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Giuseppe Baretti

KURZBESCHREIBUNG, italienischer Schriftsteller und Übersetzer ; GEBURTSDATUM, 24. April 1719 ; GEBURTSORT, Turin ; STERBEDATUM, 5. Mai 1789.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Herkunft und literarische Anfänge
  3. 3. Venedig und die Entscheidung für England
  4. 4. Erste Londoner Phase
  5. 5. Reisen und La frusta letteraria
  6. 6. Späte Werke, Stil und Rezeption

Person und Bedeutung

Giuseppe Marco Antonio Baretti (24. April 1719 in Turin – 5. Mai 1789 in London) war ein italienischer Literaturkritiker, Übersetzer, Dichter, Journalist, Dramaturg, Lexikograph und Linguist. Er ist besonders für seine scharf formulierte Literaturkritik, seine Vermittlung der italienischen Sprache und Literatur im europäischen Ausland sowie für Wörterbücher und sprachpraktische Werke bekannt. Als Herausgeber der Zeitschrift La frusta letteraria trat er unter dem Pseudonym Aristarco Scannabue auf.

Barettis Bedeutung liegt in der Verbindung von Sprachkenntnis, kulturvergleichender Arbeit und eigenständigem Urteil. Er forderte eine moderne italienische Prosa und eine zeitgenössische italienische Literatur, die alle Genres umfassen und zugleich auf gründlicher Kenntnis der großen italienischen Tradition beruhen sollte. Seine Kritik verbindet philologische Genauigkeit, klare Prosa, Ironie und Polemik. In England konnte er als freier Autor arbeiten, während eine solche Existenz im Italien seiner Zeit kaum möglich war.

Herkunft und literarische Anfänge

Baretti wuchs in Turin als ältester Sohn des Militärarchitekten Luca Baretti und Anna Caterina Tesio auf. Der Vater bestimmte ihn zunächst für eine geistliche Laufbahn; 1733 wurde der vierzehnjährige Giuseppe zum Kleriker geweiht. Nach dem Tod der Mutter 1735 und zunehmenden Konflikten mit dem Vater, der seine literarischen Neigungen ablehnte, brach Baretti diese Laufbahn ab und verließ 1737 Familie und Heimatstadt.

In Guastalla arbeitete er durch die Vermittlung seines Onkels an einem Fürstenhof. Dort lernte er den Dichter Carlo Cantoni kennen, den er neben seinem früheren Lehrer Girolamo Tagliazucchi als wichtigen Lehrmeister betrachtete. Baretti schrieb erste Gedichte in burlesken, satirischen und komischen Formen sowie im Stil des italienischen Heldenepos. Er orientierte sich unter anderem an Luigi Pulci, Francesco Berni, Ludovico Ariosto, Niccolò Machiavelli, Antonio Francesco Grazzini und Lorenzo Lippi. Diese Dichtung verstand er als Gegenmodell zur seiner Ansicht nach süßlich-frivolen Lyrik des Umfelds der Accademia dell’Arcadia.

Von 1742 bis 1744 arbeitete Baretti in Cuneo. Dort entstanden die Stanze al Padre Serafino Bianchi da Novara, veröffentlicht 1744, und die unveröffentlicht gebliebene Liberazione di Cuneo. Nach einem kurzen Aufenthalt in Turin wegen des Todes seines Vaters suchte er in Mailand und Genua nach einer neuen Anstellung.

Venedig und die Entscheidung für England

Seit dem Frühjahr 1747 lebte Baretti in Venedig und gehörte zum literarischen Umfeld von Carlo und Gasparo Gozzi, Luisa Bergalli sowie der Accademia dei Granelleschi. Seine Lettere di Giuseppe Baretti torinese ad un suo amico di Milano sopra un certo fatto del Dottor Biagio Schiavo da Este (1747) zeigen früh seinen polemischen Stil. Aus finanziellen Gründen übersetzte er außerdem Tragödien von Pierre Corneille in versi sciolti, also ungereimten Versen. In den Prefazioni alle tragedie di Pier Cornelio (1747–1748) entwickelte er zentrale Positionen: Er hielt das italienische Heldenepos für in seinem Genre unübertroffen und warf französischen Kritikern Arroganz und Unkenntnis gegenüber der italienischen Literatur und Sprache vor.

1750 kehrte Baretti nach Turin zurück. Für die Hochzeit des späteren Vittorio Amedeo III. di Savoia mit Anne Marie de Bourbon-Orléans verfasste er das dramatisch-musikalische Werk Fetonte sulle rive del Po. Eine feste Anstellung erhielt er jedoch nicht. Ursache war unter anderem seine scharfe Kritik am Universitätslehrer Giuseppe Bartoli im Primo cicalamento di Giuseppe Baretti sopra le Cinque lettere del sig. Giuseppe Bartoli (1750). Auch der erste Band seiner Gedichtsammlung Le piacevoli poesie (1750; zweiter Band 1764) änderte daran nichts. Mit Unterstützung seines Freundes James Caulfield, Viscount Charlemont, entschloss sich Baretti, Italien zu verlassen.

Erste Londoner Phase

Ab 1751 lebte Baretti in London, zunächst bei dem Geiger und Komponisten Felice Giardini, der die Italian Opera leitete. Aus dieser Zeit stammen die später nachgewiesenen, unveröffentlichten Intermezzi Don Chisciotte in Venezia und La Filippa trionfante sowie die Schriften Projet pour avoir un Opéra italien à Londres dans un goût nouveau (1753) und La Voix de la Discorde ou la bataille des violons. Histoire d’un attentat séditieux et atroce contre la vie et les biens de cinquante chanteurs et violonistes. Ob Baretti eine offizielle Stellung im Londoner Musikbetrieb hatte, blieb in der Forschung ungeklärt.

Er lernte gründlich Englisch und wurde bald Teil der wichtigsten literarischen Kreise Londons. Er begegnete unter anderem Henry Fielding, Charlotte Lennox, Samuel Richardson, Edmund Burke und Oliver Goldsmith. David Garrick, Joshua Reynolds und Samuel Johnson wurden lebenslange Freunde. Baretti wirkte als Vermittler italienischer Sprache, Literatur und Kultur. In der Italian Library (1757) gab er eine nach Genres und Themen geordnete, kommentierte Übersicht wichtiger italienischer Werke und fügte eine History of the Italian tongue hinzu. Dort ist erstmals der Ausspruch Galileos „E pur si muove!“ („Und sie bewegt sich doch!“) dokumentiert. Sein erfolgreichstes Werk dieser Phase war A Dictionary of the English and Italian languages (1760) mit einer Italian and English Grammar; das Werk erschien in zahlreichen Auflagen.

Reisen und La frusta letteraria

Im August 1760 begleitete Baretti den jungen Lord Southwell auf dessen Grand Tour durch Spanien, Portugal, Frankreich und Italien. Seine Erfahrungen verarbeitete er in den Lettere familiari a’ suoi tre fratelli. Der erste Band erschien 1762 in Mailand, der zweite 1763 in Venedig. Die weitere Veröffentlichung wurde durch eine diplomatische Intervention des portugiesischen Botschafters behindert; eine Stellung in Italien fand Baretti erneut nicht.

Von 1763 bis 1765 gab er La frusta letteraria heraus. Die Zeitschrift erschien unter der fiktiven Herausgeberfigur Aristarco Scannabue und wurde wegen ihrer mutigen, polemischen Kritiken auch außerhalb Italiens bekannt. Vorbilder waren englische Moral Weeklies wie Spectator, Tatler, Rambler und Idler. La frusta letteraria war zugleich Zeitschrift, literarisch gestalteter Text und Programm für eine moderne italienische Literatur. Baretti verband darin genaue Kritik, Ironie, Polemik und zeitgemäße Prosa. Wegen einer kritischen Äußerung über Pietro Bembo wurde die Zeitschrift in Venedig zensiert. 1766 kehrte Baretti endgültig nach London zurück.

Späte Werke, Stil und Rezeption

In London nahm Baretti den Kontakt zu Samuel Johnson und dem Literary Club wieder auf und richtete sein Schreiben stärker an das englische Publikum. An Account of the Manners and Customs of Italy (1768) wandte sich gegen Klischees und Falschinformationen englischer Reiseführer, besonders gegen Samuel Sharps Letters from Italy. 1769 wurde Baretti Secretary for Foreign Correspondence der von Joshua Reynolds geleiteten Royal Academy. Im selben Jahr stand er in der Haymarket Affair wegen einer Mordanklage vor Gericht, wurde jedoch freigesprochen.

A Journey from London to Genoa (1770) war eine erweiterte englische Fassung der Lettere familiari und wurde kommerziell erfolgreich; bald erschienen deutsche und französische Übersetzungen. Weitere sprachvermittelnde Werke waren An Introduction to the most useful European languages (1772), das englische, französische, italienische und spanische Textstellen mit möglichst genauen Übersetzungen parallel gegenüberstellt, sowie ein überarbeitetes Dictionary Spanish and English, and English and Spanish (1778). Baretti arbeitete als Privatlehrer in der Familie Thrale, verfasste für seine Schülerin Hester die zweisprachige Easy Phraseology (1775) und veröffentlichte 1777 den Discours sur Shakespeare et sur Monsieur de Voltaire. Darin kritisierte er Voltaires sprachliches und kulturelles Verständnis Shakespeares und wandte sich gegen den Anspruch, französische Klassik könne als allgemeiner Maßstab für alle Literaturen gelten. Die Forschung ordnete ihn deshalb teils der „prä-romantischen“ Ästhetik zu, betont neuerdings aber seine eigene Modernität. Zu seinen späten Werken zählen Tolondron (1786), Strictures on signora Piozzi‘s publication of doctor Johnson‘s «Letters» (1788), A Guide through the Royal Academy (1781) und weitere sprach- und literaturbezogene Veröffentlichungen.

Baretti gilt als kosmopolitischer, unabhängiger und oft als „rebellischer Konservativer“ bezeichneter Autor. Seine Texte verbinden Sympathie für ihre Gegenstände mit scharfsichtiger, möglichst vorurteilsfreier Analyse. Zeitgenössisch wurden La frusta letteraria, seine Reisebeschreibungen und Dictionaries in ganz Europa rezipiert. Baretti und La frusta wurden zu Vorbildern für moderne, scharfe Literaturkritik. Baretti starb im Mai 1789 in London. Sein Leitgedanke lässt sich mit einem Satz aus La frusta letteraria zusammenfassen: „Weniger Mühe macht es, beim allgemein Gesagten zu verharren als die Dinge aus eigener Verstandeskraft zu beurteilen.“

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