Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gemäßigter Regenwald
Die Abgrenzung zum tropischen Regenwald ist durch seine Lage in kühlgemäßigten Klimazonen gegeben. Gemäßigter Regenwald am Mount Hood, Oregon, USA …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Abgrenzung
Der gemäßigte Regenwald, auch temperater Regenwald genannt, ist ein Wald-Ökosystem der kühlgemäßigten Klimazonen. Er unterscheidet sich vom tropischen Regenwald vor allem durch seine Lage außerhalb der Tropen und durch das kühlere Klima. Entscheidend ist ein besonderer Wasserhaushalt: Das Klima ist ganzjährig humid, also feucht, und es fallen sehr große Niederschlagsmengen.
Während tropische Tiefland-Regenwälder mehr als 2000 mm Regen pro Jahr benötigen, reichen in den kühlen gemäßigten Breiten wegen der viel geringeren Verdunstung bereits 1000 mm aus. In Richtung der kaltgemäßigten Zone fällt ein großer Teil dieser Niederschläge als Schnee. Die mittleren jährlichen Niederschläge liegen meist zwischen 1000 und 2100 mm. Häufig kommt zusätzlich Nebel hinzu, der den Wald weiter feucht hält.
Klima und Entstehung
Die größten Niederschlagsmengen entstehen in den Westwindzonen oft als Steigungsregen an Gebirgshängen. Dabei treiben landeinwärts gerichtete Seewinde feuchtigkeitsgesättigte Luftmassen gegen hohe Küstengebirge. Die Luft muss aufsteigen, kühlt dabei ab, und es kommt zu starken Niederschlägen. Deshalb liegen nahezu alle temperaten Regenwälder an der Westabdachung hoher Küstengebirge.
In montanen Höhen, also in Gebirgslagen, liegt die Niederschlagssumme häufig über 4000 mm pro Jahr. Als Extrembeispiele nennt der Artikel den Hucuktlis Lake an der Westküste von Vancouver Island mit fast 7000 mm sowie den Cropp River im Westen der Südinsel Neuseelands mit über 11000 mm.
Das maritime Klima, also der Einfluss des Meeres, schwächt die jahreszeitlichen Klimaschwankungen ab. Die Winter sind dadurch milder und die Sommer kühler als im Landesinneren, wo das kontinentale Klima stärker wirkt. Die Jahresmitteltemperaturen liegen zwischen 5 und 11 °C. Damit entsprechen sie ungefähr der Temperaturspanne der Laub- und Mischwälder jenseits der Küstengebirge.
Große Verbreitungsgebiete
Gemäßigte Regenwälder können an Küsten aller Kontinente in den gemäßigten Breiten entstehen. Größere und landschaftsprägende Bestände gibt es in mehreren Weltregionen.
An der Südküste des Kaspischen Meeres liegt in Aserbaidschan und Iran der Hyrcanische Wald. In Georgien und der Türkei, besonders in Nord-Anatolien und der Kolchis-Region, wachsen artenreiche Wälder der regenreichen Küstengebirge. Dort dominieren Buchengewächse, vor allem die Orientalische Buche, außerdem Edelkastanie, Traubeneiche und weitere Arten. Unter ihnen bilden verschiedene immergrüne Straucharten ein zweites Stockwerk.
In Australien und Westtasmanien kommen gemäßigte Regenwälder im Bundesstaat Victoria und auf dem westlichen Teil Tasmaniens vor. Dort überwiegt Eukalyptus zusammen mit Monimiengewächsen und Scheinbuchen. In Neuseeland werden die gemäßigten Regenwälder von Scheinbuchen und Steineibengewächsen geprägt; typisch sind Baumfarne im Unterwuchs.
Besonders bekannt ist der temperate rainforest an der nordamerikanischen Pazifikküste zwischen Nord-Kalifornien, British Columbia und dem südöstlichen Alaska. Dort dominieren Nadelbäume, vor allem Fichten, der Riesen-Lebensbaum und in Kalifornien der Küstenmammutbaum, die höchste Baumart der Erde. Zu Nordamerika gehört außerdem eines der wenigen Vorkommen im Binnenland: ein kleines Gebiet im kanadischen Mount-Revelstoke-Nationalpark.
In Südamerika stehen gemäßigte Regenwälder vor allem an der chilenischen Pazifikküste. Dieser Valdivianische Regenwald besteht überwiegend aus Zypressengewächsen wie Chilezeder und Patagonischer Zypresse sowie aus Scheinbuchen.
Kleinere Vorkommen und Reste
Neben den großen Verbreitungsgebieten gibt es kleinere Wälder oder Restbestände an besonderen Standorten. Genannt werden die Hochebenen Brasiliens und die Iberische Halbinsel, wo Reste nur noch in Schluchten erhalten sind.
In Norwegen gibt es wenige Quadratkilometer in der Region Trøndelag als Reste des skandinavischen Küstennadelwaldes. In Ostasien gehen gemäßigte Regenwälder im Süden Koreas und Chinas teilweise in tropische Regenwälder über; im Süden Japans gibt es noch Restbestände ursprünglich ausgeprägter gemäßigter Regenwälder.
Weitere kleinere Vorkommen liegen an der Westküste Schottlands, wo der „Schottische Regenwald“ von Eichen geprägt ist, sowie an der Ostküste Südafrikas.
Ökologische Bedeutung
Der gemäßigte Regenwald ist das artenreichste Ökosystem in der gemäßigten Klimazone. Biodiversität bedeutet biologische Vielfalt, also die Vielfalt von Arten, Lebensräumen und Lebensformen. Besonders deutlich zeigt sie sich hier bei Insekten und Spinnentieren, sowohl in der Kronenschicht der Bäume als auch in den oberen Bodenhorizonten. Die Vielfalt der Pflanzenarten ist je nach Großregion unterschiedlich.
Durch das milde Klima und die ganzjährig hohe Feuchtigkeit ist die Biomasseproduktion hoch. Biomasse meint die Gesamtmenge lebender oder ehemals lebender organischer Substanz. Weil viel Pflanzenmaterial entsteht, fällt regelmäßig viel Streu an, also Laub, Nadeln, Zweige und andere abgestorbene Pflanzenteile. Bodentiere arbeiten diese Streu in den Mineralboden ein. Dadurch können im Mineralboden große Humusvorräte entstehen.
Mächtige organische Auflagen wie Rohhumus bilden sich dagegen kaum. Material, das nicht durch Tiere in den Mineralboden eingearbeitet wird, zum Beispiel Totholz, wird von Pilzen und Bakterien rasch zersetzt. Diese Organismen nennt man Destruenten, weil sie abgestorbene organische Substanz abbauen. Gleichzeitig führen die hohen Niederschläge zur Auswaschung sogenannter Basenkationen. Deshalb ist das Angebot an Nährstoffen wie Kalium, Magnesium und Calcium eher gering.
Wo noch großflächig zusammenhängende und von menschlichen Einflüssen weitgehend ungestörte Waldgebiete vorhanden sind, dienen sie oft als Rückzugsraum für Arten, die andernorts verdrängt wurden. In verschiedenen Regionen gibt es Arten, die speziell an den Lebensraum gemäßigter Regenwald angepasst sind. Ein bekanntes Beispiel ist der nordamerikanische Fleckenkauz, englisch Spotted Owl, Strix occidentalis. Naturschützer machten ihn in den 1990er Jahren zum Symbol des Kampfes um den Schutz der letzten großflächigen Gebiete des temperate rainforest an der Nordwest-Küste.
Bedrohung und Schutz
In vielen Gebieten ist der gemäßigte Regenwald durch Forstwirtschaft bedroht. In großflächigen Urwäldern stehen oft besonders große Exemplare gefragter und damit wertvoller Baumarten. Ihre Nutzung kann stark in das Ökosystem eingreifen.
Besonders in Nordamerika ist Kahlschlag eine übliche Nutzungsform. Dabei wird der Baumbestand auf einer Fläche vollständig entfernt, wodurch das gesamte Ökosystem zerstört wird. Selbst wenn anschließend vorschriftsmäßig und erfolgreich wieder aufgeforstet wird, ist auf den nährstoffarmen Böden nur eine wenig wirtschaftliche Nutzung möglich. Trotz höherer Kosten geht man deshalb vielerorts zur Entnahme einzelner Stämme über, oft mit Hubschraubern. Dadurch soll der Gesamtbestand möglichst geschont werden.
Mitte der 1990er Jahre wurden im Nordwesten des nordamerikanischen Kontinents große Vorkommen des gemäßigten Regenwaldes unter Naturschutz gestellt. Für andere Gebiete wurden Nutzungseinschränkungen eingeführt. Dennoch bleiben weiterhin Flächen für die Nutzung per Kahlschlag offen.
In Tasmanien bedrohte intensiver Kupfererzabbau im nordwestlichen Teil der Insel den Wald. Besonders um Queenstown entstanden baum- und pflanzenlose Landschaften. Aufforstungsprogramme begannen dort schon vor 80 Jahren und zeigen heute erste Erfolge. Trotzdem sind noch immer weiträumige Gebiete kahl.