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Geschichte der Kinder- und Jugendheilkunde
Die Geschichte der Kinder- und Jugendheilkunde befasst sich mit der historischen Entwicklung des wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und medizinischen …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und frühe Spuren
Die Geschichte der Kinder- und Jugendheilkunde untersucht, wie sich der wissenschaftliche, gesellschaftliche und medizinische Umgang mit Kinderkrankheiten entwickelte. Dazu gehört auch, wie Wissen über die normale Entwicklung von Kindern historisch gewonnen und aufgearbeitet wurde. Das Fach ist bedeutsam, weil Kinder eigene Krankheiten haben und auf Krankheiten anders reagieren als Erwachsene.
Bereits aus der Steinzeit sind typische Erkrankungen des Kindesalters überliefert, darunter Rachitis und „Wasserkopf“ (Hydrocephalus, eine krankhafte Ansammlung von Flüssigkeit im Schädel). Hydrocephalus wurde schon durch Trepanation, also das Öffnen der Schädeldecke, behandelt; wie stark dabei Aberglaube wirkte, ist unklar. Die Haltung von Haustieren ermöglichte außerdem die Säuglingsernährung mit Tiermilch.
Kinderheilkunde im Altertum
Aus vielen Hochkulturen sind nur wenige Berichte über kinderheilkundliche Maßnahmen erhalten. Sie zeigen häufig den Einfluss von Magie und Dämonenglauben auf die Medizin. Im alten Ägypten belegen Skulpturen das Interesse an Säuglingspflege; der Papyrus Ebers nennt Heilmittel gegen verschiedene Störungen.
In brahmanischen Schriften aus Indien ab etwa 500 v. Chr. wird die Pflege Neugeborener detailliert beschrieben. Ein Arzt prüfte ihre Lebensfähigkeit; dies gilt vermutlich als erster geschichtlicher Hinweis auf eine perinatologische Untersuchung, also eine Untersuchung rund um die Geburt. Erwähnt werden unter anderem Schwindel, Migräne, Epilepsie, Wundstarrkrampf, Pocken, Cholera, Malaria, Hautkrankheiten und Darmparasiten. Dem legendären Arzt Jiwaka werden auch chirurgische Eingriffe bei Kindern zugeschrieben; er kann als erster „Kinderarzt“ gelten.
Von Hippokrates sind fast 200 kinderheilkundliche Bemerkungen überliefert, darunter genaue Beschreibungen von Fieberkrämpfen, Epilepsie und Mumps. Beim Mumps erwähnte er auch die Hodenentzündung als Komplikation bei Erwachsenen. Aristoteles beobachtete: „die meisten Säuglinge vor ihrem siebten Lebenstag sterben“. Soranus von Ephesus (98–117) behandelte in 23 Kapiteln seines gynäkologischen Hauptwerks unter anderem Hygiene Neugeborener, Säuglingsernährung, Abstillen und Säuglingskrankheiten. Deshalb kann er als Vater der Kinderheilkunde angesehen werden.
Mittelalter und Renaissance
Im Mittelalter widmete der persische Arzt Rhazes (865–923) mehrere Kapitel der Kinderheilkunde. Durch die lateinische Übersetzung wurden seine Erkenntnisse auch in Westeuropa bekannt. Er behandelte beispielsweise Erkrankungen der Kopfhaut, Wasserkopf, Schlafstörungen, Epilepsie, Ohrenschmerzen, Mundfäule, Erbrechen, Husten, Durchfall, Verstopfung, Wurmerkrankungen, Brüche, Blasensteine und Lähmungen. Außerdem beschrieb er Masern und Pocken differenziert. Avicenna (980–1037) schrieb über Neugeborenenpflege, Säuglingsernährung und Krankheiten des Kleinkindesalters wie Schnupfen, Harnzwang, Analprolaps und Intertrigo, eine entzündliche Hautveränderung in Hautfalten.
Mit dem wachsenden christlichen Einfluss entstanden Bemühungen gegen das Aussetzen von Kindern. Vermutlich 787 entstand in Mailand die erste Einrichtung für Findelkinder. Dort konnten Schwangere vor der Niederkunft aufgenommen werden; die Kinder wurden bis zum siebten Lebensjahr aufgezogen.
Der Buchdruck ermöglichte in der Renaissance zahlreiche medizinische Bücher zur Kinderheilkunde. Paulus Bagellardus veröffentlichte 1472 mit dem lateinischen Libellus De egritudinibus infantum et eorum remediis das erste gedruckte Buch zur Kinderheilkunde. 1473 folgte Bartholomäus Metlingers deutschsprachiges Ein Regiment der Jungen Kinder. Es unterscheidet das früheste Alter bis zum Erlernen von Gehen und Sprechen von der Kindheit bis zum siebten Jahr. Hieronymus Mercurialis veröffentlichte im 16. Jahrhundert De Morbis Puerorum Tractatus, ein bedeutendes pädiatrisches Lehrbuch mit Kenntnissen zu Sprachstörungen, sowie einen Band über Hygiene und Erziehung von Säuglingen.
Thomas Phaire veröffentlichte 1544 The boke of chyldren und gilt als Vater der englischen Kinderheilkunde. Hieronymus Reusner beschrieb 1582 in Pandora erstmals Fälle von Rachitis. Simon de Vallamberts französische Abhandlung von 1565 enthält mit dem Kapitel Über Purpurfieber möglicherweise die erste Beschreibung des Scharlachs. Felix Würtz stellte in seinem erst 1612 postum veröffentlichten „Kinderbüchlein“ extreme Formen des strammen Wickelns von Babys infrage.
Krankheitsbilder, Impfungen und Kindersterblichkeit
Das 17. Jahrhundert begann mit der Entdeckung des Blutkreislaufs und der Erfindung des Mikroskops. Damit wurden Physiologie und Embryologie wichtiger. Ärzte beschränkten sich nicht mehr auf die Beschreibung von Symptomen, sondern grenzten zunehmend eigenständige Krankheitsbilder voneinander ab.
Besonders bei ansteckenden Kinderkrankheiten wurden Fortschritte erreicht: Bei Diphtherie erkannte man den gemeinsamen Ursprung verschiedener Symptome und entwickelte mit der Tracheotomie, dem Luftröhrenschnitt, eine Behandlung. Scharlach, Röteln und Windpocken wurden erstmals von anderen Krankheitsbildern unterschieden. Auch Rachitis und die Pylorusstenose beim Säugling, eine Verengung am Magenausgang, wurden klinisch erkannt.
Edward Jenner entwickelte im ausgehenden 18. Jahrhundert die Pockenimpfung, zunächst von Arm zu Arm. Damit wurde ein Grundstein der vorbeugenden Medizin gelegt, von der Kinder besonders profitieren sollten. Dennoch blieb die Sterblichkeit von Kindern unter zwei Jahren mit etwa 40 % sehr hoch.
Pädiatrie als eigenständiges Fach
Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass Kinder nicht einfach kleine Erwachsene sind. Es entstanden Kinderstationen, Kinderhospize und -spitäler. Dies war ein Fortschritt, brachte aber auch Probleme: In Gemeinschaftssälen mit 30 bis 40 Betten konnten sich Infektionen ungehindert verbreiten, und Kinder wurden aus ihrer gewohnten Umgebung getrennt. Hygienische Überlegungen waren um die Jahrhundertwende noch nicht überall Teil des klinischen Alltags.
Aus der inneren Medizin entwickelte sich die Pädiatrie, damals auch Pädiatrik genannt, trotz Widerstands der etablierten Medizin zu einem eigenen Fach. Antoine Charles Ernest Barthez (1811–1891) und Frédéric Rilliet (1814–1861) veröffentlichten 1843 ein dreibändiges Werk über Kinderheilkunde. Franz von Rinecker eröffnete 1850 in Würzburg die erste, allerdings nur 17 Jahre eigenständige Universitäts-Kinderklinik und wurde „öffentlich-ordentlicher Professor der Kinderkrankheiten“. Carl Jakob Christian Adolf Gerhardt führte sie weiter. 1895 wurde Otto Heubner, Leiter der Kinderklinik der Charité, erneut zum ordentlichen Professor für Kinderheilkunde berufen; dadurch war das Fach in Deutschland auch akademisch etabliert. Sein Nachfolger Adalbert Czerny gründete dort eine internationale Pädiatrieschule.
In den Vereinigten Staaten war eine selbstständige Pädiatrie bereits in den 1860er Jahren entstanden; als Pioniere werden Abraham Jacobi und L. Emmett Holt genannt. 1911 fand in Berlin der dritte internationale Säuglingsschutzkongress statt.
Fortschritte und Verfolgung im 20. Jahrhundert
In Deutschland führten die antibiotische Therapie und weitere Impfungen zu einem erheblichen Aufschwung der Kinderheilkunde. Pasteurisierte Milch und Fortschritte der Diätetik drängten Ernährungsstörungen in den Hintergrund. Eine bessere Überwachung von Schwangeren und Gebärenden sowie verstärkte Sorge um Neugeborene senkten die Kindersterblichkeit zumindest in entwickelten Ländern weiter erheblich.
Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete zugleich eine schwere Verfolgung von Kinderärzten: 1933 waren 773 von 1.418 Pädiatern „Juden“ im Sinne der Nürnberger Gesetze. 794 Kinderärzte, also mehr als die Hälfte, wurden vertrieben, deportiert oder ermordet. Der Medizinhistoriker Eduard Seidler arbeitete seit den 1990er Jahren ihre Lebensläufe auf; mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin wurden diese Schicksale online zugänglich gemacht.
Der Artikel weist selbst darauf hin, dass wichtige Informationen zur weiteren Geschichte fehlen, insbesondere zur Zeit nach dem Ende der 1920er beziehungsweise Anfang der 1930er Jahre, zum Nationalsozialismus sowie zur Pädiatrie in Ost- und Westdeutschland und weltweit.