Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geoökologie
Geoökologie kann an sechs Universitäten in Deutschland als eigenständiger Studiengang studiert werden. Inhaltsverzeichnis. 1 Geoökologie in den …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Definition
Geoökologie ist eine Teildisziplin der Umweltwissenschaft und der Geowissenschaften. Im Mittelpunkt stehen natürliche Umweltsysteme und ihre Beeinflussung durch den Menschen. Nach der Definition des Verbands für Geoökologie in Deutschland (VGöD) ist sie „eine querschnittsorientierte Umweltnaturwissenschaft“. Sie untersucht komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen in der Umwelt, um Probleme im Spannungsfeld zwischen Mensch und Umwelt zu erkennen, zu analysieren und zu lösen.
Die Geoökologie betrachtet ökologische Prozesse in einem räumlichen Zusammenhang. Ihre Maßstabsebenen reichen von wenigen Quadrat- oder Kubikzentimetern bis zu Untersuchungen über mehrere Kilometer und zu globalen Fragestellungen. Anders als die Geographie ist sie nicht grundsätzlich auf eine bestimmte Mindestausdehnung von Fläche oder Raum beschränkt. So können beispielsweise auch die Chemie eines Wassertropfens oder der Stoffhaushalt eines Baumes untersucht werden.
In Umweltsystemen laufen physikalische, chemische und biologische Prozesse gleichzeitig und miteinander verknüpft ab. Diese Prozesse sind räumlich und zeitlich sehr unterschiedlich ausgeprägt. Geoökologie versucht, sie gemeinsam zu verstehen und dadurch die Verknüpfungen realer Umweltsysteme zu analysieren. Sie umfasst sowohl Grundlagenforschung als auch die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Umweltprobleme.
Fachgebiete und Arbeitsweisen
Die Geoökologie verbindet zahlreiche naturwissenschaftliche Fachrichtungen. Dazu gehören unter anderem Bodenwissenschaften, Hydrologie, biologisch-ökologische Fachrichtungen, Umweltchemie, Geo- und Umweltinformatik sowie Fernerkundung. Sie nutzt Methoden aus verschiedenen Disziplinen und arbeitet sowohl im Gelände als auch im Labor. Zusätzlich werden komplexe Simulationsmodelle am Computer erstellt.
Als Umweltnaturwissenschaft beschäftigt sich die Geoökologie mit physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen stets im Hinblick auf ihre Bedeutung für das Funktionieren von Ökosystemen. Vorwiegend wirtschafts- und sozialwissenschaftliche, ausschließlich technische oder juristische Aspekte der Umweltwissenschaften gehören nicht zu ihrem eigentlichen Gegenstand. Die naturwissenschaftlichen Grundlagen für technische und gesellschaftliche Lösungen von Umweltproblemen zählen jedoch zu ihren Aufgaben.
Zu den Geowissenschaften bestehen Überschneidungen, wenn Umweltaspekte untersucht werden. Beispiele sind die Einzugsgebietshydrologie, die Umweltgeologie und Umweltgeochemie sowie die Erkundung des oberflächennahen Untergrunds mit geophysikalischen Methoden. Rein technische Aspekte des Wasserbaus, die Exploration von Rohstofflagerstätten und die Erdbebenforschung sind dagegen keine typischen Gegenstände der Geoökologie.
Studium in Deutschland
Der eigenständige Diplomstudiengang Geoökologie wurde 1978 zuerst in Bayreuth eingerichtet. Bis 2004 gab es etwa 1700 Absolventen. In Deutschland kann Geoökologie an sechs Universitäten als eigenständiger Studiengang studiert werden: in Bayreuth, Braunschweig, Potsdam, Tübingen, Freiberg und Karlsruhe.
Die wesentlichen Inhalte des Bachelor-Studiums richten sich nach Mindestanforderungen der Hochschulkonferenz Geoökologie. Diese Vorgaben dienen der Harmonisierung des Ausbildungsprofils und galten bereits für das Grundstudium der Diplomstudiengänge. Die berufsbezogene Spezialisierung im Bachelor-Studium und die Inhalte der anschließenden Masterstudiengänge unterscheiden sich je nach Profil des Studienstandorts. Ein problemloser Wechsel des Studienortes nach dem Bachelor soll durch die gemeinsamen Vorgaben ermöglicht werden.
Der eigenständige Studiengang und die Auffassung der Geoökologie als Umweltnaturwissenschaft wurden 1978 in Bayreuth maßgeblich auf Initiative des Hydrologen Reimer Herrmann begründet. Der Studiengang entstand durch eine Abspaltung von der Geographie. Deshalb können die Physische Geographie und die Geoökologie in Bayreuth teilweise auf die Lehrangebote der jeweils anderen Fachrichtung zurückgreifen.
Unterschiedliche Auffassungen in der Geographie
In der Physischen Geographie wird Geoökologie nicht überall gleich verstanden. Manche Richtungen setzen sie mit der geographisch verstandenen Landschaftsökologie gleich oder betrachten sie als einen Teilbereich der Landschaftsökologie. Teilweise wird sogar die gesamte Physische Geographie als Geoökologie bezeichnet.
In der DDR wurde Geoökologie häufig mit Landschaftsökologie gleichgesetzt und als angewandte räumliche Standortkunde verstanden. An der Akademie der Wissenschaften bestand ab 1985 ein Institut für Geographie und Geoökologie. Mit dieser Auffassung verbunden ist die Untersuchung der landschaftsökologischen Raumgliederung, also der Einteilung von Landschaften nach ihren ökologischen Eigenschaften.
Eine andere Richtung versteht Geoökologie als Wissenschaft vom unbelebten Teil des Landschaftshaushalts. Gemeint sind vor allem physikalische und chemische Prozesse in Landschaften. Die Bioökologie soll dieser Auffassung zufolge die biotischen, also durch Lebewesen bestimmten Prozesse untersuchen, während die Landschaftsökologie beide Sichtweisen verbindet. Teilweise werden dabei Geomorphologie und Quartärforschung als besonders wichtige Bereiche der abiotischen Landschaftsökologie beziehungsweise Geoökologie angesehen.
Diese enge Definition ist umstritten, weil sich biotische und abiotische Prozesse auf der Landschaftsebene praktisch nicht vollständig voneinander trennen lassen. Außerdem hat sich der Gegenbegriff „Bioökologie“ weder in Deutschland noch international allgemein durchgesetzt. Die Einteilung ist jedoch teilweise in Geographie-Schulbücher übernommen worden.
Organisationen und internationale Verwendung
Der Verband für Geoökologie in Deutschland e. V. (VGöD) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Bayreuth. Er fördert Geoökologie als moderne Umweltwissenschaft, wirkt an der Qualitätssicherung der Ausbildung mit und bietet Serviceleistungen für Studierende und Berufstätige an. Der Verband wurde 1986 als „Verein der Geoökologen (VdG)“ gegründet und hat mittlerweile über 500 Mitglieder, ungefähr zur Hälfte Berufstätige und zur Hälfte Studierende.
In der Hochschulkonferenz Geoökologie (HSK) sind seit 1997 alle deutschen Universitäten zusammengeschlossen, die Geoökologie anbieten. Auch der VGöD und Vertreter der Berufspraxis gehören dazu. Die HSK sichert Ausbildungsstandards und begleitet unter anderem die Umstellung auf gestufte Bachelor- und Masterstudiengänge. Die Bundesfachschaftentagung Geoökologie (BuFaTa) ist die bundesweite Studierendenvertretung. Alle sechs Studienstandorte sind vertreten; sie tagt gewöhnlich einmal jährlich im Mai oder Juni.
International wird der Begriff unterschiedlich verwendet. Carl Troll nutzte „geoecology“ 1966 erstmals als englische Übersetzung von „Landschaftsökologie“. Im englischsprachigen Raum setzte sich jedoch „landscape ecology“ durch. „Geoecology“ wird dort nur selten und uneinheitlich verwendet; der VGöD empfiehlt den Begriff dennoch, weil er „Environmental Sciences“ sinnvoll auf naturwissenschaftlich-geowissenschaftliche Umweltforschung eingrenzen könne. In der Schweiz heißt ein vergleichbarer Studiengang an der ETH Zürich „Umweltnaturwissenschaften“.
In Österreich bietet die Universität Wien seit 2010 Geoökologie als Schwerpunkt im Masterstudium an. Die Universität Graz bietet Umweltsystemwissenschaften an. Dort wählen Studierende einen Schwerpunkt in Chemie, Physik, Geographie, BWL oder VWL; dieser umfasst im Bachelor 105 der 180 Credit Points. Das Studium ist damit eine Ergänzung eines Fachstudiums. Ein Geoökologie-Studium wie an der TU Bergakademie Freiberg ist dagegen im Kern geowissenschaftlich und naturwissenschaftlich ausgerichtet; dort entfallen 165 der 180 Credit Points auf einen gemeinsamen Pflichtbereich.
In Japan scheint sich „geoecology“ anstelle von „landscape ecology“ für Landschaftsökologie durchgesetzt zu haben. Auch in Dänemark und Schweden wird „geo-ecology“ zumindest gelegentlich in diesem oder im umweltnaturwissenschaftlichen Sinn verwendet. In den Niederlanden koordiniert ein interuniversitäres Zentrum für geoökologische Forschung die Forschung und Lehre mehrerer Universitäten zu Landschaftsentwicklung und Georisiken; teilweise wird Geoökologie dort auch im Sinne globaler Ökologie gebraucht.
In einigen Ländern Mittel- und Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion bezeichnet Geoökologie Physische Geographie oder geographisch orientierte Landschaftsökologie. In Russland löste der Begriff seit den 1970er Jahren zunehmend die von Sukatchef 1944 eingeführte Bezeichnung Biogeozönologie ab. Institute für Geoökologie gibt es dort an der Russischen Akademie der Wissenschaften und an mehreren Universitäten. Vergleichbare Einrichtungen werden außerdem unter anderem für Polen, Tschechien, die Slowakei, Rumänien und die Mongolei genannt; die entsprechenden Angaben sind im Artikel jedoch als nicht ausreichend belegt und teilweise unpräzise gekennzeichnet.