des Zeichens werden vor allem vier Ansätze diskutiert:
- Anlehnung an das kleine ß bei gleichzeitiger Anpassung der Proportionen an die anderen Großbuchstaben.
- Bildung als Ligatur aus SS oder SZ.
- Entwicklung einer vollständig neuen Form in Anlehnung an S und Z.
- Gestaltung als S mit diakritischem Zeichen, vergleichbar mit Zeichen wie Ç oder Á.
Die Form muss mehrere, teilweise widersprüchliche Anforderungen erfüllen. Ein normaler Schriftnutzer soll sie ohne Spezialwissen sofort als Eszett erkennen. Gleichzeitig soll sie sich harmonisch in das lateinische Versalalphabet einfügen und deutlich genug sowohl vom kleinen ß als auch vom Großbuchstaben B unterscheidbar sein.
Unicode und digitale Verarbeitung
Für den Computersatz war lange problematisch, dass Hersteller das große Eszett unterschiedlich kodierten. Unicode schuf dafür einen einheitlichen Standard. Ein erster Antrag von Andreas Stötzner aus dem Jahr 2004 auf ein „Latin Capital Letter Double S“ wurde aus technischen Gründen und wegen unzureichender Nachweise abgelehnt. Ein zweiter Antrag des zuständigen DIN-Komitees führte 2007 zur Vergabe des Codepoints U+1E9E im Unicodeblock „Lateinisch, weiterer Zusatz“.
Am 4. April 2008 wurde das Zeichen in Unicode 5.1 veröffentlicht; am 24. Juni 2008 trat die entsprechende Ergänzung der Norm ISO/IEC 10646 in Kraft. Die Unicode-Kennung lautet U+1E9E, die Bezeichnung „LATIN CAPITAL LETTER SHARP S“ beziehungsweise „Lateinischer Großbuchstabe scharfes S“. Die dezimale HTML-Schreibweise ist ẞ. Ein Codepoint legt die digitale Identität des Zeichens fest, aber nicht die konkrete Form seiner Glyphe. Der Standardalgorithmus zur Umwandlung in Großbuchstaben wandelt das kleine ß weiterhin in SS um.
Eine Darstellung ist nur möglich, wenn die verwendete Schriftart ẞ enthält. Windows 7 unterstützte das Zeichen unter anderem in Arial, Courier New, Segoe UI, Tahoma, Times New Roman und Verdana. Windows 10/11 ergänzten Calibri, Cambria, Candara, Consolas, Constantia, Corbel und Aptos. Weitere Beispiele sind auf macOS Baskerville und Geneva, unter Android Roboto sowie freie Schriften wie DejaVu, Bitstream Vera, Junicode, Gentium Plus, Charis, Doulos SIL, Linux Libertine, Montserrat, EB Garamond und Noto Fonts.
Tastaturen und heutige Verwendung
Die in Deutschland und Österreich verbreitete Tastaturbelegung T1 enthält ẞ nicht; dasselbe gilt für die übliche Schweizer Belegung. Auf T1 erzeugt Umschalt+ß ein Fragezeichen. In Windows-Programmen wie LibreOffice und Microsoft Word kann zunächst der Unicode-Wert 1e9e eingegeben und anschließend Alt+c gedrückt werden. In SoftMaker TextMaker ab Version 2016 folgt auf 1e9e beziehungsweise 1E9E die Tastenkombination Alt+Strg+Umschalt+x. Ab Windows 8 funktioniert Umschalt+Alt Gr+ß. In einigen Programmen ist außerdem Alt+7838 auf dem Ziffernblock möglich.
Auf aktuellen Apple-Mobil- und Desktopgeräten wird die S-Taste gehalten und ẞ aus den Akzentzeichen ausgewählt. Unter macOS kann das Zeichen auch über die Zeichenübersicht eingefügt werden. Neuere deutsche X11-Belegungen verwenden Feststelltaste und anschließend die ß-Taste. Bei älteren Versionen oder deaktivierter Feststelltaste ist Umschalt+Alt Gr+S möglich. Je nach Linux-Distribution gibt es außerdem Compose, gefolgt von Umschalt+SS, oder die Unicode-Eingabe mit Umschalt+Strg+U, 1E9E und Eingabetaste.
Die deutsche Norm-Tastaturbelegung E1 nach DIN 2137 ordnet ẞ der Kombination Alt Gr+g zu. In der Vorgängerbelegung T2 von 2012 war es Alt Gr+h. Die Umschalttaste darf dabei nicht gleichzeitig gedrückt werden, weil Umschalt+ß für das Fragezeichen reserviert ist. Die Position wurde bewusst weit vom kleinen ß entfernt gewählt. Alternative Layouts wie Neo ermöglichen die Eingabe mit Umschalt+ß.
Historische Schriften mit großem Eszett reichen von Schelter Antiqua Nr. 24 (1905) über Ehmcke Antiqua, Federgrotesk, Belwe Antiqua und Schneidler Latein bis zu Shakespeare Mediaeval und Parcival. Bei neu entwickelten oder überarbeiteten Schriften wird das Zeichen zunehmend berücksichtigt. Die 2008 gegründete Gießener Zeitung verwendet es in ihrem Zeitungskopf; auch die deutsche 2-Euro-Gedenkmünze zu Karl dem Großen aus dem Jahr 2023 enthält ein großes Eszett.