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Französische Romantik

Französische Romantik bezeichnet die romantische Epoche in der französischen Literatur und Kunst von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis in die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Einordnung
  2. 2. Voraussetzungen nach Revolution und Napoleon
  3. 3. Frühromantik und wichtige Impulsgeber
  4. 4. Durchbruch und zweite Generation
  5. 5. Typische Werke und Motive
  6. 6. Künste und Übergang zum Realismus

Kernidee und Einordnung

Französische Romantik bezeichnet die romantische Epoche in der französischen Literatur und Kunst von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zeitlich wird sie etwa zwischen 1750 und 1850 eingeordnet. Sie ist nicht nur eine literarische Bewegung, sondern auch Weltanschauung, Epoche, Schule und Stil und umfasst alle Gattungen und Künste.

Romantik bedeutet hier eine Hinwendung zu Sensibilität, Natur, Gefühl, Phantastischem, Traum, Unbewusstem, Sublimem, Vergangenheit und Exotischem. Sie will viele Seiten der menschlichen Natur einbeziehen. Dabei richtet sie sich gegen die Ausgrenzung der Subjektivität durch die Aufklärung, gegen die strengen Regeln der Klassik und gegen eine Sichtweise, in der das Individuum durch die Revolution relativiert wird.

Die heutige Bedeutung von „romantisch“ unterscheidet sich deutlich von der damaligen. Ursprünglich verband man damit unter anderem mittelalterliche, christliche und später auch germanische, volkstümliche und moderne Vorstellungen. Der französische Begriff romantique setzte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Anregung von Madame de Staël gegen den älteren Begriff romanesque durch. In Frankreich konnte sich die Romantik später durchsetzen als in Nachbarländern.

Voraussetzungen nach Revolution und Napoleon

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trat in Frankreich eine neue literarische Generation hervor, die eine Erneuerung der Literatur forderte. Die Französische Revolution hatte die Stellung des Individuums in der Gesellschaft erschüttert. Die bisherige politische und religiöse Ordnung war zerstört, und Revolution sowie Terreur hatten traumatische Spuren hinterlassen. Die Befreiung vom Ancien Régime bedeutete für den Einzelnen zugleich Freiheit, aber auch Isolation und Verzweiflung.

Traditionelle Instanzen wie die Kirche verloren an Einfluss. Schriftsteller sahen deshalb zunehmend die Aufgabe, eine Literatur zu schaffen, die zur nachrevolutionären Gesellschaft passte und mit den weiterhin mächtigen Regeln der Klassik brach. Schon in der Aufklärung hatte sich eine neue sensibilité entwickelt, also eine stärkere Betonung von Empfindsamkeit. Besonders Jean-Jacques Rousseau gab der Zeit wichtige Impulse: durch seine Naturschwärmerei, seine Neigung, Vernunft durch Gefühl zu ersetzen, und seine poetische Sprache.

Unter Napoleon waren die Möglichkeiten künstlerischer Entfaltung begrenzt. Napoleon erkannte die didaktisch-moralisierende Wirkung von Literatur und machte Schriften der Aufklärung für Revolution und Unruhen verantwortlich. Deshalb überwachte er das künstlerische Schaffen des Empire und unterdrückte oppositionelle Meinungen durch Zensur. Seine Kulturpolitik zielte auf eine Renaissance der Klassik: Gefördert wurde Literatur, die alte Themen und Formen fortschrieb und die Gegenwart ausblendete.

Frühromantik und wichtige Impulsgeber

In der Frühromantik standen besonders François-René de Chateaubriand und Anne Louise Germaine de Staël im Vordergrund. Beide hatten die Herrschaft Napoleons zunächst begrüßt, gerieten später aber in Gegensatz zu ihm. Chateaubriand war eher konservativ-aristokratisch gesinnt, Madame de Staël vertrat eine liberale Auffassung.

Madame de Staël veröffentlichte 1800 De la littérature. Darin entwickelte sie die Idee, dass Literatur nur im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen und moralischen Zustand eines Volkes verstanden werden könne. Politische Institutionen, Gesetze, Religionen, Wertmaßstäbe, geographische Lage und Klima beeinflussten demnach die Literatur. Gegen die damals verbreitete frankozentrische Sicht stellte sie die französische Literatur als nur eine unter mehreren Literaturen dar. Den Literaturen des Nordens, besonders der englischen und deutschen, schrieb sie Vorrang zu, weil sie melancholisch, verträumt, philosophisch und freiheitlich seien. In De l’Allemagne, das 1810 erschien und sofort verboten wurde, schilderte sie ihre Deutschlandeindrücke und begeisterte viele junge Franzosen für die deutsche Romantik.

Chateaubriands Bedeutung liegt vor allem in poetologischen Ideen und in neuartigen Naturbeschreibungen. Er erkannte die Bedeutung der Revolution an, sah in ihr aber zugleich eine Zerstörung der christlichen Tradition. In Le génie du christianisme von 1802 verteidigte er das Christentum nicht vor allem durch seinen göttlichen Ursprung, sondern durch die Schönheit und Attraktivität seiner Lehre. Religion könne das innere Gleichgewicht des Menschen bewahren und Ordnung stiften. Die Novellen René und Atala sollten ursprünglich diese Thesen veranschaulichen und wurden später einzeln veröffentlicht. Sie waren sehr erfolgreich und trugen nach Darstellung des Artikels zur Rechristianisierung bei.

Durchbruch und zweite Generation

Nach Napoleons Abdankung entstand während vorübergehender Meinungsfreiheit wieder eine öffentliche literarische Debatte. Dabei standen sich die ideologischen Fronten der „les deux Frances“ gegenüber: auf der einen Seite die Ultras, also Royalisten oder Legitimisten, die eine Rückkehr des Ancien Régime wünschten; auf der anderen Seite Liberale wie Stendhal und Prosper Mérimée, die eine konstitutionelle Monarchie bevorzugten. Zunächst forderten ausgerechnet konservative Royalisten eine Abkehr von der Klassik, während viele Klassiker zu den Liberalen gehörten. Nach dem Machtantritt Charles X. 1824 veränderte sich dies, und Romantiker vereinigten sich zunehmend in liberal gesinnten cénacles, also literarischen Kreisen.

1820 veröffentlichte Alphonse de Lamartine mit großem Erfolg die romantische Gedichtsammlung Méditations. Victor Hugo setzte den Erfolg 1822 mit Odes fort. Die Académie française griff die Romantiker jedoch scharf an und bezeichnete sie als „Barbaren“ und „Sekte“. Der daraus entstehende literarische Streit wurde als bataille romantique bekannt und wurde besonders um das Theater geführt.

Stendhal kritisierte 1823 und 1825 in Racine et Shakespeare das klassische Theater als falsch, steif, unnatürlich und langweilig. Er forderte ein romantisches Drama in Prosa, das die klassischen Regeln der drei Einheiten bricht und zeitgenössische Konflikte darstellen kann. Victor Hugos Vorwort zu Cromwell von 1827 wurde zu einem Manifest der Romantik. Er forderte ein modernes Drama und eine mélange des genres, also eine Mischung von Epos, Drama und Lyrik. Alle Seiten der menschlichen Natur sollten vorkommen: das Schöne und Hässliche, das Sublime und Groteske. Den Höhepunkt des Streits bildete die bataille d’Hernani bei der Aufführung von Hugos Hernani, bei der seine Anhänger im Publikum lautstark gegen die Gegner auftraten und schließlich einen großen Erfolg errangen.

Nach der Julirevolution von 1830 waren die Romantiker der ersten Generation etabliert. Ein Teil, etwa Hugo und Lamartine, wandte sich unter dem Eindruck sozialer Konflikte stärker gesellschaftlichen Problemen zu. Jüngere Autoren wie Théophile Gautier, Paul de Musset und Charles Nodier waren von der Herrschaft der Bourgeoisie enttäuscht. Gegen das Konzept des l’art social entwickelten sie l’art pour l’art: Kunst um der Kunst willen, nicht im Dienst der Gesellschaft. Das romantische Drama scheiterte jedoch letztlich, was nach dem Misserfolg von Hugos Les Burgraves 1843 deutlich wurde. Gründe waren ein bürgerliches Publikum, das eher zur Klassik neigte, und Zensur, die die vollständige Umsetzung des zeitgenössischen romantischen Dramas verhinderte.

Typische Werke und Motive

Die romantischen Werke sind sehr unterschiedlich, haben aber gemeinsame Merkmale: gesteigerte Sensibilität, Begeisterung für die Natur, Subjektivismus mit dem „Ich“ im Mittelpunkt, Melancholie und die Hinwendung zur Vergangenheit. In der Frühromantik war die Gattungszuordnung oft unsicher. Chateaubriands René und Atala sind récits zwischen Roman und Novelle. Étienne Pivert de Senancours Briefroman Oberman von 1804 bestreitet im Vorwort sogar, ein Roman zu sein.

In René und Atala ist die Handlung nicht besonders komplex; wichtiger ist der aufgewühlte seelische Zustand der Figuren. In Oberman gibt es kaum Handlung: Der Protagonist reist in die Schweiz und schreibt an einen möglicherweise imaginären Empfänger philosophische Betrachtungen. Die Figuren René und Oberman zeigen den typischen romantischen Helden: Sie leiden an einer unerklärlichen Melancholie, einer „tristesse d’une vague profonde“. Dieses Leiden wird als mal du siècle bezeichnet, als Krankheit des Jahrhunderts, ausgelöst durch Revolutionstrauma und ungelöste gesellschaftliche Konflikte.

Chateaubriand wollte mit René und Atala die Thesen aus Le génie du christianisme veranschaulichen. Die Werke zeigen den Gegensatz zwischen moderner innerer Zerrissenheit und der Harmonie, die nur der christliche Glaube geben könne. Typisch romantisch sind die schwärmerischen Naturbeschreibungen und Stimmungen, die den Seelenzustand der Figuren spiegeln.

Madame de Staëls Corinne behandelt die Anpassungsprobleme einer hochbegabten jungen Frau, die ihrer Umgebung überlegen ist, aber unter gesellschaftlichem Druck künstlerische Tätigkeit und erfülltes Liebesleben nicht verbinden kann. Die Hauptfiguren stehen zugleich für politisch-kulturelle Modelle: Corinne für Katholizismus, Italien und Freiheit, Lord Oswald für ein politisch liberales, aber geistig repressives England.

Victor Hugos Notre-Dame de Paris von 1831 gilt als bekanntes Werk der französischen Romantik. Der Roman spiegelt Ideen aus dem Vorwort zu Cromwell: die Ablehnung der Klassik, die Mischung des Sublimen und Grotesken sowie des Schönen und Hässlichen. Die Kathedrale ist die eigentliche Hauptfigur. Der Roman stellt Volksmassen in den Mittelpunkt und ist zugleich ein Plädoyer für die gotische Architektur, die im frühen 19. Jahrhundert bedroht war.

Künste und Übergang zum Realismus

Parallel zur Romantik entwickelte sich ab 1830 unter dem Einfluss des Positivismus und des Vormarsches der Wissenschaften eine realistische Strömung. Sie lehnte metaphysische Spekulation, die unwirkliche Gefühlswelt der Romantiker und ihren Subjektivismus ab. Dennoch gilt die Romantik als wichtige Etappe auf dem Weg zur modernen Literatur, weil sie sich mit den Bedürfnissen ihrer Zeit auseinandersetzte und die Loslösung von überkommenen Traditionen vorantrieb.

In der Malerei ist Eugène Delacroix der bekannteste Vertreter der französischen Romantik, zusammen mit Théodore Géricault und Paul Delaroche. Delacroix bevorzugte dramatische Themen aus Politik und Militärgeschichte. Bekannte Werke sind Delacroix’ Die Freiheit führt das Volk (La Liberté guidant le peuple) und Géricaults Das Floß der Medusa (Le Radeau de la Méduse). Typisch sind Dramatik, aufgewühlte Natur und geheimnisvolle Umgebung. Moderne Maler, darunter Romantiker, wurden oft nicht zum Salon de Paris zugelassen; später entstand ein Salon des Refusés, ein Salon der Zurückgewiesenen. Gustave Courbet begann als romantischer Maler, wandte sich aber bald dem Realismus zu.

Romantische Musik wird als leidenschaftlich und ausdrucksstark beschrieben. Sie betont Individualität, Virtuosität und eine reiche Orchestrierung. Betroffen waren Instrumental-, Orchester- und Lyrikmusik. Formen wie Sinfonie, symphonisches Gedicht und Kunstlied entstanden oder wurden weiterentwickelt. Genannt werden unter anderem Hector Berlioz, Charles Gounod, Georges Bizet, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und Frédéric Chopin, der Pole war, aber die meisten Werke in Paris schuf. Das bevorzugte Instrument der Romantik war das Klavier.

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