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Geschichte des Schiffbrüchigen

Der Schiffbrüchige (auch Shipwrecked Sailor, Schiffbrüchiger oder Naufragé genannt, seltener Papyrus Leningrad 1115) ist ein altägyptisches Literaturwerk, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Überlieferung und Datierung
  2. 2. Rahmenerzählung und Abenteuer auf der Insel
  3. 3. Aufbau und sprachliche Gestaltung
  4. 4. Deutungen des Werkes
  5. 5. Insel, Schlange und mögliche vorderasiatische Bezüge

Werk, Überlieferung und Datierung

Der Schiffbrüchige ist ein altägyptisches Literaturwerk, das meist der Kategorie Märchen zugeordnet wird. Es ist nur auf dem Papyrus Sankt Petersburg 1115 überliefert, einem Palimpsest aus dem Mittleren Reich. Der originale Fundort ist unbekannt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Papyrus von Wladimir Golenischeff (1856 bis 1947) in der Eremitage von St. Petersburg wiedergefunden.

Der Text ist in Hieratisch verfasst, der Kursivschrift der Hieroglyphen, und wird meist durch Übertragungen ins Hieroglyphische erschlossen. Die Sprache ist Mittelägyptisch, die klassische Sprachstufe des Altägyptischen. Einige Stellen könnten jedoch Reliktformen des Alten Reichs bewahren, die am Beginn des Mittleren Reiches noch verwendet wurden. Die meisten Ägyptologen datieren die Entstehungszeit in das Mittlere Reich, vermutlich in die 12. Dynastie.

Unklar ist, ob der Text vollständig erhalten ist. Wegen der fehlenden Überschrift und Einleitung vermutet Simpson, dass der Papyrus vor den ersten Spalten abgeschnitten wurde. Andererseits sprechen die inhaltliche und kompositorische Schlüssigkeit für eine Vollständigkeit des Textes selbst.

Rahmenerzählung und Abenteuer auf der Insel

Die Erzählung beginnt abrupt. Ein Expeditionsleiter (ḥ3.tj-ˁ) kehrt offenbar erfolglos von einer Mission zurück und fürchtet den Bericht beim König. Ein Gefolgsmann (šmsw) versucht, ihn zu trösten: Die Mannschaft sei sicher und vollständig in die Heimat zurückgekehrt. Um den Erfolg der Expedition besonders hervorzuheben, erzählt der Gefolgsmann von einem eigenen, viel schlimmeren Erlebnis.

In dieser Geschichte in der Geschichte berichtet er von einer Fahrt zu den königlichen Minen. Das große Schiff mit 120 tapferen und fähigen Männern wird von einem Sturm erfasst und zerschmettert. Der Erzähler wird als Einziger von einer Welle an die Küste einer Insel getragen; alle anderen sterben. Drei Tage und Nächte bleibt er verzweifelt allein. Danach entdeckt er, dass auf der Insel alles Notwendige im Überfluss vorhanden ist, und bringt den Göttern ein Brandopfer dar.

Darauf erscheint der Herr der Insel: eine 30 Ellen lange Schlange mit einem Bart von mehr als zwei Ellen. Ihre Glieder sind mit Gold bedeckt, ihre Augenbrauen bestehen aus echtem Lapislazuli. Sie fragt, wer ihn auf die Insel gebracht habe, und droht ihm, ihn zu Asche zu machen. Obwohl er zunächst nicht antworten kann, tut sie ihm nichts, sondern bringt ihn in ihre Behausung. Er erklärt seine Lage, worauf die Schlange ihn beruhigt: Er befinde sich auf der Insel des Ka. Nach vier Monaten werde ein Schiff kommen und ihn nach Hause bringen.

Nun erzählt die Schlange ihre eigene Geschichte. Sie lebte mit ihren Brüdern und Kindern, insgesamt 75 Schlangen, sowie mit ihrer kleinen, ihr liebsten Tochter auf der Insel. Eines Tages fiel ein Stern auf die Insel und tötete alle in den Flammen. Die Schlange war zufällig abwesend und blieb nach ihrer Rückkehr allein zurück.

Die Schlange verspricht dem Schiffbrüchigen erneut die Heimkehr. Er kündigt an, dem König von ihrer Größe und Macht zu berichten und ihr Reichtümer zu schicken. Sie lacht ihn aus, denn sie besitze bereits alles; sie sei der Fürst von Punt. Außerdem werde die Insel versinken, sodass er nicht zurückkehren könne. Nach vier Monaten wird der Schiffbrüchige gerettet, die Insel versinkt tatsächlich, und er kehrt mit den Geschenken der Schlange zum Pharao zurück.

Am Ende spricht der Gefolgsmann dem Expeditionsleiter nochmals Mut zu: „Nun sieh mich, nachdem ich das Land erreicht habe, / nachdem ich sah, was ich erlebt hatte! / Höre du auf mein [Wort]! / Denn sieh, gut ist das Hören für den Menschen!“ Der Expeditionsleiter antwortet jedoch nur einmal in der gesamten Geschichte und beendet sie kryptisch: „Nimm dich nicht zu wichtig, Freund! / Wer gibt schon Wasser einem Vogel, / wenn der Tag anbricht, an dessen Morgen man ihn schlachtet“.

Aufbau und sprachliche Gestaltung

Ein zentrales Stilmittel ist die verschachtelte Struktur „Geschichte in der Geschichte in der Geschichte“: In der Rahmenerzählung erzählt der Gefolgsmann seine Inselerfahrung, und darin berichtet die Schlange wiederum von ihrem eigenen Schicksal. Diese Struktur gilt als typisches Motiv ägyptischer Märchen. Auch das kryptische Ende ist charakteristisch.

Die Geschichte verbindet eine Expedition in ein fremdes Land mit Gütern, die in Ägypten besonders geschätzt wurden. Die häufige Einleitung acha-n, ungefähr „Und dann“ oder „Daraufhin“, gilt als klassisches Merkmal der ägyptischen Literatur des Mittleren Reiches. Mehrere sprachliche und formale Besonderheiten, darunter die wortgetreue Wiederaufnahme von Passagen und die zwei- bis dreifache Wiederholung von Sätzen, werden außerdem mit vorderasiatischer, besonders ugaritischer Erzählliteratur in Verbindung gebracht.

Deutungen des Werkes

Wegen der schlechten Quellenlage mit nur einem überlieferten Textzeugen gibt es keine allgemein anerkannte Interpretation; die Deutungen sind teilweise gegensätzlich.

Hartwig Altenmüller versteht die Erzählung als politische Schrift der 12. Dynastie und als Aufruf zum Loyalismus. Die einsame, aber mächtige Schlange könne mit einem allein entscheidenden König verglichen werden. Sie hilft dem Schiffbrüchigen, wie ein König für loyale Untertanen sorgt. Als Gegenleistung erwartet sie keine materiellen Gaben, sondern die Verkündigung ihres „guten Namens“. Nach dieser Deutung wäre eine Datierung in die frühe 12. Dynastie, etwa in die Zeit von Sesostris I., wahrscheinlich.

Wolfgang Helck sieht ebenfalls einen politischen Charakter, deutet den Text aber als oppositionelle Schrift. Die Schlange, der Urgott, erweist dem Eindringling Gnade, während der König der Gegenwart seinem Gefolgsmann keine Menschlichkeit entgegenbringe. Die einmalige Überlieferung könne darauf hindeuten, dass der Text von einer unterlegenen politischen Partei stammte und nicht weiter tradiert wurde.

Dieter Kurth betrachtet das Werk hauptsächlich als Unterhaltungsliteratur. Der kunstvolle Aufbau und die skeptische Pointe hätten gebildete Leser und Hörer angesprochen, während die farbigen Abenteuer auch eine weniger anspruchsvolle Zuhörerschaft fesseln konnten. Gustave Lefebvre erinnert an die gefährlichen ägyptischen Fahrten im Roten Meer und sieht darin einen Erzählstoff, der märchenhaft ausgeschmückt wurde; dadurch rückt er das Werk in die Nähe der Odyssee und der Erzählung von Sindbad dem Seefahrer. Emma Brunner-Traut lehnt dagegen die Einordnung als abenteuerliches Seefahrermärchen ab und deutet die Erzählung als Werk mit eschatologischem Hintergrund und vergeistigter Gottesauffassung der Zeit um 2000 v. Chr.

Insel, Schlange und mögliche vorderasiatische Bezüge

Die Insel vereint real wirkende und mythische Merkmale. Ihre Schätze und die Bezeichnung der Schlange als Fürst von Punt erinnern an das sagenhafte Land Punt, das an der Küste zu Eritrea vermutet wird. Zugleich sprechen die Sprachfähigkeit der Schlange, der grenzenlose Überfluss und das Versinken der Insel im Meer für einen mythischen Ort. Die Bezeichnung als „Insel des Ka“ verstärkt diese Deutung. Da Punt erst unter Hatschepsut erneut bereist wurde, kann auch der Verweis auf Punt als Hinweis auf einen mythischen Ort verstanden werden.

Der Schiffbrüchige verkörpert Eigenschaften, die als ägyptische Ideale gelten: Heimatliebe, Wertschätzung der Familie, Furcht vor den Göttern und Opferbereitschaft. Dass er von seinem Herrscher empfangen und belohnt wird, soll diesen zur Gnade gegenüber dem Erzähler bewegen. Die Schlange wurde wegen ihrer Farbe mit Re identifiziert; die 75 Schlangen können als Formen des Re aus der Litanei des Re gelten, die kleine Tochter als Maat. Daneben sind eine astronomische Deutung und – in einer inzwischen weniger einflussreichen Interpretation – eine Deutung der Schlange als Schicksal möglich.

Andrea Maria Gnirs vermutet für mehrere ungewöhnliche Motive eine alte levantische Mythentradition. Dazu gehören die verschachtelte Textstruktur, Wiederholungen, die paradiesische Insel, die Schlange und ihre Schicksalsgeschichte. Als möglicher Vergleich gilt der ugaritische Baal-Zyklus, der vom Sieg Baals über den Meeresgott Jam handelt. Die Insel könnte den Wohnsitz eines schlangengestaltigen Meeresgottes darstellen; die Beschreibung des untergehenden, „sterbenden“ Schiffs könnte levantischem Seemannsjargon entstammen. Die 75 Schlangen lassen sich mit den 70 Söhnen der Athiratu im Baal-Zyklus oder mit den 77 beziehungsweise 88 Söhnen im hethitischen Mythos der Elkunirsa Aschertu verbinden. Das Motiv der jüngsten Tochter könnte auf Yams Beziehung zu Astarte beziehungsweise Athtartu anspielen.

Obwohl der Baal-Zyklus erst etwa 500 Jahre später niedergeschrieben wurde, könnten seine Stoffe früher tradiert worden sein. Daher ist eine Verbindung syrischer und ägyptischer Motive im Mittleren Reich beziehungsweise während der Mittleren Bronzezeit möglich. Dies könnte bedeuten, dass Frühformen westsemitischer Mythologie schon vor der Hyksos-Herrschaft nach Ägypten gelangten und dort literarisch aufgenommen wurden. Besonders im Neuen Reich fanden weitere Wettergott-Erzählungen aus Vorderasien und Anatolien Eingang in die ägyptische Literatur.

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