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Florence Gaub
Florence Gaub (geboren im September 1977 in München) ist eine deutsch-französische Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin.
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Profil und Bedeutung
Florence Gaub, geboren im September 1977 in München, ist eine deutsch-französische Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin. Sie ist Forschungsdirektorin des NATO-Verteidigungskollegs in Rom und spezialisiert auf Sicherheitspolitik, Konflikte im Nahen Osten und in Nordafrika sowie strategische Zukunftsforschung. Dabei untersucht sie mögliche zukünftige Entwicklungen und berät Regierungen und internationale Organisationen.
Ein zentraler Begriff ihrer Arbeit ist „Foresight“, also vorausschauendes Handeln. Dieses Verfahren soll nicht die Zukunft sicher vorhersagen, sondern wahrscheinliche, mögliche oder wünschenswerte Entwicklungen systematisch untersuchen. Besonders in der Außen- und Sicherheitspolitik kann Foresight dazu dienen, ein möglichst wahrscheinliches zukünftiges Lagebild zu entwerfen und politische Entscheidungen vorzubereiten.
Ausbildung und berufliche Stationen
Gaub studierte Politologie, Französisch und Neuere Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erwarb den akademischen Grad Magistra Artium (M.A.). Außerdem absolvierte sie ein Auslandssemester am Institut d’études politiques de Paris, bekannt als Sciences Po Paris. 2011 wurde sie an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Ihre Dissertation behandelte unter dem Titel „Military Integration after Civil Wars. Multiethnic Armies, Identity and Post-Conflict Reconstruction“ die militärische Integration nach Bürgerkriegen, multiethnische Armeen, Identität und den Wiederaufbau nach Konflikten.
Von 2007 bis 2009 lehrte sie am Historischen Institut der Universität Potsdam im Lehrgang Militärische Studien sowie am Institut d’études politiques in Paris. Zwischen 2009 und 2013 arbeitete sie am NATO Defense College in Rom. Von 2012 bis 2015 war sie außerdem Reserveoffizierin der französischen Armee im Rang eines Majors.
Am Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien in Paris (EUISS) war sie zunächst Senior Analyst. Von März 2018 bis Mai 2022 amtierte sie als stellvertretende Direktorin. In dieser Funktion entwickelte sie unter anderem die Foresight-Kapazitäten des Instituts weiter und betreute Formate wie die „What if...?“‑Serie der Chaillot-Papiere. 2023 kehrte sie als Direktorin der Forschungsabteilung an das NATO Defense College in Rom zurück.
Von 2020 bis 2022 gehörte sie dem Future Council on Frontier Risks des Weltwirtschaftsforums an; seit 2023 ist sie Mitglied des Future Councils on Complex Risks und Gastprofessorin am College of Europe. Zudem ist sie ehrenamtliche Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach und verantwortete dort 2020 bis 2021 den Themenbereich „Securing our Future“. 2026 erhielt sie den Helmut-Schmidt-Zukunftspreis. Neben Deutsch und Französisch spricht sie Englisch, Arabisch und Italienisch.
Forschungsschwerpunkte und Methoden
Gaub veröffentlicht Arbeiten über Zukunftsthemen und mögliche Szenarien. 2019 publizierte sie für das Foresight-Netzwerk der Europäischen Union den Bericht „Global Trends to 2030“. Er soll Politiker und andere Entscheidungsträger dabei unterstützen, die Welt des Jahres 2030 mitzugestalten. Dazu behandelt er die Zukunft Europas und Europas Rolle in geopolitischen, geoökonomischen und geotechnologischen Ordnungen. Geopolitik betrachtet die Bedeutung von Macht und Raum in den internationalen Beziehungen, Geoökonomie den Einsatz wirtschaftlicher Mittel und Geotechnologie die politische Bedeutung technologischer Entwicklungen.
In „Foresight: Eine Anleitung“ erklärt Gaub Entscheidungsträgern, nach welchen Kriterien Zukunftsentwicklungen als wahrscheinlich, möglich oder wünschenswert eingeordnet werden können. Ihre Arbeit beruht damit auf Szenarien und Trendanalysen: Trends sind längerfristig erkennbare Entwicklungen, während Szenarien unterschiedliche denkbare Zukunftsbilder beschreiben.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die arabische Region. Gaub beobachtete Entwicklungen nach dem Irakkrieg, dem Libanonkrieg 2006 und dem internationalen Militäreinsatz in Libyen 2011. Sie untersuchte Konfliktstrukturen, die geopolitische Bedeutung der Region und erarbeitete unter anderem eine Vorausschau zu Afghanistan 2025.
Außerdem erforscht sie die Folgen des Klimawandels in der arabischen Welt. Ihre auf klimawissenschaftlichen Untersuchungen beruhende Studie „Arab Climate Futures“ von 2021 kommt zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel aufgrund der Wasserknappheit im Nahen Osten bereits gravierende Auswirkungen hat. Gaub untersucht besonders die sozialen und politischen Folgen des Wassermangels, ordnet sie in einen weltweiten Zusammenhang ein und beschäftigt sich mit Maßnahmen, die problematische Trends verlangsamen oder verhindern könnten.
Öffentliche Kontroverse
Im April 2022 wurde Gaub in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ gefragt, ob sich die russische Bevölkerung gegen Wladimir Putin auflehnen werde, wenn immer mehr tote junge Soldaten aus der Ukraine zurückkehrten. Sie verwies darauf, dass der Vietnamkrieg mehr als zehn Jahre gedauert habe, bevor die amerikanische Bevölkerung begonnen habe, sich dagegen zu wehren. In Gesellschaften, in denen Gewalt eine gewisse Normalität besitze, funktioniere ein solcher Mechanismus noch weniger.
Gaub sagte außerdem, Russen seien, obwohl sie europäisch aussähen, „keine Europäer […] im kulturellen Sinne“ und hätten einen anderen Bezug zu Gewalt und Tod; es gebe dort nicht denselben „liberalen, postmodernen Zugang zum Leben“. Diese Aussagen wurden als rassistisches beziehungsweise „rassistisches, antislawisches“ Klischee kritisiert. Die Spiegel-Kolumnistin Juno Vai stimmte Gaub dagegen hinsichtlich der Haltung der russischen Gesellschaft zur Gewalt zu. Gegenüber der Zeitung „Die Zeit“ erklärte Gaub, sie habe mit ihrer Aussage die Meinung eines russischen Bekannten wiedergegeben.
Wichtige Veröffentlichungen
Gaubs Veröffentlichungen spiegeln ihre Schwerpunkte Militär, Konflikte, die arabische Welt und Zukunftsforschung wider. Zu ihren Monografien gehören „Die Darstellung von Krieg im französischen Roman: von Waterloo bis zum 1. Weltkrieg“ (2008), „Military Integration after Civil Wars. Multiethnic Armies, Identity and Post-Conflict Reconstruction“ (2010), „Guardians of the Arab State. When Militaries Intervene in Politics, from Iraq to Mauritania“ (2017) und gemeinsam mit Rob Weighill „The Cauldron: NATO’s Campaign in Libya“ (2018).
Mit „Zukunft. Eine Bedienungsanleitung“ (2023) und „Szenario: Die Zukunft steht auf dem Spiel“ (2025) veröffentlichte sie Bücher zur Zukunftsforschung. Weitere Arbeiten behandeln unter anderem die libyschen Streitkräfte, Saudi-Arabiens Islamische Allianz, mögliche Aufteilungen Syriens, die Rolle der NATO in Libyen, Ursachen von Instabilität im Nahen Osten sowie die Zukunft der Region Nahost und Nordafrika. Zu ihren Foresight-Beiträgen zählen neben „Global Trends to 2030“ (2019) mehrere Zukunftsszenarien, darunter die Fragen, was ein weiterer Arabischer Frühling bedeuten könnte und welche Folgen es hätte, wenn es keine muslimische Massenmigration nach Europa gäbe.