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Großer Sprung nach vorn
Mit Hilfe dieser Kampagne sollten die drei großen Unterschiede Land und Stadt, Kopf und Hand sowie Industrie und Landwirtschaft eingeebnet, der Rückstand zu den …
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Kern, Ziele und Voraussetzungen
Der Große Sprung nach vorn war eine von Mao Zedong initiierte Kampagne der Volksrepublik China. Sie lief von 1958 bis 1961 und sollte den zweiten Fünfjahresplan von 1958 bis 1962 ablösen und übertreffen. Ursprünglich war sie bis 1963 vorgesehen, wurde aber 1961 nach ihrem offensichtlichen Scheitern abgebrochen. Die gleichzeitig geschaffenen Volkskommunen bestanden in verkleinerter Form bis 1983 weiter.
China sollte seinen wirtschaftlichen Rückstand gegenüber westlichen Industrieländern rasch aufholen und schneller zum Kommunismus übergehen. Zugleich sollten die Unterschiede zwischen Stadt und Land, geistiger und körperlicher Arbeit sowie Industrie und Landwirtschaft verringert werden. An die Stelle weniger kapitalintensiver Großbetriebe nach sowjetischem Vorbild sollte eine dezentrale Entwicklung treten: Dörfer und Kommunen sollten mit viel Handarbeit und wenigen Maschinen Landwirtschaft, Industrie und Infrastruktur weitgehend aus eigener Kraft ausbauen.
Ausgangspunkt waren mehrere Probleme. Obwohl die Industrieproduktion während des ersten Fünfjahresplans von 1953 bis 1957 nach offiziellen Angaben jährlich um 15 % gewachsen war, blieb die Schwerindustrie von sowjetischer Hilfe abhängig. Rund drei Viertel der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Eine Bauernfamilie bewirtschaftete durchschnittlich nur etwa ein Drittel Hektar, meist in Handarbeit. Die Bevölkerung wuchs, während zusätzliche Ackerflächen kaum verfügbar waren. Außerdem entstand eine privilegierte Funktionärsschicht.
Der politische Spielraum für Kritik war gering. Die Hundert-Blumen-Bewegung hatte 1957 zunächst kritische Äußerungen zugelassen, wurde aber abrupt beendet. In der anschließenden Anti-Rechts-Kampagne wurden nach unterschiedlichen Angaben mehr als 400.000 beziehungsweise 520.000 Menschen verfolgt oder zur Arbeitserziehung verurteilt. Ob Mao die Kritikbewegung bewusst als Falle geplant hatte, ist unter Historikern umstritten. Sicher ist, dass die Verfolgung offene Kritik am späteren Großen Sprung erschwerte.
Kollektivierung und Volkskommunen
Die Voraussetzungen wurden durch die Kollektivierung geschaffen. Ab 1952 schlossen sich zunächst sechs bis neun Haushalte zusammen. Seit 1955 entstanden größere Kooperativen, in denen Land, Geräte, Zugtiere und Saatgut gemeinsam genutzt wurden. Der Beitritt war theoretisch freiwillig, wurde aber häufig erzwungen. Anfang 1955 gehörten 14 % der ländlichen Haushalte Kollektiven an, im Frühjahr 1956 bereits 92 %. Im Dezember 1956 wirtschafteten nur noch 3 % individuell. Ein 1956 eingeführtes Inlandspasssystem schränkte die Abwanderung der Bauern ein. Das staatliche Getreidemonopol und Agrarabgaben sollten die Industrialisierung finanzieren.
1958 wurden rund 25.000 Volkskommunen eingerichtet, gewöhnlich mit etwa 5.000 Haushalten beziehungsweise 20.000 bis 30.000 Menschen. Sie vereinigten Landwirtschaft, örtliche Industrie, Verwaltung und soziale Aufgaben. Kommunale Einrichtungen sollten unter anderem Kantinen, Kinderkrippen, Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und Warenhäuser betreiben. Der Beitritt war zwingend; außer den Häusern ging der Besitz weitgehend an die Kommune über. Viele Bauern schlachteten deshalb ihr Vieh. Der Viehbestand sank zwischen 1957 und 1958 schätzungsweise um etwa die Hälfte.
Löhne wurden durch Arbeitspunkte ersetzt, deren Wert stark sank. In Jiangning fiel der durchschnittliche Tagesverdienst von 1,05 Yuan im Jahr 1957 auf 0,28 Yuan 1958 und 0,16 Yuan 1959. Weil die Kader über die Gemeinschaftsküchen verfügten, konnten sie Lebensmittelrationen als Disziplinierungsmittel kürzen oder streichen. Die Kommunen militarisierten Arbeit und Alltag und sollten Frauen durch gemeinschaftliche Kinderbetreuung und Verpflegung von Hausarbeit entlasten. In der Praxis beschädigten Zwang, schlechte Organisation und die Aufhebung materieller Anreize die Arbeitsmoral.
Schon Ende 1958 wurden erste Maßnahmen zurückgenommen. Gemeinschaftskantinen und andere Formen der erzwungenen Vergesellschaftung wurden später abgeschafft, Privatparzellen und Leistungsprämien wieder zugelassen. Zuständigkeiten, Eigentum und Abrechnung wanderten von den Kommunen zu kleineren Produktionsbrigaden und schließlich zu Produktionsmannschaften.
Wirtschaftliche Kampagnen und Fehlsteuerung
Das Steuerungssystem verband dezentrale Arbeit und Investitionen mit zentralen politischen Zielvorgaben. Erfolg wurde vor allem an Mengen wie Getreide, Eisen und Stahl gemessen. Planerfüllung galt als Zeichen politischer Treue. Provinzen und Kreise erhöhten die zentralen Ziele nochmals; Widerspruch konnte als Rechtsabweichung verfolgt werden. Berichte wurden kaum überprüft, sodass übertriebene Produktionszahlen immer neue, unerreichbare Vorgaben erzeugten.
Im Wasserbau arbeiteten bereits im Oktober 1957 mehr als 30 Millionen Menschen. Bis Jahresende bewegten sie über 580 Millionen Kubikmeter Erde und Stein. Häufig wurden Fachleute ignoriert, neue Anlagen mangelhaft gebaut und bestehende vernachlässigt. Dennoch stieg der Anteil bewässerter Felder von etwa 25 % im Jahr 1957 auf 31 % im Jahr 1962. Ein bekanntes Großprojekt war die Sanmenxia-Talsperre am Gelben Fluss. Der Hydrologe Huang Wanli warnte vor Versandung; tatsächlich musste das Problem später durch zusätzliche Spülöffnungen gemildert werden.
In der Landwirtschaft sollten Maos Acht-Punkte-Programm und Lehren von Trofim Lyssenko die Erträge steigern. Dazu gehörten dichteres Säen, tiefes Pflügen, stärkere Düngung, Schädlingsbekämpfung und Bewässerung. Einige Verfahren beschädigten jedoch Böden und Pflanzen. Enge Pflanzung beruhte auf der falschen Annahme, Pflanzen derselben Art konkurrierten nicht um Licht und Nährstoffe. Die Kampagne gegen vier Plagen dezimierte Sperlinge; danach nahmen Schadinsekten zu. Zugleich wurden Erfolge erfunden: Die Regierung erwartete für 1958 zunächst 525 Millionen Tonnen Getreide, obwohl die später korrigierte Ernte nur etwa 200 Millionen Tonnen betrug.
Die Stahlkampagne setzte auf drei bis vier Meter hohe Hinterhofhochöfen. Die Produktion von 5,35 Millionen Tonnen Stahl im Jahr 1957 sollte 1958 stark erhöht werden; das Ziel stieg schrittweise bis auf 12 Millionen Tonnen. Zeitweise arbeiteten nach Maos späterer Angabe 90 Millionen Menschen in der „Stahlschlacht“. Brennstoff, Arbeitskräfte und brauchbare Metallgegenstände wurden eingesetzt, doch ein großer Teil des erzeugten Eisens war unbrauchbar. In einigen Provinzen eignete sich weniger als ein Drittel zur Weiterverarbeitung. Eine Tonne Roheisen aus den Kleinöfen kostete etwa doppelt so viel wie aus modernen Hochöfen; der staatlich geschätzte Verlust betrug fünf Milliarden Yuan. Die Kampagne entzog außerdem der Landwirtschaft Arbeitskräfte und gefährdete die Ernte.
Politische Krise und Konferenz von Lushan
Ende 1958 erkannte die Führung erste schwere Fehlentwicklungen. Planziele wurden gesenkt, Finanzkontrollen verstärkt und die übertriebene Kommunalisierung als „Linksextremismus“ kritisiert. Mao kündigte an, nicht erneut als Staatspräsident anzutreten; Liu Shaoqi übernahm 1959 das Amt. Dennoch verhinderten geschönte Berichte und die Furcht vor Verfolgung eine offene Bestandsaufnahme.
Auf der Konferenz von Lushan im Juli und August 1959 berichteten Kader über Hunger, falsche Zahlen und Machtmissbrauch. Verteidigungsminister Peng Dehuai machte Mao in einem persönlichen Brief für Fehlentwicklungen verantwortlich und bezeichnete sie als „kleinbürgerlichen Fanatismus“. Zhang Wentian griff Maos Politik ebenfalls ungewöhnlich scharf an. Mao räumte eigene Verantwortung ein, darunter die Erfindung der breit angelegten Stahlschlacht, deutete die Kritik aber zugleich als Angriff auf seine Führung und zwang die Partei zur Entscheidung zwischen ihm und Peng.
Liu Shaoqi, Zhou Enlai und Deng Xiaoping stellten sich hinter Mao. Peng Dehuai und seine Unterstützer wurden als Rechtsabweichler verurteilt und verloren Regierungsämter. Von 1959 bis 1960 wurden etwa 3,6 Millionen Parteimitglieder als Rechtsabweichler verfolgt. Inhaltlich musste Mao dennoch Korrekturen akzeptieren: Volkskommunen verloren weitere Befugnisse an Produktionsbrigaden. Die erneute politische Verfolgung verschärfte aber die Lage, weil lokale Funktionäre aus Angst weiterhin übertriebene Ernten meldeten und Probleme verschwiegen.
Hungersnot und Reaktionen
Der Große Sprung war die wesentliche Ursache der Großen Chinesischen Hungersnot von 1959 bis 1961. Landwirtschaftliche Arbeitskräfte wurden in Industrie und Infrastruktur eingesetzt, ungeeignete Anbaumethoden senkten Erträge, und Zwangskollektivierung sowie falsche Meldungen störten die Versorgung. Die Getreideernte fiel von 200 Millionen Tonnen 1958 auf etwa 170 Millionen 1959 und 143 bis 144 Millionen 1960. Für 650 Millionen Menschen wären 1960 mindestens 195 Millionen Tonnen ungeschältes Getreide nötig gewesen. Die durchschnittlich verfügbare Energie sank von 2169 kcal pro Person und Tag 1958 auf 1820 kcal 1959 und 1535 kcal 1960.
Trotz des Rückgangs wurden die Abgaben erhöht. 1959 führte der Staat etwa 52 Millionen Tonnen beziehungsweise rund 36 % der Ernte ab; örtliche Kader trieben teilweise noch mehr ein. Getreide wurde zur Versorgung der Städte, für den Export und zur Begleichung von Schulden verwendet. 1959 exportierte China 4,2 Millionen Tonnen. Diese Ausfuhren verschärften die Not, gelten der Mehrheit der Historiker wegen ihres Anteils von ungefähr 2,3 % der Produktion aber nicht als deren Hauptursache. Ab Ende 1960 importierte China Getreide, 1961 knapp sechs Millionen Tonnen, vor allem aus Kanada und Australien.
Die städtische Bevölkerung und Parteimitglieder wurden bevorzugt versorgt. Auf dem Land beeinflussten Alter, Geschlecht, politische Einstufung und Herkunft die Überlebenschancen. Kader suchten gewaltsam nach angeblich verstecktem Getreide; Bauern wurden geschlagen, gefoltert oder getötet. Die Bevölkerung aß Baumrinde, Blätter und Wildkräuter, verkaufte Kinder oder tauschte sexuelle Dienste gegen Nahrung; aus vielen Regionen wurde Kannibalismus gemeldet. Fluchtversuche wurden teilweise durch Milizen verhindert. Es kam zu Angriffen auf Getreidelager, doch größere Aufstände konnten Armee und Miliz unterdrücken.
Regional war die Katastrophe sehr unterschiedlich. Besonders betroffen waren unter anderem Anhui, Sichuan, Guizhou, Guangxi, Gansu und Henan. In Henan stieg die Sterberate von 12,69 ‰ im Jahr 1958 auf 39,56 ‰ 1960. Im Gebiet Xinyang verbanden sich extreme Getreideabgaben mit Terror; Schätzungen reichen dort von etwa einer Million bis zu 2,4 Millionen Toten, wobei nach einer Darstellung mehr Menschen durch Repression als unmittelbar durch Hunger starben. Ethnische Minderheiten waren unterschiedlich betroffen. Bei Tibetern verstärkten erzwungene Sesshaftigkeit, ungeeignete Getreidearten, Viehverluste, Requirierungen und politische Gewalt die Folgen. Eine gezielte Inkaufnahme tibetischer Hungertoter wird im Artikel jedoch bestritten.
Abbruch, Neuausrichtung und Bilanz
1960 und 1961 verschärften der Bruch mit der Sowjetunion, der Abzug von rund 15.000 sowjetischen Beratern und Chinas internationale Isolation die Probleme. Die Führung erklärte die Engpässe zunächst mit Naturkatastrophen und sowjetischen Schulden; beide Erklärungen werden heute überwiegend verworfen. Reisen führender Politiker durch das Land machten Ende 1960 und 1961 das Ausmaß der Katastrophe sichtbar.
Die „60 Artikel über die Landwirtschaft“ vom März 1961 erlaubten als „Drei Freiheiten“ wieder Privatparzellen, privates Nebengewerbe und freie Märkte. Beim „Ertragssoll des Bauernhaushalts“ mussten Haushalte eine vereinbarte Menge an den Staat abliefern und konnten Überschüsse verkaufen. In der Industrie galt „Regulierung, Konsolidierung, Ergänzung und Niveauhebung“: Landwirtschaft erhielt Vorrang, unrentable Betriebe und Bauvorhaben wurden geschlossen, Qualitätsziele, Lohnunterschiede und Akkordlöhne kehrten zurück. Die Kommunen wurden von durchschnittlich 21.000 auf 7.000 Menschen verkleinert. Rund 30 Millionen Städter wurden 1961/62 aufs Land geschickt. Die wirtschaftliche Dezentralisierung blieb jedoch teilweise bestehen.
Das schwerste Ergebnis war die Hungersnot. Der Artikel nennt insgesamt Schätzungen von 14 bis 55 Millionen Opfern; für 1959 bis 1961 werden auch 15 bis 45 Millionen angegeben. Klaus Mühlhahn hält 27 bis 30 Millionen für besonders glaubwürdig, Yang Jisheng schätzte 36 Millionen, Frank Dikötter mindestens 45 Millionen und Yu Xiguang 55 Millionen. Die Unterschiede beruhen unter anderem auf verschiedenen Berechnungsmethoden, lückenhaften Statistiken und der Einstufung vieler Hungertode als „natürlich“. Zusätzlich starben Millionen durch Schläge, Folter und Hinrichtungen. Mehr als 30 % aller Häuser wurden während der Kampagne aus verschiedenen Gründen zerstört.
Die Kampagne verursachte außerdem Umweltschäden, Abholzung und zahlreiche mangelhaft gebaute Anlagen. Fortschritte gab es teilweise bei Bewässerung, Elektrifizierung, Telefonie und Postversorgung: Von 1957 bis 1960 stieg die Zahl ländlicher Telefonbenutzer von 200.000 auf 920.000, die Zahl der Postämter von 38.000 auf 54.000 und die Stromerzeugung auf dem Land von 108 auf 992 Millionen kWh. Insgesamt blieben die industriellen Fortschritte jedoch weit hinter den Zielen zurück. Die negative Neubewertung durch die chinesische Regierung begann 1981; Volkszählungsdaten von 1982 machten das Ausmaß der Todesfälle und den Einbruch der Geburtenzahlen deutlicher.