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Frauenwahlrecht im Vereinigten Königreich

Dieses Gesetz war das erste, das tatsächlich alle Männer in das politische System integrierte und mit der Einbindung der Frauen begann. 5,6 Millionen Männer …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und rechtlicher Ausgangspunkt
  2. 2. Von örtlichen Vereinen zur nationalen Bewegung
  3. 3. Suffragetten, Militanz und politische Auseinandersetzung
  4. 4. Erster Weltkrieg und das Teilwahlrecht von 1918
  5. 5. Gleichstellung 1928 und zentrale Akteurinnen

Bedeutung und rechtlicher Ausgangspunkt

Die britische Frauenwahlrechtsbewegung war Teil der Ersten Welle der Frauenbewegung. Ihr Ziel war, Frauen das Wahlrecht bei Parlamentswahlen zu geben. Sie entwickelte sich im Viktorianischen Zeitalter zu einer landesweiten Bewegung und erreichte ihr Ziel in zwei Schritten: 1918 erhielt ein Teil der Frauen das Wahlrecht, 1928 wurden Frauen und Männer wahlrechtlich gleichgestellt.

Vor 1832 waren Frauen nicht ausdrücklich von Parlamentswahlen ausgeschlossen. Einzelne Frauen konnten wegen ihres Eigentums wählen, doch dies kam selten vor. Der Great Reform Act von 1832 bestimmte „männliche Personen“ als Wähler und bestätigte damit den Ausschluss von Frauen; der Municipal Corporations Act von 1835 regelte ihn ebenfalls gesetzlich.

Auf kommunaler Ebene wurden Frauen früher beteiligt. Der Municipal Franchise Act von 1869 gab alleinstehenden, Steuern zahlenden Frauen das Wahlrecht bei Gemeindewahlen. Der Local Government Act 1894 bestätigte dieses Recht und weitete es auf bestimmte verheiratete Frauen aus. Um 1900 waren in England mehr als eine Million alleinstehende Frauen für Kommunalwahlen registriert.

Zu den frühen Befürwortern gehörte der Abgeordnete Henry Hunt, der nach 1832 ein Wahlrecht für alleinstehende, Steuern zahlende Frauen mit ausreichendem Besitz verlangte. Auch unter den Chartisten, einer Reformbewegung seit den späten 1830er Jahren, gab es vermutlich Unterstützung. Die Bewegung konzentrierte sich jedoch hauptsächlich auf das Männerwahlrecht. Der Philosoph und Abgeordnete John Stuart Mill setzte sich ab 1865 im Parlament offen für das Frauenwahlrecht ein.

Ein bekanntes Beispiel war Lilly Maxwell: Die Ladenbesitzerin erfüllte 1867 die sonst für Männer geltende Besitzqualifikation und war irrtümlich ins Wählerverzeichnis aufgenommen worden. Sie stimmte bei einer Nachwahl ab, doch der Court of Common Pleas erklärte ihre Stimmabgabe später für ungesetzlich. Der Fall verschaffte der Frauenwahlrechtsbewegung große öffentliche Aufmerksamkeit.

Von örtlichen Vereinen zur nationalen Bewegung

1865 entstand mit der Kensington Society eine frühe Diskussionsgesellschaft von Frauen. Im selben Jahr gründete Barbara Bodichon das erste Women’s Suffrage Committee und sammelte innerhalb von zwei Wochen 1.500 Unterschriften für das Frauenwahlrecht. Im Februar 1867 folgte die Manchester Society for Women’s Suffrage. Ihre Sekretärin Lydia Becker wandte sich an Premierminister Benjamin Disraeli und an die Presse und organisierte weitere Petitionen.

Meinungsverschiedenheiten über Parteibindungen und Vorgehensweisen führten früh zu Spaltungen. Konservative Mitglieder wollten langsam vorgehen, während liberale Mitglieder eine Abschwächung ihrer Forderungen ablehnten. Helen Taylor gründete daraufhin die London National Society for Women’s Suffrage, die eng mit Gruppen in Manchester und Edinburgh zusammenarbeitete. In Irland entstand 1874 die Dublin Women’s Suffrage Association, die sich neben dem Wahlrecht auch für die Stellung von Frauen in der Kommunalverwaltung einsetzte.

Politische Frauenorganisationen vermittelten ihren Mitgliedern praktische Erfahrungen und förderten politische Bildung. Die 1883 gegründete konservative Primrose League ließ Frauen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mitwirken und politische Aufgaben übernehmen, verfolgte das Frauenwahlrecht aber nicht als eigenes Ziel. Liberale Frauengesellschaften unterstützten das Wahlrecht stärker, besonders unter der Women’s Liberal Federation. Obwohl es in der nach 1905 regierenden Liberalen Partei bedeutende Unterstützung gab, blockierten führende Politiker wie H. H. Asquith parlamentarische Fortschritte.

1868 versuchte die National Society for Women’s Suffrage, örtliche Gruppen zu vereinen, wurde jedoch durch Spaltungen geschwächt. Entscheidend war deshalb die 1897 unter Millicent Fawcett gegründete National Union of Women’s Suffrage Societies (NUWSS). Sie führte kleinere Organisationen zusammen und setzte mit friedlichen, gesetzmäßigen Mitteln Abgeordnete unter Druck. Solche gemäßigten Aktivistinnen wurden als Suffragistinnen bezeichnet. Auch Männer unterstützten die Forderung, etwa in der 1907 gegründeten Men’s League for Women’s Suffrage und der 1910 gegründeten Men’s Political Union for Women’s Enfranchisement.

Suffragetten, Militanz und politische Auseinandersetzung

Die 1903 von Emmeline Pankhurst und ihren Töchtern Christabel und Sylvia geführte Women’s Social and Political Union (WSPU) setzte stärker auf direkte und öffentlichkeitswirksame Aktionen. Ihre Aktivistinnen wurden als Suffragetten bezeichnet. Große Demonstrationen und Paraden mobilisierten die Bewegung, doch die Weigerung der liberalen Regierung, trotz einer unterstützenden Mehrheit im Parlament eine Abstimmung zuzulassen, führte zur Eskalation.

Zu den Methoden der WSPU gehörten das Niederbrüllen von Rednern, ziviler Ungehorsam, Hungerstreiks, Steinewerfen, das Einschlagen von Fenstern sowie Brandstiftung an unbenutzten Kirchen und Landhäusern. In der Zeittafel werden drei Phasen der Militanz genannt: 1905 ziviler Ungehorsam, 1908 Zerstörung öffentlichen Eigentums und 1913 Brandstiftung beziehungsweise Bombenlegen. Am 5. Juli 1909 begann Marion Wallace Dunlop den ersten Hungerstreik und wurde nach 91 Stunden entlassen. Ab September 1909 wurden hungerstreikende Gefangene zwangsernährt.

Der Prisoners’ Temporary Discharge for Ill Health Act 1913, bekannt als Cat and Mouse Act oder „Katz-und-Maus-Gesetz“, erlaubte die vorübergehende Freilassung gesundheitlich geschwächter Hungerstreikender und ihre erneute Inhaftierung nach der Erholung. Damit sollte verhindert werden, dass inhaftierte Suffragetten zu Märtyrerinnen wurden. Tatsächlich verstärkte das Vorgehen die öffentliche Aufmerksamkeit. Am 4. Juni 1913 lief Emily Davison beim Epsom Derby vor das Pferd des Königs und wurde tödlich verletzt. Am 13. März 1914 beschädigte Mary Richardson in der National Gallery Velázquez’ Rokeby Venus, um gegen die Behandlung Emmeline Pankhursts zu protestieren.

Die historische Bewertung der Militanz ist umstritten. Sie belebte nach verbreiteter Forschungsmeinung zunächst die Kampagne. Historiker wie Martin Pugh und Whitfield bewerten besonders die Eskalation nach 1912 jedoch als kontraproduktiv beziehungsweise als Rückschlag für die Wahlrechtsreform. Neuere Darstellungen schreiben der WSPU daher nicht allein den Erfolg zu, sondern betrachten sie auch als frühe Form eines radikalen Feminismus. Die friedlich arbeitende NUWSS blieb dagegen auf die konkrete Einführung des Frauenwahlrechts konzentriert.

Erster Weltkrieg und das Teilwahlrecht von 1918

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 4. August 1914 kamen die Wahlrechtskampagnen weitgehend zum Stillstand. Die WSPU beendete ihre militanten Aktivitäten sofort. Die NUWSS setzte ihre friedliche Lobbyarbeit in begrenztem Umfang fort. Im Verlauf des Krieges übernahmen Frauen wegen des Mangels an arbeitsfähigen Männern viele zuvor männlich besetzte Aufgaben. Besonders stark nahm ihre Beschäftigung in der für den Krieg wichtigen Munitionsproduktion zu. Dies führte zu einer neuen Einschätzung weiblicher Fähigkeiten; zugleich ließ die Ablehnung nach, die durch militante Aktionen entstanden war.

Das bestehende Männerwahlrecht beruhte auf alten beruflichen und besitzbezogenen Voraussetzungen, die durch Krieg und Militärdienst zunehmend unhaltbar wurden. 1916 einigten sich Frauenwahlrechtsverbände trotz ihrer Unterschiede darauf, dass jede allgemeine Erweiterung des Wahlrechts auch Frauen berücksichtigen müsse. Arthur Henderson von der Labour Party verlangte das allgemeine Wahlrecht mit einer Altersgrenze von 21 Jahren für Männer und 25 Jahren für Frauen.

Eine parteiübergreifende Speakers Conference aus Mitgliedern beider Parlamentshäuser behandelte die Reform ab Oktober 1916. Mit 15 zu 6 Stimmen unterstützte sie das Wahlrecht für einen Teil der Frauen; mit 12 zu 10 Stimmen billigte sie eine höhere Altersgrenze für Frauen. Führende Aktivistinnen akzeptierten die Grenze von 30 Jahren, um wenigstens die Mehrheit der Frauen einzubeziehen. Ende 1916 wurde der Gegner des Frauenwahlrechts H. H. Asquith als Premierminister durch David Lloyd George ersetzt, der das Frauenwahlrecht seit Langem befürwortete.

Der Representation of the People Act 1918 gab allen Männern das Wahlrecht und ließ Frauen über 30 Jahren wählen, wenn sie einen Haushalt führten, Ehefrauen eines Haushaltsinhabers waren, Eigentum mit einem Jahreseinkommen von fünf Pfund besaßen oder einen Abschluss einer britischen Universität hatten. Dadurch erhielten zusätzlich 5,6 Millionen Männer und ungefähr 8,4 Millionen Frauen das Wahlrecht. Es handelte sich noch nicht um Gleichberechtigung, weil für Frauen eine höhere Altersgrenze und zusätzliche Voraussetzungen galten.

Am 21. November 1918 folgte der Parliament (Qualification of Women) Act 1918. Er erlaubte Frauen ab 21 Jahren, als Abgeordnete ins Unterhaus gewählt zu werden.

Gleichstellung 1928 und zentrale Akteurinnen

1928 galt die politische Beteiligung von Frauen weithin als erfolgreich. Unter einer konservativen Regierung verabschiedete das Parlament den Representation of the People (Equal Franchise) Act 1928. Er weitete das Wahlrecht auf alle Frauen über 21 Jahre aus und stellte sie damit Männern zu gleichen Bedingungen gleich. Ein konservativer Gegner warnte dennoch, das Gesetz könne seine Partei in den folgenden Jahren spalten.

Millicent Fawcett prägte den gemäßigten Flügel. Als Präsidentin der NUWSS setzte sie auf friedliche Aufklärung, Zusammenarbeit und politische Unabhängigkeit von den Parteien. Zwischen 1910 und 1912 unterstützte sie einen Gesetzentwurf, der alleinstehenden und verwitweten weiblichen Haushaltsvorständen das Wahlrecht geben sollte. Während des Ersten Weltkriegs unterstützte sie Großbritannien und argumentierte, Frauen müssten wegen ihrer Bedeutung für die Gesellschaft auch Grundrechte wie das Wahlrecht erhalten.

Emmeline Pankhurst sowie ihre Töchter Christabel und Sylvia prägten dagegen die WSPU und ihre direkten Aktionen. Emmeline erzeugte große öffentliche Aufmerksamkeit für die Bewegung. Barbara Bodichon und Emily Davies verbanden die Wahlrechtsforderung mit weiteren Frauenrechten, besonders dem Zugang zu Bildung und Ausbildung. Mary Gawthorpe gab ihren Beruf als Lehrerin auf, wurde nach Zwischenrufen gegen Winston Churchill verhaftet und arbeitete später in den Vereinigten Staaten in der Gewerkschaftsbewegung.

An die Bewegung erinnern unter anderem das 1930 errichtete Emmeline and Christabel Pankhurst Memorial in London, das zunächst nur Emmeline gewidmet war und 1958 um eine Gedenktafel für Christabel ergänzt wurde. Zum 100. Jahrestag der Gewährung des Frauenwahlrechts wurde 2018 am Parliament Square in London eine Statue von Millicent Fawcett aufgestellt.

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