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Handlungsorientierung (Fremdsprachenunterricht)

Handlungsorientierung (Fremdsprachenunterricht) · eine Beziehung zum Gesprächspartner herstellen · Ideen, Emotionen, Erfahrungen, Kenntnisse, Wünsche usw.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Ziel
  2. 2. Kommunikation und Sprachform
  3. 3. Öffnung des Unterrichts
  4. 4. Lernen als Konstruktion
  5. 5. Aufgabenarten
  6. 6. Methodenbeispiel Lernen durch Lehren

Grundidee und Ziel

Handlungsorientierter Fremdsprachenunterricht ist eine Sonderform des handlungsorientierten Unterrichts. Er soll Schüler dazu befähigen, in der Fremdsprache zu kommunizieren und damit konkrete Ziele zu verfolgen. Dazu gehören: eine Beziehung zum Gesprächspartner herstellen, Ideen, Emotionen, Erfahrungen, Kenntnisse und Wünsche übermitteln, persönlich relevante Inhalte „verhandeln“ und bestimmte Handlungsreaktionen beim Kommunikationspartner auslösen.

Der Begriff lässt sich unter zwei Aspekten verstehen. Unter dem Zielaspekt bedeutet Handlungsorientierung, dass Schüler fremdsprachliche Handlungskompetenz entwickeln sollen. Diese Handlungskompetenz soll zuerst für die schulische Lebenswelt wichtig sein, darüber hinaus aber auch für die außer- und nachschulische Lebenswelt. Unter dem Methodenaspekt bedeutet Handlungsorientierung ein aufgabenorientiertes, „task-based“ learning through interaction: Die Schüler arbeiten in authentischen Situationen oder an authentisch wirkenden Aufgaben und kommunizieren dabei mündlich oder schriftlich inhaltlich engagiert.

Methodisch steht learning by doing im Mittelpunkt, im Fremdsprachenunterricht genauer: learning by communicating. Schüler arbeiten mit einem Partner oder in einer Gruppe an Aufgaben und verwenden die Fremdsprache dabei als Mittel zum Handeln.

Kommunikation und Sprachform

Handlungsorientierter Fremdsprachenunterricht misst in handlungsorientierten Phasen dem kommunikativen Erfolg mehr Bedeutung bei als der formalen Korrektheit. Das unterscheidet ihn von formalen Übungs- und Testsituationen. Trotzdem werden sprachlich-formale Teilkompetenzen nicht unwichtig: Sprachliche Handlungsfähigkeit setzt auch Kenntnisse über sprachliche Formen voraus.

Im Gegensatz zu traditionelleren, linearen Unterrichtskonzepten soll nicht erst nach einer Übungsphase eine Kommunikations- oder Transferphase folgen. Die dargestellte Konzeption bewertet von Beginn des Unterrichts an zwei Komponenten als gleichrangig: Handlungskompetenz und sprachlich-formale Teilkompetenzen.

Die Entwicklung sprachlicher Handlungskompetenz wird besonders durch wenig vorstrukturierte Lernsituationen und Lernmaterialien gefördert. Solche Materialien regen zur inhaltlichen und sprachlichen Auseinandersetzung an. Genannt werden zum Beispiel Fotos, Graphiken, Kurzgeschichten, Nachrichten, Werbespots und Werbetexte, Leserbriefe sowie Texte aus dem Internet. Sie sollen Freiräume bieten, damit Schüler mit vertrauten und neuen sprachlichen Formen umgehen können. Geeignete Arbeitsformen sind unter anderem Partnerarbeit, Gruppenarbeit, Spiele und Stillarbeit. Auch ganze Unterrichtseinheiten wie Frei- oder Wochenplanarbeit und Projektunterricht oder sogar der gesamte Unterricht, etwa beim Lernen durch Lehren, können handlungsorientiert strukturiert werden.

Öffnung des Unterrichts

Damit lebensnahe Kommunikations- und Lernprozesse möglich werden, muss der Fremdsprachenunterricht geöffnet werden. Diese Offenheit entsteht in der Schule nicht automatisch, sondern muss geplant und aktiv angestrebt werden. Zugleich schließt Offenheit eine gezielte Unterrichtsplanung nicht aus.

Die Öffnung geschieht auf zwei Ebenen. Die erste Ebene ist die inhaltliche und institutionelle Öffnung. Der Unterricht soll den Schülern ermöglichen, ihre Schul- und Klassensituation als offene Lebenswelt zu erleben und durch das Medium der fremden Sprache neu zu erfahren. Bedeutsame Textinhalte sollen prinzipiell offen sein, sodass individuelle Erfahrungen und Äußerungen möglich werden, die der Lehrer nicht vollständig vorplanen kann. Außerdem soll der Unterricht möglichst oft über die Grenzen des eigenen Faches hinausgehen, etwa durch Projektarbeit, fächerübergreifenden Unterricht oder bilingualen Sachfachunterricht. Auch die Grenzen des Klassenzimmers und der Schule sollen überschritten werden, zum Beispiel durch außerschulisches Handeln.

Die zweite Ebene ist die curriculare und methodische Öffnung. Der Unterricht fördert Schülerinitiativen und Eigenverantwortung, zum Beispiel bei der Wahl zielorientierter Aktivitäten, bei der Arbeits- und Zeiteinteilung und bis hin zur Aufstellung von Wochenplänen. Wichtig ist auch der Zugriff auf authentische Materialien und auf andere Ressourcen, darunter technologische Ressourcen.

Eine strikte Steuerung fremdsprachlicher Lernprozesse würde nach dem Artikel zu starren Lehrplänen und Lehrwerken führen. Lerninhalte würden dann linear geplant, Lern- und Übungssituationen vollständig vorweg arrangiert und individuelle Lernwege eingeebnet. Ein solcher Unterricht lässt Kommunikationschancen ungenutzt und berücksichtigt zu wenig die natürlichen Sprachlernvoraussetzungen und Spracherwerbsstrategien von Kindern. Handlungsorientiert zu unterrichten bedeutet daher nicht nur, Handlungssituationen und Kommunikationsanlässe zu schaffen, sondern auch die Kommunikations- und Lernstrategien der Schüler zu fördern.

Lernen als Konstruktion

Der Artikel beschreibt eine Hinwendung von einer naiven „instruktivistischen“ zu einer „konstruktivistischen“ Position. Instruktivismus meint hier eine Vorstellung von Unterricht, bei der Lernen stark durch direkte Anleitung und Steuerung geprägt ist. Konstruktivismus betont dagegen, dass Lernende Wissen durch eigene Tätigkeit aufbauen.

Dadurch verändert sich die Rolle der Unterrichtenden. Sie werden stärker als classroom managers und learning facilitators verstanden, also als Personen, die Lernumgebungen organisieren und Hilfen für die Wissenskonstruktion anbieten. Unterricht wird dadurch nicht überflüssig, aber seine Funktion wird anders gesehen. Auch wenn Lehrer weiterhin häufig die Auseinandersetzung mit sprachlichem Material anstoßen und vielfältige Hilfestellungen geben, sind die Tätigkeiten der Schüler entscheidend: rezeptive Tätigkeiten wie Hör- und Leseverstehen, produktive Tätigkeiten wie Sprechen und Schreiben sowie interaktive Tätigkeiten im Austausch mit anderen.

Für den Fremdsprachenunterricht werden mehrere besondere Ziele genannt: der Aufbau eines intuitiven Sprachgefühls auf der Grundlage eigenaktiver Lernprozesse, die Förderung von focal attention, also der Aufmerksamkeitslenkung auf bestimmte Formen und Regelmäßigkeiten, die Förderung von Sprachbewusstheit beziehungsweise language awareness und die Entwicklung individueller Lernstrategien. Besonders die rezeptiven Aktivitäten des Hör- und Leseverstehens wurden in den letzten Jahren deutlich aufgewertet.

Aufgabenarten

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen, kurz GER, beschreibt hauptsächlich zwei Arten von Tasks, also Aufgaben: realitätsbezogene kommunikative Aufgaben und didaktische kommunikative Aufgaben.

Realitätsbezogene kommunikative Aufgaben werden auch Zielaufgaben oder „Probeaufgaben“ genannt, vom Englischen „rehearsal tasks“. Sie werden laut GER „auf der Basis der Bedürfnisse, die Lernende außerhalb des Klassenzimmers haben, ausgewählt“. Lernende üben also Aufgaben, die sie in der Zukunft möglicherweise außerhalb der Schule bewältigen müssen. Sie lernen in diesem Sinn „fürs Leben“.

Didaktische Aufgaben stehen nach dem GER „nur in indirektem Zusammenhang mit 'realen' Aufgaben und Lernerbedürfnissen und zielen auf die Entwicklung einer kommunikativen Kompetenz“. Sie bereiten nicht direkt auf eine bestimmte Alltagshandlung vor, sondern sollen vor allem sprachliche Kompetenzen aufbauen. Als Beispiel nennt der Artikel das Lesen eines Rezepts: Im Unterricht kann ein Rezept gelesen werden, um Lesekompetenz zu entwickeln. Im richtigen Leben würde man ein Rezept dagegen lesen, um Kochideen zu finden oder das Rezept umzusetzen.

Einige Didaktiker, zum Beispiel Ollivier und Puren 2011, sehen Grenzen dieser Aufgabenarten und empfehlen zusätzlich Real-Life-Aufgaben. Dabei werden Lernende in echte Kommunikationsprozesse einbezogen, die über die Lerngruppe hinausgehen. Sie sollen lernen, in verschiedenen sozialen Beziehungen mit unterschiedlichen Personen angemessen zu handeln. Das Web 2.0 bietet dafür viele Möglichkeiten, weil Lernende dort nicht nur für Lehrende schreiben, sondern für andere Internetnutzer, die oft auf Beiträge antworten.

Methodenbeispiel Lernen durch Lehren

Handlungsorientierung kann in verschiedenen Methoden umgesetzt werden, unter anderem in Projektunterricht, Freiarbeit, Stationenlernen und Lernen durch Lehren. Ausführlicher beschreibt der Artikel die Methode Lernen durch Lehren, abgekürzt LdL.

LdL hat sich seit 1980 in allen Schultypen und allen Fächern etabliert, besonders im Fremdsprachenunterricht. Die Methode strebt eine Vertiefung und Intensivierung des Lernprozesses an, indem Schüler Lehrfunktionen übernehmen. Im Handbuch des Französischunterrichts von A. Nieweler wird sie als „eine radikale Form der Schüler- und Handlungsorientierung“ bezeichnet.

Durch die Übertragung von Lehrfunktionen auf Schüler werden mehrere Ziele der Handlungsorientierung besonders stark angesprochen. Die Lernenden stellen Beziehungen zu Gesprächspartnern her, weil ihre Interaktionen auf Lerngewinn zielen. Sie übermitteln Ideen, Emotionen, Erfahrungen, Kenntnisse und Wünsche. Sie „verhandeln“ persönlich relevante Inhalte, weil ihre Interaktionen darauf gerichtet sind, die Lebenschancen der Partner durch relevante Kompetenzen und Wissensbausteine zu erhöhen. Außerdem lösen sie Handlungsreaktionen beim Kommunikationspartner aus, weil es um den gemeinsamen Aufbau und Ausbau von Wissen geht.

Der Artikel betont zugleich eine Grenze: LdL kann als eigenständige Methode sehr erfolgreich sein. Bei nur punktuellem und unsystematischem Einsatz ohne vorherige Trainingsphasen mit der Klasse kann sie ihr volles Potenzial jedoch kaum entfalten.

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