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Grabenkrieg im Ersten Weltkrieg
Der Grabenkrieg war ein charakteristisches Merkmal des Ersten Weltkriegs und zeichnete sich durch ein System befestigter Schützengräben aus, das sich über …
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Kern des Grabenkriegs
Der Grabenkrieg war ein prägendes Merkmal des Ersten Weltkriegs, besonders an der Westfront in Belgien und Frankreich. Er entstand, weil moderne Waffen wie Gewehre mit gezogenem Lauf, Hinterlader, Maschinengewehre und Artillerie die Verteidigung viel stärker machten als den Angriff. Frontalangriffe durch Infanterie oder Kavallerie wurden dadurch extrem verlustreich. Aus zunächst provisorischen Deckungen entwickelte sich ein befestigtes Grabensystem, das sich über Hunderte Kilometer von der Nordseeküste bis zur Schweizer Grenze erstreckte.
Nach der Marneschlacht führten Umfassungsversuche beider Seiten zum sogenannten Wettlauf zum Meer. Als keine Seite die andere mehr umgehen konnte, erstarrte die Front. Der Stellungskrieg an der Westfront dauerte bis zur deutschen Frühjahrsoffensive im März 1918. Das Gelände zwischen den gegnerischen Linien hieß Niemandsland. Der Abstand der Gräben lag meist bei 100 bis 250 Metern, konnte aber stark schwanken: bei Vimy teilweise nur 25 Meter, nach dem deutschen Rückzug zur Siegfriedstellung 1917 teils mehr als ein Kilometer, bei Gallipoli streckenweise nur etwa 15 Meter.
Aufbau und Alltag
Ein typisches Grabensystem bestand aus mehreren Linien. Vorne lag der Frontgraben, dahinter in etwa 60 bis 100 Metern Entfernung der Unterstützungs- oder Bewegungsgraben, weitere 250 bis 500 Meter dahinter der Reservegraben. Kommunikationsgräben verbanden die Linien. Die Deutschen bauten häufig mehrere hintereinanderliegende Systeme aus und entwickelten eine Tiefenverteidigung: nicht ein einzelner Graben sollte alles halten, sondern mehrere Stellungen sollten den Angreifer in vorbereitete Feuerzonen ziehen.
Gräben wurden nicht gerade, sondern sägezahnartig gebaut. Quergräben, sogenannte Traversen, teilten sie in Abschnitte, damit Feuer oder Granatsplitter nicht den ganzen Graben entlang wirken konnten. Die dem Feind zugewandte Seite hieß Parapet oder Brustwehr, die abgewandte Seite Parados. Sandsäcke, Holzbretter, Wellblech, Flechtwerk oder Drahtgeflecht verstärkten die Wände; Holzbretter am Boden sollten Wasser ableiten. In Flandern war der hohe Grundwasserspiegel ein großes Problem, weil Gräben schnell vollliefen.
Soldaten verbrachten meist nur begrenzte Zeit direkt an der Front, häufig zwischen einem Tag und zwei Wochen; 53 Tage des australischen 31. Bataillons bei Villers-Bretonneux waren eine Ausnahme. Ein typisches Jahr konnte ungefähr aus 15 % Frontgraben, 10 % Unterstützungsgraben, 30 % Reservegraben, 20 % Pause und 25 % anderem wie Krankenhaus, Reisen oder Ausbildung bestehen. Tagsüber machten Scharfschützen und Artilleriebeobachter jede Bewegung gefährlich. Viele Arbeiten, Truppenbewegungen und Erkundungen fanden nachts statt. Neben Gefahr belasteten Monotonie und Langeweile die Soldaten stark.
Versorgung, Krankheit und Tod
Die Versorgung war schwierig. Die tägliche Ration eines deutschen Soldaten sah in Lehrbüchern unter anderem 750 g Brot oder 500 g Feldzwieback, 375 g frisches oder gefrorenes Fleisch oder 200 g Dosenfleisch, Kartoffeln oder Gemüse, Kaffee oder Tee, Zucker, Salz, Fett und Tabak vor. Ab etwa Ende 1915 existierten diese Mengen aber meist nur noch theoretisch. Fleisch wurde schrittweise reduziert, ab Juni 1916 gab es einen fleischfreien Tag, und gegen Kriegsende wurde Fleisch knapp; Brot wurde teils mit Holzspänen und ähnlichem gestreckt. Die Eiserne Ration bestand aus 250 g Zwieback, 200 g Dosenfleisch oder 170 g Speck, 150 g Konservengemüse, 25 g Kaffee und 25 g Salz. Trinkwasser war ein großes logistisches Problem; theoretisch standen zwei Liter täglich zu, praktisch war dies vorne kaum erreichbar.
Der Grabenkrieg war extrem tödlich. Etwa 10 % der kämpfenden Soldaten starben im Krieg, bei den Briten etwa 12 %. Die Wahrscheinlichkeit, verwundet zu werden, lag für Soldaten aller beteiligten Armeen bei etwa 56 %, wobei auf jeden Frontsoldaten etwa drei Soldaten hinter der Front kamen. Drei Viertel aller Verletzungen entstanden durch Artilleriesplitter. Diese verursachten schwere Wunden und häufige Infektionen. Antibiotika gab es noch nicht; Wundbrand und Sepsis konnten auch leichtere Verletzungen tödlich machen. Bei amerikanischen Verwundeten mit Wundbrand starben laut Statistik 44 %, nur 1 % der Soldaten mit Bauchschüssen überlebte.
Neben körperlichen Verletzungen gab es psychische Schäden wie den Granatenschock, heute als posttraumatisches Stresssyndrom einzuordnen. Krankheiten waren ebenfalls verbreitet: Ruhr, Typhus, Cholera, Parasitenbefall, Grabenfuß, Leptospirose und Tollwut traten unter den schlechten hygienischen Bedingungen auf. Leichen blieben oft im Niemandsland liegen, bis die Front sich verschob; zur Identifikation wurden metallene Erkennungsmarken eingeführt. Informelle Waffenruhen an ruhigen Abschnitten wurden später als „Leben und leben lassen“ bezeichnet.
Waffen und technische Mittel
Die wichtigsten Infanteriewaffen waren Gewehr, Bajonett und Handgranate. Das britische Lee-Enfield, das deutsche Gewehr 98, französische, russische und amerikanische Gewehre wurden unter Grabenbedingungen eingesetzt. Bajonette waren im engen Graben oft unhandlich; laut britischen Aufzeichnungen verursachten sie nur 0,3 % aller Verletzungen. Viele Soldaten bevorzugten Feldspaten, Grabendolch oder improvisierte Hiebwaffen. Die Handgranate wurde zur zentralen Waffe des Stellungskrieges, weil sie Gegner in Deckung treffen konnte, ohne dass der Werfer sich stark zeigen musste. Die britische Mills-Granate wurde ab Ende 1915 eingeführt; im Krieg wurden 75 Millionen Stück dieses Typs benutzt.
Maschinengewehre prägten das Bild des Krieges besonders stark. Sie konnten Angriffe mit überlappenden Feuerbereichen stoppen. Die Deutschen setzten Maschinengewehre von Beginn an systematisch ein; später wurde unter anderem das MG 08/15 bekannt. Die Briten bauten ihre Maschinengewehrverbände im Verlauf des Krieges aus, unter anderem mit Lewis Guns und dem schweren Vickers-Maschinengewehr. Infanterie-Mörser, damals auch Minenwerfer genannt, verschossen Geschosse im Steilfeuer über kurze Distanzen und waren wichtig, um Feindgräben und Hindernisse zu treffen. Die Briten setzten ab 1915 den Stokes-Mörser ein.
Artillerie dominierte das Schlachtfeld. Sie bereitete Angriffe vor, bekämpfte feindliche Geschütze und verschoss Schrapnell-, Spreng- und später Gasgranaten. Insgesamt verschoss die Artillerie aller Kriegsparteien im Ersten Weltkrieg etwa 850 Millionen Granaten. Stacheldraht war neben dem Maschinengewehr eines der wirksamsten Hindernisse gegen Angreifer; Drahtverhaue konnten bis zu 50 Meter tief sein. Stahlhelme wurden erst ab 1915 eingeführt, zuerst der französische Adrian-Helm, später der britische Brodie-Helm und 1916 der deutsche Stahlhelm M1916.
Gas, Minen und Luftkrieg
Chemische Kampfstoffe wurden im Grabenkrieg eingesetzt, waren aber langfristig weniger durchbruchstark, als anfangs erhofft. Tränengas wurde erstmals im August 1914 eingesetzt, hatte aber wenig Erfolg. Am 22. April 1915 kam bei Ypern erstmals Chlorgas zum Einsatz. Phosgen, ab Dezember 1915 verwendet, war tödlicher und schwerer zu erkennen; 1916 wurde es zu Diphosgen weiterentwickelt. Senfgas wurde erstmals im Juli 1917 bei Ypern von deutscher Seite eingesetzt und hieß deshalb auch „Yperit“. Es wirkte auch auf die Haut und blieb auf Oberflächen haften. Schätzungen nennen etwa 1,2 Millionen Verwundete und 100.000 Tote durch chemische Kampfstoffe, wobei genaue Zahlen schwer festzustellen sind.
Minen waren unterirdische Sprengladungen. Spezielle Tunneleinheiten gruben Stollen unter gegnerische Stellungen, füllten sie mit Sprengstoff wie Ammonal und zündeten sie oft zum Beginn einer Offensive. So entstanden große Krater, die Verteidigungslinien zerstören und als Grundlage neuer Stellungen dienen konnten. Am 1. Juli 1916 wurden bei der Sommeschlacht Minen gezündet; bei La Boisselle enthielten zwei Minen je 24 t Sprengstoff. Am 7. Juni 1917 wurden vor der Schlacht von Messines 19 britische Minen gezündet, im Schnitt mit 21 t Sprengstoff, die größte unter St. Eloi mit 42 t.
Flugzeuge dienten zunächst vor allem der Aufklärung und Artilleriebeobachtung. Die Briten brachten zu Kriegsbeginn in Frankreich 48 Aufklärungsmaschinen mit. Später wurden Jagdflugzeuge, Bomber und Schlachtflugzeuge wichtiger. Auch Fesselballons halfen bei der Beobachtung. Flugzeuge griffen feindliche Stellungen anfangs mit Fliegerpfeilen an, später mit Maschinengewehrfeuer und Bomben. Der Luftkrieg wurde propagandistisch stark genutzt; Piloten mit mehr als fünf bestätigten Abschüssen wurden als Fliegerasse bezeichnet.
Taktik, Ende und Nachwirkung
Die Grundstrategie des Stellungskrieges war Abnutzung: Die Ressourcen des Gegners sollten so lange verbraucht werden, bis er nicht mehr weiterkämpfen konnte. Viele Kommandeure hofften dennoch auf den entscheidenden Durchbruch. Die Somme 1916 und Flandern 1917 waren als Durchbrüche geplant, wurden aber Abnutzungsschlachten. Verdun sollte die französische Armee „ausbluten“ lassen. Solche Strategien verlangten eine umfassende Mobilisierung aller Ressourcen und erhöhten auch das Leiden der Zivilbevölkerung.
Taktisch wurden Angriffe zunehmend angepasst. Zu Beginn liefen Infanteristen oft in Linien gegen feindliche Stellungen, was selten erfolgreich war. Später griff man nachts aus Laufgräben an und bereitete Hindernisse vor. Artillerie nutzte Sperrfeuer und Feuerwalzen, bei denen der Beschuss schrittweise vor der angreifenden Infanterie vorwanderte. 1917 entwickelte General Oskar von Hutier eine Infiltrationstaktik: kleine, gut ausgebildete Stoßtrupps sollten Schwachstellen angreifen, starke Befestigungen umgehen und ohne langes warnendes Trommelfeuer tief eindringen. Begrenzte Kommunikation und Vorräte setzten dem Vorstoß jedoch Grenzen.
Kommunikation war eine Schwachstelle. Telefonleitungen waren am wirksamsten, wurden aber oft durch Artillerie zerstört. Semaphor, Signallampe, Signalpistole, Brieftauben, Meldehunde und Läufer waren unsicher. Offiziere warteten manchmal zwei bis drei Stunden auf Nachrichten. Erst 1916 kamen bei Verdun kleine transportable Funkstationen für kurze Morsecodes zum Einsatz.
Der Panzer trug zur Überwindung des Grabenkriegs bei, war aber nicht allein entscheidend. Frühe Panzer waren langsam, störanfällig und wurden erst spät in größerer Zahl eingesetzt. Bei Cambrai im November 1917 gelang ein massiver Panzereinsatz, doch der Durchbruch wurde nicht dauerhaft genutzt. Wichtiger wurden das Zusammenwirken von Panzerverbänden, Kampfflugzeugen und Infanterie, Schwerpunktbildung, taktische Überraschung, das Umgehen starker Stellungen und autonome kleine Einheiten. Der Grabenkrieg wirkte auch kulturell stark nach: Werke wie Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, Ernst Jüngers In Stahlgewittern, Gedichte, Gemälde von Otto Dix und Filme wie Im Westen nichts Neues verarbeiteten Schrecken und Sinnlosigkeit des Stellungskrieges.