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Geschichtskritik
Geschichtskritik ist ein selten gebrauchter Ausdruck für die kritische Auseinandersetzung entweder mit der Vergangenheit (und damit Teil der …
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Grundidee
Geschichtskritik ist ein selten verwendeter Ausdruck. Er kann zwei Bedeutungen haben: Erstens meint er die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit selbst und ist dann Teil der Geschichtswissenschaft. Zweitens kann er Kritik an der Geschichtswissenschaft bezeichnen, also an ihren Methoden, Ergebnissen oder an ihren gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen.
Wenn die Kritik aus dem Fach selbst kommt, geht es meist um wissenschaftliche Verfahren wie Quellenprüfung, Datierung oder den Vergleich von Überlieferungen. Häufiger wird der Ausdruck aber für Kritik von außerhalb der Fachgemeinschaft verwendet. Als Selbstbezeichnung ist „Geschichtskritiker“ ebenso wie „Chronologiekritiker“ vor allem außerhalb der Geschichtswissenschaft üblich.
Historisch-kritische Methode
In der Geschichtswissenschaft gibt es etablierte Formen der Kritik. Dazu gehören „Quellenkritik“ und die „historisch-kritische Methode“. Quellenkritik bedeutet, historische Quellen sorgfältig daraufhin zu prüfen, ob sie echt, zuverlässig und richtig eingeordnet sind.
Wichtige Fachfragen sind:
- die Klärung der Echtheit historischer Quellen und der Nachweis von Fälschungen,
- die Datierung von Quellen, bei Schriftquellen etwa mit Textkritik, bei geeigneten Materialien mit Dendrochronologie,
- die Überprüfung von Herrscherfolgen und anderen Daten durch Vergleich mit zeitgenössischen Aufzeichnungen anderer Herkunft; dies ist besonders Aufgabe der Chronologie,
- die Analyse bestehender Geschichtsdarstellungen bis hin zu Geschichtsfälschungen,
- die Vermeidung von Geschichtsklitterung, also verzerrender oder beschönigender Darstellung, durch Abgrenzung gegen Mythen, Legenden und andere nichtwissenschaftliche Überlieferungsformen.
Ein wichtiger Grund für solche Verfahren ist, dass Vergangenheit aus politischen Gründen bis in die Gegenwart hinein ausgelassen oder falsch dargestellt werden kann.
Kritische Geschichtsschreibung
In einem weniger technischen Sinn kann „kritische Geschichtswissenschaft“ ein Verständnis von Wissenschaft meinen, das Geschichtsbilder hinterfragt. Besonders geht es dabei um die Dekonstruktion von Geschichtsbildern, die bestehende Machtverhältnisse legitimieren. Dekonstruktion bedeutet hier, solche Deutungen aufzubrechen und ihre Voraussetzungen sichtbar zu machen.
Diese Richtung beruft sich häufig auf Michel Foucault. Seine Arbeiten werden im Deutschen gelegentlich als „geschichtskritisch“ bezeichnet. Foucault thematisierte „Kritik“ unter anderem im Zusammenhang mit dem Wahrheitsanspruch moderner „Regierungskünste“. Kritik sei diesem Wahrheitsanspruch gegenüber „gleichzeitig ihre Partnerin und ihre Widersacherin“. Seine Beispiele beziehen auch die Textkritik ein.
Kritik an offizieller Geschichte
In einem unspezifischen Sinn kann Geschichtskritik den Verdacht bezeichnen, dass die vorherrschende Darstellung der Geschichte den Interessen einer Regierung oder anderer Gruppen dient. Daraus folgt eine besondere Vorsicht gegenüber offiziösen, also halbamtlichen oder offiziell wirkenden, Darstellungen von Geschichte. Die Leitfrage lautet dabei oft: „Cui bono?“ Das bedeutet: Wem nützt es?
Eine besondere Bedeutung erhielt „Geschichtskritik“ im 20. Jahrhundert durch Autoren wie Wilhelm Kammeier und später besonders Heribert Illig. Sie behaupteten, längere Perioden der Geschichte hätten gar nicht stattgefunden. Nach dieser Sicht seien die dazu passenden Quellen entweder gefälscht und/oder von der etablierten Geschichtswissenschaft falsch interpretiert worden. Vertreter solcher und verwandter geschichtsrevisionistischer Positionen nennen sich teilweise selbst „Geschichtskritiker“. Weiter verbreitet ist jedoch „Chronologiekritiker“, weil Zweifel an der herkömmlichen Chronologie im Mittelpunkt stehen.
Fachliche und politische Einwände
Klaus Hildebrand kritisiert an vielen Historikern eine zu starke Orientierung an der Maxime: quod non est in actis, „Was nicht in den Akten steht, ist auch nicht in der Welt.“ Sein Einwand lautet, dass bestimmte Akten, etwa die der Geheimdienste, ihrer Natur nach kaum verfügbar sind. Wenn solche Überlegungen ausbleiben, könne die faszinierende Vordergründigkeit des diplomatischen Spiels den Zugang zu den eigentlichen Triebkräften der Politik verstellen.
Karl Heinz Roth beurteilt die Geschichtswissenschaft der BRD als obrigkeitlich gelenkte Herrschaftswissenschaft. Nach ihm seien die Konfliktlinien zwischen kritischer Historie und politisch-ökonomischer Macht raffiniert und wenig durchschaubar organisiert. Zugleich sieht er, dass nicht durch fachinterne Klärungsprozesse, sondern infolge der Studentenbewegung der 1960er Jahre zeitweise Ansätze zu einer kritisch-diskursiven Methodenvielfalt entstehen konnten.